Wie klingt ein Diskursraum – über Jahrzehnte hinweg? Im Archiv Salamander bewahren Audiokassetten die vielfältigen Stimmen, Debatten und Lesungen der Literaturhandlung. Die Monacensia digitalisiert und erschließt diesen einzigartigen Bestand – und macht ihn erstmals zugänglich. Die Historikerin Louisa Mathes gibt Einblicke in die Erschließung des Audioarchivs.
Der Beitrag erscheint im Rahmen unseres Dossiers zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.*
Die Tiefenerschließung der Audiokassetten im Archiv Salamander
Die Audiokassetten im Bestand des Archivs Salamander werden systematisch erschlossen und dadurch zugänglich und recherchierbar. Erst diese Arbeit ermöglicht eine gezielte Auswertung der Aufnahmen – und öffnet den Blick auf ihre inhaltlichen und diskursiven Zusammenhänge.
Die Vielfalt der Stimmen und Perspektiven
Schalom Ben-Chorin, deutsch-israelischer Rabbiner und Religionswissenschaftler, berichtet von seiner Kindheit an der Isar. Das Publikum in der Literaturhandlung lauscht einer Stimme, deren Münchner Einschlag nicht zu leugnen ist. Hilde Domin, die im Nationalsozialismus emigrierte Dichterin, liest aus ihrem lyrischen Werk. Jedes Gedicht liest sie bewusst zweimal, um es wirken zu lassen. Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker und Überlebender des Warschauer Ghettos, stellt seine Biografie «Mein Leben» vor. Der Applaus will nicht verhallen.
Israelische Schriftsteller*innen wie David Grossman, Batya Gur, Abraham B. Jehoschua, Mira Magén, Amos Oz und Zeruya Shalev lassen ihre Texte auf Hebräisch erklingen. Deutsche Schauspieler*innen tragen die Übersetzungen vor.
Dan Diner, der deutsch-israelische Historiker, spricht am 4. Oktober 1990 über Geschichte und Geschichtsbewusstsein im wiedervereinigten Deutschland. In Podiumsdiskussionen werden Fragen zur deutsch-jüdischen Literatur, zur jüdischen Identität und zur Geschichte des Nationalsozialismus behandelt.
Lea Rabin spricht ein Jahr nach der Ermordung ihres Mannes, des israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin, mit Rachel Salamander über Israel, den Nahostkonflikt und den Weg der Verständigung.
Pinchas und Ruth Lapide, beide im jüdisch-christlichen Dialog tätig, sprechen über Humor in der Bibel. Am Ende singen die in der Literaturhandlung Anwesenden gemeinsam «Großer Gott, wir loben dich».
Das alles und vieles mehr steckt in den Audiokassetten, die ich im Auftrag der Monacensia erschlossen habe, nachdem diese das Archiv Rachel Salamanders und ihrer Literaturhandlung übernommen hatte. Der Bestand konserviert und ermöglicht einen Einblick in das, was die Literaturhandlung seit ihrer Gründung mit zahlreichen Veranstaltungen erschaffen hat: einen einzigartigen jüdischen Diskursraum in der deutschen Gesellschaft.

Erschließung der Audiokassetten in der Praxis
Um den ersten Teil der Audiokassetten zu erschließen, das heißt, sie für zukünftige Nutzer*innen und ihre Recherche zugänglich zu machen, durfte ich von rund 600 Aufnahmen im Audiobestand des Archivs Salamanders 373 Aufnahmen verschiedener technischer Qualität hören. Diese galt es
- in ihrem Entstehungskontext zu verorten,
- Zeitstempel den Sprechanteilen zuzuordnen,
- den Inhalt zu verschlagworten und
- sprechende sowie erwähnte Personen anzugeben.
In den so entstandenen Einträgen sind die Aufnahmen über das Rechercheprogramm Kalliope zu finden. Damit können gezielt beteiligte Personen oder behandelte Themen angesteuert werden.
Die Besonderheit des Bestandes besteht für mich jedoch in seiner oben angedeuteten Vielfalt, die nur im Kontext der Literaturhandlung entstehen konnte. Hier kamen zumeist jüdische Stimmen zusammen, die über jüdische Themen vor einem jüdischen wie nichtjüdischen Publikum sprachen.
Der Großteil der Audioaufnahmen sind daher Veranstaltungen, die in der Literaturhandlung selbst oder bei Kooperationspartnern aufgezeichnet wurden. Dies waren zumeist
- Lesungen – von Sachbüchern oder literarischen Werken –,
- Vorträge,
- Buchbesprechungen wie in der Reihe «Jüdischer Bücherschrank» gemeinsam mit dem damals neu gegründeten Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU München,
- aber auch ein Jubiläum der Literaturhandlung oder eine Ehrung wie anlässlich des Geburtstages von Gerty Spies.
Diese Aufnahmen bilden den Kern des Bestandes – ergänzt wird er durch Mitschnitte von Radio- und Fernsehsendungen. Durch die fehleranfällige Aufzeichnung auf Kassetten und die Digitalisierung sind nicht alle Aufnahmen vollständig erhalten. Bei der Erschließung gab es daher so manche Überraschung: Eine Kassette war vollständig mit einer Musikradiosendung der 1980er-Jahre bespielt, und es erklang Peter Schillings «Major Tom».

Gesprächsatmosphäre im Audio: Das Beispiel Hans Jonas
Aus dem Bestand stechen zudem 21 Kassetten hervor, die mit «Hans Jonas» betitelt sind. Nachdem der deutsch-amerikanische Philosoph das nationalsozialistische Deutschland verlassen hatte, führte ihn sein Lebensweg nach Palästina, Kanada und in die USA. Auf den Tonbändern ist er im Gespräch mit Rachel Salamander und Stephan Sattler zu hören. Diese in München aufgezeichneten Gespräche bildeten die Grundlage für das 2003 erschienene Buch «Hans Jonas. Erinnerungen».
Hier zeigt sich die Besonderheit des nun erschlossenen Quellenmaterials. Die Aufzeichnungen lassen Hans Jonas und seine Sprache erklingen. Die Gesprächsatmosphäre wird greifbar, Sprechfluss und -pausen sowie Einwürfe von seiner Frau Lore Jonas und interessiertes Nachhaken der Interviewenden sind zu vernehmen. In rezitierten Gedichten verdichtet sich Hans Jonas’ Herkunft aus einem deutsch-jüdischen Bildungsbürgertum, das schon zur Zeit der Aufnahme nicht mehr vorhanden war.
Zeitgebundenheit und fortwirkende Diskurse
Der Quellenwert der Tondokumente aus der Literaturhandlung liegt in der Vielfalt der Themen und Stimmen. Gäste aus Deutschland, Israel, den USA, Frankreich, Österreich und zahlreichen weiteren Ländern, Überlebende des Holocausts, Nachkommen einer jüdischen Kultur Osteuropas, Wissenschaftler*innen und Schriftsteller*innen stellen ihre Werke vor. Sie behandeln Judentum und jüdische Identitäten, Erinnerungspolitik, Antisemitismus, den Nahostkonflikt, jüdische Geschichte und immer wieder Literatur.
Dabei sprechen sie auf Deutsch und Münchnerisch – wie die Zeitzeug*innen aus der ehemals jüdischen Isarvorstadt –, auf Englisch, Neuhebräisch, Russisch, Spanisch und Italienisch. Einzelne Veranstaltungen sind vollständig oder teils auf Jiddisch zu hören, darunter die Gespräche mit Marek Halter oder Lesungen jiddischer Werke. Das unterstreicht den einzigartigen Entstehungskontext in der Literaturhandlung.1
Zusätzlich sticht die Zeitgebundenheit der Audioaufnahmen hervor. Mittels der Tondokumente wird ein Eintauchen in eine gesellschaftliche Stimmung und einen kollektiven Wissensstand ermöglicht, das durch die Entstehungsbedingungen zu kontextualisieren ist. So spielt Ralph Giordano in einer Lesung von «Die zweite Schuld oder Von der Last ein Deutscher zu sein» im Dezember 1987 damit, dass er einen Begriff im Zusammenhang mit Franz Josef Strauß nicht nennen darf. Das Publikum lacht, es weiß Bescheid. Schließlich liest Rachel Salamander das heikle Wort vor, es lautet «Zwangsdemokrat». Als einen solchen hatte Giordano den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten im vorgestellten Buch bezeichnet, was ihm nach einer Klage zunächst verboten wurde. 1990 gewann Giordano den Rechtsstreit vor dem Bundesverfassungsgericht.
Durch die Aufnahme wird deutlich, was im Jahr 1987 diskutiert wurde – und was das Publikum über die Debatte wusste und wie es sich positionierte. Dieser Mehrwert steckt in zahlreichen weiteren Aufnahmen aus dem Archiv. Im Kontext der Literaturhandlungen dabei insbesondere der Historikerstreit2 und – vor allem anlässlich Lesungen israelischer Autorinnen – die jeweilige Lage in Israel heraus.
Die Reaktionen im Publikum unterscheiden sich dabei je nach zeitlichem Kontext und Veranstaltungsort. Hier kommt es auch zu Reibungen, Konflikten und Äußerungen, die vom gesellschaftlichen (Un-)Wissen über Antisemitismus und Holocaust zeugen. In einem Fall ist ein regelrechter Ausbruch des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka bei einer Lesung Henryk M. Broders in Wien überliefert, der eine Debatte des Jahres 1994 zu Wolf Biermann, Stefan Heym und Gregor Gysi zu Tage fördert.
Zeitgebundenheit und Aktualität schließen sich dabei nicht aus, sondern verflechten sich zu einem Bild. Wird Nutzer*innen durch derartige Aufnahmen ein Einblick in die Intensität zeithistorischer Debatten geboten, wird auch die Andauern von Diskursen deutlich. Einige vermeintlich neuere Erscheinungen wie Antisemitismus in der deutschen Linken oder Aushandlungsprozesse um Minderheiten in einer Mehrheitsgesellschaft können in den Veranstaltungen der Literaturhandlung nachgezeichnet werden.
Dort wurde nicht einseitig über Jüdinnen und Juden gesprochen, vielmehr erhielten diese die Bühne für ihre Äußerungen, Forschung und ihren künstlerischen Ausdruck. Dass diese Lesungen, Vorträge, Gespräche und Podiumsdiskussionen in einer großen Zahl über mehrere Jahrzehnte an verschiedenen Orten in München, Deutschland und Österreich aufgezeichnet wurden, ermöglicht der Quellenbestand.

Neue Zugänge durch Erschließung
Einige der digitalisierten Aufnahmen sind in der Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» zu hören. Eine Auswahl aus diesem vielfältigen Bestand zu treffen, fällt schwer. Für mein Promotionsprojekt zur Rückkehr als jüdisch verfolgter und emigrierter Wissenschaftler in der Nachkriegszeit waren zahlreiche Aufnahmen wertvoll, darunter:
- die Lesungen des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer, der zunächst in die sowjetische Besatzungszone ging;
- die Veranstaltungen über die aus der Emigration in Südamerika zurückgekehrten Schriftsteller*innen Hilde Domin und Anna Seghers;
- die Gespräche mit dem Wissenschaftler Hans Jonas, der sich gegen eine Rückkehr entschied.
Ein komplexes Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft wird in einigen Erinnerungen und Sachbuchlesungen gezeichnet. Besonders faszinierend fand ich die hochklassig besetzten historischen Diskussionen über den Historikerstreit, deutsches Geschichtsbewusstsein und Erinnerung sowie Buchbesprechungen historischer Werke, unter anderem in der Reihe «Jüdischer Bücherschrank». Die Vielfalt der Literaturhandlung wirkt auch hier anhand der Internationalität der geladenen historischen Expertise.
Die Literaturhandlung als jüdischer Diskursraum
Die Besonderheit der Literaturhandlung als einzigartiger jüdischer Diskursraum wird durch die Audioaufnahmen nachvollziehbar. Durch die Komponente des Auditiven werden nicht lediglich Inhalte vermittelt, sondern vielmehr Gespräch, Debatte, gesellschaftlicher Austausch. Interesse, Zustimmung, Ablehnung, Wut, Humor und Anteilnahme äußern sich in Geraschel, Zwischenrufen, Buhrufen, Fragen, Lachen und einnehmender Stille von Podium und Publikum.
In den Veranstaltungen der Literaturhandlung wurden zumeist jüdische Themen von jüdischen Stimmen behandelt, statt nur über Jüdinnen und Juden zu sprechen. Das stellt eine Besonderheit dar, die von einem teils jüdischen Publikum als Resonanzraum noch verstärkt wird.
In der Frage nach agency, also der Handlungsfähigkeit jüdischer Akteur*innen, und Zugehörigkeit im Diskurs der deutschen Mehrheitsgesellschaft hat die Literaturhandlung neue Akzente gesetzt, die zukünftige Nutzer*innen des Quellenmaterials nicht werden überhören können. Der Quellenbestand kann aufgrund seiner Vielfalt dabei von zahlreichen Disziplinen, Fragestellungen und Interessengebieten aus fruchtbar gemacht werden.
Zum Dossier und zur Ausstellung
Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist. Weitere Beiträge widmen sich dem Archiv Salamander und seinen Beständen.
Folgende Aufnahmen aus dem Archiv Salamander sind in der Ausstellung zu hören:
- Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise (18.3.2009)
- Lizzie Doron: Das Schweigen meiner Mutter (19.9.2005)
- Abraham B. Jehoschua: Die befreite Braut (18.9.2003)
- Syed Kashua: Tanzende Araber (7.10.2002)
- Nicole Krauss: Das große Haus (23.2.2001)
- Lenka Reinerová: Zuhause in Prag – manchmal auch anderswo (29.9.2000)
- Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem (16.4.2000)
- Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben (14.9.1999)
- Meir Shalev: Esaus Kuß (16.5.1992)
- Schalom Ben-Chorin: Der Engel mit der Fahne (30.6.1988)
- Hilde Spiel: Glanz und Untergang (25.2.1988)
- Jehuda Amichai: Jerusalem-Gedichte und weitere Werke (24.2.1987)

- Für vertiefende Informationen zur jiddischen Literatur nach der Befreiung: vgl. Dossier «Schejres Haplejte». In drei Audiospuren lesen Rachel Salamander, Beno Salamander und Eli Teicher Gedichte und Kurzgeschichten jiddischer Autor*innen. ↩︎
- Der «Historikerstreit» bezeichnet eine ab 1986 geführte zeitgeschichtliche Debatte über die Hintergründe des Nationalsozialismus und die Singularität des Holocaust sowie über das deutsche Geschichtsbild und Revisionismus in der Erinnerungspolitik. Zwei prominente Gegenspieler waren Ernst Nolte und Jürgen Habermas. Aufgrund der Austragung in Zeitungen blieb der Historikerstreit keine rein wissenschaftliche Debatte, sondern wurde in der westdeutschen Öffentlichkeit breit rezipiert. Vgl. Dan Diner (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Frankfurt am Main 1987. ↩︎



