Der «Jüdische Bücherschrank» in der Münchner Fürstenstraße war in den 1990er-Jahren mehr als eine Buchvorstellung. Gemeinsam mit Yfaat Weiss und Rachel Salamander initiierte Michael Brenner das monatliche Format: Neuerscheinungen zur jüdischen Geschichte und Literatur zum Judentum standen im Mittelpunkt kontroverser Diskussionen – und schufen innerhalb der Literaturhandlung einen eigenen Raum lebendiger Debatten.
Dieser Text ist ein Beitrag zum Dossier zur Ausstellung «Literatur & Haltung»,* die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.
1997: Die Anfänge des «Jüdischen Bücherschranks»
Als ich 1997 auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität berufen wurde, war die Literaturhandlung längst eine etablierte jüdische Kultureinrichtung. Kennengelernt hatte ich diese sowie ihre Gründerin Rachel Salamander noch zu Studentenzeiten in den 1980er-Jahren bei meinen Besuchen aus Heidelberg, die mich auch in die Fürstenstraße führten, um mich mit Literatur einzudecken. Für einen Studenten der Jüdischen Studien war der damals gerade neu eröffnete kleine Raum in der Maxvorstadt das Paradies auf Erden. Und die blau-weißen Kataloge zu neu erschienener Literatur zum Judentum waren die beste Studienhilfe.
So führte mich einer meiner ersten Wege als Neu-Münchner 1997 in die Fürstenstraße, wo Rachel bei einem Glas Tee anregte, etwas gemeinsam zu unternehmen. Die Literaturhandlung sei der ideale Ort, und das Publikum dafür habe sie schon. Meine Kollegin Yfaat Weiss, die gemeinsam mit mir den Lehrstuhl aufbaute, und heute Professorin in Jerusalem und Leipzig ist, war von Anfang an die Dritte im Bunde. Sie berichtete von aktuellen Initiativen in Israel, Literatur zum Judentum einem weitgehend säkularen Publikum vermittelten.
Den Namen «Jüdischer Bücherschrank» entlehnten wir einem in Israel erfolgreich gestarteten Projekt. So stellten Yfaat und ich in Zusammenarbeit mit Rachel während der Semesterzeiten monatlich Neuerscheinungen zur jüdischen Geschichte und Literatur im intimen Rahmen der Literaturhandlung vor.

Ein Diskussionsformat mit leidenschaftlichem Publikum
Das Format der angeregten Diskussion über neue Bücher erfreute sich besonderer Beliebtheit, seit Marcel Reich-Ranicki Ende der 1980er-Jahre das Literarische Quartett im ZDF ins Leben gerufen hatte. Im Gegensatz zur Fernsehshow luden wir niemanden aufs Podium. Stattdessen hatten wir belesene und diskutierfreudige Gäste, sehr bald auch ein Stammpublikum, zu dem Junge und Alte, Juden und Nichtjuden, Fachleute und Fachfremde zählten. Manchmal war der kleine Raum so voll, dass die Jüngeren auf dem Fußboden saßen. Es entwickelten sich heftige Diskussionen um kontroverse Themen und Publikationen, darunter
- Bernard Wassersteins Buch, «Europa ohne Juden»?,
- eine Reihe von Neuveröffentlichungen zu jüdischem Leben in der DDR,
- die Emigration und Rückkehr deutscher Juden und Jüdinnen und
- die Rolle der Religion im jüdischen Staat.
Einerseits diskutierten wir über deutschsprachige Neuerscheinungen. Andererseits wollten wir das Publikum auch mit wichtiger Literatur, die nur auf Englisch oder Hebräisch vorlag, vertraut machen, wie etwa «Messianism, Zionism, and Jewish Religious Radicalism» des Jerusalemer Religionswissenschaftlers Aviezer Ravitzky.

Die Diskussionen setzten sich später im Restaurant Cohen in der nahegelegenen Theresienstraße fort. Dort kam Wirtin Jochi erst einmal mit einer Runde eiskalter Wodka-Stamperln aus der Küche, und an den Nebentischen fanden oftmals andere Münchner Kulturkreise ihren Abschluss. Bei Wiener Schnitzel, gebratener Hühnerleber oder Gefiltem Fisch – Rachel entschied sich meistens für Kartoffelbrei – ging man dann weit über die Themen der besprochenen Bücher hinaus und kam schnell zum Kern dessen, was uns alle betraf:
- die Entwicklung in Israel,
- jüdisches Leben in Deutschland,
- der Zustand jüdischer Kultur.
Für mich bedeuteten diese Abende auch, eine neue Familie an einem neuen Ort zu gewinnen. Viele der bei diesen Anlässen geschlossenen Bekanntschaften mündeten in Freundschaften. Diese währten noch lange weiter – auch als mit der Berufung von Yfaat Weiss an die Universität Haifa im Jahre 2000 dieses kurze, doch folgenreiche Kapitel in der Literaturhandlung abgeschlossen wurde. Die Idee aber strahlte aus und wurde in unterschiedlicher Form von Absolventen und Absolventinnen des Lehrstuhls wiederbelebt, zuletzt von Philipp Lenhard und Dana von Suffrin als «Jüdischer Buchclub» im Literaturhaus.

Der «Jüdische Bücherschrank» zeigt, wie Literatur in den 1990er-Jahren zum Ausgangspunkt offener Gespräche über Geschichte, Religion und Gegenwart wurde. In der Literaturhandlung trafen Menschen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe aufeinander und diskutierten kontrovers über jüdisches Leben – nicht abgeschirmt, sondern im Austausch mit einem breiten, interessierten Publikum. So entstand ein Debattenraum, der weit über die Buchvorstellung hinausging.
Ein Beitrag zum Dossier zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.

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*Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.



