Koloniale Straßennamen in München-Bogenhausen: Hamado Dipama im Interview über kritische Erinnerungskultur

Mann hängt „blutverschmierte“ Handschuhe am Straßenschild Lüderitzstraße, Ecker Nettelbeckstraße auf. Auf den Spuren von kolonialen Straßennamen mit Hamado Dipama.

Warum sind koloniale Straßennamen in München-Bogenhausen bis heute umstritten? Im Interview spricht Hamado Dipama, Mitglied im BR-Rundfunkrat und Berater im Projekt weact der AGABY1, über persönliche Erfahrungen, Erinnerungskultur und den Umgang der Stadt München mit ihrer kolonialen Vergangenheit.

Der Beitrag entsteht im Rahmen der Aktion #MeinBogenhausen der Monacensia zur Ausstellung «Maria Theresia 23. Biografie einer Münchner Villa».

Hamado Dipama über sein Ankommen in München

Hamado, was ist deine persönliche Verbindung zu Bogenhausen?

In Bogenhausen hatte ich meine erste richtige Wohnung überhaupt in München. Ich bin damals zunächst von der Erstaufnahmestelle in der Untersbergstraße in ein Asyl-Lager in Landsberg am Lech geschickt worden und danach zurück nach München in die Messestadt gekommen. Ich spreche von «Asyl-Lager» anstatt der beschönigenden Bezeichnung «Gemeinschaftsunterkunft». Es ist einfach keine richtige Unterkunft gewesen.

Eines der Asyl-Lager, in denen ich mit vielen anderen gewohnt habe, war eine Baracke in der Messestadt. In den einzelnen Containern lebten mindestens 20 oder 25 Personen. Alle haben sich eine kleine Küche mit zwei Kochplatten, eine Toilette und eine Dusche geteilt. Allein darüber zu sprechen, empfinde ich als etwas Traumatisches. Deswegen lehne ich den Begriff «Gemeinschaftsunterkunft» ab. Es handelte sich um ein Lagerkonzept. Aus dieser Situation heraus hat meine damalige Freundin, die mich im Lager besucht hat und es schrecklich fand, schnell entschieden, dass wir zusammen nach Bogenhausen ziehen.

War das hier in der Nähe?

Das war in der Effnerstraße. Dort habe ich bis 2018 gelebt.

Wie hast du den Umzug vom Asyl-Lager nach Bogenhausen erlebt?

Das war ein großer Einschnitt, von dieser menschenunwürdigen Lebenssituation in eine Wohnung zu kommen, in der es wieder möglich war zu atmen. Diese Erfahrung verbindet mich mit Bogenhausen. Was Bogenhausen mit mir verbindet, ist immer auch die Frage: «Woher kommst du?» Mit dieser Frage sind Schwarze Menschen wie ich in Deutschland ständig konfrontiert. Ich empfinde die Frage nicht als per se unmöglich. Es kommt darauf an, wie sie gestellt wird. Wenn ich jemanden treffe und die Person interessiert nicht, wer ich bin, sondern will zuerst wissen, woher ich komme, dann tue ich mir schwer damit. Dann antworte ich oft: «Ich komme aus Bogenhausen.»

Und was ist die Reaktion darauf?

Oftmals: «Nee, das kann doch nicht möglich sein.» Ich habe etwas Zeit gebraucht, um zu verstehen: Ah, Bogenhausen gehört – zumindest vom Ruf her – zu den wohlhabenden Stadtvierteln in München. Offenbar können Menschen sich nicht vorstellen, dass eine Schwarze Person wie ich sagen kann: «Ich wohne in Bogenhausen.» Nachdem mir das bewusst geworden war, hat es mir noch mehr Spaß gemacht, auf die Frage «Woher kommst du?» mit «aus Bogenhausen» zu antworten.

Über deine persönliche Verbindung zu Bogenhausen hinaus verbindet dich auch eine erinnerungspolitische Auseinandersetzung mit diesem Stadtteil.

Das ist mein zweiter Bezugspunkt zu Bogenhausen – zu Trudering übrigens auch. Es ist der Bezug zu meiner aktivistischen Arbeit, meiner Demokratiearbeit. Als ich 2002 nach Deutschland gekommen bin, war es mir wichtig, einen Anschluss zu finden und wieder Akteur einer Gesellschaft zu werden. Das war nicht einfach, denn ich hatte sechs Jahre im Lager und neun Jahre mit dem Status der Duldung gelebt. Ich hatte Papiere in meiner Tasche, auf denen stand: «Der Inhaber dieser Papiere ist ausreisepflichtig.» Ich habe diese Papiere immer ausgeblendet, sonst hätte ich mich nicht als Akteur dieser Gesellschaft begreifen können.

Ich habe angefangen, mich bei der Karawane2 für die Rechte der Geflüchteten zu engagieren, später beim Bayerischen Flüchtlingsrat. 2006 habe ich den Arbeitskreis Panafrikanismus gegründet und 2007 den ersten Panafrikanismus-Kongress organisiert. Im Kontext dieser Arbeit hat das Thema der Entkolonialisierung eine wichtige Rolle gespielt.

Worum ging es bei dieser Arbeit?

Die Arbeit der Pan-Afrikanist*innen besteht in der Interessenvertretung von marginalisierten Schwarzen Menschen weltweit – aber auch hier vor Ort, in Deutschland, in München. Es geht um gegenseitiges Empowerment im Umgang mit alltäglichen Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen. Darüber hinaus leistet der Panafrikanismus eine Auseinandersetzung mit Fragen der Identität. In dieser Auseinandersetzung ist es wichtig zu verstehen, wie unsere gelebte Gegenwart historisch geworden ist. Diese Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist nicht einfach. Denn schnell wird klar, dass unsere Geschichte oftmals auch verfälscht wurde.

Das Bildungssystem, in dem ich groß geworden bin, war ein koloniales. Das gilt auch für Deutschland: Unsere Perspektive fehlt in den Schulbüchern. Das bedeutet aber nicht, dass meine Vorfahren keine Geschichte gehabt haben. Sie wurde vernichtet, als bedeutungslos erklärt oder weiß gezeichnet. Aus dieser Tatsache entstand das Bedürfnis nach Korrektur. So entstand der Panafrikanismus-Kongress. Wir haben gesagt: Wir erforschen und schreiben unsere Geschichte selbst.

Koloniale Spuren in München

Welche Rolle hat München in deiner Auseinandersetzung mit kolonialer Geschichte gespielt?

Im Zuge des Kongresses kam die Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialvergangenheit auf die Tagesordnung. In diesem Zuge wurde für mich die Frage relevant, wie sichtbar die koloniale Vergangenheit in München ist. Ich habe auch bereits früh von den Auseinandersetzungen im Münchner Rathaus (2003–2007) mit kolonialen Straßennamen mitbekommen. Denn wie in jeder großen Stadt in Deutschland gibt es hier koloniale Bezüge. Im Fall von München haben sie viel mit dem Nationalsozialismus zu tun. Diese Verbindung von Kolonialismus und Nationalsozialismus gilt es genau aufzuarbeiten.

Die Geschichte schreibt sich nicht nur in die Gedächtnisse von Menschen ein, sondern auch in die öffentlichen Räume. Hier in München zeigt es sich in der Benennung von Straßennamen – in Ehrung an Offiziere der Kolonialzeit. Wie kam es in erster Instanz dazu, dass die Straßen diese Namen bekommen haben?

Viele dieser Straßennamen tauchen wirklich um 1933 auf, und zwar in Ehrung an Soldaten und Offiziere, die an den Kolonialmassakern – wir sprechen von der «Maafa»3 – in mehreren Ländern Afrikas beteiligt haben. Der Grund dafür war, dass Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Vertrag als unfähig erklärt wurde, Kolonien zu besitzen. Mit diesem Vertrag verlor Deutschland seine Kolonien. Natürlich waren die Deutschen nicht ganz raus, aber sie waren nicht mehr stark so vertreten wie Frankreich, Spanien oder England. Diese Länder sind geblieben.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kam, begann auch wieder die Glorifizierung der deutschen Kolonialgeschichte. Im Juni 1933 wurden in Trudering und in Bogenhausen je ein sogenanntes Kolonialviertel durch den von Nationalsozialisten dominierten Stadtrat beschlossen und umgesetzt. Zahlreiche Straßen wurden nach Offizieren und Soldaten sowie nach Ortsnamen, an denen Massaker stattgefunden haben, benannt – etwa die Von-Trotha-Straße, die Wißmannstraße, die Dominikstraße oder Waterbergstraße4.

Mit "blutgefüllte" Handschuhe hängend am Straßenschild Dominikstr. in München. Aktion gegen koloniale Straßennahmen
Dominikstraße, Ecke Nettelbeckstraße. Aktion gegen koloniale Straßennamen. © Hamado Dipama

Wie sieht eure Auseinandersetzung mit dieser kolonialen Erinnerungskultur aus?

Bei Erinnerungskultur, die mit Kolonialität und Kolonialismus zu tun hat, wird oft nur an die Täter erinnert und nicht an die Opfer oder an die Widerstandskämpfer*innen. Die kolonialen Straßennamen sind dafür ein Beispiel. Grundsätzlich ist es wichtig zu verstehen: Straßennamen sind eine Ehrung. Auch die Erläuterungstafeln, die oftmals unter den Straßenschildern angebracht werden, um die Grausamkeiten dieser Menschen zu erklären, ändern daran nichts. Erinnert wird immer noch an die Täter, oftmals an Massenmörder. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer und ihrer Nachfahr*innen. Es ist schmerzhaft, als direkt Betroffene*r oder Verwandte*r vor so einem Straßenschild zu stehen.

Protest und Erinnerung: Aktionen gegen koloniale Straßennahmen

Wie habt ihr auf die kolonialen Straßennamen im Stadtraum aufmerksam gemacht?

In Bogenhausen und in Trudering haben wir mehrere Aktionen organisiert, um die koloniale Gewalt in diesen Straßennamen aufzuzeigen. In zwei Aktionen haben wir symbolische Umbenennungen verschiedener Straßen durchgeführt. Dafür sind wir mit einer kleinen Delegation aus Namibia gekommen. Wir hatten eine Musikbox dabei, um am Anfang eine gewisse Ritualität zu erzeugen.

Die Verbindung zu Ritualen, zu einer Spiritualität, war uns bei der symbolischen Umbenennung und beim Gedenken an die Ahn*innen und Vorfahr*innen, die in den Kolonialkriegen ihre Leben verloren haben, wichtig. Für die symbolische Umbenennung haben zwei richtige Straßenschilder anfertigen lassen: Die Miriam-Makeba-Straße5 und Cornelius-Fredericks-Straße6. Wir waren unter anderem in der Dominik- und der Wißmannstraße und haben dort symbolische Umbenennungen durchgeführt.

Vier Personen halten zwei symbolische Straßenschilder mit Aufschrift Cornelius-Fredericks-Straße und Miriam-Makeba-Straße in Bogenhausen. Hamado Dipama und koloniale Straßennamen in München-Bogenhausen.
Delegation mit symbolischen Straßenschildern der Cornelius-Fredericks-Straße und der Miriam-Makeba-Straße in Bogenhausen. © Barbara Hartmann, AK Panafrikanismus.

Bei der zweiten Aktion haben wir Handschuhe mit abwaschbarem Kunstblut über die Straßenschilder gehängt, um zu veranschaulichen, wie viel Blut Kolonialverbrecher wie Hermann von Wissmann oder Hans Dominik an den Händen hatten. Hermann von Wissmann war in «Deutsch-Ostafrika» (heute Gebiete in Tansania, Burundi und Ruanda) für Kriegsverbrechen verantwortlich.7 Hans Dominik war ein Offizier in Kamerun, der dort an Massakern an der Bevölkerung führend beteiligt war.8

Aktion gegen koloniale Straßennamen in München: Mit Kunstblut befüllte Handschuhe hängen am Straßenschild "Benningsenstraße".
Benningsenstraße, Ecke Nettelbeckstraße. Aktion gegen koloniale Straßennamen in München. © Hamado Dipama.

Wie reagierten die Anwohner*innen auf eure Aktionen?

Bei unseren Aktionen selbst fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Es gab Anwohner*innen, die ihr Einverständnis mit unserer symbolischen Umbenennung erklärt haben und sich solidarisch mit uns gezeigt haben. Von anderen wurden wir beschimpft. Diese Anwohner*innen empfanden die Aktion als sinnlos. Sie hatten keine Lust, ihre Adressen und Visitenkarten zu ändern. Daran hat sich bis heute nicht viel verändert.

Dieses Unverständnis zeigt auch, dass viele Menschen mit dem Namen der Straße, in der sie leben, zunächst einmal ihre Anschrift, ihre Adresse verbinden. Zudem gab es immer wieder den Vorwurf, wir wollten die Geschichte tilgen. Da sagen wir klar: nein. Wir wollen die koloniale Vergangenheit nicht tilgen, sondern die Erinnerung an sie wachhalten. Nur haben die Menschen, die die Massaker zu verantworten haben, keinen Straßennamen verdient. Ihre Namen gehören in die Geschichtsbücher, in Schulbücher, in Museen. Nicht auf die Straße.

Ihr fordert ein historisches Bewusstsein für die koloniale Gewalt hinter den Straßennamen und einen verantwortungsvollen Umgang damit. 2006 wurde die Von-Trotha-Straße in Hererostraße umbenannt. Wie sieht der Umgang in München mit kolonialen Straßennamen heute aus?

Der Prozess zur Umbenennung der Von-Trotha-Straße begann 2003. 2006 gab es den entsprechenden Stadtratsbeschluss. Daraufhin klagten die Anwohner*innen und der damalige Vorsitzende des Bezirksausschusses Trudering, Georg Kronawitter, gegen die Umbenennung. Es hat ein Jahr gedauert, bis das Verwaltungsgericht 2007 die Klage des Bezirksausschusses endgültig abgewiesen hat und der Stadtratsbeschluss damit rechtskräftig wurde. Seit 2007 heißt sie Hererostraße.

Frau mit erhobener Hand vor dem Straßenschild Hererostr. in München Bogenhausen. Auf den Spuren kolonialer Straßennamen.
Umbenennung der Von-Trotha-Straße in Hererostraße, seit 2007. © Barbara Hartmann, AK Panafrikanismus.

Zu Bogenhausen möchte ich noch sagen: Der Bezirksausschuss Bogenhausen hat 2008 eigentlich sein Einverständnis für die Umbenennung etwa der Dominikstraße und anderer Straßen erklärt. Als Begründung führte er an:

Wenn das Verhalten der in den Straßennamen geehrten Personen tatsächlich keine Ehrung zulässt, müsste konsequenterweise eine Umbenennung der Straßen erfolgen bzw. überdacht werden.9

Dieser Beschluss wurde bis heute nicht umgesetzt. Warum, können wir schwer erklären. In Trudering gab es einen starken Widerstand gegen die Umbenennung, der auch von der CSU im Truderinger Bezirksausschuss ausging. Es gab eine Petition der Anwohner*innen, die sich gegen die Umbenennung aussprachen. Die Bürgerversammlung von Trudering hat dann empfohlen, Erläuterungstafeln an die Straßennamen anzubringen und damit das Thema zu beenden. Der Stadtrat hat letztlich die Truderinger Stellungnahme angenommen, die des Bogenhausener Bezirksausschusses aber nicht. Danach hat sich der Beschluss durchgesetzt, nur noch Plaketten zur Erläuterung anzubringen und das Thema damit abzuschließen. Aber wo Straßennamen im öffentlichen Raum so umstritten sind, bleibt das Thema natürlich aktuell – und muss es auch bleiben.

Kannst du ein Beispiel nennen?

2010 wurde ich in den Migrationsbeirat gewählt. Dort war es mir möglich, das Thema der Dekolonialisierung von Straßennamen auf die Tagesordnung zu setzen. Wir haben fünf bis sechs Beschlüsse des Migrationsbeirats zu diesem Thema. In einem Beschluss von 2015 reagierten wir auf einen Beschluss der SPD-Fraktion im Stadtrat. Darin forderte die SPD das Stadtarchiv dazu auf, Straßennamen ab dem Jahr 1933 und mit konkretem Bezug zum Nationalsozialismus prüfen zu lassen.

Als Migrationsbeirat haben wir diese Prüfung begrüßt. Es ist inakzeptabel, wenn Straßennamen NS-Vertreter*innen ehren. Wenn es um historisch belastete Straßennamen geht, sehen wir die strenge Grenze von 1933 aber kritisch. Wir haben deshalb den gesamten Stadtrat aufgefordert, den Beschluss mit Blick auf historisch belastete Straßennamen in München mit Bezug auf den Kolonialismus auszuweiten, von denen viele vor 1933 benannt wurden. Der Auftrag an das Stadtarchiv wurde dementsprechend angepasst.

Das Stadtarchiv München hat etwa 6177 Straßennamen von Historiker*innen prüfen lassen. Von diesen wurde eine Shortlist von 45 Straßennamen erstellt, die die Historiker*innen als hochproblematisch einschätzen und die umbenannt werden sollten. Darüber hinaus identifizierten sie auch etwa 330 Namen, die einer Klärung bedürfen. 2019 gegründete die Stadt ein Expertengremium, das zunächst die 45 Straßennamen überprüfen sollte. Das Gremium hat seine Empfehlung 2021 vorgelegt. Es ist durchaus möglich, dass in absehbarer Zukunft einige dieser Straßen umbenannt werden. Die Umbenennung bleibt unser Kampf, und wir wollen in die neue Benennung mit einbezogen werden. Denn wir können sehr gute Vorschläge machen.

Ich möchte den Bogen zum Anfang unseres Interviews und zu unserer Aktion #MeinBogenhausen schlagen. Würdest du Bogenhausen als dein Bogenhausen bezeichnen? Oder was braucht es, damit du es als dein Bogenhausen bezeichnen kannst?

Bis dato habe ich einen starken (migrations-)biografischen Bezug zu Bogenhausen, der mich stark dazu drängt, Bogenhausen als mein Bogenhausen zu bezeichnen. Aber es gibt auch einen Widerstand dagegen. Solange Bogenhausen eine Dominikstraße, eine Wißmannstraße, eine Bennigsenstraße10, eine Leutweinstraße11, eine Lüderitzstraße12 hat, kann ich es nicht als mein Bogenhausen bezeichnen. Ich hoffe, dass es weiterhin Anstrengungen in der ganzen Stadtgesellschaft gibt, diese Namen zu ändern – dann würde es auch mein Bogenhausen werden.

Portrait von Hamado Dipama.
Hamado Dipama

Hamado Dipama ist Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats, Mitglied im BR-Rundfunkrat und engagiert sich politisch für die Rechte von Geflüchteten, Migrant*innen und insbesondere Schwarzen Menschen in Deutschland. Er ist Gründer des Arbeitskreises Panafrikanismus München e. V., war langjährig im Vorstand der AGABY tätig und ist aktuell deren Berater sowie Referent für Antidiskriminierungs- und Antirassismusarbeit im Projekt weact-Bayern.

Mann hängt „blutverschmierte“ Handschuhe am Straßenschild Lüderitzstraße, Ecker Nettelbeckstraße auf. Auf den Spuren von kolonialen Straßennamen mit Hamado Dipama.
Kolonialgeschichte offenlegen: Lüderitzstraße, Ecke Nettelbeckstraße. © Hamado Dipama.
Münchens Stadtraum neu lesen

Straßennamen sind mehr als Orientierung – sie erzählen Geschichte und spiegeln gesellschaftliche Machtverhältnisse. Auch in München verweisen sie auf koloniale Vergangenheit und stehen im Zentrum aktueller Debatten über Erinnerung und Verantwortung im öffentlichen Raum.

Die Aktion #MeinBogenhausen der Monacensia lädt dazu ein, den Stadtteil aus neuen Perspektiven zu betrachten und persönliche Geschichten mit historischen Spuren zu verbinden. Mehr zur Ausstellung «Maria Theresia 23. Biogarfie einer Münchner Villa» im Hildebrandhaus findet ihr im Dossier.

MON Mag-Tipp: Münchner Straßennamen im Fokus – #FemaleHeritage

  1. AGABY ist der Dachverband der Integrationsbeiräte im Freistaat Bayern. Der Name «AGABY» steht für «Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns». ↩︎
  2. Die «Karawane München» ist eine 1998 gegründete politische Gruppe, die sich für Antirassismus, die Rechte von Geflüchteten und ein würdevolles Leben für alle Menschen einsetzt. Ihre Aktionen richten sich gegen Asylrechtsverschärfungen und die Abschiebepolitik in Deutschland und der EU. ↩︎
  3. «Maafa» ist Kiswahili und bedeutet «Katastrophe, große Tragödie, schreckliches Ereignis». Maafa bezeichnet die jahrhundertelange Ausbeutung, Unterdrückung und Versklavung der Schwarzen Bevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent durch weiße Menschen sowie die Widerstandsfähigkeit Schwarzer Menschen. Quelle: «Maafa». Im Glossar der Neuen deutschen Medienmacher*innen, aufgerufen am 21.4.2026. ↩︎
  4. Am Waterberg fand im August 1904 eine entscheidende Schlacht deutscher Kolonialstreitkräfte gegen die Herero statt. Sie gilt als Wendepunkt für den Völkermord (Maafa) an den Herero, Nama, San und Damara. ↩︎
  5. Miriam Makeba (1932–2008) war südafrikanische Sängerin, Panafrikanistin und Menschenrechtsaktivistin. Ab 1960 lebte sie im Exil in den USA, von wo aus sie sich für das Ende der Apartheid-Politik in Südafrika einsetzte. ↩︎
  6. Cornelius Fredericks (1864–1907) war ein führender Widerstandskämpfer der Nama während des deutschen Völkermords in Namibia. Er wurde 1906 in ein Konzentrationslager auf der Haifischinsel in der sog. Lüderitzbucht interniert und dort 1907 hingerichtet. Sein Schädel soll später nach Deutschland verschleppt worden sein – ob für rassistische Forschung oder als Trophäe ist bisher unbekannt. Quelle: Bebero Lehmann «Erinnerungskultur neu denken – Koloniale Spuren im städtischen Raum» (2023), aufgerufen am 20.4.2026. ↩︎
  7. Hermann von Wissmann (selten Wißmann, 1888–1896) spielte als deutscher Afrikaforscher, Offizier und Kolonialverwalter eine zentrale Rolle bei der gewaltsamen Durchsetzung deutscher Interessen in Afrika. Als Reichskommissar in Deutsch-Ostafrika führte er brutale «Strafexpeditionen» gegen Aufstände, bei denen viele Einheimische getötet wurden. Er setzte Söldnertruppen ein und betrieb eine Politik der Einschüchterung und Repression. Wissmann gilt als Symbol imperialer Gewalt und kolonialer Unterdrückung. Sein Handeln trug maßgeblich zur gewaltsamen Etablierung der Kolonialherrschaft und zur Zerstörung lokaler Strukturen bei. Quelle: «Wißmannstraße». In: Münchner Straßenverzeichnis des Stadtportals Stadtgeschichte München, aufgerufen am 20.4.2026. ↩︎
  8. Hans Dominik (1870–1910) war ein Offizier der kaiserlichen «Schutztruppen» in Kamerun. Von 1892 bis 1910 war er Leiter von «Säuberungs- und Strafaktionen» bei denen er Kriegszüge gegen Städte und Völker durchführte. ↩︎
  9. Bezirksausschuss Bogenhausen vom 14.10.2008. ↩︎
  10. Rudolf von Bennigsen (1859–1911) war als Gouverneur der Kolonie Deutsch-Neuguinea (1899–1902) verantwortlich für «Strafexpeditionen» gegen die einheimische Bevölkerung. Quelle: «Benningsenstraße». In: Münchner Straßenverzeichnis des Stadtportals Stadtgeschichte München, aufgerufen am 20.4.2026. ↩︎
  11. Theodor Leutwein (1849–1921) war als Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) maßgeblich an der kolonialen Unterdrückung beteiligt. Zwar setzte er zunächst auf eine Strategie der «militärischen und diplomatischen Durchdringung». Doch auch unter seiner Führung kam es zu brutaler Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung. Er war mitverantwortlich für die strukturelle Entrechtung der Herero und Nama und legte den Grundstein für die spätere Vernichtungspolitik. Seine kolonialen Ansichten waren rassistisch geprägt und dienen heute als Beispiel für die Gewalt des deutschen Kolonialismus. Quelle: «Leutweinstraße». In: Münchner Straßenverzeichnis des Stadtportals Stadtgeschichte München, aufgerufen am 20.4.2026. ↩︎
  12. Franz Adolf Eduard Lüderitz (1834–1886) war ein deutscher Kaufmann und Kolonialpionier. 1883 erwarb er das Gebiet um Angra Pequena (auch «Lüderitzbucht» genannt) im heutigen Namibia durch Täuschung und Ausnutzung sprachlicher Missverständnisse. Sein Vorgehen gilt als Beispiel kolonialer Landaneignung ohne legitime Zustimmung. Lüderitz’ Handeln legte den Grundstein für die deutsche Kolonie «Deutsch-Südwestafrika», wo später der Völkermord an den Herero und Nama begangen wurde. Quelle: «Lüderitzstraße». In: Münchner Straßenverzeichnis des Stadtportals Stadtgeschichte München, aufgerufen am 20.4.2026. ↩︎

Autor*innen-Info

Profilbild Felicitas Friedrich

Felicitas Friedrich

Felicitas Friedrich ist Dramaturgin und arbeitet als Kulturvermittlerin in der Monacensia. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften in München, sowie Letras Hispanoamericanas in Santiago de Chile. Von 2021 bis 2023 arbeitete sie als Dramaturgieassistentin im künstlerischen Forschungsbereich „Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart“ an den Münchner Kammerspielen. Als Kulturvermittlerin in der Monacensia widmet sie sich der Öffnung von Gedächtnisinstitutionen für eine Gesellschaft der Vielen. Vertieft arbeitet sie zu Themen der jüdischen Literaturgeschichte. Foto © Stella Deborah Traub

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