Spuren des Überlebens: Der Nachlass der Dichterin Gerty Spies

Porträt einer alten Dame mit Haarreif, Kinn aufgestützter Hand mit Ring, blickt lächelnd in die Kamera: Gerty Spies.

In drei unscheinbaren Mappen im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte verbirgt sich ein außergewöhnlicher Nachlass: Gedichte, Briefe und Dokumente der Dichterin Gerty Spies. Im Verborgenen im Ghetto Theresienstadt geschrieben, erzählen ihre Texte von Verfolgung, Verlust – und vom Versuch zu überleben. Welche Geschichte geben sie bis heute preis? Ein Blick in ein Archiv, das mehr ist als ein Ort des Erinnerns.

Dieser Beitrag von Esther-Julia Howell ist Teil unseres Dossiers zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.

Was der Nachlass von Gerty Spies erzählt

Die Archivschachtel wirkt unscheinbar. Auf dem Karton steht nur: «ED 102». Doch darin liegt in drei hellblauen Mappen einer der eindrücklichsten Bestände im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte – der Teilnachlass der Dichterin und Holocaust-Überlebenden Gerty Spies, die als eine von ganz wenigen Münchner Jüdinnen und Juden 1945 in die Stadt zurückkehrte.

Im Juli 1967 übergab sie selbst diese Unterlagen dem Institut für Zeitgeschichte. Sie nannte sie «Zeugen [ihrer] Vergangenheit». Der Anlass war ein Umzug: von Schwabing an den nördlichen Stadtrand, in deutlich kleinere Wohnverhältnisse.1

Schreiben von Gerty Spies an das Zentralinstitut für Zeitgeschichte. Darin überlässt sie dem Institut ihren Nachlass. IfZArchiv, ID200_322. cc-by-nc-sa
Schreiben von Gerty Spies an das Zentralinstitut für Zeitgeschichte. Darin überlässt sie dem Institut ihren Nachlass. IfZArchiv, ID200_322. cc-by-nc-sa

Der Inhalt der drei Mappen erzählt die Geschichte der Schriftstellerin fast von selbst:

  • Judenstern,
  • behördliche Schreiben zur Entrechtung,
  • Registrierungsschein und
  • Arbeitsausweis aus Theresienstadt.

Und vor allem Gedichte – Hunderte Verse, heimlich mit stumpfem Bleistift in kleine Notizbücher, auf Zettel und Packpapier geschrieben. Texte, mit denen Spies das Unsagbare zu artikulieren und festzuhalten versuchte.

Sie wird am 13. Januar 1897 in Trier als Gertrud Gumprich, in eine bürgerlich-assimilierte jüdische Familie geboren. Nach der höheren Mädchenschule lässt sie sich zur Hauswirtschaftslehrerin ausbilden, besucht anschließend das Fröbelseminar in Frankfurt. 1920 heiratet sie den Chemiker Alfred Spies. Das Paar lebt in Freiburg und Pforzheim. 1921 wird Tochter Ruth geboren. 1923 folgt Sohn Wolfgang, der wegen einer schweren Behinderung in einer diakonischen Pflegeinrichtung der Boldeschwinghschen Anstalten in Bethel lebt. Nach der Trennung von ihrem Mann zieht Gerty Spies 1929 nach München und kümmert sich vor allem um ihre Tochter.

In den 1930er-Jahren wird ihr Leben zunehmend von Ausgrenzung bestimmt: Im Nachlass finden sich Belege der finanziellen Ausplünderung durch die sogenannte «Sühnemaßnahme». Sie muss Zwangsarbeit im NS-nahen Münchner Verlag Bruckmann leisten. Die drohende Kündigung ihrer Wohnung kann sie auf Basis ihrer früheren Ehe mit Alfred Spies und dem Verweis auf ihre «halbarische» Tochter gerade noch abwenden.2 So entgeht sie der Umsiedlung in ein «Judenhaus» und damit vermutlich auch den ersten Münchner Deportationen im Herbst 1941.

Am 17. Juli 1942 ereilt sie dann doch der gefürchtete Transportbefehl. Vier Tage später wird Gerty Spies abgeholt und zunächst in die Sammelstelle Milbertshofen gebracht. Dort schreibt sie einen langen Abschiedsbrief an Tochter Ruth. Er wird aus dem Lager geschmuggelt und ist im Nachlass erhalten.3 Einen Tag später wird sie nach Theresienstadt verschleppt.

Auf schwarzen Grund, gelber Stern mit Beschriftung Jude. Nachlass Gerty Spies
Aus dem Nachlass von Gerty Spies, Judenstern. IfZArchiv, ED102_02, cc-by-nc-sa.

Theresienstadt: Ankunft im Ghetto

In der Festungsstadt hatten die Nationalsozialisten im Mai 1942 ein sogenanntes «Sonderghetto» für angeblich «privilegierte» Jüdinnen und Juden eingerichtet. Nach außen diente es der Propaganda, tatsächlich war es vor allem ein Durchgangsort: Für Zehntausende Menschen wurde Theresienstadt zum

Sammelbecken für die Weiterverfrachtung nach Auschwitz.4

Schon die Ankunft zerstört jede Illusion. Vom Bahnhof müssen die Deportierten mehrere Kilometer zu Fuß ins ehemalige Kasernengelände gehen, unter Beschimpfungen, oft auch Schlägen. Das Gepäck verschwindet unterwegs. Statt der versprochenen komfortablen Unterkünfte erwarten sie überfüllte Räume, schlechte hygienische Bedingungen und Hunger. Der Tod ist von nun an Alltagsbegleiter.5

Gerty Spies meldet sich zum Arbeitseinsatz in der sogenannten Glimmer-Werkstatt. In einer großen Baracke spalten Hunderte Frauen den hitzebeständigen Stein in hauchdünne Plättchen für die Rüstungsindustrie. Auch einige dieser Glimmerstücke finden sich in ihrem Nachlass.

Schreiben im Lager als Überlebensstrategie

Mitten im Elend beginnt Gerty Spies zu dichten. In schlaflosen Nächten formt sie Verse im Kopf, lernt diese auswendig, bis sie sie unter Lebensgefahr heimlich niederschreiben kann.6 Bald ist ihr kleines rotes Notizbuch gefüllt. Papier ist knapp, doch in der Glimmerwerkstatt kann sie etwas Packpapier beiseiteschaffen.7 Es entstehen Hunderte Gedichte, Entwürfe und Liedtexte. Sie sind der Hauptbestandteil des Nachlasses.

Viele der frühen Verse kreisen um Verlust und Sehnsucht – nach der verlorenen Heimat und nach ihrer Tochter in München. Spies beschreibt später, wie aus Schmerz Erinnerungsbilder aufstiegen, die ihr Heimat, Schönheit und Freiheit wenigstens in der Vorstellung zurückgaben.8 Das Schreiben wird zu einem inneren Ausweg aus der Lagerwirklichkeit. Dann rücken Hunger, Elend und der allgegenwärtige Tod stärker in den Mittelpunkt. Im Schreiben findet das eigentlich Unsagbare eine Form.

Gedicht von Gerty Spies aus Theresienstadt, 1943. IFZArchiv, ED_102-01-267. cc-by-nc-sa
Gedicht von Gerty Spies aus Theresienstadt, 1943. IFZArchiv, ED_102-01-267. cc-by-nc-sa

Rückkehr nach München: Bleiben oder gehen?

Am 8. Mai 1945 befreit die Rote Armee die letzten Überlebenden aus Theresienstadt – darunter auch Gerty Spies. Fast sechs Wochen später, am 23. Juni, kehrt sie nach München zurück, schließlich auch in ihre Wohnung in der Destouchesstraße. Endlich sieht sie ihre Tochter Ruth wieder, die inzwischen verheiratet ist und selbst ein kleines Kind hat.9

Ruth zieht 1949 in die USA, auf der Suche nach «Kraft und Hoffnung».10 Sollte Gerty Spies ihr folgen – oder im Land der Täter und Täterinnen bleiben? In ihrem 1984 erschienenen Essay «Warum sind Sie geblieben?» weist sie die Frage fast empört zurück.11 In den ersten Nachkriegsjahren hat sie wohl zumindest mit ihr gerungen: Im CM/1-Formular der Preparatory Commission of the International Refugee Organization (PCIRO) gibt sie im Oktober 1949 an, Deutschland verlassen zu wollen. Der aufnehmende Bearbeiter hält im Bemerkungsfeld fest:

Sie möchte zu ihrer Mutter und Tochter nach U.S.A.12

Doch Gerty Spies bleibt – «unter diesen Menschen, diesem Volk». Trotz der «noch blutenden seelischen Wunden» schließt sie neue Freundschaften, die ihr «Stütze und Reichtum» werden.13 Eine dieser Freundinnen ist Hildegard Hamm-Brücher. Im Nachlass der liberalen Politikerin, der ebenfalls im IfZ-Archiv liegt, finden sich zahlreiche Spuren der Verbundenheit.14

Rotes Notizbuch mit beschriebenen Blatt herausschauend auf schwarzem Grund. Gerty Spies' Notizbuch
Notizbuch von Gerty Spies aus Theresienstadt. Nachlass im Institut für Zeitgeschichte, IfZArchiv ED102_01. cc-by-nc-sa

«Damit die Welt der Schandtat nicht vergisst»: Schreiben gegen das Vergessen

Gerty Spies fährt fort, das Unfassliche in Worte zu kleiden. Sie veröffentlicht in der Jüdischen Rundschau und der Süddeutschen Zeitung.15 1947 erscheint ihr Gedichtband «Theresienstadt», der schnell eine Leserschaft findet. Für Spies wird das Schreiben zur Lebensaufgabe: Zeugnis ablegen, gegen das Vergessen anschreiben, die von den Nationalsozialisten missbrauchte Macht des Wortes zurückerobern – nun als Mittel des Gedenkens, der Versöhnung und der Mahnung.

Der literarische Weg bleibt zunächst schwierig: Ein Erinnerungsbericht erscheint Ende der 1950er-Jahre in der renommierten kultur- und literaturpolitischen Zeitschrift «Hochland». Doch für die autobiografischen Aufzeichnungen «Drei Jahre Theresienstadt» und den Roman «Bittere Jugend» findet sich kein Verlag. Erst in den 1980er-Jahren rückt Spies wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein: Ihre Werke erscheinen, sie erhält Literaturpreise und schließlich 1987 das Bundesverdienstkreuz.

Zur Wiederentdeckung trägt auch Rachel Salamander bei. In ihrer Literaturhandlung ist die hochbetagte Dichterin regelmäßig zu Gast, liest mehrfach aus ihren Texten und begegnet dabei einem neuen Publikum. Auch Beiträge Salamanders verankern Spies’ Werk erneut im literarischen Leben Münchens.

Gerty Spies nahm bei fast allen Veranstaltungen in der Literaturhandlung teil. Hier bei einer Veranstaltung mit Hilde Spiel (rechts). Zwischen ihr und Gerty Spies steht Rachel Salamander, Februar 1988. Foto: Christine Strub. #femaleheritage
Gerty Spies nahm bei fast allen Veranstaltungen in der Literaturhandlung teil. Hier bei einer Veranstaltung mit Hilde Spiel (rechts). Zwischen ihr und Gerty Spies steht Rachel Salamander, Februar 1988. Foto: Christine Strub. #femaleheritage

Doch selbst das veröffentlichte Werk zeigt nur einen Teil ihres literarischen Schaffens. Im Nachlass im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte haben sich zahlreiche Gedichte, Entwürfe und Texte erhalten, die bislang unveröffentlicht geblieben sind: leise, oft auf unscheinbaren Zetteln notiert. Sie erinnern daran, dass Gerty Spies’ Stimme noch nicht vollständig erschlossen ist – und dass in den Archivmappen weiterhin Geschichten warten, gelesen zu werden.

Literaturhinweise:

  • Alfers, Sandra, Vergessene Verse. Untersuchungen zur deutschsprachigen Lyrik aus Theresienstadt, in: Jatoslav Milotová u. a. (Hrsg.), Theresienstädter Studien und Dokumente 2004, Prag 2004, S. 137–158.
  • Gauch, Siegfried, Die Schriftstellerin Gerty Spies. Aus der Schriftenreihe «Blätter zum Land» der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Nr. 1/2000.
  • Moll, Michael; Weiler, Barbara (Hrsg.), Lyrik gegen das Vergessen. Gedichte aus Konzentrationslagern, Marburg 1991.
  • Salamander, Rachel, «Es hat etwas Versöhnendes» – Das Schreiben der Gerty Spies, in: Münchner Porträts: Drei jüdische Biographien. Münchener Beiträge zur jüdischen Kultur und Geschichte 1/2008, S. 49–72.
  • Salamander, Rachel, Gerty Spies in Theresienstadt – Schreiben als Überleben, MON Mag – (21.12.2021)
Porträt einer alten Dame mit Haarreif, Kinn aufgestützter Hand mit Ring, blickt lächelnd in die Kamera: Gerty Spies.
Gerty Spies, 1997. © Catherina Hess.
Der Nachlass als Zeugnis und Auftrag
Der Nachlass von Gerty Spies im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte ist mehr als ein historischer Bestand. In Briefen, Dokumenten und Gedichten verdichten sich Erfahrungen von Verfolgung, Schreiben und Überleben zu einer vielstimmigen Überlieferung. Zugleich verweist er auf das, was Archive neben dem Bewahren für die Nachwelt leisten können: Sie machen sichtbar, was lange übersehen wurde. Zahlreiche Texte von Gerty Spies sind bis heute unveröffentlicht. Das zeigt, wie viel noch zu entdecken bleibt – und wie gegenwärtig diese Stimmen weiterhin sind.

Weitere Beiträge zur Ausstellung
Mehr zur Ausstellung «Literatur & Haltung» lest ihr in unserem Dossier «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv»
  1. Schreiben von Gerty Spies an das IfZ, 15.7.1967, in: IfZArchiv, ID 200/322. ↩︎
  2. Siehe Schriftwechsel zwischen dem Vermieter, Spies’ Anwalt und dem Beauftragten des Gauleiters, Juni-August 1939, sowie Eidesstaatliche Versicherung von Alfred Spies über Nichtzugehörigkeit der Kinder zur israelitischen Religionsgemeinschaft, in: IfZ-Archiv, ED 102/3. ↩︎
  3. Gerty Spies, Heimweh. Erinnerungen an Theresienstadt, in: Süddeutsche Tageszeitung, 22.2.1947, S. 5; der Brief in IfZArchiv, ED 102/2. ↩︎
  4. Dies., Kampf am Boden des Kellerlochs, in: Sonntagsblatt der Ev.-Luth. Kirche in Bayern Nr. 11/1981, S. 17. ↩︎
  5. Dies., Drei Jahre Theresienstadt, München 1984, S. 37; zum Lagerleben in Theresienstadt insgesamt vgl. H.G. Adler, Theresienstadt. Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Reprint der 2. Aufl., Göttingen 2005. ↩︎
  6. Spies, Drei Jahre, S. 47 u. S. 76. ↩︎
  7. Ebd., S. 41–42. ↩︎
  8. Ebd., S. 46. ↩︎
  9. Ebd., S. 11–14. ↩︎
  10. Ebd., S. 12. ↩︎
  11. Ebd., S. 10–16. ↩︎
  12. Arolsen Archives, CM/1-Formular der Preparatory Commission of the International Refugee Organization (PCIRO) – Application for Assistance für Gerty Spies, Signatur 32110000 321.195, DocID: 79756704, URL: collections.arolsen-archives.org/de/document/79756704. ↩︎
  13. Spies, Drei Jahre, S. 11. ↩︎
  14. Siehe z. B. IfZArchiv, ED 379, Bde. 427, 805 u. 1259. ↩︎
  15. Z. B. Gerty Spies, Vom Abend bis zum Morgen (Ausschnitt aus dem Theresienstädter Dasein), in: Jüdische Rundschau, Jg. 1948, Nr. 14/15, S. 36–37. Dies., Heimweh. Erinnerungen an Theresienstadt, in: Süddeutsche Tageszeitung, 22.2.1947, S. 5. ↩︎

Autor*innen-Info

Profilbild Esther-Julia Howell

Dies ist ein Gastbeitrag von Esther-Julia Howell

Dr. Esther-Julia Howell ist Zeithistorikerin und wissenschaftliche Archivarin. Sie studierte Neuere und Neueste Geschichte in Augsburg und Atlanta (USA) und absolvierte anschließend das Archivreferendariat am Hessischen Landesarchiv sowie an der Archivschule Marburg. Seit 2014 arbeitet sie im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München–Berlin, dessen Leitung sie 2025 übernommen hat. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich insbesondere mit Fragen der Überlieferungsbildung, der Erinnerungsgeschichte sowie der digitalen Zugänglichkeit von Archivbeständen. Foto © privat.

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