Berlin, Anfang der 1990er-Jahre: Die erste jüdische Buchmesse im Nachkriegsdeutschland ist ein voller Erfolg und zeigt, was der Stadt noch fehlt. Barbara Picht erzählt vom Aufbau der Berliner Literaturhandlung, vom anderen Publikum, von neuen Routinen und vom Unterschied zwischen München und der Hauptstadt. Der persönliche Rückblick zeigt, wie sich das Buchhandlungskonzept der Literaturhandlung in einem anderen städtischen, kulturellen und jüdischen Umfeld bewährte – und veränderte.
Dieser Text ist ein Beitrag zum Dossier zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» und bildet den zweiten Teil eines zweiteiligen Rückblicks.*
Die Literaturhandlung und der Anfang in Berlin
Ich hatte noch nicht lange in der Münchner Literaturhandlung mitzuarbeiten begonnen, als in Berlin im Juni 1991 die erste jüdische Buchmesse im Nachkriegsdeutschland veranstaltet wurde. Die Literaturhandlung war beauftragt, sie auszurichten. Turnhallengroß der Saal im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, lange Tische aufgereiht an den Wänden, die wir mit hohen Bücherstapeln vollpackten, riesig das Interesse. Das Publikum unterschied sich von dem in München. Berlin hatte (und hat) die größte jüdische Gemeinde in Deutschland, gerade war sie um den Ostberliner Teil noch gewachsen.
Niemand hatte bisher in der eben noch geteilten Stadt jüdische Gebetbücher, deutsch-hebräische Bibelausgaben, Torakommentare oder Talmudübersetzungen angeboten. Vor der nationalsozialistischen Machtübernahme gab es in Berlin mehr als 120 jüdische Buch- und Kunsthandlungen, darunter:
- Asher in der Behrenstraße
- Buchhandlung Jenny Neumann am Viktoria-Luise-Platz
- Rubin Maß in der Kantstraße
- Buchhandlung Kedem Blumstein & Bronstein in der Dahlmannstraße
- Hirschwald’sche Buchhandlung Unter den Linden
- Paul Cassirer in der Viktoriastraße
- Poppelauer’s Buchhandlung in der Neuen Friedrichstraße
Und das sind nur sieben von über 120 Geschäften – nicht eines ist geblieben.1
Heinz Galinski, der das Vernichtungslager Auschwitz überlebt hatte und von 1949 bis 1992 der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin war, besah sich unser Angebot und den großen Andrang, um dann festzustellen:
Frau Salamander, so etwas brauchen wir auch in Berlin!
Sie antwortete:
Herr Galinski, wenn Sie einen Laden für mich finden, ich komme.
Die doppelte Tatkraft zeigte Wirkung: Im Frühjahr 1992 eröffnete die Literaturhandlung ihre erste Filiale. Statt einer Straße mit kleinem Knick nun die vierspurige Joachimsthaler Straße, gegenüber die U-Bahn-Haltestelle «Kurfürstendamm».

Ich habe die vielen Fahrten im völlig überladenen Golf nicht gezählt, mit dem wir Bücher, CDs und Ritualgegenständen2 von München nach Berlin gebracht haben. Die Stoßdämpfer müssen vor allem auf dem ostdeutschen Teil der Strecke mit den vielen Schwellen im Autobahnbelag arg gelitten haben. Zu entdecken gab es für Rachel und mich so kurz nach dem Fall der Mauer den Ostteil Berlins, der mir den ersten (und bisher einzigen) Eindruck von einer reklamefreien Stadt vermittelt hat. Er hielt nicht lange an. Noch bevor eine einzige Fassade renoviert worden war, hingen, grell auf grau, die ersten Coca-Cola- und McDonalds-Schilder an den Häusern.
Eindrucksvoll auch ein Tag mit Eike Geisel, dem früh gestorbenen Journalisten und Arendt-Übersetzer. Er zeigte uns das Berliner Scheunenviertel, wo vor allem ostjüdische Einwanderinnen und Einwanderer gelebt hatten und in dem er jede Ecke und jeden Hinterhof kannte. Gemeinsam mit Henryk M. Broder hat Eike Geisel einen Dokumentarfilm über den Jüdischen Kulturbund gedreht und dazu das Buch «Premiere und Pogrom» herausgebracht. Aus diesem Anlass waren 1992 alle noch lebenden Mitglieder des Kulturbundes, durch die Emigration in der ganzen Welt zerstreut, für eine Woche in Berlin zu Gast. Wir erlebten den Abend im Berliner Ensemble mit, bei dem die Revue «Lost in the Stars and Stripes» aufgeführt wurde, die von jenen handelte, die da im Publikum saßen. Unvergessen diese Gesichter, der ganze Saal war eine jüdische Welt von gestern.

Nach Abschluss meines Studiums in München entschied ich mich, nach Berlin zu ziehen, um dort an der Freien Universität zu promovieren. Julia Hacker, die die Berliner Literaturhandlung bisher geleitet hatte, machte ihren eigenen Buchladen auf, und ich übernahm 1997 an ihrer Stelle die Filialleitung – sehr zur Enttäuschung der jungen Israelis, die vor der Synagoge in der Joachimsthaler Straße als Sicherheitsdienst Wache hielten. Sie haben die großgewachsene, blonde Julia umschwärmt. Ich, kleiner und dunkelhaarig, war nicht so interessant, sie konnten unserem «Wachwechsel» wenig abgewinnen.
Ein besonderes Sortiment, aber eine Buchhandlung für alle
Wie in München erfüllte die Literaturhandlung auch in Berlin die wichtige Funktion eines niedrigschwelligen Zugangs zum Thema Judentum. Man musste sich nicht anmelden, brauchte seinen Namen nicht zu nennen, sondern konnte einfach eintreten in den von außen auch nicht sofort als Fachbuchhandlung erkenntlichen Laden. Immer wieder kam es vor, dass jemand gar nicht ahnte, wo er oder sie sich hier befand. Manche erschraken dann, wussten nicht recht, was sie sagen und wie sie sich benehmen sollten. Wir halfen ihnen rasch über die erste Verlegenheit hinweg. Wer blieb, begann auf dem großen Büchertisch in der Ladenmitte oder entlang der Regale zu stöbern und machte so manche Entdeckung.

Die Literaturhandlung war nie ein religiös definierter Ort, sie wurde das auch nicht in Berlin. Trotzdem spielten die Dynamiken im jüdischen Gemeindeleben und die wachsende Pluralität jüdischen Lebens in Deutschland eine Rolle. 1997 gründete sich die «Union progressiver Juden», die gegenüber der orthodoxen Ausrichtung ein liberales und reformorientiertes Judentum vertritt. 1999 wurde in Potsdam mit dem «Abraham Geiger Kolleg» das erste Rabbinerseminar in Deutschland nach der Shoah eröffnet, das ebenfalls liberalen Grundsätzen verpflichtet ist. In den 1990er- und beginnenden 2000er-Jahren kamen zudem Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland, viele davon nach Berlin.
All das spiegelte sich in unserem Sortiment wider, das nun auch liberale sowie russisch-hebräische Gebetbücher, Bibelausgaben und Auslegungstexte enthielt, nach denen die jungen Studentinnen und Studenten des Geiger-Kollegs und die noch kaum Deutsch sprechenden neuen Gemeindemitglieder fragten. Dass die jüdische Gemeinde in Berlin groß war und durch den Zuzug noch deutlich wuchs, merkten wir auch an der im Vergleich zu München stärkeren Nachfrage nach Ritualgegenstände. Unser Angebot an siebenarmigen Leuchtern, Kippot, Mesusoth und Gebetsschals war begehrt, und vor den jüdischen Feiertagen durften uns die Glückwunschpostkarten nicht ausgehen. Das nichtjüdische Publikum war aber auch hier ein wichtiger Bestandteil unserer Kundschaft. Es gab sogar manche, die all ihre Bücher (die mit dem Thema Judentum teils gar nichts zu tun hatten) bei uns bestellten, um die Buchhandlung zu unterstützen.

Berlins Größe machte sich auch in jenem Bereich der buchhändlerischen Arbeit bemerkbar, der notwendig ist, um als kleinere Buchhandlung zu überleben. Allein auf die sogenannte Laufkundschaft zu warten, hätte nicht genügt. Ich unternahm Dutzende Fahrten durch die ganze Stadt, um Bibliotheken und Schulen zu beliefern und Veranstaltungen mit Büchertischen zu begleiten. Auf dem Lenkrad immer der aufgefaltete Falk-Stadtplan, der im Fall Berlins groß genug ist, um die Sicht aus der Windschutzscheibe gründlich zu verdecken. Eigentlich erstaunlich, dass es nie zu einem Unfall kam. Bis es die ersten Navis in den Autos gab, kannte ich mich dann schon gut genug aus, um meine sichtbehindernde Orientierungshilfe nicht mehr zu benötigen. Während meiner Abwesenheit wusste ich die Buchhandlung bei Katrin Päßler, Christiana Brennecke, Katharina Heinrich und Esther Lühn (heute Esther Chen) in guten Händen, um hier zumindest die langjährigen der Berliner Mitarbeiterinnen dankbar zu nennen.

Lesungen und Veranstaltungen
Das Veranstaltungsprogramm gehörte auch in Berlin zum Konzept. Konnte Rachel mal nicht zu einer Buchvorstellung anreisen, hielt ich die Einführung. Zu Beginn hatten wir noch gestaunt, wenn eine Lesung beispielsweise mit Amos Oz nicht in zwei Tagen ausverkauft war, wie wir es aus München gewohnt waren. Doch da gab es das große Kulturangebot Berlins, das einem jeden Abend die Wahl schwer machte. Zudem musste ein Publikum, wie es in München der Literaturhandlung längst die Treue hielt, hier erst gewonnen werden.
Doch auch nachdem sich die Literaturhandlung in Berlin etabliert hatte und die Autorinnen und Autoren meist vor ausverkauften Sälen lasen, blieb ein Unterschied bestehen: In München gab es einen festen Kreis, der immer zu allen Lesungen kam. Man ging zu den Veranstaltungen von Rachel Salamander. In Berlin wechselte das Publikum, abhängig davon, wer zu Gast war. Die neuesten Romane von Zeruya Shalev oder Lily Brett fanden ganz andere spannend als jene, die Henryk M. Broder, Leon de Winter und Gad Granach hören wollten. Im Kleinen zeigte sich hier, wie unterschiedlich die beiden Städte sind. Ihre Funktion, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen über Jüdisches im weiten und vielfältigen Sinn, erfüllten die Lesungen hier wie dort.

2009 entschied ich mich, nun ganz in die Wissenschaft zu gehen. Ich nahm an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder eine Stelle an, um mich dort zu habilitieren. Meine Mitarbeit in der Literaturhandlung endete damit nach fast 20 Jahren. Nicht eines davon möchte ich missen, auch wenn meine Doppellaufbahn von der Erstsemesterstudentin zur promovierten Historikerin und zugleich von der Praktikantin zur Filialleiterin mitunter fordernd war. Ich wünsche mir sehr, dass es die Literaturhandlung weiterhin gibt, dass sie ihr Gesprächsangebot in politisch veränderten Zeiten aufrechterhalten kann – und dass dieses auch angenommen wird.

Beitrag zur Ausstellung
Dieser Text erscheint im Kontext der Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» in der Monacensia, die das besondere Konzept und Programm der Literaturhandlung sichtbar macht und bis in die Gegenwart hinein befragt.
Rückblick und Kontext
Im zweiten Teil ihres Rückblicks schildert Barbara Picht den Aufbau der Literaturhandlung in Berlin. Sie beschreibt das andere Publikum, veränderte Arbeitsbedingungen und das Veranstaltungsprogramm in der Hauptstadt und vergleicht diese Erfahrungen mit den Münchner Anfängen. Der erste Teil widmet sich den frühen Jahren der Literaturhandlung in München.
Weiterlesen im MON Mag
Zwei weitere Beiträge vertiefen zentrale Aspekte, die auch im Berliner Teil dieses Rückblicks eine Rolle spielen – die Bedeutung von Literatur nach der Shoah und das programmatische Denken der Literaturhandlung:
- Rachel Salamanders Literaturhandlung
Ein Beitrag der Gründerin über Anspruch, Auswahl und Verantwortung von Literatur zum Judentum. - Schejres Haplejte – Jiddisch schreiben nach der Befreiung
Ein Dossier zur Literatur der Überlebenden: Schreiben als Zeugnis, Neubeginn und kulturelle Selbstvergewisserung.
*Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.
- www2.hu-berlin.de/djgb/public/de/find?q=&sort=unternehmenasc&fq=company_description.jgb_sector_s_sf:%22B%C3%BCcher%20und%20Kunst%22&page=2 (aufgerufen am 24.5.2025). ↩︎
- Zu den Ritualgegenständen, die die Literaturhandlung anbot, gehörten Leuchter, Gebetsschals, Kippot, Mesusoth u. v. m. ↩︎



