Mit den provozierenden Romanen von Isaac Bashevis Singer wurde jiddische Literatur weltbekannt – doch sie ist weit mehr als seine Stimme. Heute werden die Werke von Autoren wie David Bergelson, Chaim Grade, Avrom Sutzkever und Lamed Shapiro wiederentdeckt und in modernen Übersetzungen neu zugänglich gemacht. Ihre Themen – Antisemitismus, Gewalt, Verlust von Heimat, Gott und nahen Menschen – verleihen dieser Literatur eine explosive Aktualität.
Dieser Beitrag von Susanne Klingenstein ist Teil unseres Dossiers zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.*
Isaac Bashevis Singer und der Nobelpreis: Berühmt – und umstritten
Als Isaac Bashevis Singer 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war das für viele seiner Kollegen und Kolleginnen in New York schwer zu verkraften, denn sie ahnten: Einen weiteren Nobelpreis für jiddische Literatur würde es nicht geben. Sie selbst, letzte Generation der jiddischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus der alten Welt, waren am Verwelken.
Bashevis, so ihr Vorwurf, bediene vor allem den amerikanischen Geschmack. Seine Sprache sei vulgär, das explizite Verlangen seiner Protagonisten nach sexueller Erfüllung obszön, die extremen Gegensätze von Gier und Askese, von Lust und Strafe in seinen narzisstischen Gestalten nicht repräsentativ für die ethischen Errungenschaften der jüdischen Kultur im Allgemeinen und der jiddischen Literatur im Besonderen. Erfolg habe Bashevis nicht als jiddischer, sondern als amerikanischer Schriftsteller, der durch seine Auftritte als ätzend witziger Kobold in Gestalt eines glatzköpfigen Großvaters das Publikum genial unterhalte. So bringe er seine ins Englische übersetzten Romane erfolgreich unter die amerikanische Leserschaft. Von dort aus nahmen sie ihren Weg in die Welt, während die wirklichen jiddischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die Wortkünstler und -künstlerinnen an der Zerstörung ihrer Welt litten und unbeachtet und ungeliebt am harten Brot ihrer jiddischen Sätze nagten.
Als Singer in Stockholm seinen Preis entgegennahm, begann er seine kluge, intensive Rede mit der Bemerkung: Der heutige Schriftsteller müsse ein Unterhalter sein, um die Menschen in ihrer spirituellen Einsamkeit zu erreichen. Auf literarisch geniale Weise verstand es Singer, seinen ausgeprägten Konservatismus hinter einer Fassade moderner Erzählkunst zu verbergen. Er bediente ein Publikum, das er gleichzeitig desavouierte. Diese Janusköpfigkeit irritierte viele seiner Kollegen und Kolleginnen. Seine Rede schloss Singer mit der Prophezeiung, das Jiddische habe sein letztes Wort noch nicht gesprochen.
Man kann sich das fromme Nicken im Saal vorstellen, das diese Worte begrüßte. Sie schienen über die unabweisbare Tatsache hinwegzutrösten: dass fast die gesamte Infrastruktur, die die jiddische Literatur gebar und nährte, radikal ausgelöscht worden war:
- die Leserschaft,
- die Schriftsteller und Schriftstellerinnen,
- die Verlage,
- die religiös und kulturelle Welt Osteuropas.
Im ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltrkiege hatte eine große Welle der Erinnerungsliteratur an die Lager und die Zeit vor dem Krieg die verbleibende Leserschaft überflutet. Nachdem sie Mitte der 1970er-Jahre verebbte, schien klar, dass nur noch sehr wenig nachkommen würde. Wer würde noch in jiddischer Sprache schreiben? Die Chassidim vielleicht?
Singers Prophezeiung: Die Rückkehr der jiddischen Literatur
Doch Singers Prophezeiung wurde auf erstaunliche Weise wahr: Eine neue Generation ist nun herangewachsen, mit anderem Geschmack und anderen Ansprüchen an Literatur. Die Covid-Pandemie verlagerte jiddische Sprachkurse ins Internet. Plötzlich war es möglich, auf Zoom bei jiddischen Muttersprachlern in Paris, Buenos Aires, New York und Toronto zu lernen. Lehrer wie Eugene Orenstein (New York), Yitskhok Niborski (Paris), und Gennady Estraikh (London) belebten jiddische Meisterwerke in jiddischer Sprache für eine junge Generation. Aus den empfangenen Impulsen wurden Buchprojekte. Mit «Die Züge gehen nach Berlin» erscheint im Sommer 2026 im Arco Verlag eine originelle Anthologie mit ukrainischer und jiddischer Literatur aus den 1920er-Jahren, als der Bürgerkrieg in der Ukraine, der auf die Oktoberrevolution folgte, Tausende Flüchtlinge nach Berlin brachte. Ihre kulturelle Elite gründete Zeitschriften und Verlage, schrieb Romane, Gedichte und Dramen, gab Konzerte, schuf Bilder und Skulpturen.
Seit vier Jahren ist das wieder so. Man sieht schon am Titel der neuen Anthologie, dass der Krieg in der Ukraine eine andere Sicht auf die 1920er-Jahre geschaffen hat: Jüdische und ukrainische Kultur werden nicht mehr als unvereinbare Gegensätze, sondern als eng miteinander verknüpft gesehen.

Mit Mendele Moicher Sforim, Isaak Leib Peretz und Scholem Aleichem schufen die drei Klassiker der jiddischen Literatur zwischen 1864 und 1917 ein großes erzählerisches Werk, das Millionen jiddische Leser und Leserinnen erwecken, bilden, trösten und unterhalten sollte. Heute können wir daran nur noch intellektuell, sprachlich oder historisch interessiert sein. Es sind ihre großen Nachfolger und Nachfolgerinnen, die uns persönlich ansprechen:
- David Bergelson (1884–1952)
- Chaim Grade (1910–1982)
- Lamed Shapiro (1978–1948)
- Avrom Sutzkever (1913–2010)
- Itzik Manger (1901–1969)
- Chava Rosenfarb (1923–2011)
Sie alle erfuhren an sich selbst die Auslöschung ihrer Welt und reagierten auf Überleben und Migration in Werken von komprimierter, moderner Sprachkunst.
Lamed Shapiros Erzählung «Das Kreuz» (1908) erschien in der Ausgabe 2/2026 der Zeitschrift «Sinn und Form» in neuer Übersetzung. Es zwingt Leser und Leserinnen unvermutet und hautnah ein Pogrom von 1905 zu erleben, wie es sich auch Tat für Tat am 7. Oktober 2023 im Süden Israels abspielte. Shapiros Darstellung nimmt bereits neuste Forschung vorweg, etwa die von Thomas Fuchshuber (Freie Universität Brüssel) über die Zusammenhänge von Antisemitismus und sexueller Gewalt.
Warum jiddische Literatur heute wieder spricht: Antisemitismus, Gewalt, Gegenwart
Die jiddische Literatur hat ihr letztes Wort noch lange nicht gesprochen, denn ihre Urheber und Urheberinnen erlebten vor hundert Jahren, was wir heute erneut erleben: den Aufstieg des Antisemitismus zum politischen Instrument, zum bequemen Erklärungsmechanismus für unerfüllte Wünsche und eigenes Versagen. Der 1884 in Kiew geborene David Bergelson begrüßte die Revolution von 1917 zunächst als durchaus befreiend; 1921 floh er vor ihren frühen faschistischen Strukturen nach Litauen und weiter nach Berlin. Dort erlebte er mit seiner Familie im Milieu der jiddischen Kulturschaffenden den Aufstieg der Nationalsozialisten. Eine Sammlung seiner Erzählungen aus Berlin ist im neuen Berliner Verlag Altneuland in Vorbereitung. Bergelson kehrte 1934 trotz aller Bedenken in die Sowjetunion zurück, denn dort wohnte seine Leserschaft. Am 12. August 1952, seinem 68. Geburtstag, wurde er in einem Moskauer Gefängnis erschossen. Ein hervorragender Band mit dem Titel «Die Welt möge Zeuge sein», herausgegeben von Sabine Koller und Alexandra Polyan, erschien 2023 im Suhrkamp Verlag. Er bietet in neuen Übersetzungen einen Querschnitt durch Bergelsons Werk, von dem wir heute noch viel zu lernen haben.
Chaim Grade und Avrom Sutzkever
Doch es ist der 1910 in Wilna geborene Chaim Grade, dessen Werk dieser Tage neu gelesen wird. Viele seiner Leser und Leserinnen sowie Kollegen und Kolleginnen hätten ihm 1978 den Nobelpreis. Grade verbrachte die entscheidenden Jahre seiner Reifung zwischen 1924 und 1932 in spirituell intensiven Talmudakademien (Jeschiwot) und verließ diese Welt, um Gedichte zu schreiben. In Wilna schloss er sich der avantgardistischen Künstlergruppe Yung Vilne an, der auch Avrom Sutzkever angehörte. Wenige Tage bevor die Deutschen im Juni 1941 einmarschierten, floh Grade in die Sowjetunion, während Sutzkever sich bei seiner Mutter versteckte.

Sutzkever geriet in das Wilnaer Ghetto und entkam kurz vor dessen Liquidierung im September 1943 durch die Kanalisation. Er stieß zu den Partisanen in den umliegenden Wäldern und gelangte 1944 nach Moskau, wo er im Spätjahr auf Grade traf, der in Tadschikistan überlebt hatte. Unterschiedliche Wege führten die beiden Dichter 1945 zurück nach Wilna, wo sie nur noch Ruinen fanden. Von dort gelangten sie über Łódż Ende 1946 nach Paris, die europäische Endstation für Zehntausende von Überlebenden. Hier mussten sie überlegen, wo ihre Zukunft stattfinden sollte.

Avrom Sutzkever entschied sich für Tel Aviv. Sein poetisches Werk und seine Erinnerungen an das Wilnaer Ghetto gibt es schon seit 2009 in deutschen Übersetzungen von Hubert Witt und Peter Comans. Auch Sutzkever hätte zu Lebzeiten den Nobelpreis verdient. Da man 1966 bereits Shmuel Yosef Agnon und Nelly Sachs stellvertretend für jüdische Überlebende ausgezeichnet hatte, waren Sutzkever Aussichten denkbar gering. Auch Sutzkevers und Grades Freund Shmerke Kaczerginski fand sich in Paris ein. Dort sammelte er die Lieder, die im Wilnaer Ghetto komponiert und gesungen wurden: Revue-Theater, Konzerte, Dichterlesungen waren Teil des harten jüdischen Widerstands gegen die versuchte Erniedrigung durch die Deutschen. Die hervorragende von Dieter Koller und Sebastian Wogenstein besorgte Edition von Kaczerginskis Klassiker «Dos gezang fun vilner geto / Lieder aus dem Wilnaer Ghetto» (2025) führt tief in die jüdische Mentalität, die kulturelles Schaffen als Überlebensarbeit begreift.

Chaim Grade entschied sich in Paris für eine Zukunft in New York. Er allein unter den jiddischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen blieb auch nach dem Holocaust mit der Welt der orthodoxen Juden und Jüdinnen verbunden: Ihr tiefes Nachdenken über die ethische und spirituelle Dimension des jüdischen Lebens hatte ihn ebenso geprägt wie die materielle Armut, in der er mit seiner Mutter lebte. Im leuchtenden Paris der Nachkriegszeit sah er sich vor die Wahl gestellt, in der religiösen Welt zu leben oder Schriftsteller zu werden. Er inszeniert diesen Konflikt in einem furiosen Streitgespräch, das zwei Überlebende auf einer Pariser Parkbank führen. Im Mai 2026 erscheint dieser Text in deutscher Übersetzung unter dem Titel «Mein Streit mit Hirsch Rasejner. Paris 1948». Die Argumente des religiösen Juden sind besser. Doch Grade wählte ein säkulares Leben als Schriftsteller in New York. In seinen Romanen belebte er mit realistischem Witz und psychologischer Raffinesse die Welt der litauischen Juden und Jüdinnen und wurde in der jiddischen Welt zum ebenbürtigen Antipoden Isaac Bashevis Singers.
Seit Februar 2023 ist Chaim Grades Nachlass digital zugänglich, und Übersetzungen der hinterlassenen Romane sind auf den Weg gebracht. Auf diese Weise bewahrheitet sich Singers Prophetie: Die jiddische Literatur hat ihr letztes Buch noch nicht veröffentlicht.
Jiddische Literatur heute neu entdecken
Jiddische Literatur wird heute unter veränderten historischen Bedingungen neu gelesen. Dabei treten unterschiedliche Stimmen hervor: frühe Werke von Autoren wie Chaim Grade oder David Bergelson ebenso wie die Texte weiterer Überlebender nach 1945. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Erfahrungen von Gewalt, Verlust und Migration literarisch verdichten – und damit Fragen aufwerfen, die bis in die Gegenwart reichen.
Weiterlesen im MON Mag
- Weiterführend: unser Dossier «Schejres Haplejte: Jiddisch schreiben nach der Befreiung» im MON Mag.
- Mehr zur Ausstellung «Literatur & Haltung» sowie Anat Feinbergs Beitrag «Hebräische Literatur in Deutschland nach 1945» im MON Mag – und auch in unserem Dossier «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv».
Veranstaltungstipp mit Susanne Klingenstein & Rachel Salamander:
- 30. Juni, ab 19 Uhr: Chaim Grade: «Mein Streit mit Hirsch Rasejner» (1948) – Lesung & Gespräch.

*Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.



