Das Gedicht «Flieger nach Westen» von Gerty Spies entstand 1944 im Ghetto Theresienstadt und ist Teil der Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv»*. Das Online-Angebot «Literatur & Haltung digital» führt in die Themen ein – dieses Transkript macht den Text vollständig lesbar.
Gedichte auf Packpapier: Gerty Spies in Theresienstadt
Für viele Jüdinnen und Juden in den Konzentrationslagern wurde Literatur zu einem Überlebensmittel. Die Dichterin Gerty Spies wurde 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Im Verfassen von Gedichten fand sie einen Weg aus der Todesangst – und ein Mittel, um das Grauen zu überleben.
Ihre Verse notierte Gerty Spies auf Packpapier, das sie heimlich entwendete. Die Blätter bewahrte sie in wechselnden Verstecken auf, denn auch das Schreiben wurde zur Lebensgefahr. In ihren Erinnerungen «Drei Jahre Theresienstadt» (1984) schreibt sie:
Das Leben – Enge, Ungeziefer, Hunger, Zwang und Angst – alles war grauenvoll, das Dasein unerträglich, der Körper schwach, die Nerven zerrüttet, ein Weiterleben unmöglich. Und ich schrieb.
In der Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» zeigt die Monacensia zwei ihrer Gedichte, darunter auch «Flieger nach Westen».
Transkript
Das folgende Transkript gibt den Text des Gedichts vollständig wieder.
Flieger nach Westen
Weiße Vögel ziehen durchs Blau,
Und das Unheil wütet blind.
Liebste Heimat, schönste Frau
Sag, wo deine Söhne sind.
In die Welt streut sie der rauhe
klagenschwere Zeitenwind.
Sterne weinst du, wo ich schaue,
Himmel, über deinem Kind.
September 1944
Gertrud Spies
Hinweis
Das Online-Angebot «Literatur & Haltung digital» zur Ausstellung «Literatur & Haltung» erscheint am 19. Mai und führt in zentrale Themen und Perspektiven ein.
Weitere Einblicke in Leben und Werk von Gerty Spies bieten zwei Beiträge hier im MON Mag:
- Spuren des Überlebens: Der Nachlass der Dichterin Gerty Spies – (20.4.2026)
- Gerty Spies in Theresienstadt – Schreiben als Überleben – (21.12.2021)

*Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.



