Adolf von Hildebrand prägt mit den von ihm geschaffenen Brunnen bis heute das Bild Münchens. Um 1900 entstanden aus dem Bedürfnis nach städtischer Hygiene, Repräsentation und Lebensqualität mit dem Wittelsbacher Brunnen und dem Hubertusbrunnen zwei zentrale Monumente urbaner Kultur. Der Vater-Rhein-Brunnen, der ursprünglich für Straßburg geschaffen wurde, ergänzt dieses Ensemble in München als vielschichtiges Zeugnis von Kunst, Politik und Stadtraumgestaltung.
Ein Beitrag von Fabian Pius Huber zur Dauerausstellung «Maria Theresia 23» der Monacensia.
Adolf von Hildebrand und die drei monumentalen Brunnen Münchens
Wer g’sund will sein an Leib und Seel, der flücht zu dieses Brunnens Quell.1
Dieser Sinnspruch soll einst über einem Brunnen an der Münchner Frauenkirche gestanden haben. Er zeugt von der Bedeutung, die Brunnen seit Urzeiten nicht nur für das Erscheinungsbild einer Stadt, sondern auch für das Leben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner hatten. In München kann ein sogenannter Bürgerbrunnen bereits 1343 auf dem Marienplatz nachgewiesen werden.2 Aber noch bis in das 16. Jahrhundert dienten solche Brunnen meist nur praktischen Zwecken. Erst durch das gestiegene Bedürfnis an Repräsentation in der Renaissance entstand 1585 ein Zierbrunnen im Grottenhof der Residenz. In den darauffolgenden Jahrhunderten wurden zahlreiche öffentliche Brunnen errichtet.
Als jedoch durch die Industrialisierung ab 1830 die Stadt über ihre mittelalterlichen Grenzen hinauswuchs, verschwanden viele dieser Brunnen wieder zugunsten neuer Häuser und Straßen. Das rasche Bevölkerungswachstum führte auch zu hygienischen Missständen. Durch die grundlegende Erneuerung der Trinkwasserversorgung unter dem Mediziner Max von Pettenkofer (1818–1901) konnten diese bis 1888 behoben werden. Zur Erinnerung an das Ereignis lobte die Stadt einen Wettbewerb für einen Brunnen am Maximiliansplatz aus.
Der Wittelsbacher Brunnen – Monument der Münchner Wasserversorgung

In das zuständige Komitee wurde auch der damals schon berühmte Bildhauer Adolf von Hildebrand (1847–1921) berufen, der 1889 selbst einen Entwurf einreichte. Die Herausforderung bestand darin, durch den Brunnen die hügelige Parklandschaft harmonisch mit den umliegenden Häusern zu verbinden. Hildebrands Lösung machte, so stellte Hildebrands Enkel Dieter Sattler (1906–1968) fest,
den für das 19. Jahrhundert entscheidenden Schritt von der Isoliertheit des Einzelkunstwerks zum Gesamtzusammenhang einer künstlerischen Situation.3
Adolf von Hildebrand wurde 1847 in Marburg geboren. Er studierte zunächst Bildhauerei an der Königlichen Kunstgewerbeschule in Nürnberg und trat dann 1866 in das Atelier von Caspar von Zumbusch (1830–1915) in München ein. Den Historismus seines Lehrers kritisch hinterfragend, entwickelte er schon bald sein eigenes Verständnis des Kunstschaffens, das er als eine Annäherung an das Absolute und Ewige sah. Seine Werke wollte er daher von inhaltlichen Bezügen befreien und allein auf die Form konzentrieren. Dadurch sollten sie zu einem Spiegel der Ideen und Vorstellungen des Betrachters werden.
Auch die Grenzen zwischen Skulptur und Architektur waren fließend, denn die künstlerische Idee war die gleiche. Sie musste nur aus unterschiedlichen Materialien herausgearbeitet werden.4 Diese revolutionäre Sichtweise war sicherlich auch ein Grund für den Erfolg seines ersten monumentalen Brunnens, dessen Umsetzung ihn dauerhaft nach München führte und zudem der Anlass für den Bau des Hildebrandhauses in Bogenhausen war.
Der Kulturhistoriker Wilhelm Hausenstein (1882–1957) urteilte über den im Jahr 1895 eingeweihten ersten Brunnen Hildebrands in München:
Es kann nichts Gelungeneres […] geben.5
Zunächst sollte der Brunnen nach dem kunstsinnigen Prinzregenten Luitpold von Bayern (1821–1912) benannt werden, doch dieser bestand auf den Namen «Wittelsbacher Brunnen». Erblickt man den Brunnen heute vom Lenbachplatz aus, so erscheint er zunächst wie eine breit gelagerte Fassade. Nähert man sich aber, entdeckt man auf dem Niveau des Platzes ein halbrundes Becken mit rechteckigen Flanken. Über diesem erhebt sich auf dem Niveau des Parks ein zweites geschwungenes Becken, aus dessen Wand das kühle Nass in kleinen Muschelgrotten durch sieben Wasserspeier sprudelt.

Maximiliansplatz, München. © Fabian Pius Huber
Das obere Becken wird wiederum durch zwei übereinandergesetzte Brunnenschalen auf einem reliefierten Sockel gespeist und von zwei großen Figurengruppen gerahmt. Die Sockel dieser Gruppen leiten dabei seitlich durch natürlich anmutende Felsen zum Parkgelände über. Links sitzt ein nackter Heroe auf einem Wasserpferd und schleudert einen Felsbrocken in den Brunnen. Der sogenannte Steinschleuderer verkörpert die unbändige Kraft des Gebirgswassers.6
Rechts sitzt die spärlich bekleidete Europa seitlich auf einem Wasserstier und hält in ihrer linken Hand eine Schale. Die antike Königstochter soll der Götterkönig Zeus als Stier getarnt über das Meer nach Kreta entführt haben. Sie verkörpert die sanfte Kraft des Trinkwassers, das nun den Münchnerinnen und Münchnern in einer «aus Felsen gehauenen Phantasie» dargeboten wird.7 Durch die raffinierte Verbindung von Landschaft, Architektur und Skulptur gilt der 1895 vollendete Wittelsbacher Brunnen bis heute als einer der schönsten Brunnen Münchens.
Der Hubertusbrunnen – Natur, Glaube und Verantwortung
Prinzregent Luitpold war nicht nur ein großer Förderer der Künste, sondern auch mit Adolf von Hildebrand persönlich befreundet. Als 1892 der Bayerische Landtag für das wachsende Nationalmuseum einen Neubau an der Prinzregentenstraße beschloss, wollte Hildebrand seinen Mäzen für einen schönen «Hubertusbrunnen […] mit einem Hirschen drinnen»8 als Abschluss des Ensembles begeistern. Der heilige Hubertus ist der Schutzpatron des Hausordens der Wittelsbacher. Er soll sich während einer Jagd zum Christentum bekehrt haben, als ihm ein Hirsch mit einem Kruzifix im Geweih begegnete.
Nach langen Verhandlungen wurde der Brunnen 1901 von der Stadt zum 80. Geburtstag des Prinzregenten in Auftrag gegeben und bis 1907 errichtet. Im Zuge der Umgestaltung der Prinzregentenstraße unter dem NS-Regime wurde er jedoch 1937 abgetragen und erst 1954 auf eine Initiative von Kronprinz Rupprecht (1869–1955) hin am östlichen Ende des Schlosskanals in Nymphenburg wieder aufgebaut.

Ostende des Schlosskanals in Nymphenburg, München. © Fabian Pius Huber
Das quaderförmige Brunnenhaus wird an den Ecken durch halbrunde Pavillons mit Brunnenschalen erweitert und von fünf gestuften Kuppeln sowie der Figur des in Ehrfurcht knienden Hubertus bekrönt. Die Portale sind mit ornamental verzierten Gittern verschlossen und geben den Blick auf das Brunnenbecken mit dem Hubertushirschen frei. In den Nischen der Pavillons stehen vier noch bis 1921 aufgestellte Figuren:
- ein Wurzelweib
- ein Waidmann
- eine Jägerin
- ein Bogenschütze
Die vier Figuren stehen stellvertretend für die verschiedenen Lebensalter und Lebensweisen des Menschen. Mit Blick auf den heiligen Hubertus verweisen sie auch auf den verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung Gottes, «jene wundervolle Verbindung von Natur und Gnade»9, wie Cosima Wagner (1837–1930) schrieb. In seiner organischen Formensprache zeugt der Hubertusbrunnen bereits vom Jugendstil und gilt damit als eines der modernsten Werke Hildebrands.
Der Vater-Rhein-Brunnen – Mythos, Politik und Humor
Das Schicksal des letzten Brunnens von Hildebrand in München nahm seinen Ursprung in Straßburg. Dort vermachte der Jurist Sigismund Reinhard (1847–1897) der Stadt einen Teil seines Vermögens mit der Auflage, dass sein Jugendfreund Hildebrand davon einen Brunnen errichten solle (Abb. 3). Für den zentralen Broglie-Platz zwischen Rathaus und Theater entwarf Hildebrand eine Brunnenanlage mit einem großen längsrechteckigen Bassin und einer vierstufigen Kaskade, die zu einem vierpassigen Becken hinaufführt. Umrahmt wird diese Kaskade von schneckenförmigen Mauern, auf deren seitlichen Sockeln je zwei Putti spielen. In der Mitte des oberen Beckens erhebt sich ein hoher, von üppigen Fruchtgirlanden gesäumter Sockel mit wasserspeienden Fischköpfen und der urwüchsigen Figur des Vater Rheins. Über diese sagte Hildebrand selbst:

Nördliche Museumsinsel, München. © Fabian Pius Huber
Drum, wenn man denkt, daß den Fluten des Rheins ein Wassergeist entsteige, so wird er nicht fremd und vornehm thun, sondern gleich gemütlich mit den Menschen verkehren.10
Hildebrand ging es also um die lokale Tradition und lebensbejahende Natur des Rheins. Doch der 1902 vollendete Brunnen wurde nach dem Ersten Weltkrieg von den Franzosen als «zu deutsch» empfunden und 1919 abgetragen. Erneut war es Kronprinz Rupprecht, der sich bis 1932 für einen Wiederaufbau in München auf der nördlichen Museumsinsel einsetzte.
Gerade der Hubertusbrunnen offenbart neben Hildebrands Gespür für das Zusammenspiel von Kunst und Kultur auch seine durchaus kritisch-humorvolle Haltung gegenüber dem zeitgenössischen Kulturbetrieb. So hat er die dem Theater zugewandte Rückseite des Vater Rheins gänzlich unbekleidet gelassen, was seinerzeit wütende Proteste der Straßburger Bürger hervorrief.
München und die drei Brunnen Adolf von Hildebrands
Die drei großen Brunnen Hildebrands in München prägen bis heute das Bild der Stadt. Von der Museumsinsel über den Maximiliansplatz bis zum Nymphenburger Kanal umrahmen sie die Stadt und bieten Einheimischen wie Besucherinnen und Besuchern Erfrischung und Ruhe. Sie sind Zeugnisse der reichen Geschichte Münchens und zugleich Meilensteine der Entwicklung neuzeitlicher Monumentalbrunnen, «von einer Klarheit, Ruhe und Lebendigkeit wie die Antike».11
Adolf von Hildebrand gelang es hier in herausragender Weise, den städtischen Raum mit seiner Kunst und der Natur in Einklang zu bringen. Durch seine zukunftsweisende Suche nach einer zeitlosen und klaren Formensprache wirken seine Werke bis heute modern. Sie spiegeln unsere Sehnsucht nach etwas wider, was uns selbst und unser Schicksal überdauert.

Form und Stadtraum
Dieser Beitrag gehört zur Dauerausstellung «Maria Theresia 23» der Monacensia. Er lädt dazu ein, Adolf von Hildebrands Brunnen bewusst im Stadtraum wahrzunehmen – als Orte, an denen sich Münchens Wachstum, die Geschichte der Wasserversorgung und der Anspruch auf öffentliche Raumgestaltung begegnen. Die Brunnen machen sichtbar, wie eng Kunst und urbanes Leben in München bis heute miteinander verbunden sind.
Weiterführende Texte zu Adolf von Hildebrand und seinem Umfeld:
- «Ein Leben in Schönheit» – Die Bildhauerin Irene Georgii-Hildebrand – (16.10.2024)
- Adolf von Hildebrand – der Begründer der Münchner Bildhauerschule – (6.10.2024)
- «Durch die Natur zur Kunst»: Der Bildhauer Martin Mayer und das Hildebrandhaus – (13.08.2025)
- Gisela Schinzel-Penth, Sagen und Legenden von München, München 2010, S. 67. ↩︎
- Otto Josef Bistritzki, Brunnen in München. Lebendiges Wasser in einer großen Stadt, München 19802, S. 9. ↩︎
- Dieter Sattler, Adolf von Hildebrand und die Architektur, Dissertation TH München 1930, S. 47. ↩︎
- Vgl. Bernhard Sattler (Hrsg.), Adolf von Hildebrand und seine Welt. Briefe und Erinnerungen, München 1962, S. 234. ↩︎
- Wilhelm Hausenstein, Die bildende Kunst der Gegenwart, 19202, S. 252. ↩︎
- Die Figur des Steinschleuderers wurde im Zweiten Weltkrieg zum Teil zerstört und von Hildebrands Schüler Theodor Georgii (1883–1963) restauriert und ergänzt. Vgl. Sigrid Esche-Braunfels und Victor Mayr, Der Wittelsbacher Brunnen in München von Adolf von Hildebrand. Zur Wiederherstellung des Steinwerfers nach dem 2. Weltkrieg durch Theodor Georgii, in: Schönere Heimat: Erbe und Auftrag 92, 2003, Heft 3. ↩︎
- Joseph von Schmädel, Der Wittelsbacher Brunnen am Maximiliansplatz in München, in: Die Kunst unserer Zeit VI/2, 1895, S. 101. ↩︎
- Sattler 1962, S. 409. ↩︎
- Sattler 1962, S. 425. ↩︎
- Sattler 1962, S. 487. ↩︎
- Joseph Ganter, Heinrich Wölfflin 1864–1945. Autobiographie, Tagebücher und Briefe, Basel/Stuttgart 1982, S. 108f. ↩︎



