«Regenbogen» – Wiederentdeckung einer Münchner Frauenzeitschrift der Nachkriegszeit

Cover: Der Regenbogen, Februar, 1950, Ausschnitt

Wie sah Frauenleben im München nach 1945 aus – zwischen Not, Alltag und Neubeginn? Die heute vergessene Frauenzeitschrift «Regenbogen» bot Themen, die Frauen damals suchten: praktische Hilfe, Orientierung, Erziehung, Politik und kulturelle Impulse. In ihrem Artikel nimmt uns Anna Leyrer mit in ein besonderes Kapitel Münchner Nachkriegsgeschichte. Sie zeigt, welche Fragen Frauen bewegten – und wie sie ihre Zukunft mitgestalteten.

Nach Kriegsende 1945 fehlte es in Deutschland an allem. An Nahrung, an Kleidung, an Wohnraum, an Heizmitteln. Die frühe Nachkriegszeit war also eine Zeit des Mangels und der Not. Zugleich erfolgte schon bald die Wiederaufnahme eines kulturellen Lebens. Denn die Menschen sehnten sich nach Ablenkung und nach Unterhaltung, nach Schönheit und Anregung, nach Information und Orientierung.

Frauenzeitschriften in Deutschland 1945–1949

All das boten politisch-kulturelle Zeitschriften und Magazine – vereinzelt ab Ende 1945 und in größerer Zahl und vergleichsweise hoher Auflage ab 1946.1 Darunter wandten sich von Anfang an eine Reihe Publikationen spezifisch an Frauen und diskutierten «Frauenfragen». Diese Frauenzeitschriften waren (noch) nicht die Hochglanzmagazine der späteren BRD. Stattdessen deckten die darin verhandelten «Frauenfragen» ein breites Spektrum ab: von Rezepten für Mahlzeiten mit spärlichen Mitteln über Berichte zur Rolle von Frauen bei den Nürnberger Prozessen bis hin zur Frage, wie Frauen einen neuen deutschen Staat aktiv mitgestalten könnten.

Teils handelte es sich um Wiedergründungen: So etwa bei der in Nürnberg produzierten «Frauenwelt», die bis zum Verbot 1937 durch das NS-Regime die «Nürnberger Hausfrauenzeitung» gewesen war. Die Mehrzahl der Frauenpublikationen waren jedoch Neugründungen der Nachkriegszeit, und überwiegend in den Westzonen. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gab es zunächst nur zwei Frauenzeitschriften:

  • «Frau von heute»
  • «Für dich»

26 Frauenzeitschriften sind insgesamt gezählt worden zwischen 1945 und 1949.2

Als Lizenzzeitschriften – das heißt als von den Militärregierungen genehmigte und finanzierte Publikationen – standen die Zeitschriften weder in Konkurrenz, noch mussten sie nach Marktmechanismen funktionieren. Manche Zeitschriften blieben daher kurzlebig und wurden mit Ende der Lizenzzeit eingestellt. Andere passten Stil, Ton, Layout und Inhalt an die veränderten Bedingungen an, so zum Beispiel die Hamburger «Constanze», die Vorläuferin der «Brigitte».

Cover zu «Der Regenbogen. Zeitschrift für die Frau»: Madonna mit Kind, rechts davon Engel, am Feuer Joseph.
Cover zu «Der Regenbogen. Zeitschrift für die Frau», 3. Jahrgang, Dezember 1948.

Wer und was war der «Regenbogen»?
Eine Münchner Frauenzeitschrift im Blick

In München erschien im Februar 1946 die erste Ausgabe des «Regenbogens» mit dem Untertitel «Zeitschrift für die Frau». Das Editorial wandte sich direkt an «Sie», die «liebe Leserin», und sprach als «wir», die Redakteurinnen. Wer die Redakteurinnen und Autorinnen, aber auch die Leserinnen des «Regenbogens» genau waren, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Zwar waren die meisten Artikel namentlich gekennzeichnet, aber zu diesen Namen lässt sich wenig bis nichts herausfinden. Abgesehen von Gastbeiträgen bekannterer Frauen sind die Autorinnen heute vergessen.

Die wichtigste Informationsquelle über die Autorinnen und das Publikum des «Regenbogens» ist daher die Zeitschrift selbst. Das Editorial der ersten Ausgabe stellte zunächst die Ergebnisse einer kleinen Umfrage vor, die die Redakteurinnen in ihrem Umfeld durchgeführt hatten: Sie hatten Frauen nachgefragt, was diese interessiere und worüber sie in einer neu zu gründenden Frauenzeitschrift gerne lesen würden.

Dabei habe an erster Stelle der Wunsch nach praktischen Ratschlägen gestanden, wie man mit spärlichen Mitteln über die Runden komme. Dementsprechend veröffentlichte «Regenbogen»

  • Anleitungen zum Möbelbau,
  • eine Kolumne «Aus Alt mach Neu» sowie
  • Ratgeberartikel, etwa unter dem Titel «Wenig Gemüse rationell ausgewertet».

Darüber hinaus verlangten die als potenzielle Zielgruppe befragten Frauen nach Erziehungsberatung: Wie sollte die neue Generation erzogen werden? Wie erzog man Kinder in Friedenszeiten? Daher publizierte «Regenbogen»

  • eine Serie über «Unser erstes Kind»,
  • Artikel zur «Autorität der Mutter» sowie
  • zur Wiedereröffnung der Münchner Erziehungsberatungsstelle.
Artikel über "unser erstes Kind", in: Regenbogen, 1946
Ratgeber-Artikel, «Regenbogen», 1946

Zudem wurde das Bedürfnis nach Horizonterweiterung genannt. Darauf wurde eingegangen

  • zum einen als Unterhaltung in Form von literarischen Beiträgen oder Modestrecken,
  • zum anderen als Bildung im weitesten Sinne mit Beiträgen über weibliche Vorbilder, historische und aktuelle, sowie über andere Teile der Welt, zum Beispiel über Frauen in den USA, der Schweiz und in China.

Anhand des ersten Editorials lassen sich schließlich auch begründete Vermutungen über die Herausgeberinnen und Autorinnen anstellen sowie über das weibliche Publikum, an das sie sich mit dem «Regenbogen» wandten.

  1. Die Redakteurinnen kannten ihre Bibel und vertrauten darauf, dass auch ihre Leserinnenschaft die biblische Symbolik des Regenbogens als Zeichen des Neuanfangs und der Versöhnung erkannten. In den Dezember-Ausgaben wurden Weihnachtslieder abgedruckt. Der Bezug auf Gott oder selbst auf Kirche blieb aber auf der Ebene christlich-kultureller Formen.
  2. Die Redakteurinnen hatten eine Form von Bildung erhalten, die über das Lesen und Schreiben von Rezepten und Strickmustern hinausging. Sie gingen zudem davon aus, dass ihr Publikum an kultureller Unterhaltung und politischer oder gesellschaftlicher Information im weitesten Sinne interessiert war.
  3. Der «Regenbogen» war eine Zeitschrift von «deutschen» Frauen für «deutsche» Frauen, die sich für eine «deutsche» Zukunft interessierten, auch wenn die Zeitschrift den Leserinnen versprach, sie über die «Vielfalt der Welt» aufzuklären.
  4. Anhand der auffindbaren biografischen Informationen lässt sich vermuten, dass die Redakteurinnen hauptsächlich zwischen 35 und 55 Jahren alt waren. Das heißt, sie wurden zwischen 1890 und 1910 geboren, waren vor 1933 volljährig und hatten in der Weimarer Republik wählen können. Ein zusätzlicher Hinweis darauf ist die Art und Weise, wie sich die Redakteurinnen um die politische Bildung junger Frauen sorgten, die unter dem NS-Regime aufgewachsen waren und «nichts anderes» kannten.

War der «Regenbogen» politisch?

Denn hier warf das allererste Editorial seine einzige strittige Frage auf: Sollte die Zeitschrift «politisch» sein? Die Umfrage habe im Hinblick darauf kontroverse Antworten hervorgebracht, so die Redaktion. Vor allem junge Frauen hätten «Politik» mit «Nazi-Politik» gleichgesetzt und nichts damit zu tun haben wollen. Das kommentierten die Redakteurinnen so: Diese jungen Frauen wüssten nicht,

daß sie in einem Denkfehler befangen sind. Wir wollen gewiß keine Politik betreiben; das ist die Aufgabe der Zeitungen und Parteiblätter. Aber wir dürfen uns vor den brennenden Tagesfragen nicht verschließen.3

Programmatisch erhob also der «Regenbogen» in seiner ersten Ausgabe den Anspruch, unpolitisch zu sein. Einschränkend wurde aber eben sofort angefügt, die Zeitschrift müsse sich natürlich mit «brennenden Tagesfragen» beschäftigen. Dann war nur mehr die Frage: Wie politisch waren diese Tagesfragen?

Der «Regenbogen»

  • veröffentlichte etwa Artikel unter dem Titel „Haben wir Frauen versagt?“;
  • nahm zu den Flüchtlingsbewegungen der Nachkriegsjahre Stellung;
  • beschrieb Berufsfelder für Frauen;
  • betonte die Notwendigkeit gleicher Bezahlung;
  • stellte die staatsbürgerliche Verantwortung heraus, die das Wahlrecht bedeutete.
Bericht über Flüchtlinge mit Zeichnung, Ausgabe der Zeitschrift Regenbogen, März 1946
März-Ausgabe 1946, Der Regenbogen. Ein Bericht.

Letztlich war die Zeitschrift damit keineswegs unpolitisch. Vielmehr war die Vorstellung des Politischen im «Regenbogen» eng gekoppelt an die Erfahrungswelt der Leserinnen: Fern von Parteipolitik und Staatsgeschäften ging es um Alltagsbewältigung. Zugleich kam darin zum Ausdruck, wie gewillt Frauen waren, die Nachkriegszukunft mitzugestalten; teilzuhaben am öffentlichen und auch politischen Leben. In der etwas kuriosen Mischung aus Kochrezepten und «brennenden Tagesfragen» wird deutlich, wie alltäglich in der frühen Nachkriegszeit Politik war – und wie politisch der Alltag.

In den 1950er-Jahren änderte sich die Ausrichtung der Zeitschrift etwas: Nach und nach bildeten sich im «Regenbogen» jene Entwicklungen ab, die die ganze BRD erfassten: Die politische Ordnung festigte sich, die Aufbruchsstimmung nahm ab und das sogenannte Wirtschaftswunder Fahrt auf. Der «Regenbogen» entwickelte sich zunehmend zu einer Zeitschrift, wie wir sie heute als «Frauenzeitschrift» kennen: Konsum- und unterhaltungsorientierter, weniger Auseinandersetzung mit «brennenden Tagesfragen». Anfang der 1960er-Jahre fusionierte die Zeitschrift zunächst teilweise mit der Stuttgarter «Welt der Frau». 1969 stellte sie ihr Erscheinen ganz ein.

Buntes Zeitschriften Cover vom: Regenbogen. Zeitschrift für die Frau, Gondoliere und Päarchen vor Venedig-Kulisse, gemalt.
Cover: Regenbogen. Zeitschrift für die Frau, Februar 1950 mit Schnittmustern
Frauenalltag nach 1945: Was der «Regenbogen» aus München erzählt

Wie lebten Frauen nach 1945 – zwischen Mangel, Neubeginn und politischer Orientierung? Die Münchner Frauenzeitschrift «Regenbogen» zeigt, wie eng Alltag und gesellschaftlicher Wandel verbunden waren. Sie macht sichtbar, welche Themen Frauen bewegten – von praktischen Überlebensstrategien bis zur Frage nach Teilhabe und Gleichberechtigung. Damit eröffnet sie neue Perspektiven auf die Nachkriegszeit, die bis heute nachwirken.

Der Artikel ist Teil des Kulturerbeprojekts #FemaleHeritage der Monacensia, das weibliche Perspektiven in der Münchner Stadtgeschichte sichtbar macht. Die Frauenzeitschrift «Regenbogen» wird aktuell für die Bibliothek der Monacensia erschlossen. Sie kann bereits in der Bayerischen Staatsbibliothek eingesehen werden.

Fünf Jahre #FemaleHeritage: Ein Projekt zieht Bilanz:

  1. Ingrid Laurien, Zeitschriftenlandschaft Nachkriegszeit, in: Publizistik 47/1, 2002, S. 57–82. ↩︎
  2. Lissi Klaus, ‹Beim Aufbruch standen die Frauen ganz vorn›: Die Entwicklung der Frauenmedien nach 1945, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis 14/30,31, 1991, S. 31–43. ↩︎
  3. Ebd. ↩︎

Autor*innen-Info

Profilbild Anna Leyrer

Dies ist ein Gastbeitrag von Anna Leyrer

Anna Leyrer ist Historikerin und Kulturwissenschaftlerin. 2019 wurde sie an der Universität Basel promoviert mit der Arbeit «Die Freundin. Beziehung und Geschlecht um 1900», die 2021 bei Wallstein erschien. Sie interessiert sich für Beziehungen in der Moderne, kulturtheoretische Fragestellungen, «intellectual history» und Demokratiegeschichte. 2021 und 2022 forschte sie als Early.PostdocMobility Fellow des Schweizerischen Nationalfonds am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und am DHI London. Aktuell arbeitet sie als postdoc-Assistentin an der Universität Basel im Bereich Neuere und Neueste Geschichte zu Demokratie und Gleichberechtigung in der deutsch-deutschen Nachkriegszeit.

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