Miriam Salamander stellt ihr Papier selbst her: Pflanzenfasern werden im Wasserbad gelöst und aufbereitet, sodass das geformte Material Licht einfangen und halten kann. Aus der Begegnung von Rachel Salamanders Archiv mit dem Literaturarchiv der Monacensia entstanden zwei Installationen: «Entlang Linien» und «Speicherarchitektur». In Fotografien und Tagebuchnotizen aus sieben Monaten zeigt die Künstlerin, wie aus Draht eine Linie wird, aus Wachs eine verlorene Form – und aus Papier ein Speicher.
Dieser Text ist ein Beitrag zum Ausstellungsdossier «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv».
Miriam Salamander – Im Gespräch mit dem Raum
Der folgende Beitrag versammelt analoge Fotografien und Tagebuchauszüge, die Einblicke geben in den Entstehungsprozess meiner Arbeiten für die Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» in der Monacensia im Hildebrandhaus in München. Die Aufnahmen verstehen sich als dokumentarische Notizen – als visuelle Aufzeichnungen von Beobachtungen, Fragestellungen und Antworten innerhalb meiner künstlerischen Praxis. Sie archivieren Materialzustand und Transformation zugleich.
Das Medium der Fotografie selbst, das Einfangen von Licht, die Relation von Zeit und Mittel im Entwicklungsprozess sowie die wiederholte Belichtung von Film und Papier thematisieren Fragen der Haltbarkeit, also der Konservierung von Erinnerung, setzen sich darüber hinaus mit der Fragilität unserer Formen des Speicherns auseinander.
Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die Begegnung zweier Archive: das Archiv von Rachel Salamander mit der Monacensia, dem literarischen Gedächtnis der Stadt München. In dieser Konstellation präsentiert sich das Archiv als ein dynamischer Resonanzraum, als ein Ort, an dem Vergangenheit gegenwärtig wird, Schrift und Sprache aktiviert werden.
Licht bringt Stellen eines größeren Geflechtes zum Leuchten, etwas nicht unmittelbar Sichtbares wird sichtbar gemacht. In Rachel Salamanders Arbeit wird das Sammeln zu einer Form des Handelns. Rezensionen und Kommentare, Bücher und Gespräche, Aufzeichnungen und persönliche Begegnungen bewahren nicht nur Vergangenes, sie tragen Debatten weiter und erzeugen weiterhin öffentliche Verhandlungsräume.

Entlang Linien
Für die Nische des Hauptausstellungsraums schuf ich eine ortsspezifische, lichtbasierte Installation aus geformtem Draht und selbst hergestelltem, gewachstem Papier.
Grundlegend für die Installation «Entlang Linien» ist die Lichtquelle, die aus dem Inneren des umgreifenden Nischenbaus hinausweicht. Der fallende Lichtkegel beleuchtet partiell den in die Ferne gesetzten Raum im Raum.
Licht als Transmitter, als essenzieller Wegweiser und Medium der Sichtbarkeit, trifft auf einen empfänglichen Papierkörper, der die Lichtstrahlen auffängt, bündelt und in eine neue räumliche Darstellung umwandelt. Es entsteht eine Projektionsfläche im Raum, die das Zusammenspiel des sich ständig ändernden, natürlichen Tageslichts und der permanenten Kunstlichtquelle vereint. Die hinzugefügte materielle Skulptur öffnet dem flüchtigen Medium des Lichtes die Möglichkeit, sich in einer neuen Form von Dauer zu zeigen.


Die Qualitäten und besonderen Eigenschaften von Papier liegen in der Essenz des Materials selbst, dem nachhaltigen Rohstoff der Pflanzenfasern. Die eigene Aufbereitung des Materials und die eigene Herstellung des Grundmaterials ermöglichen es mir, derart bewusst in den Prozess einzugreifen, dass spezifische Eigenschaften des Materials es der Skulptur ermöglichen, Licht einzufangen und zu halten.
Die langen Faserlinien zirkulieren anfangs in einem Wasserbad, werden dann konstant in eine minutiöse, punktartige Struktur geschlagen und zu einem pastösen Zellstoff transformiert. Diese aufgelöste Pflanzenfaseransammlung lässt sich nun durch verschiedene Verfahren wie Sprühen, Schöpfen oder Gießen in eine neue Schichtstärke und Form überführen.
… spachteln, trocken, lösen, halten, platzieren, sehen, formen, anbauen, abbauen, einbauen, sprühen, spachteln, trocknen, schmelzen, auffangen, einfangen, platzieren, beobachten, prüfen …

Die Fragen, die ein Material stellt und mit sich bringt, zeigen sich bereits früh im Werkprozess. Das skulpturale Arbeiten mit Material in Relation zu Licht (Position), Raum (Verhältnis) und Zeit (Kontext und Ort) trifft unausweichlich früher oder später auf Fragen der Schwerkraft:
- Wie ist ein Werk im Raum zu platzieren?
- Welche Bedürfnisse hat es?
- Wie verhält sich das Material in Raum und Zeit?


Verhandlung von Licht und Papier. Mit Wachs behandelter Papierkörper weist veränderte Transparenz und Lichtdurchlässigkeit auf. Schützt und transformiert zugleich. © Miriam Salamander / VG Bild-Kunst, 2026



In der gezeigten Arbeit verläuft nun Draht als Element der Linie, als Zeichnung, als Zeichen, als abstrahiertes Schriftzeichen durch den Raum. Stellenweise wird es auf dem Papier eingefangen und somit in seiner Form bewahrt. Eine gegenseitige Abhängigkeit und Spannung der beiden eingesetzten Materialien Eisen und Papier mit vermeintlich unterschiedlichen, tragenden Qualitäten kommt hier zum Vorschein. Ein Wirkungsraum des Zeichens in seinem sich stetig ändernden Umfeld.

Das Medium Papier ist die Grundlage meiner künstlerischen Arbeit. Die kulturhistorische Bedeutung von Papier als Träger von (Schrift-)Zeichen und Informationen setze ich skulptural in Beziehung zu deren Lesbarkeit, Raumentfaltung und -auflösung.
Miriam Salamander, 2026

Speicherarchitektur
Die zweite Werkgruppe im ersten Obergeschoss, direkt neben dem Eingang der Bibliothek, erweitert die Auseinandersetzung mit Lesbarkeit und den unterschiedlichen Formen der Informationsspeicherung.
Ein dreiteiliges Überlieferungsobjekt führt unterschiedliche Formen unserer Speicherkultur und Speichertechniken zusammen. Es verkörpert die Verschränkung digitaler und materieller Speicherformen. Drei Monitore, deren helle Bildflächen in feinen Intervallen pulsieren, treffen auf skulpturale Papierobjekte, die sich über die leuchtenden Oberflächen legen. Das Licht der digitalen Displays wird eingefangen, gebrochen und in eine neue, haptische Form der Lesbarkeit überführt. Dem Papier ist Grafit beigemischt – ein elementares Schreibmaterial, das sich in die Struktur einschreibt und sich somit in feine Grauabstufungen moduliert.

In der bildenden Kunst kommt Wachs aufgrund seiner wandelbaren Materialeigenschaften häufig zum Einsatz. Es macht Veränderung, Vergänglichkeit und Zeitlichkeit sichtbar. Es lässt sich immer wieder verformen, nimmt Licht auf, verändert seine Erscheinung, bis es schließlich im Gussverfahren verschwindet.
Eine «verlorene Gussform» umschreibt den Prozess eines Materialaustausches: Das Wachs, in dem die Form zunächst existiert, wird zerstört und durch ein anderes Material ersetzt. Die Skulptur entsteht somit durch das Verschwinden eines Materials. Was bleibt, ist nicht das Wachs selbst, sondern die Spur seiner Form und Transformation, als Resultat des künstlerischen Handelns.
Durch die Kombination von Papier und einer verlorenen Form ist es mir möglich, Spuren und Volumen im nachfolgenden Material anzulegen, während das beigemischte Grafitpulver sich in dessen Struktur einschreibt und feine Grauabstufungen erzeugt.


Das nun durch die Form sichtbar werdende transformierte Licht wird dabei selbst zum bildnerischen Material und hinterlässt eine Art «Lichtfraktur» (in Anlehnung an László Moholy-Nagy’s Beschreibung von Materialmerkmalen) im Papier. In dem vielschichtigen Bildgefüge durchdringen sich digitale Information und physische Materialität, es entsteht eine optische Wechselwirkung der Gedächtnisspeicherformen.


Beide Werke verbindet das Prinzip der Überlagerung und des räumlichen Lesens: Informationen werden nicht einfach bewahrt, sondern transformiert, überschrieben und neu lesbar gemacht. In Anlehnung an die Struktur eines Palimpsests1 bleiben frühere Schichten präsent, während sich neue darüberlegen. Das durch Papier geführte Licht wird zum Träger von Geschichte – im Sinne der Konservierung sowie als Impuls, Geschichte in die Gegenwart zu überführen, sie neu zu befragen und neu zu erfahren.
Mit meinen Arbeiten beziehe ich mich unmittelbar auf das Lebenswerk von Rachel Salamander, deren Engagement darauf zielt, kulturelles Gedächtnis sichtbar zu halten und verstummte Stimmen und Orte wieder zugänglich zu machen.

Kurator*innen-Führung mit Miriam Salamander
Am 15. Dezember 2026 führen die Kurator*innen Sylvia Schütz und Patrick Geiger durch die Ausstellung »Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv«. Begleitet werden sie von Miriam Salamander, die über Konzept, Materialien und Entstehung ihrer eigens für die Ausstellung entwickelten Installationen spricht.
Die Führung findet von 16 bis 17.30 Uhr in der Monacensia im Hildebrandhaus statt. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist erforderlich.
Informationen und Anmeldung zur Kurator*innen-Führung
Miriam Salamander: «Entlang Linien» und «Speicherarchitektur»
Beide Arbeiten sind eigens und ortspezifisch für die Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» in der Monacensia im Hildebrandhaus entstanden. «Entlang Linien» steht in der Nische des Hauptausstellungsraums: geformter Draht und gewachstes, handgeschöpftes Papier fangen die Lichtverhältnisse auf und wandeln es in eine Projektionsfläche im Raum um. «Speicherarchitektur» befindet sich im ersten Obergeschoss am Eingang der Bibliothek – ein dreiteiliges Objekt aus pulsierenden Monitoren und darübergelegten Papierformen, denen Grafit beigemischt ist.
Papier ist das tragende Material beider Arbeiten. Miriam Salamander stellt es aus Pflanzenfasern selbst her und kombiniert es mit einer verlorenen Form: Das Wachs, in dem eine Form zunächst existiert, wird im Guss zerstört und durch ein anderes Material ersetzt – die Skulptur entsteht durch das Verschwinden des Ausgangsmaterials. Beide Werke folgen dem Prinzip des Palimpsests: Frühere Schichten bleiben präsent, während sich neue darüberlegen.
- «Palimpsest» bezeichnet ursprünglich ein wiederbeschreibbares Schriftstück, dessen ursprünglicher Text abgeschabt oder abgewaschen und durch einen neuen Text überschrieben wurde. Im übertragenen Sinn steht der Begriff für eine Überlagerung verschiedener zeitlicher, materieller oder semantischer Schichten, bei der frühere Spuren unter späteren Einschreibungen weiterhin erkennbar bleiben. ↩︎
Zitierempfehlung:
Miriam Salamander: «Miriam Salamander: Papier – Speicher von Licht und Erinnerung – ein Foto- und Gedankentagebuch», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 30.9.2026, URL: https://mon-mag.de/miriam-salamander-installationen-papier-licht/. ISSN 2944-3776.



