Therese Giehse: Wie Münchner Kammerspiele und Monacensia die Exilantin zurück in den Stadtraum holen

Menschenmenge vor der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele.

Das NS-Regime bedrohte das Leben der Schauspielerin Therese Giehse, das Schweigen nach 1945 die Erinnerung an sie. Wie holen die Münchner Kammerspiele und die Monacensia die Exilantin zurück in den Stadtraum? Intendantin Barbara Mundel und Monacensia-Leiterin Anke Buettner erzählen im Interview von der Therese-Giehse-Halle und dem Hörspaziergang mit Originaldokumenten aus dem Literaturarchiv. Am 23. Oktober 2026 folgt die szenische Lesung aus Barbara Yelins Graphic Novel «Die Giehse».

Das Interview gehört zu #FemaleHeritage, dem Kulturerbeprojekt der Monacensia.

Therese-Giehse-Halle und Büste: Warum die Giehse im Foyer der Kammerspiele fehlte

Barbara Mundel, Therese Giehse begleitet Sie spätestens, seit Sie zur Spielzeit 2020/21 die Intendanz der Münchner Kammerspiele übernommen haben. Wann haben Sie erstmals von ihr gehört?

Barbara Mundel: Während meines Studiums. Ich habe mit großem Interesse und großer Faszination das Buch «Ich hab nichts zum Sagen» von Monika Sperr aus dem Jahr 1973 gelesen. Das sind vorwiegend Gespräche mit Therese Giehse und Zeitgenöss*innen. Danach – lange vor Internetzeiten – habe ich nach Filmaufzeichnungen zu suchen begonnen, mir ihre Mutter Courage und Weiteres angesehen und fand sie eine sehr, sehr tolle Spielerin.

Als erste Intendantin an der Spitze der Kammerspiele haben Sie die damalige Kammer 3 in Therese-Giehse-Halle umbenannt. Wie kam es dazu?

BM: In unserer Vorbereitung für die Jahre, die jetzt hinter uns liegen, haben wir unter anderem über die Benennung der Räume nachgedacht. Bei zwei der drei Spielorte bin ich aus Überzeugung auf die alten Bezeichnungen zurückgegangen: Schauspielhaus und Werkraum. Bei der jetzigen Therese-Giehse-Halle konnte ich auf keinen Namen zurückgreifen: Das «Neue Haus» von Frank Baumbauer wurde zur «Spielhalle» bei Johan Simons und zur Kammer 2 bei Matthias Lilienthal. Das Nachdenken über diesen Raum – was er sein und wie er heißen könnte – hat sich überschnitten mit der Recherche zur Geschichte der Münchner Kammerspiele als Basis für unsere Vorhaben. Daraus ist die Website MK:Schicksale entstanden und inzwischen auch eine kleine Erinnerungsbibliothek.

Blick auf den Eingang der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele
Die vorherige Kammer 2 der Münchner Kammerspiele heißt seit der Spielzeit 20/21 «Therese-Giehse-Halle». © Gina Bolle

Mit einer Büste ist die Giehse heute zudem als einzige Frau im Foyer der Kammerspiele präsent …

BM: Wenn man im Steinfoyer der Münchner Kammerspiele stand, fiel natürlich auf, dass da vier Bronzebüsten von Männern hängen – und keine einzige Frau. Ich habe mich gefragt: Wer fehlt da? Da fiel mir Therese Giehse ein, die vielleicht berühmteste Schauspielerin der Münchner Kammerspiele zu dem Zeitpunkt. Dann hat sich das langsam entwickelt. Interessant war die Frage: Warum war sie da nicht präsent? Und wie kann man das ändern?

Büste von Therese Giehse mit erhobenen Zeigefinger, angefertigt von der Künstlerin Kate Isobel Scott. © Gina Bolle. Titelbild des SoundClouds vom Hörspaziergang der Münchner Kammerspiele.
Büste von Therese Giehse, angefertigt von der Künstlerin Kate Isobel Scott. © Gina Bolle. Titelbild des SoundClouds vom Hörspaziergang der Münchner Kammerspiele.

Meinem Eindruck nach hat sich Deutschland schwer getan mit Rückkehrer*innen aus dem Exil. Therese Giehse ist zurückgekommen und hat nach dem Exil auch wieder ihren Platz gefunden. Sinngemäß hat sie damals gesagt, sie käme nicht nach München zurück, aber an die Kammerspiele. In diesem Satz liegt eine große Sperrigkeit. Es gab wohl viele Gründe, ihre Geschichte nicht zu erzählen – so wie auch viele andere Geschichten nicht erzählt wurden. Sie war eine große Schauspielerin, aber auch ein sehr widerständiger, eigenwilliger Mensch.

Wir denken, dass es sich lohnt, sich mit einer so interessanten Person immer wieder abzugleichen. Dazu sollen uns die Büste und der nach ihr benannte Spielort erinnern und auffordern. Deswegen haben wir auch eine tolle Graphic Novel mit Barbara Yelin über die Giehse gemacht. Mich interessiert das Nachdenken über das Schweigen nach 1945: Warum welche Geschichten erzählt wurden – oder eben nicht. Ich denke, das hat sich in Ansätzen geändert. Ich will das nicht überbewerten, aber die Selbstverständlichkeit, mit der wir heute die Therese-Giehse-Halle bezeichnen, verblüfft mich. Als wäre es nie anders gewesen.

Giehses Nachlass in der Monacensia: Was Archiv und Theater verbindet

Giehse war mit Klaus und Erika Mann Mitbegründerin des politischen Kabaretts «Die Pfeffermühle». Die Nachlässe der Mann-Geschwister befinden sich in der Monacensia – wie präsent ist Giehse in Ihrem Haus, Anke Buettner?

Anke Buettner: Sehr präsent. Auch wesentliche Teile ihres Nachlasses sind in unserem Literaturarchiv. Wir erinnern in vielfältiger Form an sie als wegweisende Schauspielerin, als Exilantin, als Jüdin und queere Person.

Unsere Kulturvermittlerin Felicitas Friedrich hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie Therese Giehse, die jüngeren Menschen völlig unbekannt ist, interessant wird. Sie eröffnet durch ihre Biografie und Persönlichkeit ganz unterschiedliche Zugänge – auch für ein heutiges Publikum.

Der Erfolg des Audiowalks «Ja, mei, wohin soll’s schon gehen» bestätigt das. Anne Sophie Kapsner hat sich als Regisseurin der Kammerspiele gemeinsam mit Felicitas Friedrich mit den Originalquellen im Literaturarchiv beschäftigt. Es gab einen Workshop im MK:Campus für junges Publikum zur Quellenarbeit im Literaturarchiv.

Die Giehse ist aber auch jenseits der aktuellen Formate schon lange in Ausstellungen und im Begleitprogramm eine feste Größe. Ihr Nachlass eignet sich sehr gut zur Vermittlung von Archiv- und Quellenarbeit.

Blick in die Vitrine mit Porträt von Erika Mann sowie Therese Giehse in ihrer Rolle die Dummheit zur Pfeffermühle.
Mit der Pfeffermühle kämpfte Erika Mann für ihre Ideale Anstand, Freiheit und Toleranz. Gerade die Figur der Dummheit war indirekt völlig eindeutig. Hier gespielt von Therese Giehse. Ausstellung «Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – Politische Rednerin» (11.10.2019–13.09.2020)

Und wann war Ihre erste Begegnung mit ihr?

AB: Das weiß ich nicht mehr. Ich glaube, ich habe sie als Kind eine Oma spielend im Fernsehen gesehen.

Stellen Sie sich vor, jemand hat noch nie von Therese Giehse gehört. Wie würden Sie ihre Persönlichkeit in nur drei Stichwörtern beschreiben?

AB: willensstark, präsent, sympathisch

BM: Ich stimme Ankes Eindruck zu. Das sind auch Worte, die mir einfallen. Obwohl ich Therese Giehse nicht persönlich kennengelernt habe. Einzig bei sympathisch zögere ich etwas: Sie erscheint mir eher kratzbürstig. Obwohl sie Anekdoten von Zeitgenöss*innen zufolge sehr zugänglich war, besonders gegenüber jungen Menschen. Wenn ich Fotos sehe, bemerke ich auch eine gewisse Traurigkeit – oder eher Melancholie. Eigenwillig fällt mir noch als Beschreibung ein. Als jüdische und lesbische Frau in dieser Zeit zu leben, ist nur möglich, wenn man über große Eigenwilligkeit und große Willensstärke verfügt.

Scharz-weiß-Fotoagrafie von Frau mit aufgestützem Kinn am Tisch sitzend: Therese Giehse.
Therese Giehse in Lavandou, Frankreich. © Schweizer Nationalbibliothek, Sammlung Annemarie-Schwarzenbach A 5-08-244.

Fungiert die Münchner Schauspielerin und Kabarettistin Therese Giehse als eine Art Verbindungspersönlichkeit zwischen den Münchner Kammerspielen als Theater der Stadt und der Monacensia als Münchens literarisches Gedächtnis?

AB: Natürlich tut sie das. Nach außen ist das wahrscheinlich gar nicht so wahrnehmbar. Es braucht dafür viel Hintergrundwissen. Wenn ich mich richtig erinnere, war die Matinee zur Einweihung der Therese-Giehse-Halle unsere erste öffentliche Zusammenarbeit, oder, Barbara?

BM: Ja, Anke, das war die erste Kooperation. Ich habe in der Vorbereitungszeit viel Zeit in der Monacensia verbracht, auch in der damaligen Dauerausstellung. Ein absolut faszinierender Ort für mich. Auch und gerade in seiner Widersprüchlichkeit: die Schönheit des Ortes, des Gartens auf der einen Seite und auf der anderen die Brutalität der Geschichte und Geschichten, die dieses Haus auch als Archiv bewahrt. Da sehe ich die innere Verbindung zwischen der Monacensia und den Kammerspielen: dass wir beide versuchen, auf gewaltvolle Geschichte, Geschichten zurückblicken, uns dem zu stellen und zu begreifen – auch emotional – und nichts auszublenden.

#FemaleHeritage und Female Peace Palace: Würdigung und gemeinsames Festival

Podium in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele mit drei Frauen im Gespräch: Golineh Atai, Françoise Vergès und Kristina Lunz. An der Wand Schriftzug: Theater und Widerstand in Zeiten des Krieges. Female Peace Palace
Auftakt des Female Peace Palace Festivals: Ein Palast für den Frieden? Perspektiven auf 108 Jahre feministische Außenpolitik mit Golineh Atai, Françoise Vergès und Kristina Lunz in der Therese-Giehse-Halle. © Gabriele Neeb.

2020 hat die Monacensia unter Ihrer Leitung, Anke Buettner, das Kulturerbeprojekt #FemaleHeritage gestartet, und mit den Kammerspielen haben Sie das Netzwerk FEMaleSociety initiert. Jetzt wurde die Monacensia-Initiative #FemaleHeritage international gewürdigt: Die Landeshauptstadt München hatte sich damit um den 7. «International Award UCLG – Mexico City – Culture 21» beworben und wurde als einzige europäische Stadt mit einer «Special Mention» bedacht. Was bedeutet das für Ihre Zusammenarbeit?

AB: Die internationale Würdigung ist für die Monacensia etwas ziemlich Besonderes. Für Literaturinstitutionen werden selten Preise ausgelobt. Der Award bezieht sich auf #FemaleHeritage als Teil der städtischen Kulturpolitik und wurde deshalb an die Stadt selbst verliehen. Es dürfen gerne weitere dotierte Preise für die Monacensia direkt folgen …

Barbara, ihr habt dagegen Routine im Preise bekommen: 2026 hat es Preise auf die Münchner Kammerspiele geregnet. Für unsere Zusammenarbeit bedeutet die Auszeichnung hauptsächlich Bestätigung. Ausgezeichnet ist die Kooperation vor allem, weil wir über #FemaleHeritage einen sehr lebendigen und vertrauensvollen Prozess der künstlerischen und kuratorischen Zusammenarbeit begonnen haben.

BM: Eine wunderbare Würdigung für ein großartiges Projekt, das zum Zeitpunkt des Stattfindens zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Umso mehr freut mich diese Auszeichnung.

Unter dem Titel «Theater und Widerstand in Zeiten des Krieges» haben Sie mit Female Peace Palace im April 2023 gemeinsam ein mehrtägiges Festival realisiert. Ausgangspunkt war der «Erste Frauenfriedenskongress» 1915 in Den Haag. Wie blicken sie heute darauf? Was ist geblieben?

Auditorium in de Monacensia, Frau am Mikrophon im Hintergrund Plakat mit Female Peace Palace.
Diskussion zu Assembly von Female Peace Palace. © Gabriele Neeb.

BM: Für mein Gefühl war es etwas zu früh dafür. Angesichts der Dimension dessen, was wir versucht haben zu verhandeln, und der Intensität, wie das rezipiert wurde, hätten wir mehr überregionale Aufmerksamkeit verdient und gebraucht. Das war noch nicht möglich. Zum einen standen wir noch unter dem langen Schatten von Corona. Zum anderen waren wir an den Kammerspielen noch die «Neuen» und dabei, unser Profil in der öffentlichen Wahrnehmung zu schärfen. Ich denke, heute wäre Female Peace Palace von unglaublichem Interesse. Wir machen im Dezember einen Schwerpunkt unter dem Titel «Patriarchat verlernen», der in gewisser Weise anknüpft an die Fragestellungen. Da bemerken wir schon jetzt die große Resonanz. Das hat auch damit zu tun, dass sich das gesamte Themenfeld immer weiter sozusagen in den öffentlichen Diskurs reingefressen hat.

AB: Und doch sind durch das Festival intensive Kontakte und Vernetzungen entstanden, die es jetzt einfach gibt. Wir werden sehr oft darauf angesprochen: von Künstler*innen, Institutionen, Journalist*innen, dem Münchner Publikum … Im Netz lässt sich noch einiges dazu finden. Das Festival als solches ist dokumentiert und «weiterbeschrieben» in dem Buch «Female Peace Palace. Schreiben, Widerstand und Pazifismus im Krieg», das im Verbrecher Verlag erschienen ist.

Bücherstapel Female Peace Palace
Buch zu Female Peace Palace, Verbrecher Verlag. © Gabriele Neeb

Hörspaziergang und Graphic Novel: die Giehse im Stadtraum und auf der Bühne

Zurück zu Therese Giehse: Sie wird regelmäßig im Programm beider Häuser gewürdigt. Zum 50. Todestag im März 2025 gab es in den Kammerspielen eine große «Gala für Giehse». Dafür wurde der erwähnte Hörspaziergang entwickelt. Das Besondere ist, dass man für «Ja, mei, wohin soll’s schon gehen?» lediglich ein Smartphone benötigt. Wie war und ist die Resonanz auf dieses kostenfreie Angebot?

AB: Die Hörspaziergänge waren sehr gut besucht und sind auch im Netz nachvollziehbar. Was uns gut gefallen hat, dass eine Beschäftigung mit den Originalquellen stattfand. Anne Sophie Kapsner und Felicitas Friedrich haben intensiv zusammengearbeitet. Ein Hörspaziergang, der die auditive Bildbeschreibung als Erzählformat miteinbezieht und gleichzeitig eine Persönlichkeit spannend in den Mittelpunkt stellt und sie damit für Menschen unter 40 wieder interessant macht – das ist ein guter Weg für #FemaleHeritage.

BM: Man kann, wie Anke gesagt hat, den Hörspaziergang jederzeit allein machen. Zudem bieten wir einen Gruppenspaziergang an. Das hat eine große Resonanz. Man bewegt sich im Umfeld der Kammerspiele, weil das auch das Lebensumfeld von Therese Giehse gewesen ist. Bei meinem ersten Gang hatte ich das Gefühl, dass ich die Umgebung, in der ich lebe und arbeite, mit den Stimmen der Spieler*innen, die die Originaldokumente lesen, in einer neuen, ganz anderen Tiefe wahrnehmen kann.

Am 23. Oktober steht ein weiteres gemeinsames Projekt an: eine szenische Lesung mit der Schauspielerin Wiebke Puls und der Comic-Künstlerin Barbara Yelin aus der ebenfalls schon erwähnten Graphic Novel «Die Giehse. Ein Leben für das Theater 1898–1975». Dass ein Theater eine Graphic Novel herausgibt, ist ungewöhnlich.

Comic einer Frau in gelb auf einer Terrasse, beschriftet «Ich bin ein alleiniger Mensch.» aus dem Comic von «Die Giehse» von Barbara Yelin
Illustration aus dem Comic «Die Giehse» von Barbara Yelin. © Barbara Yelin

BM: Wir hatten uns von Anfang an vorgenommen, das Leben von Therese Giehse und damit zusammenhängende Fragen in unterschiedlichen Medien und Formaten präsent zu machen – über einige sprachen wir bereits. Es gab verschiedene Ideen, Künstler*innen damit zu beauftragen, Therese Giehse zu porträtieren. Die einer Graphic Novel ist im Kopf geblieben. Die Umsetzung hat etwas gedauert: Gelder mussten gefunden werden und vor allem die passende Künstlerin. Barbara Yelin erschien mir die richtige, sich mit dem komplexen Leben der Giehse auseinanderzusetzen. Nach einigen Gesprächen hat sie zugesagt. Zum Jubiläum haben wir als Theater ein Paperback zum sehr erschwinglichen Preis produziert – damit es möglichst viele Menschen in die Hand bekommen. Nun ist die Graphic Novel auch als Hardcover im Reprodukt Verlag erschienen. Diese Ausgabe lege ich allen ans Herz.

Buchcover einer gezeichneten Frau mit Suppenschüssel in Hand und Löffel am Mund, beschriftet: Barbara Yelin, Die Giehse. Ein Leben für das Theater 1898-1975.
Cover von «Die Giehse» von Barbara Yelin.

Beim Publikumsgespräch mit Wiebke Puls und Barbara Yelin sitzen Sie beide mit auf der Bühne. Wenn Sie sich eine besondere Frage wünschen dürften – welche wäre das?

AB: Schwierig … Wie wird Therese Giehse in unserer Arbeit lebendig? Das ist eine abstrakte Frage, aber sie interessiert mich und sprengt sicher das Podium nach der Veranstaltung.

Und vielleicht: Barbara Mundel hat Therese Giehse mit der gut sichtbaren Umbenennung der Therese-Giehse-Halle wieder in das kollektive Erinnern im Stadtraum gehoben. Das ist ein nachhaltiger und dreidimensionaler Akt des Erinnerns, ein feministischer Akt. Was macht das mit der Stadt, wenn Erinnerung plötzlich andere Vorzeichen bekommt und sich nicht in einem Straßenschild erschöpft? Was passiert, wenn Erinnerung in Bewegung kommt?

BM: Ich hätte eher eine Frage ans Publikum: Mich würde interessieren, ob diese Art des dreidimensionalen Erinnerns, wie Anke das treffend sagt, gelungen ist? Und ob es gelungen ist, sich an Therese Giehse als großartige Schauspielerin zu erinnern, ihr Bild dabei aber mehrdimensional zu machen: um zu zeigen, dass nicht nur ihr Leben von den Nazis bedroht war, sondern auch das Gedächtnis an sie durch Schweigen. Hat das einen Mehrwert fürs Publikum?

Interview: Tina Rausch

Porträt einer älteren sitzenden Frau mit roten Pullover und Brille: Barbara Mundel
Barbara Mundel, Münchner Kammerspiele © Sandra Singh

Barbara Mundel, geboren in Hildesheim, arbeitet seit den 1980er-Jahren als Dramaturgin und Regisseurin. Stationen ihrer Laufbahn waren unter anderem Basel, die Volksbühne Berlin, die Münchner Kammerspiele, die Ruhrtriennale, die Oper Frankfurt und die Salzburger Festspiele. Nach Leitungspositionen am Luzerner Theater (1999 – 2004) und am Theater Freiburg (2006 – 2017), wo sie die Idee eines «Stadttheaters der Zukunft» prägte, ist sie seit 2020 Intendantin der Münchner Kammerspiele. Dort etablierte sie das erste feste inklusive Ensemble an einem deutschsprachigen Theaterhaus und setzte unter anderem den Themenschwerpunkt «Geschichte als Arbeit an der Gegenwart». Zahlreiche Einladungen zum Berliner Theatertreffen belegen den künstlerischen Erfolg des Hauses unter ihrer Intendanz.

Anke Buettner. © Eva Jünger
Anke Buettner. © Eva Jünger

Anke Buettner leitet seit 2019 die Monacensia im Hildebrandhaus. Ihr Fokus liegt auf Digitalität und OpenGLAM. Als Kuratorin beschäftigt sie sich intensiv mit der Neudefinition des Literaturmuseums und einer Erinnerungskultur der Vielen. Sie engagiert sich im Kuratorium des Deutschen Literaturfonds, der Stiftungskommission des Archivs der deutschen Frauenbewegung und bei Thomas Mann International. Sie ist Initiatorin des Forschungsprojekts #FemaleHeritage und des Netzwerks FEMale*Society, einer Kooperation von Monacensia und Münchner Kammerspiele. 2023 erhielt sie die Karl-Preusker-Medaille.

Veranstaltungstipps: Therese Giehse, Grete Weil und Christa Reinig im Herbst 2026

Die Erinnerungsarbeit von Münchner Kammerspielen und Monacensia könnt ihr im Oktober und November 2026 live erleben. Auf die szenische Lesung zu Therese Giehse folgen vier Veranstaltungen zu Grete Weil und ein Abend für Christa Reinig.

Therese Giehse – szenische Lesung und Gespräch
Am 23. Oktober um 20 Uhr bringen Wiebke Puls und Barbara Yelin die Graphic Novel «Die Giehse. Ein Leben für das Theater 1898–1975» in die Therese-Giehse-Halle. Anschließend sprechen sie mit Barbara Mundel und Anke Buettner; Christoph Leibold moderiert. Informationen und Tickets

Grete Weil – szenische Lesung
«Oft wollte ich weglaufen, nie habe ich es getan»: am 15./16. Oktober und 4. November im Werkraum. In der Monacensia am 9. November.

Christa Reinig – Lesung und Gespräch
«Queere Literatur & #FemaleHeritage: Ein Abend für Christa Reinig»: am 19. November um 19 Uhr in der Monacensia. Eine Kooperation mit den Münchner Kammerspielen und dem Forum Queeres Archiv. Lesende stellen ihre Lieblingstexte vor. Eintritt frei, Anmeldung erforderlich.

Menschenmenge vor der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele.
Beginn des Female Peace Festivals. Die vorherige Kammer 2 der Münchner Kammerspiele heißt seit der Spielzeit 20/21 «Therese-Giehse-Halle». © Gabriele Neeb.

Therese Giehse: Theatergeschichte und literarisches Gedächtnis Münchens

Therese Giehse (1898–1975) war eine Münchner Schauspielerin und Kabarettistin. Anfang 1933 gründete sie mit Erika und Klaus Mann das politische Kabarett «Die Pfeffermühle» und ging ins Exil. Ab 1949 stand sie wieder an den Münchner Kammerspielen auf der Bühne. Dort trägt heute die Therese-Giehse-Halle ihren Namen, und als einzige Frau ist sie mit einer Büste im Foyer vertreten. Mit Barbara Yelins Graphic Novel haben die Kammerspiele zudem eine künstlerische Auseinandersetzung mit ihrem Leben angestoßen.

Die Monacensia bewahrt wesentliche Teile von Giehses Nachlass. Wie sich Theater und Literaturarchiv ergänzen, zeigt der gemeinsam entwickelte Hörspaziergang: Schauspieler*innen lesen Originaldokumente aus dem Archiv, und die Hörenden erleben den Stadtraum dabei neu. Die Zusammenarbeit beider Häuser reicht über Giehse hinaus, wie auch die szenische Lesung zu Grete Weil im Oktober und November 2026 zeigt.

Für die Monacensia ist diese Verbindung von Quellenarbeit und künstlerischer Vermittlung Teil des Kulturerbeprojekts #FemaleHeritage. Der Überblick über Projekte und Initiativen 2020–2025 dokumentiert auch die Zusammenarbeit mit den Kammerspielen. Im Resümee zu fünf Jahren #FemaleHeritage erläutert Anke Buettner, wie solche Kooperationen das literarische Gedächtnis Münchens erweitern.

Weiterlesen: Warum galt die lesbische Schauspielerin als das Gesicht der Mutter im deutschen Theater? Lisa Jeschke untersucht das in «Lasst uns über Gender reden!» und liest Giehse und Erika Mann queer.


Zitierempfehlung:
Barbara Mundel und Anke Buettner im Gespräch mit Tina Rausch, «Therese Giehse: Wie Kammerspiele und Monacensia die Exilantin zurück in den Stadtraum holen», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 7.10.2026, URL: https://mon-mag.de/therese-giehse-muenchner-kammerspiele-monacensia-interview/, ISSN 2944-3776.

Autor*innen-Info

Profilbild Tina Rausch

Dies ist ein Gastbeitrag von Tina Rausch

Tina Rausch, 1970 in München geboren, studierte Neuere Deutsche Literatur und Erziehungswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität. Ihre interdisziplinäre Magisterarbeit schrieb sie über die pädagogische Rezeption der bildungskritischen Schülerromane um die Jahrhundertwende am besonderen Beispiel von Thomas Manns „Buddenbrooks“ und Robert Musils „Törleß“. Seit ihrem Abschluss ist sie als freie Redakteurin, Lektorin und Literaturvermittlerin tätig. Sie schreibt für verschiedene Medien, organisiert und moderiert Veranstaltungen, erstellt Unterrichtsmaterialien und publizierte mit Ulrich Kirstein die „Allgemeinbildung deutsche Literatur für Dummies“ (Wiley-VCH). Die von ihr konzipierten und geleiteten literarischen Workshops und Fortbildungen für Jugendliche und Erwachsene fokussieren unter anderem Schnittstellen zur Kunst sowie verschiedene Präsentationsformen. www.tina-rausch.de

Foto: © privat

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