Arbeit des Eingedenkens: Der Jüdische Verlag und das jüdische Verlagswesen in Deutschland nach 1945

Historisches Foto: Drei Männer stehend, davor zwei sitzend: Gründer des Jüdischen Verlags 1902, sitzend Berthold Feiwel, Martin Buber; stehend E. M. Lilien, Chaim Weizmann, Davis Trietsch (gemeinfrei)

Als der Jüdische Verlag 1992 neu gegründet wurde, sollte etwas wieder sichtbar werden, das in Deutschland fast ausgelöscht worden war. Erika Thomalla zeichnet die Geschichte des Jüdischen Verlags von seiner Gründung 1902 über die Vernichtung im Nationalsozialismus bis zur Wiederbelebung unter Suhrkamp nach. Im Zentrum stehen Rachel Salamander, die Arbeit des Erinnerns und die Bedeutung jüdischer Verlage für die Gegenwart.

Dieser Text ist ein Beitrag zum Ausstellungsdossier «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv».

Der Jüdische Verlag: Gründung, Vernichtung und Wiederbelebung

Als Siegfried Unseld im Februar 1992 im Jüdischen Gemeindehaus in Frankfurt das erneuerte Programm des Jüdischen Verlages vorstellte, formulierte er eine ambitionierte Aufgabe: Der Verlag wolle Bücher verlegen, die «jüdische Lebenswelten überall auf der Erde» wieder «verstehbarer und selbstverständlicher machen können».

Die Selbstverständlichkeit, die der Verlag erzeugen wollte, war also auch über vierzig Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft und der Shoah nicht gegeben. Unseld verwies auf einen Verlust – und tatsächlich war die Veranstaltung angesichts der Vernichtung und Vertreibung der deutschen Juden und Jüdinnen nicht gerade «von festlicher Zuversicht getragen», wie der Kritiker Jörg Drews in der Süddeutschen Zeitung notierte. Dennoch gab es die Hoffnung, dass die verlegerische Arbeit mit der Zeit etwas wiederherstellen könne, was zerstört worden war.

Diese Spannung – zwischen dem Anspruch und dem Bewusstsein, unter welchen Bedingungen er eingelöst werden müsste – zieht sich durch die gesamte Nachgeschichte des Jüdischen Verlages und der jüdischen Verlagslandschaft in Deutschland nach 1945.

Gründung, Blütezeit und Vernichtung (1902–1938)

Der 1902 in Berlin von einer Gruppe junger Zionisten um Martin Buber, Berthold Feiwel, Davis Trietsch und Ephraim Moses Lilien gegründete Jüdische Verlag war innerhalb der deutschsprachigen Verlagslandschaft ein Novum: ein kulturzionistisches Unternehmen, das, wie der Historiker Matthias Hambrock formuliert, den Erneuerungsgedanken zur «Leitlinie» seiner verlegerischen Praxis erhob und dabei sowohl ästhetisch als auch volkspädagogisch ambitioniert war.

Das von Lilien entworfene Signet – Menora und Davidsstern vor den Initialen des Verlages, im Jugendstil-Kreisrahmen – war programmatisch. Literatur, Kunst und Wissenschaft sollten zu einer neuen jüdischen Selbstverständlichkeit beitragen und zugleich ost- und westjüdische Kulturen einander annähern.

Signet des Jüdischen Verlages, 1902.
Ephraim Moses Lilien, Signet des Jüdischen Verlages, 1902. Wikimedia Commons (gemeinfrei)

Die Blütezeit des Verlages fiel in die 1920er-Jahre. Siegmund Kaznelson, seit 1921 Leiter und seit 1925 Eigentümer, entwickelte und formte ihn mit seinem ursprünglich rein zionistischen Programm zu einem umfassenderen Verlag deutsch-jüdischer Geisteskultur. Zu den Hauptwerken dieser Phase gehörten:

  • die zwölfbändige Talmud-Übersetzung von Lazarus Goldschmidt (1930–1936)
  • das fünfbändige Jüdische Lexikon (1927–1930)

1933 begann die nationalsozialistische Ghettoisierung des jüdischen Buchwesens. 1937 wurden die restlichen Bücher des Verlages beschlagnahmt und vernichtet, im selben Jahr emigrierte Kaznelson nach Palästina. Ende 1938 wurde der Verlag, wie alle verbliebenen jüdischen Verlage, zwangsweise aufgelöst. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt unter dem Eindruck der politischen Repressionen allerdings bereits weitgehend selbst aufgelöst.

Schon vor seiner Emigration hatte Kaznelson entscheidende Aktenbestände eigenhändig vernichtet. Teile des Verlagsarchivs gelangten nach Jerusalem, wo die spätere Nachlassverwalterin Ilse Walter sie über viele Jahre in ihrer Obhut hielt. In Jerusalem betrieb Kaznelson zeitweilig ein Kunst- und Auktionshaus.

Restitution und Wiedergründung nach 1945

1958 beschloss Kaznelson, den Jüdischen Verlag in Berlin zu restituieren. Das Programm blieb allerdings ohne nennenswerte Resonanz beim deutschen Publikum. Kaznelson starb 1959, kurz zuvor war der Band «Juden im deutschen Kulturbereich» (wieder-)erschienen, der 1934/35 von der Gestapo verboten worden war. Nach seinem Tod führte Ilse Walter als seine Erbin den Verlag formal weiter, bis sie die Rechte 1978 an den Athenäum Verlag verkaufte.

Dass der Jüdische Verlag die Nachkriegsjahrzehnte überlebte, verdankt sich also einer Serie von Übernahmevorgängen: Unter Athenäum, wo Axel Rütters und Julius Schoeps das Programm verantworteten, firmierte er als rechtlich unselbstständiger Tochterverlag. Als Athenäum 1989 Konkurs anmeldete, wurde er herausgelöst und 1990 als Tochtergesellschaft des Suhrkamp Verlages weitergeführt, der in den Nachkriegsjahrzehnten verschiedentlich Bücher jüdischer Autorinnen und Autoren wie Walter Benjamin oder Hans Jonas publiziert hatte. Siegfried Unseld beschrieb den Anstoß für diese Übernahme rückblickend als «Verpflichtung»: Es sei der Wunsch von Ignatz Bubis gewesen, dass er als Verleger den Jüdischen Verlag übernehme.

Rachel Salamander und der neue Jüdische Verlag

Zur inhaltlichen Gestaltung des erneuerten Jüdischen Verlages trug von Beginn an Rachel Salamander bei – in Unselds Worten eine «Beraterin der ersten Stunde», die schon im Sommer 1990 an den ersten Sitzungen zur Programmentwicklung teilnahm. Salamander riet Unseld zu konkreten Programmentscheidungen wie

  • die Reihe der Jüdischen Städtebilder,
  • der Jüdische Almanach oder
  • Emmanuel Lévinas als Autor.

Unseld schätzte ihren Rat besonders, weil sie in der Lage sei, «ein Buch oder ein Manuskript aus allen möglichen Perspektiven zu beurteilen» und dennoch am Schluss zu sagen, ob der Verlag es auch verkaufen könne. Diese Verbindung wissenschaftlicher, literarischer und buchhandlerischer Kompetenz gründet in Salamanders Biografie: Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik, wurde 1980 promoviert und eröffnete 1982 die Literaturhandlung in München – die erste Fachbuchhandlung für Literatur zum Judentum in Deutschland.

Das Programm, das der Jüdische Verlag seit 1992 unter Leitung des Lektors Thomas Sparr entwickelt hat, lässt sich in folgenden Schwerpunkten beschreiben, die Salamanders Beratungsimpulse aufnehmen.

  1. Eine Arbeit des Gedächtnisses: Der Verlag begreift sich als Unternehmen des «Eingedenkens» – im Sinne Walter Benjamins, der als Autor des Hauses die Formel prägte – und verlegt Publikationen zur Geschichte der Shoah ebenso wie Zeugnisliteratur und historische Analysen.
  2. Die Erschließung jüdischer Kulturgeschichte und Wissenschaft steht im Zentrum: Wesentliche Bestandteile des Programms sind – neben den beiden oben genannten Standardwerken aus der Kaznelson-Zeit – Gershom Scholem, dessen Gesamtwerk zum Fundament des Verlages gehört, sowie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit jüdischer Mystik, Geschichte und Philosophie. Hinzu kommen Schriftenreihen wie der Jüdische Almanach, der seit seiner Gründung jährlich ein Thema deutsch-jüdischer Geschichte und Gegenwart erschließt, sowie die Reihe der Jüdischen Städtebilder, die jüdisches Leben in europäischen Städten dokumentiert.
  3. Die Literatur: Der Verlag publiziert das Werk kanonischer Autorinnen und Autoren hebräischer und jiddischer Literatur wie Samuel Josef Agnon, Else Lasker-Schüler, Isaac Bashevis Singer, Jehuda Amichai. Dazu kommen zeitgenössische Autorinnen und Autoren wie Doron Rabinovici, Lizzie Doron oder Robert Schindel.
  4. Dass Salamander von Beginn an auf Lévinas als Autor gedrängt hatte, verweist auf einen vierten Aspekt: philosophisch-theologische Texte, die das Verhältnis von Judentum und europäischer Moderne denken. 2015 trat Salamander dem Aufsichtsrat des Suhrkamp Verlages bei, dem sie bis 2024 angehörte.
Blick in die Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv». Fotowand mit Rachel Salamander.
Blick in die Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv». Fotowand mit Rachel Salamander. © Thomas Dashuber.

Jüdische Verlage nach 1945: Leserschaften und kultureller Wandel

Beide Institutionen – der Jüdische Verlag im Suhrkamp-Haus und die Literaturhandlung – entstanden unter vergleichbaren strukturellen Bedingungen: Die Einheit von jüdischen Autoren und Autorinnen, Themen, Verlagen, Lesern und Leserinnen, die für die Blütezeit um 1900 charakteristisch gewesen war, hatte sich nach 1945 aufgelöst. Die Leserschaft war ermordet, emigriert oder zerstreut; in Deutschland lebten 1992 noch etwa 30.000 Juden und Jüdinnen. Das Jüdische leitete sich daher zunächst fast ausschließlich vom Thema her – und das jüdische Buch wurde, unter diesen Bedingungen, vor allem ein Medium der kulturellen Erinnerung und Vermittlung an ein überwiegend nichtjüdisches Publikum.

Diese Konstellation hat sich seither erheblich verändert. Mit der Zuwanderung jüdischer Gemeinden aus der ehemaligen Sowjetunion nach 1990 ist die jüdische Bevölkerung in Deutschland auf heute rund 200.000 Menschen angewachsen. Es gibt wieder eine sichtbarere jüdische Öffentlichkeit, die auch als Produzentin kultureller Güter auftritt.

Der Jüdische Verlag im Suhrkamp-Haus hat sich in den mehr als dreißig Jahren seit der Wiedergründung als Archiv und Weiterschreibung der deutschen Judaistik positioniert.

Neue jüdische Verlage in Deutschland

Dass seit einigen Jahren neue Verlage mit jüdischem oder hebräischem Schwerpunkt entstehen, ist Ausdruck dieser veränderten Konstellation.

Der 2011 in Berlin gegründete Neofelis Verlag hat mit der Reihe Jüdische Kulturgeschichte in der Moderne (seit 2012) und der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart (seit 2017) einen kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt entwickelt, der explizit auf aktuelle jüdische Gegenwartsdiskurse zielt und dabei neue, auch postmigrantische Stimmen einbezieht.

Auffälliger noch ist Altneuland Press: 2024 ebenfalls in Berlin gegründet, beschreibt sich der Verlag als der erste hebräischsprachige Verlag außerhalb Israels seit 1948. Das Konzept beruht auf einer transnationalen Auffassung des Hebräischen als diasporische Sprache. Dass ein solches Unternehmen in Berlin entsteht, knüpft, freilich unter anderen Vorzeichen, an die Funktion der Berliner jüdischen Verlage der Weimarer Republik an, die als intellektuelle Brücke zwischen ost- und westeuropäischem Judentum fungierten.

Historisches Foto: Drei Männer stehend, davor zwei sitzend: Gründer des Jüdischen Verlags 1902, sitzend Berthold Feiwel, Martin Buber; stehend E. M. Lilien, Chaim Weizmann, Davis Trietsch (gemeinfrei)
Gründer des Jüdischen Verlags 1902, sitzend Berthold Feiwel, Martin Buber; stehend E. M. Lilien, Chaim Weizmann, Davis Trietsch. (gemeinfrei)

Warum die Arbeit des Eingedenkens fortdauert

Dass die Arbeit dieser Verlage notwendig bleibt, zeigt die Gegenwart nachdrücklich. Der seit dem 7. Oktober 2023 wieder offen zutage getretene Antisemitismus in Deutschland macht deutlich, dass die Verständigung zwischen jüdischer und nichtjüdischer Öffentlichkeit, die Unseld 1992 als Ziel des Jüdischen Verlages und Salamander als Bestimmung der Literaturhandlung formuliert hatten, keine erledigte historische Angelegenheit ist. Was damals als kein «Akt festlicher Zuversicht» beginnen konnte, bleibt eine fortdauernde kulturelle und politische Aufgabe.

Literatur

  • Drews, Jörg: Paradoxie ist ein Merkmal der Wahrheit. In Frankfurt wurde der neue Jüdische Verlag vorgestellt. In: Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 1992.
  • Hambrock, Matthias: Das ‹jüdische Buch› und seine Verlage im deutschsprachigen Raum. In: Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur, hg. v. Hans Otto Horch. Berlin/Boston: De Gruyter, 2016, S. 537–554.
  • Schenker, Anatol: Der Jüdische Verlag 1902–1938. Zwischen Aufbruch, Blüte und Vernichtung. Tübingen: Niemeyer, 2003.
  • Unseld, Siegfried: Rachel Salamander und der neue Jüdische Verlag. In: Ich handle mit Vernunft. Ein Almanach zum fünfzehnjährigen Bestehen der Literaturhandlung, hg. v. Barbara Picht. München: C.H.Beck, 1997, S. 101–103.

Der Jüdische Verlag und die Geschichte jüdischer Verlage in Deutschland
Der 1902 gegründete Jüdische Verlag zählt zu den prägenden Institutionen deutsch-jüdischer Kulturgeschichte. Nach seiner Zerschlagung im Nationalsozialismus wurde er 1958 restituiert und ab 1990 unter dem Dach des Suhrkamp Verlags neu aufgebaut. Rachel Salamander prägte diesen Neuanfang maßgeblich mit und wurde zu einer wichtigen Vermittlerin von Literatur zum Judentum sowie jüdischer Kultur in Deutschland. Die Geschichte des Verlags steht exemplarisch für die Entwicklung jüdischer Verlage in Deutschland nach 1945 – zwischen Erinnerung, kultureller Vermittlung und neuer jüdischer Öffentlichkeit.


Zitierempfehlung:
Erika Thomalla: «Arbeit des Eingedenkens: Der Jüdische Verlag und das jüdische Verlagswesen in Deutschland nach 1945», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 5.8.2026, https://www.mon-mag.de/juedische-verlage-deutschland-nach-1945, ISSN 2944-3776.

Autor*innen-Info

Profilbild Erika Thomalla

Dies ist ein Gastbeitrag von Erika Thomalla

Erika Thomalla ist Professorin für Buchwissenschaft und Digitale Buchkultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor forschte und lehrte sie an der Humboldt-Universität zu Berlin; internationale Stationen führten sie unter anderem an die Cornell University und die Georgetown University. Promoviert wurde sie mit einer Arbeit zur Geschichte der Herausgeberschaft im 18. und 19. Jahrhundert. Seit 2023 leitet sie das DFG-Netzwerk «Zusammenarbeiten. Praktiken der literarischen Kollaboration». In ihrem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigt sie sich mit der Zeitschriftenliteratur und deren Bedeutung für die Wahrnehmung von Gegenwart. Neben Literatur- und Medienwissenschaft studierte Thomalla auch Gesang und Musiktheater. Foto: © Manu Theobald

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