Die Historikerin und Schriftstellerin Dana von Suffrin verbindet das Studium historischer Quellen mit dem Versuch einer besonderen literarischen Gestaltung der Ergebnisse. Irmela von der Lühe untersucht den Roman und das Hörspiel «Otto» sowie die Hörspiele «Blut» und «Nie wieder gut». Sie zeigt, mit welchen literarischen Mitteln Dana von Suffrin jüdische Familiengeschichte, antisemitische Gewalt und den Fall Philipp Auerbach vergegenwärtigt.
Der Beitrag ist Teil 2 einer dreiteiligen Reihe von Irmela von der Lühe für das Ausstellungsdossier «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv»*.
Dana von Suffrins Werk: Romane und Hörspiele
Sie ist Historikerin und wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einer Arbeit über die «botanischen Zionisten» promoviert. 2021 und damit im gleichen Jahr, da auch ihre Dissertation unter dem Titel «Pflanzen für Palästina» erschien, produzierte der Bayerische Rundfunk (BR) ihr erstes Hörspiel: die Radio-Fassung ihres hochgelobten Debütromans «Otto» aus dem Jahre 2019. Mit rasantem Tempo hat sich Dana von Suffrin (geb. 1985) einen Namen als Romanschriftstellerin, Hörspielautorin und – nicht zuletzt unter dem Eindruck des 7. Oktober 2023 – als Essayistin erschrieben.
Nach «Otto», dem autobiografisch grundierten Roman über einen grotesk-autoritären, tyrannisch-skurril in seine Töchter vernarrten Vater, und «Nochmal von vorne» (2024), einer erweiterten und veränderten Familienerzählung, ist im Frühjahr 2026 ihr dritter Roman erschienen. «Toxibaby» wird schon wenige Tage nach Erscheinen von den Feuilletons bejubelt; auch hier wieder wird der lakonisch-komische, diagnostisch-präzise und dabei stets milieu- und sozialkritisch inspirierte Erzählton Dana von Suffrins gelobt. Ihre Lust am Erzählen – so spürt man in fast jeder Zeile – entstammt einem besonderen Gespür für Komik und Tragik, für die Irrationalität und Rationalität kommunikativer Konstellationen in einer Welt toxischer Beziehungen und traumatisierender subjektiver und generationeller Erfahrungen.
Dana von Suffrin hat inzwischen mehrere Hörspiele mit dem BR produziert. Sie alle zeugen auf je eigene Weise von der theatralisch-inszenatorischen Sprach- und Gestaltungskraft einer Erzählerin, die Chronistin und Kritikerin, aber – im übertragenen Sinne – auch Regisseurin ihrer eigenen Texte zu sein vermag.
Vom Roman zum Hörspiel: «Otto» und «Nochmal von vorne»
Man kann die Hörspielfassung von «Otto» als Transformation eines bereits abgeschlossenen Romans in ein anderes Medium bezeichnen, sodass eine stark dialogisch und szenisch komponierte Romanwelt nun auch wirklich hörbar wird. Und selbst wenn man darin «nur» die Überführung eines bestehenden Werkes in eine andere Gattung sieht: Die akustische, durch eine klug konzipierte Abfolge von Tönen und Stimmen gestaltete Fassung von «Otto» erweitert und erneuert die Begegnung mit einem faszinierenden Roman. In den nicht selten absurden Ansprüchen Ottos an seine Töchter, im Porträt eines Vaters, der einer untergegangenen, osteuropäisch-jüdischen Welt entstammt und sich die Geschichte seiner Familie von der Tochter aufgeschrieben wünscht – in all diesen Themen und Motiven wird jüdische Familiengeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts direkt hörbar. Auch der Roman «Nochmal von vorne» liegt seit 2024 in einer Hörspielfassung vor.

Hörspiele über Antisemitismus und deutsch-jüdische Geschichte
Drei weitere Hörspiele Dana von Suffrins zeugen hingegen von einem anderen Umgang mit dem Medium. Denn die in «Blut» (2022), «Unter uns» (2024) und «Nie wieder gut» (2025) zu hörenden Geschichten behandeln im historisch-politischen Sinne unerhörte Geschehnisse, außergewöhnliche Persönlichkeiten beziehungsweise alltägliche Begebenheiten der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte.
«Blut»: Ritualmordlegende und Pogrom in Konitz
So wird einer der größten antisemitischen Exzesse im Kaiserreich im Medium des Radios, und dort in der Form des Hörspiels, zugänglich: das Mordgeschehen im westpreußischen Konitz im Jahre 1900. Das beginnt bereits mit dem Titel: «Blut» greift das zentrale Motiv der antisemitischen Ritualmordlegenden auf, wonach Juden und Jüdinnen für die Mazze (das ungesäuerte Fladenbrot) zum Pessachfest das Blut christlicher Kinder benötigen. Im März 1900 brechen sich in Konitz solche verleumderischen Legenden auf aggressive Weise Bahn, als binnen Kurzem das Verschwinden eines christlichen Schülers, dessen (sorgfältig) zerstückelte Leiche wenig später aufgefunden wird, der jüdischen Bevölkerung von Konitz in die Schuhe geschoben wird.
Ein aus Berlin entsandter Untersuchungsrichter fungiert in Dana von Suffrins Hörspiel zugleich als Erzähler: Behutsam und präzise kommentiert er das aus Akten und Verhandlungsprotokollen rekonstruierte Geschehen und rückt es auf fast poetische Weise in seinen Kontext: «1900 – Die Moderne schlich sich an uns heran wie ein zahmes Tier» lauten die ersten Sätze, die das archaisch-blutrünstige Geschehen in einer Welt ausbrechen lassen, die sich doch eigentlich Toleranz und Fortschritt, moderne Technik und aufgeklärte Verhältnisse verordnet hatte.

«Die Schauermärchen aus dem Mittelalter» indes bringen die Wiederkehr des auch durch die Moderne nicht überwundenen Ressentiments: Die Aktualisierung des Irrational-Widervernünftigen bedient sich – so die in den Stimmen des Hörspiels eindrücklich vergegenwärtigte Erfahrung – des Judenhasses, der jederzeit aktivierbaren Vor- und Falschurteile, gegen die auch ein gesetzestreuer und um Aufklärung bemühter Untersuchungsrichter machtlos ist.
«Konitz wird langsam verrückt», konstatiert der Erzähler nicht ohne Grund, die Juden und Jüdinnen der Stadt sind «vogelfrei», die Behörden «überfordert». Allein durch seine akustische Komposition vergegenwärtigt Dana von Suffrin mit diesem Hörspiel ein im Übrigen juristisch niemals aufgeklärtes Mordgeschehen aus dem Jahre 1900: Man hört unterschiedliche Stimmen aus der Bevölkerung von Konitz, von Zeugen, Nachbarinnen, Freunden des Mordopfers und Angehörigen des fälschlich Beschuldigten; man folgt der ruhig distanzierten Stimme des Erzählers und Untersuchungsrichters. Das dissonante Konzert der Stimmen wird von schrillen Tönen, hetzerischen Lauten und musikalischen Signalen durchzogen, die der aggressiven Dynamik des Pogromgeschehens ihren akustischen Ausdruck verleihen.
Der Entstehung und Komposition dieses Hörstücks aus der Geschichte des Antisemitismus im frühen 20. Jahrhundert war – so hat Dana von Suffrin selbst berichtet – ein intensives Quellen- und Aktenstudium in den Archiven vorausgegangen. Die Historikerin, von Berufs wegen vom Aufspüren und Auswerten ungenutzter historischer Quellen fasziniert, will ihre Funde freilich bewusst nicht dem wissenschaftlichen Aufsatz oder dem historischen Sachbuch überlassen.
«Nie wieder gut»: Philipp Auerbach und der Antisemitismus nach 1945
Im Hörspiel sucht und findet Dana von Suffrin eine literarische Form, in der sich die eigentliche, in den Archivquellen lediglich konservierte Dramatik des historischen Geschehens künstlerisch lautstark vergegenwärtigen lässt. Das gilt für «Blut» und – nicht minder brisant – ebenso für ihr jüngstes, im November 2025 veröffentlichtes Hörspiel über den Holocaust-Überlebenden und ersten Direktor des Bayerischen Landesentschädigungsamtes Dr. Philipp Auerbach. Diese vielzitierte «Gegenwart der Vergangenheit» wird in «Nie wieder gut» auf besonders wirkungsvolle Weise zum Thema.
Deutsch-jüdische Geschichte liefert auch hier den historischen Rahmen. Auch hier geht es um die erfolgreiche manipulative Reproduktion antisemitischer Aggressivität, und dies in den ersten Nachkriegsjahren in Bayern, genauer: in München. Die Geschichte von Philipp Auerbach (1906–1952) illustriert auf bestürzende Weise das bürokratische, mentale und existenzielle Chaos in der sogenannten Stunde Null: Auerbach war als jüdischer Überlebender 1946 durch die amerikanische Besatzungsbehörde zum «Staatskommissar für rassisch, religiös und politische Verfolgte» ernannt worden. Als Leiter des «Bayerischen Landesentschädigungsamtes» tat er alles, um den Tausenden von Überlebenden, die in München auf finanzielle Hilfe angewiesen waren, auf Ausreisepapiere, Lebensmittelkarten, Unterkunft und Versorgung warteten, zu helfen – und setzte dafür in seinem Behörden-Apparat auch unkonventionelle Mittel ein.
Die «Stunde Null» freilich hat es nie gegeben, denn die Geschichte des «Robin Hood von München» ist eben auch eine Geschichte des fortdauernden Antisemitismus. Rivalitäten und Feindschaften, Karrierekalkül und schierer Opportunismus durchkreuzen sich in einer von Politik, Justiz und Medien gesteuerten Intrige, in deren Verlauf von Amts wegen verhindert wurde, dass «ein Jude als König von Bayern» firmiert. Die gelegentlich durchaus unbürokratischen Hilfsmaßnahmen, die Philipp Auerbach zugunsten der jüdischen Displaced Persons, aber auch anderer Verfolgter des NS-Regimes ermöglichte, vor allem aber sein Bemühen darum, die Verantwortlichen für die Verbrecher wann immer möglich vor Gericht zu bringen, trugen ihm die mehrmonatige Schließung des Amtes, persönliche Verhaftung und schließlich einen Prozess ein. Er wurde des Betrugs, der Unterschlagung, der Veruntreuung angeklagt und im März 1952 zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt.
Im Prozess und schon zuvor sah Auerbach sich Ministern und Amtsträgern gegenüber, die als NSDAP-Angehörige an «Arisierungen» direkt mitgewirkt und entsprechend profitiert hatten. Noch am Tage der Urteilsverkündung nahm sich Philipp Auerbach das Leben, zwei Jahre später wurde er durch einen Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags rehabilitiert.

Vielstimmig und perspektivenreich vergegenwärtigt Dana von Suffrin in ihrem Hörspiel dieses Geschehen, das für die Bewusstseinsgeschichte der frühen Bundesrepublik, vor allem aber für die Fortdauer des Antisemitismus von entscheidender Bedeutung ist. Kaum überraschend ist es erst in den vergangenen Jahren jenseits der historiografischen Forschung ins kollektive Bewusstsein gerückt worden.
Dana von Suffrins Hörspiel sowie das an den Münchner Kammerspielen im Dezember 2025 aufgeführte Musical «Play Auerbach!» von Avishai Milstein haben daran entscheidenden Anteil. Beide zeigen mit künstlerisch unterschiedlichen Mitteln, dass nach 1945 nichts «wieder gut» wurde. Vielmehr konnte im Gegenteil eines der wichtigsten Elemente antisemitischer Rhetorik und Argumentation mit erneuerter Kraft seine Wirkung entfalten: die Behauptung, die Juden und Jüdinnen machten «aus ihren Schmerzen Geld», verdienten an den Schuldgefühlen der Deutschen und bereicherten sich mithilfe «ihres» Kommissars Auerbach.
Die Infamie einer solchen Argumentation und ihre institutionell-juristische Absicherung durch Verhaftung, Prozess und Urteil gegen Philipp Auerbach gewinnt in Dana von Suffrins Hörspiel sinnlich stimmliche Authentizität. Das ungeheuerliche Geschehen um ihn wirkt wie ein Brennspiegel deutsch-jüdischer Geschichte der Bundesrepublik. Aber man liest es nicht, man studiert es nicht, man hört es mit angehaltenem Atem. Und vor allem hört man die warnenden, verängstigten Stimmen jener Zeitgenossen und Zeuginnen, die sich sicher waren:
Das wird schlimm enden mit dem Auerbach … Es wird ein böses Ende nehmen mit dem Dr. Auerbach.
Jüdische Familiengeschichte und Schreiben nach dem 7. Oktober 2023
Politik und Zeitgeschichte, vor allem die Vor- und Nachgeschichte der Shoah bestimmen auf je unterschiedliche Weise das schriftstellerische Werk Dana von Suffrins: In ihren Romanen vergegenwärtigt sie die Folgen des «Zivilisationsbruchs» aus lebens- und familiengeschichtlicher Perspektive und mit besonderem Gespür für die skurrilen Seiten des Alltags. Ihre Hörspiele hingegen zielen auf das unmittelbare Erleben und Verstehen signifikanter historischer Ereignisse oder Persönlichkeiten, deren Bedeutung und Wirkung für die Gegenwart fraglos ist.
Fraglos ist auch die Zäsur, die der 7. Oktober 2023 für Dana von Suffrins Erleben und schriftstellerisches Selbstverständnis bildete. In einem Essay für den «Spiegel» spricht sie im November 2023 nicht nur von sich selbst:
Jüdische Millennials haben sich meist sehr genau mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt. Wie auch nicht? Sie haben wegen der Schoa oft sehr kleine Familien. Die meisten sind mit Eltern und Großeltern aufgewachsen, die die merkwürdigsten Angewohnheiten hatten. Mein Vater etwa, Jahrgang 1936, lief bis zu seinem Tod 2018 immer mit einem Täschchen mit kopierten Ausweisen und Geburtsurkunden seiner drei Töchter herum – sollte er auf dem Weg zur Arbeit überraschend deportiert werden, wollte er auf deutsche bürokratische Hürden vorbereitet sein. Ja, die Gedankenwelt von Juden und Jüdinnen ist eine andere. Seit dem Hamas-Terroranschlag wissen wir wieder, wieso wir ständig von Gewalt und Reiterhorden und Leichenbergen träumen. Das Deutschland, vor dem unsere Eltern uns immer gewarnt haben, ist genau so, wie sie es uns beschrieben haben.

Erwähnte Werke von Dana von Suffrin:
- Pflanzen für Palästina: Otto Warburg und die Naturwissenschaften im Jischuw. Tübingen 2019.
- Otto. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019.
- Nochmal von vorne. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024.
- Toxibaby. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026.
Hörspiele:
- Otto, Regie: Stefanie Ramb, Bayerischer Rundfunk, 2021.
- Blut, Regie: Christiane Huber und Pauline Seiberlich, Bayerischer Rundfunk, 2022.
- Nochmal von vorne, Regie: Marlene Breuer, Hessischer Rundfunk/Bayerischer Rundfunk, 2024.
- Unter uns, Regie: Christiane Huber, Bayerischer Rundfunk, 2024.
- Nie wieder gut oder Darf jetzt wirklich ein Jude der König von Bayern sein?, Regie: Christiane Huber, Bayerischer Rundfunk, 2025.
Dana von Suffrins Hörspiele
Dana von Suffrin arbeitet als Historikerin, Roman- und Hörspielautorin. In den Hörspielen lässt sie das Geschehen aus den historischen Quellen sprechen und findet damit eine besondere literarische Form. «Otto» verbindet jüdische Familiengeschichte mit autobiografischem Erzählen. «Blut» behandelt die Pogrome in Konitz (1900) und die zugrunde liegende antisemitische Ritualmordlüge, «Nie wieder gut» den Fall Philipp Auerbach und den fortwirkenden Antisemitismus nach 1945.
Dieser Beitrag gehört zum Ausstellungsdossier «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv». Dort finden Sie weitere Artikel zur Ausstellung. Einen anschaulichen Einstieg bietet die digitale Ausstellung «Literatur & Haltung digital».
Die dreiteilige Reihe von Irmela von der Lühe
– Teil 1: Junge jüdische Literatur im deutschsprachigen Raum
– Teil 2: Dana von Suffrin – Romane, Hörspiele und jüdische Geschichte
– Teil 3 erscheint demnächst und wird hier ergänzt.
Mehr über und von Dana von Suffrin im MON Mag
– Dana von Suffrin über ihre Kindheit und jüdische Familiengeschichte in München
– Wie BR-Hörspiele jüdisches Leben und deutsch-jüdische Geschichte neu erzählen
*Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.
Veranstaltungshinweis:
Artist Talk mit Dana von Suffrin und Christiane Huber
Dana von Suffrin und Regisseurin Christiane Huber sprechen über ihre gemeinsamen BR-Hörspiele und geben Einblicke in ihre Zusammenarbeit.
Dienstag, 1. Dezember 2026, 19 Uhr
Forum Atelier der Monacensia · Moderation: Rebecca Faber
Dauer: 90 Minuten · Eintritt frei
Anmeldung: monacensia.programm@muenchen.de
Die Hörspiele sind derzeit im Curator’s Space der Ausstellung «Literatur & Haltung» in der Monacensia sowie bei ARD Sounds zu hören.
Zitierempfehlung:
Irmela von der Lühe, «Dana von Suffrin: Historikerin, Roman- und Hörspielautorin», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 12.8.2026, URL: https://mon-mag.de/dana-von-suffrin-romane-hoerspiele/, ISSN 2944-3776.



