Julia Manns brasilianisches Erbe: Vom Haus in Paraty bis zur Weltliteratur

2-stöckiges, weißes Wohnhaus am Meer: Kindheitshaus von Julia Mann in Paraty, Brasilien.

Was erzählt ein Haus in Paraty über Julia Mann? Martina Farmbauer folgt den Spuren der deutsch-brasilianischen Mutter von Heinrich und Thomas Mann: von ihrer Kindheit in Brasilien über Migration und Mehrsprachigkeit bis zu ihrem intellektuellen Leben und ihren Spuren in der Literatur der Familie Mann. Das Haus ist restauriert – doch seine Zukunft als Erinnerungsort bleibt ungewiss.

Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers zur digitalen Ausstellung «Thomas Mann und das literarische München».

Das Haus in Paraty: restauriert, aber ohne Zukunft?

Brasilien, heißt es, sei ein «Land der Zukunft». Diesen Beinamen hat das größte und bevölkerungsreichste Land in Lateinamerika durch das Buch des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig mit eben diesem Titel einst bekommen – und trägt ihn seit Erscheinen 1941 bis heute. Fast alles ist hier nach vorne gerichtet. Im Fall von Thomas Mann, Literaturnobelpreisträger und mit Zweig einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren jener Zeit, und seiner Mutter Julia Mann wurde die Geschichte jedoch wieder belebt.

Das Haus, in dem die Deutsch-Brasilianerin Julia da Silva Bruhns, Tochter eines Deutschen und einer Brasilianerin aus Angra dos Reis, in Paraty aufgewachsen war, wurde restauriert. Sie starb als Julia Mann am 11. März 1923 in Weßling. Kurz vor Ende ihres 100. Todesjahres luden die brasilianischen Eigentümer des «Casarã o do Engenho Boa Vista» rund um den Segler und Abenteurer Amyr Klink die Stadt und Vertreter der Denkmalschutzbehörde Iphan sowie der Naturschutzbehörde ICMBio zur Eröffnung des ins tand gesetzten Hauses. «Das Haus war in einem Zustand …», murmelte Klink. Der 68-Jährige ist in Brasilien bekannt wie Reinhold Messner im deutschsprachigen Raum.

Als Amyr Klink das Herrenhaus rund 250 Kilometer von Rio de Janeiro 2013 erwarb, stand es kurz vor dem Verfall. Das Dach war teilweise eingestürzt. Zehn Jahre später sah das Gebäude aus wie neu. Offene Fensterläden und Balkontüren, einladende Holztische und Stühle, vom Balkon der Blick über Strand und Meer bis zum Gebirge «Serra do Mar». Doch es stellte sich auch die Frage: Was soll aus dem Anwesen und damit auch aus dem brasilianischen Erbe Julia Manns werden? Der Thomas-Mann-Enkel, Psychologe und Schriftsteller Frido Mann hatte sich lange dafür eingesetzt. Eine Delegation um Paratys damaligen Bürgermeister war 2024 in Lübeck gewesen. Luciano Vidal wollte die Gründung eines «Museu Mann» fördern, hielt in Deutschland nach Partnern Ausschau. Die neue Stadtregierung hat weniger Interesse an Kultur und Geschichte.

Lachender, älterer Mann am Strand mit Korb im rechten Arm
Segler und Abenteurer Amyr Klink. © Martina Farmbauer.

Julia Mann zwischen Brasilien, München und Polling

Ob die Erinnerung an Julia Mann mehr als 200 Jahre nach Ankunft der ersten deutschen Einwanderer* innen in Brasilien und über 150 Jahre nach der Geburt von Thomas Mann so wird aufrecht erhalten werden können? Wie etwa in Polling, wo die schöne Frau mit Sinn für Kunst einen Teil ihres Lebensabends verbrachte. Thomas Mann fand bei seinen Besuchen immer wieder Ruhe und Inspiration, vor allem für den «Doktor Faustus». «Polling hatte Atmosphäre?, weißt du noch …», soll er zu seinem jüngeren Bruder Viktor gesagt haben.

Der Doktor-Faustus-Weg vermittelt viel Wissenswertes zu dem Roman, in dem das Klosterdorf in Oberbayern als Pfeiffering zum Ort der Weltliteratur wurde. Beim Kulturtag in Polling führte Ulrike Gänswein durch den Schweigharthof in den Nike-Saal. Sie las Textstellen aus dem Roman – und ging auch auf Julia Mann ein. Deren brasilianische Herkunft, das südländische Temperament, Interesse an Literatur und Musik, die Übersiedlung aus Lübeck nach dem Tod des Ehemanns in den Süden Deutschlands, nach München, wohin sie ihrem Sohn Thomas folgte, und der Weg nach Polling im Zuge einer Art Sommerfrische für Malschüler*innen …

Wer aber war der Mensch Julia Mann – doch nicht nur die Ehefrau des Lübecker Kaufmanns Thomas Johann Heinrich Mann und Mutter der Schriftstellerbrüder Heinrich und Thomas Mann? «Eine sehr interessante Fragestellung», sagt Johannes Kretschmer, außerordentlicher Professor am Institut für moderne Fremdsprachen der «Universidade Federal Fluminense» in Rios Zwillingsstadt Niterói. Kretschmer bedauert, dass es in Paraty noch immer keine ständige Ausstellung über Julia Mann gibt.

Das ist ein Ort der Weltliteratur.

Johannes Kretschmer
Palmen mit Blick auf eine Bucht am Meer: Paraty, Kindheitsort von Julia Mann.
Liegt hier an diesem Strand der Ursprung von Thomas Manns Faszination für den Süden, die Liebe zum Meer? © Martina Farmbauer.

Spuren in der Familie Mann und ihrer Literatur

Denn hier, an dem Strand in den Tropen, an dem Julia da Silva Bruhns aufgewachsen ist, könnte der Ursprung von Thomas Manns Faszination für den Süden, für seine Liebe zum Meer liegen. Mehrere Hinweise im Werk von Heinrich und Thomas Mann deuten auf die lateinamerikanische Kultur hin. Figuren in einigen Büchern Thomas Manns sind von Julia Mann inspiriert:

  • Gerda Arnoldsen und Tony Buddenbrook in dem Roman «Buddenbrooks»,
  • die Senatorswitwe Rodde in «Doktor Faustus», die wie Julia Mann einen literarischen Salon in München betreibt,
  • Mutter Consuelo in «Tonio Kröger» sowie
  • die Mutter von Gustav von Aschenbach in «Der Tod in Venedig» .

Es sind musikalische, kunstinteressierte, südländische Frauen. Doch der frühere Direktor des Goethe-Instituts São Paulo Dieter Strauss schreibt in dem Artikel «Julia Mann – Du bist eben eine Brasilianerin» auch:

Dass Julia Brasilianerin war und da Silva-Bruhns hieß, wissen selbst manche Germanisten nicht.

Die Familie Mello, die ebenfalls eine enge Verbindung zu dem Haus hat, war bei der Eröffnung präsenter als die Manns. Eduardo José Mello und seine Schwester Leticia haben hier in der Kindheit gelebt. Ihr Urgroßvater hatte das Haus erworben und eine Zuckerrohrschnaps-Destillerie eingerichtet. Unten, wo früher die Wohnräume für Sklav*innen waren und sich später der Destillierapparat befand, wurde der brasilianische Cachaça produziert und gelagert.

Älterer, weißhaariger Mann mit Kappe, der im Inneren eines Hauses auf etwas hinweist: Eduardo José Mello.
Eduardo José Mello, dessen Familie ebenfalls eine enge Verbindung zu dem Haus in Paraty hat, in dem Julia Mann ihre Kindheit verbrachte. © Martina Farmbauer.

Julia Mann: Mehr als die Mutter berühmter Söhne

Auch sonst gibt es mehrere Gedächtnislücken, betont Veronika Fuechtner . Die Lehrstuhlinhaberin für Komparatistik und außerordentliche Professorin für Germanistik in Dartmouth veröffentlicht demnächst eine Monografie über Julia Mann, für die sie auch im Literaturarchiv der Monacensia recherchiert hat. «Eine der Lücken besteht darin, dass sie auch eine Intellektuelle, künstlerisch unglaublich begabt und vielseitig war», sagt Fuechtner. Die intensive Auseinandersetzung mit Literatur, Politik, ihrer Zeit und mit dem 19. Jahrhundert tauche in Briefen und in Gesprächen in der Familie auf. «Wie stark dieser intellektuelle Dialog war, finde ich unglaublich wichtig», sagt Fuechtner. Julia Mann habe auch Liedgesang gemacht und die Oper besucht.

Es wird gesagt, sie hatte das Musische und das Künstlerische, aber das ist ja auch gegendert. Doch künstlerische Produktion, intellektuelle Verarbeitung, literarischer Blick – all das war bei ihr da.

Veronika Fuechtner

Man sollte sie auch im Kontext von schreibenden Frauen sehen, in Bezug auf die Literatur der Zeit und auf die, die ihre Kinder produzierten. Julia Mann selbst hat ihre ersten Lebensjahre aufgezeichnet: Ihre autobiografische Skizze «Aus Dodos Kindheit » wurde erst 1958 veröffentlicht. Diese ist – trotz Kurzgeschichten, die in der zweiten Edition in den 1980er-Jahren erschienen – für gewöhnlich die einzige Quelle, die zu ihrer Kindheit herangezogen wird. Darin beschreibt sie das Herausgerissenwerden aus dem Kindheitsparadies als Trauma ihres Lebens. Johannes Kretschmer führte aus: Nachdem die Mutter bei der Geburt des sechsten Kindes gestorben war, brachte Johann Ludwig Hermann Bruhns seine fünf Kinder aus Angst vor der Cholera nach Lübeck – und ließ auch Julia dort zurück.

Brustbild, Halbprofil nach rechts von einer jungen Fraue mit hochgesteckten Haaren: Julia Mann-da Silva Bruhns.
Julia Mann-da Silva Bruhns, Mutter von Thomas Mann, Lübeck vor 1898. © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Hermann Schwegerle / TMA_1289.

In der «Migrationsgeschichte dieser Familie» sieht Veronika Fuechtner eine weitere wichtige Lücke zu Julia Mann. «Dass diese Geschichte und die Fragen, die damit zusammenhängen, zentral sind und keine Fußnote, das wird zu wenig gesehen» , sagt Fuechtner. Wie ist die Familie wahrgenommen worden? Unter dem NS-Regime etwa erlitt sie Angriffe, die sich auf die brasilianische Herkunft bezogen. Die Familie selbst nahm die Mischung zunächst als Stigma und erst später als etwas Positives wahr.

Wenn die Leute sagen, Thomas Mann kommt aus einer alten Lübecker Familie, was wird da ausgelassen?

In «Aus Dodos Kindheit» idealisiert Julia Mann Paraty, «wo das blonde Mädchen […] barfuß umher» lief;

einmal vorn hinaus an den Meeresstrand […], dann wieder hinter das Haus an den Rand des Urwaldes, wo sie herabfallende Kokosnüsse und Bananen sammelte […] und vom Urwald her ertönte fast ununterbrochen das wilde Geschrei der Brüllaffen und Papageien.

In ihrer Autobiografie verwendet Julia Mann auch portugiesische Begriffe wie «Mai» oder «Pai». Ihre Kinder erzog sie auf brasilianische Art, sang ihnen Lieder vor. Die musikalische Neigung komme von ihrem brasilianischen Kontext und der Zweisprachigkeit, so Kretschmer, auch wenn sie ihre Muttersprache zwischenzeitlich verloren hat.

Viktor Mann schreibt in seinem der Mutter gewidmeten Erinnerungsbuch «Wir waren fünf», dass Julia Mann im Alter wieder Portugiesisch gesprochen habe. Nach Brasilien ist sie nie wieder zurückgekehrt. Thomas Mann floh vor dem NS-Regime zuerst in die Schweiz und ging dann in die USA ins Exil – in das südamerikanische Land reiste er nie. Aber als der Journalist Sérgio Buarque de Hollanda, der sich als einer der Ersten in Brasilien für die «brasilidade» Thomas Manns interessierte, diesen nach dem Literaturnobelpreis 1929 interviewte, sagte der Schriftsteller, seine Mutter sei Brasilianerin – und von ihr habe er das künstlerische Talent.

Innenansicht eines Hauses mit festlich und sommerliche gekleideten Menschen: Julia Manns Kindheitshaus in Paraty, Brasilien
Bei der Eröffnung des Hauses in Paraty nach der Instandsetzung 2023. © Martina Farmbauer.

Welche Zukunft hat das Haus in Paraty?

Aus der Mann-Familie hat sich Thomas Manns Lieblingsenkel am meisten mit dem brasilianischen Erbe beschäftigt: Frido Mann lernte Portugiesisch, reiste nach Brasilien und forschte zum Leben seiner Urgroßmutter in Paraty. Das Material und die Erfahrungen der Aufenthalte verarbeitete er auch literarisch, etwa in dem Roman «Brasa» (1999). Zudem engagierte er sich für das Gebäude, in dem Julia da Silva Bruhns aufgewachsen war.

Doch mit Amyr Klink kam es zu keinem Dialog. Frido Mann fand keinen Gesprächspartner, 2008 stieg er aus. Johannes Kretschmer und sein deutsch-brasilianischer Germanisten-Kollege Paulo Astor Soethe verfolgen das Thema in Brasilien weiter – und kämpfen mit akademischen Mitteln um das brasilianische Erbe der Manns, das Erbe von Julia Mann. Eine der Ideen: das Haus zu öffnen als erstes Kollegium für Schriftsteller* innen und Übersetzer* innen in Brasilien. Derzeit ist das Gebäude nämlich restauriert, jedoch geschlossen.

2-stöckiges, weißes Wohnhaus am Meer: Kindheitshaus von Julia Mann in Paraty, Brasilien.
Das restaurierte Haus in Paraty, Brasilien, in dem Julia Mann ihre Kindheit verbrachte. © Martina Farmbauer.

Wer bleibt im kulturellen Gedächtnis?

Julia Mann war weit mehr als die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Dennoch wurden ihre deutsch-brasilianische Herkunft, ihre Migrationserfahrung und ihr eigenes intellektuelles Leben lange nur am Rand erzählt. Ihr Beispiel führt zu einer größeren Frage: Wer bekommt einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis – und wessen Geschichte bleibt im Schatten?

Mit #FemaleHeritage macht die Monacensia übersehene Lebenswege, Netzwerke und Leistungen sichtbar. Warum Archive und Kulturinstitutionen ihr eigenes Erinnern immer wieder hinterfragen müssen, beleuchtet der Beitrag «Gedächtnis mit Schlagseite».

Mehr über die Familie Mann und ihre Verbindung zu München erfahrt ihr im Dossier zur digitalen Ausstellung «Thomas Mann und das literarische München» .

Literatur:

  • Julia Mann, Aus Dodos Kindheit: Erinnerungen, 1958.
  • Dieter Strauss, Julia Mann – ‹Du bist eben eine Brasilianerin!›, in: Julia Mann und ihre Kinder, 2019, S. 10-39.

Zitierempfehlung:
Martina Farmbauer: «Julia Manns brasilianisches Erbe: Vom Haus in Paraty bis zur Weltliteratur», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 29.07.2026, https://mon-mag.de/julia-mann-brasilien-paraty/, ISSN 2944-3776.

Autor*innen-Info

Profilbild Martina Farmbauer

Dies ist ein Gastbeitrag von Martina Farmbauer

Martina Farmbauer absolvierte die Deutsche Journalistenschule und studierte Kommunikationswissenschaft, Politische Wissenschaft, Spanische und Portugiesische Philologie in München. Nach Stationen unter anderem bei der „Süddeutschen Zeitung“ und dem „Bayerischen Rundfunk“ berichtete sie als Korrespondentin der Deutschen Presse-Agentur aus Rio de Janeiro. Die gebürtige Bayerin hat auch schon in Chile gelebt und gearbeitet, von Rio aus behält sie nun weiter das Geschehen in Südamerika im Blick.

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