Briefe, Lektüren und erste Erzählungen prägten Hanne Lenz (1915–2010) auf ihrem Weg zum Schreiben. Im engen Austausch mit Hermann Lenz entwickelte sie früh eine eigene Sprache, erprobte literarische Formen und hielt ihre Beobachtungen des Alltags fest. Der Text folgt diesen Anfängen und zeigt, warum Hanne Lenz ihr schriftstellerisches Talent lange zugunsten des Werks ihres Mannes zurückstellt.
Der Artikel1 von Anna Katharina Hahn ist Teil unseres MON-Mag-Dossiers zur Ausstellung «Literatur & Haltung».

Ein Brief aus dem Jahr 1944
Lieber reizender Kitz, Am 24. ist Dein Geburtstag. Was soll ich Dir da andres sagen, als daß ich halt immer zu Dir gehör, daß sicher irgendwo das Gartenhäuserl auf uns wartet, ganz bescheiden am Bodensee aber voll Glück weil wir uns auf immer spüren dürfen. Glaubst Du noch daran? Hoffentlich, wenigstens mich tröstet der Gedanke daran in jeder Lage. Und vielleicht kriegen wir’s schon heuer, wenn auch nicht das Gartenhäuserl, so doch das Immer-Beisammensein-Dürfen. Daran glaub ich fest.
Auf Wiedersehen! Es grüßt und geburtstagssigillt Dich herzlich Dein altes Säule2
Dieser Brief entstand in einem der schlimmsten Lebensabschnitte seiner Empfängerin. Geschrieben wurde er in Litauen im Juli 1944. Sein Absender war der damalige Freund und spätere Ehemann Johanna Trautweins, der Stuttgarter Schriftsteller Hermann Lenz. Er nannte sie «Kitz» und sie ihn «Sau» bzw. «Säule». Johanna Trautwein, Kunsthistorikerin, die später als Dr. Hanne Lenz in einem Stuttgarter Verlag als Lektorin für Psychologie und Psychoanalyse arbeitete, wurde von ihren Eltern «Hannele» genannt.
Der Grabstein von Hanne Lenz auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München trägt neben dem lateinischen Namenszug den Vornamen «Channa» in hebräischer Schrift – so sprach sie auch ihr Freund und Briefpartner Paul Celan an. Daneben steht der Nachname des Großvaters «Gawriel», da ihr Vater kein Jude war.
Schließlich gab es noch die «Treutlein Hanni», aus der nach der Heirat «Hanne Rapp» wurde, eine der wichtigsten Figuren im Romanzyklus «Vergangene Gegenwart» von Hermann Lenz. Die «Treutlein Hanni», so hat es Hanne Lenz in einem Interview verraten, habe nicht viel mit ihr zu tun und denke in vielem anders als sie. Was hätte sie sonst sagen sollen?
Das Werk um Hermann Lenz’ Alter Ego, den Schriftsteller Eugen Rapp, verrät eine Menge über das Paar, bedient es sich doch ausgiebig an ihren Biografien. Das Oszillieren von Lenz’ Schreiben zwischen lebensgeschichtlichen Fakten und deren künstlerischer Bearbeitung bietet Stoff für mehr als eine Dissertation. Ich möchte mich Hanne Lenz in einer persönlichen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Texten nähern.
Hanne Lenz – Leben unter Bedrohung
Johanna Trautwein wurde am 24. Juli 1915 in München geboren. Ihre Mutter Marie Cohen –Tochter des wohlhabenden Hamburger Kaufmanns, Gelehrten, Philanthropen und Zionisten Gustav Gabriel Cohen – war Malerin, hatte der Berliner wie der Münchner Sezession angehört und in der Künstlerkolonie Dachau gelebt. Der Vater Kurt Trautwein lehrte als Professor für Mikrobiologie an der Technischen Hochschule München. Sie bewohnten ihr eigenes Haus in Schwabing. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme verlor diese bildungsbürgerliche Familie den Boden unter den Füßen: Kurt Trautwein wurde 1934 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Marie und ihre «halbjüdische» Tochter Johanna lebten in ständiger Todesangst. Die Mutter starb 1942 an einem Herzinfarkt, als sie von der Deportation ihrer Schwester und Nichte in Hamburg erfuhr.
Seit 1935 studierte Hanne am Kunsthistorischen Institut der Universität München.1937 lernte sie ihren Kommilitonen Hermann Lenz aus Stuttgart kennen. Die beiden erkannten einander als Regimegegner und Seelenverwandte und wurden ein Paar. An ihrem Fach hatte die junge Frau wesentlich mehr Interesse als ihr künftiger Mann. Sie studierte leidenschaftlich und stellte unter höchstem Druck ihre Dissertation über den Barockarchitekten Johann Jakob Herkommer fertig, kurz bevor die Nazis ihr die Promotion verboten hätten.

Während Hermann mit der Wehrmacht durch Frankreich, Russland und das Baltikum ziehen musste, schlug sich Hanne in München durch. Sie arbeitete zuerst für das Auktionshaus Weinmüller und wurde ab September 1944 als Zwangsarbeiterin der Gestapo im Münchner Straßenbahndepot ausgebeutet. Nach Lenz’ Rückkehr aus amerikanischer Gefangenschaft 1946 heirateten die beiden, und Hanne übersiedelte nach Stuttgart. Sie veröffentlichte unter dem Mädchennamen ihrer Großmutter Cornelia Dehn die Erzählsammlung «Das Nachtkarussell», arbeitete später als Lektorin. So ernährte sie jahrzehntelang ihren Mann, der 1978 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. In den 1970er-Jahren zog das Paar zurück nach München.

Erst nach Hermanns Tod 1998 trat Hanne wieder als Autorin in Erscheinung, schrieb Erinnerungen an ihren Großvater auf, gab dessen Schriften heraus und eroberte sich ihr eigenes, zeitlebens beiseitegeschobenes Judentum zurück. Der letzte Schritt dazu betraf ihre Grabstätte auf dem Neuen Israelitischen Friedhof.
Ohne genaue Kenntnis des Nachlasses wage ich keine Prognose darüber, wie Hanne Lenz’ Selbstverständnis als Autorin beschaffen war. Ich möchte aber dazu eine Briefstelle zitieren:
Im Oktober 1944 schreibt Hermann Lenz aus Polen:
Nicht vergessen kann ich, was die Diana mir von Dir erzählt hat. Sie sagte mir, Du habest einmal gesagt: ‹Ach, ich würd auch viel lieber schreiben, aber gescheiter ist’s, der Hermann tut’s, dann will ich halt arbeiten.› Oder: ‹Der Hermann, der schreibt sowieso den meisten Teil des Tages, da bleibt für mich halt nicht viel Zeit.› (…) das darfst Du Dir doch nicht sagen, ich möchte’ Dir’s doch schön machen (…) drum hoff ich, doch noch einmal auch damit ‹dem Schreiben› das Täglich-Notwendige für Dich herbeischaffen zu können.3
Wer hier literarisch tätig sein darf, scheint von Anbeginn an klar geregelt, und für Überschreitungen dieser Grenze entschuldigte sich Hanne regelmäßig bei Hermann – für jeden Text, den sie als Wildern in seinem Revier empfindet.

Schreiben, Lesen und Verzicht
Die Briefe Hannes an Hermann sind durchzogen von Gegenentwürfen zum Hier und Jetzt; nicht anders als er schrieb sie ihren Widerstand gegen «das saublöde Jahrhundert» nieder, in dem sie zu leben gezwungen war. Schon früh zeichnete Hanne diese Fantasie in einem ungewöhnlichen Bild nach:
Ich habe immer das Gefühl, als ob mein Zimmer gar nicht stünde in dem München von 1938, sondern irgendwo aufgehängt sei über der Erde an einem Ort, der sich geographisch garnicht bestimmen lässt, wo es beinahe keine Menschen gibt, eben nur gerade soviele, damit es einem nicht unheimlich wird, Menschen aber, die einen garnichts angehen, deren freundliches und stilles Dasein einen nur umgibt, damit man ruhig und gesichert leben kann.4
Wie Hermann war Hanne eine begeisterte Leserin. Von Anfang an tauschten sie sich über Bücher aus, einigten sich rasch auf ihre Säulenheiligen:
- Hugo von Hofmannsthal
- Arthur Schnitzler
- Adalbert Stifter
- Franz Grillparzer
- Annette von Droste-Hülshoff
Für Hermann hatte Eduard Mörike eine besondere Bedeutung, für Hanne stand an dieser Stelle Thomas Mann. Sie fuhr regelmäßig mit dem Rad zu dessen verlassenem Haus in der Poschingerstraße, um ihrem Geliebten anschließend diese Wallfahrten zu schildern. Die Bücher, ihre Schöpfer sowie die darin vorkommenden Orte und Figuren bildeten eine Papierfamilie – Penaten, unter deren Schutz sich die Außenseiter weniger einsam und ausgeliefert fühlten.
Wie stark die Trostfunktion des Lesens angesichts der dauerhaften Bedrohung ist, verdeutlichte Hanne im Februar 1942:
Ich suche mich über meine Angst hinwegzubetäuben, so gut es geht. Heute nachmittag hab ich zu diesem Zweck ohne auszusetzen in einem Buche gelesen, das ich antiquarisch ‹erwischte›.5
Hannes Kurzgeschichten, die in das «Nachtkarussell» münden, entstanden aus dem Briefwechsel mit Lenz und aus ihrer leidenschaftlichen Lektüre so folgerichtig, wie ein in die Erde gelegtes Samenkorn zu keimen beginnt. In ihren Briefen probierte sie eine Fülle von Formen aus, entwickelte eine Sprache, schulte ihre Beobachtungsgabe und wagte sich schließlich an eigene Erzählungen.

Neben Büchern spielten Theater und Kino im Briefwechsel eine große Rolle. Das Nacherzählen von Filmen nahm viel Raum ein und erinnert in seiner liebevollen Ausgestaltung an den berühmten Roman des argentinischen Autors Manuel Puig, «Der Kuss der Spinnenfrau» (1979).
Regelmäßig verfasste Hanne kurze Texte, die sie und Hermann «Schwänke» nannten, amüsante Alltagsbeschreibungen aller Art – vom Anstehen für Schnaps über einen Konzertbesuch mit verkehrtem Billett oder die kräftezehrende Arbeit im Haushalt. Hier versuchte sie, fast jeder Unannehmlichkeit eine komische Seite abzugewinnen.
Als München im April 1944 durch die englischen Bombenangriffe stark zerstört wurde, schilderte sie ergreifend den Untergang ihrer Stadt: «Unser liebes München ist gestorben»6 und vermittelte so dem entfernten Freund ein erschütterndes Bild ihrer Situation.
Selbst auf der Wortebene zeigt sich deutlich, wie Hanne Trautwein den Stil von Hermann Lenz von Anfang an beeinflusste. Der unbefangene schriftliche Umgang seiner Freundin mit ihrer bayrischen Mundart half Lenz dabei, das Schwäbische in seinem Werk zur Literatursprache zu erheben. Von Brief zu Brief wird der gemeinsame dialektale Wortschatz umfangreicher.
Weil Hanne Trautwein alles, was sie schrieb, nur für einen bestimmten, höchst vertrauten Adressaten verfasste, fiel die Schere im Kopf von vorneherein weg. Grundlegende Zweifel an dem, was sie zu Papier brachte, hatte sie nicht. Alles war für den fernen Geliebten wertvoll. Mehr noch, es half ihm beim Leben und Überleben. Größeren Ansporn für das eigene Schaffen gibt es nicht.
Doch diese intime Situation unterscheidet sich grundlegend von der Arbeit einer Schriftstellerin. Hanne Lenz’ Texte waren für einen einzigen Leser bestimmt, und für ihn so wichtig wie die Luft zum Atmen. Bei ihren literarisch ambitionierten Erzählungen setzte der innere Zensor ein und machte die Geschichten weniger frisch und unmittelbar. Hanne verlor ihren individuellen Stil, weil «das Publikum», die unbekannten Lesenden dieser Texte, eine gesichtslose Größe sind, vor der sie, noch unsicher, zurückschreckte und versuchte, bestimmte Konventionen zu erfüllen.
Letztlich hat Hanne Lenz sich selbst nicht gestattet, sich als Autorin zu entwickeln, und zugunsten ihres Mannes auf das Schreiben verzichtet. Dabei war sie zweifellos außerordentlich begabt. Ich kann nur dazu auffordern, sich intensiv mit dem Werk beider Eheleute zu befassen und weitere Schätze aus dem Nachlass zu heben.
Hanne Lenz als Autorin
Der Artikel von Anna Katharina Hahn richtet den Blick auf Hanne Lenz’ frühes Schreiben, das im Briefwechsel, in intensiver Lektüre und unter den Bedingungen von Verfolgung und Krieg stattfand. Er beleuchtet ihr Selbstverständnis als Autorin sowie die biografischen und literarischen Zusammenhänge ihres Schreibens.


- Es handelt sich dabei um die stark gekürzte Fassung eines Vortrags, den die Autorin am 24.7.2025 im Lenz-Haus in München gehalten hat. ↩︎
- Grundlage für alle Fakten und Zitate bilden der von Michael Schwidtal ausgezeichnet edierte Band «Das Innere wird durch die äußeren Umstände nicht berührt»: Hanne Trautwein – Hermann Lenz. Der Briefwechsel 1937–1946, Berlin 2018 sowie Cornelia Dehn, Das Nachtkarussell, Erzählungen, 1946.
Briefwechsel (BW), Nr. 485, S. 907. ↩︎ - BW, Nr. 518, S. 954 f. ↩︎
- BW, Nr. 9, S. 40. ↩︎
- BW, Nr. 249, S. 547. ↩︎
- BW, Nr. 448, S. 839. ↩︎
Zitierempfehlung:
Anna Katharina Hahn, «Und plötzlich hab ich wieder etwas machen können» – Hanne Lenz und ihre Anfänge als Autorin, in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 22.7.2026, https://mon-mag.de/hanne-lenz-briefe-anfaenge-autorin/, ISSN 2944-3776.



