Grete Weil wuchs zwischen Tegernsee und München auf, emigrierte 1935 nach Amsterdam – und erlebte dort, wie die deutsche Besatzung alles zerstörte, was sie sich im Exil aufgebaut hatte. Ihr Mann wurde von Amsterdam ins KZ Mauthausen deportiert und dort ermordet. Sie tauchte unter, gründete eine Widerstandsgruppe, schrieb politische Theaterstücke – und auf einer Speichertreppe ihren ersten Roman. Der Jahrzehnte lang unbeachtet blieb. 1947 wurde Grete Weil in den Niederlanden als Widerstandskämpferin anerkannt.
Ein Beitrag von Ingvild Richardsen für das Dossier zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv».
Die Spuren von Grete Weil (1906–1999) führen unweigerlich an den Tegernsee. In Rottach-Egern steht noch heute ihr Geburts- und ihr Elternhaus. Auch ihr Grab befindet sich hier. Der See war die Heimat, die sie liebte – selbst als dort das NS-Transparent «Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr» hing.
Vom Münchner Großbürgertum ins Amsterdamer Exil
Aufgewachsen im assimilierten Münchner Bildungsbürgertum, war Gretes Jugend von Literatur, Kunst, Musik, von Theater- und Opernbesuchen geprägt. Ihr Vater Dr. Siegfried Dispeker war ein hoch angesehener Rechtsanwalt und Justizrat. In seinem Haus am Tegernsee und in seiner Münchner Wohnung verkehrte die kulturelle Prominenz Münchens.
Doch der NS-Terror warf früh Schatten: Beim Hitlerputsch im November 1923 drangen Nazis am Morgen in die Kanzlei des Vaters gegenüber dem Café Luitpold ein. Siegfried Dispeker entging nur knapp einer Verhaftung, da er gerade bei Gericht verhandelte. Sein Sohn Fritz holte ihn sofort heraus, woraufhin die ganze Familie nach Untergrainau floh und sich dort versteckte. Nach der Niederschlagung des Putsches kehrten sie zurück. Damals wiegte man sich noch in trügerischer Sicherheit:
So schlimm wird es schon nicht werden .1
Nach der Machtübernahme 1933 brach diese Welt zusammen. 1932 hatte Grete Weil ihren aus Frankfurt stammenden Cousin geheiratet: Der promovierte Germanist Edgar Weil war zuletzt als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen tätig. 1933 wurde er hier verhaftet und 14 Tage im Polizeipräsidium in der Ettstraße inhaftiert. Danach entschieden Grete und Edgar Weil, in die neutralen Niederlande zu emigrieren. Tatsächlich gewann dieses Land und vor allem das jüdisch geprägte Amsterdam seit 1933 große Bedeutung als Exilort für deutsche Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen jüdischer Herkunft ebenso wie für politisch Verfolgte.
Edgar emigrierte schon Anfang 1935 nach Amsterdam. Grete absolvierte schnell noch eine fotografische Ausbildung in München und folgte ihm Ende 1935 nach.
Deutsche Besatzung und die Deportation von Edgar Weil
Seit 1935 in Amsterdam
In Amsterdam versuchte das Ehepaar, sich eine neue Existenz aufzubauen. Edgar Weil gründete eine Amsterdamer Zweigniederlassung der Frankfurter chemisch-pharmazeutischen Werke seiner Familie. Sein Freund Herbert Meyer-Ricard (1908–1988), der aus Frankfurt nach Amsterdam zu ihm und Grete Weil geflüchtet war, begleitete ihn tatkräftig als Werbegrafiker. Meyer-Ricard stand politisch links und galt in der NS-Terminologie als «Halbjude» und «Mischling». 1933 war ihm der Reisepass entzogen und die Ausübung seines Berufes verboten worden.
Grete baute parallel zur Tätigkeit der beiden Männer ihr eigenes Fotoatelier auf. Zuerst in Amstelveen, wo sie, Edgar und Herbert seit 1936 zu dritt in einem Haus lebten. Seit 1937 in Amsterdam Süd, in der Beethovenstraat 48, wo sie und Edgar danach wohnten. Hier hatte sie der nach New York emigrierten Edith Schlesinger ein Fotoatelier abgekauft – «Edith Schlesinger. Moderne Kunstfotos» – und deren vier Angestellte übernommen.

Die Falle schnappt zu
Doch die Hoffnung auf ein sicheres Exil wurde im Mai 1940 jäh zerschlagen, als die deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzte. Für die jüdischen Emigrant*innen begann eine Zeit der permanenten Entrechtung, die sie schon aus NS-Deutschland kannten. Meyer-Ricard durfte seinen Beruf als Grafiker nicht mehr ausüben, da ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft der Beitritt zur faschistischen Kulturkammer untersagt wurde. Er stellte seinen Betrieb in ein Konstruktionsbüro für Spielzeug um.
Edgar Weils Tod im KZ Mauthausen (Österreich)
Der 11. Juni 1941 war ein grausamer Schicksalstag für das Ehepaar. Edgar Weil kam gegen Mittag aus Rotterdam von der kubanischen Botschaft zurück. Hier hatte er morgens seinen neuen Pass abgeholt. Er, Grete und ihre Mutter planten, über Kuba in die USA zu emigrieren.
Es kam anders: Edgar Weil wurde nach seiner Rückkehr aus Rotterdam in die Beethovenstraat bei einer der ersten großen Razzien der Nationalsozialisten, vor der Grete ihn zu schützen versuchte, willkürlich ergriffen. Er wurde verhaftet und wenig später über das niederländische Lager Schoorl nach Österreich ins KZ Mauthausen deportiert. Dort war er den sadistischen Bedingungen der SS ausgeliefert und musste im berüchtigten Steinbruch bis zur Entkräftung arbeiten.
Am 17. September 1941 wurde Edgar Weil in Mauthausen ermordet. Sein Tod war für Grete Weil und seinen Freund Herbert Meyer-Ricard der tiefste persönliche Wendepunkt und der bleibende, brennende Anlass, sich dem Unrechtsregime entgegenzustellen und sich im Widerstand (oder: in Widerstandsgruppen) zu engagieren.

Grete Weils Widerstand in Amsterdam
Nachtdienst in der Hollandschen Schouwburg
Im Juni 1942 starteten auch in den Niederlanden die systematischen Deportationen. Das Tragen des Judensternes wurde eingeführt und Gretes Fotoatelier von der Gestapo geplündert. Als auch sie ihren Deportationsbefehl erhielt, stand ihr Entschluss fest:
Ich werde ihnen auf keinen Fall freiwillig in die Hände laufen, werde – dies ein letzter Widerstand – um mein Leben kämpfen.2

Bis Herbst 1943 führte Grete Weil nun ein Doppelleben: Sie arbeitete weiterhin für verschiedene Widerstandsgruppen.3 Um sich und ihre Mutter vor dem Abtransport zu schützen, trat sie zudem dem Jüdischen Rat bei. Die Vertretung der jüdischen Bevölkerung Amsterdams war eine Einrichtung der deutschen Besatzungsmacht in den Niederlanden, die bis September 1943 bestehen würde. Auch wenn dem Jüdischen Rat Kollaboration vorgeworfen wurde, so versuchte er doch, möglichst viele jüdische Landsleute vor der Deportation und dem Holocaust zu bewahren. Grete arbeitete für diesen zuerst als Fotografin. Sie erhielt einen roten «J»-Stempel, der sie vorerst vor einem «Arbeitseinsatz in Deutschland» schützte.

Die Sekretärin des Personalchefs des Jüdischen Rates war eine emigrierte Berliner Freundin von Grete. Sie sorgte dafür, dass Grete als «Typistin Expositur» in die Hollandsche Schouwburg versetzt wurde – ein ehemaliges jüdisches Theater, das die Nazis zum Sammellager für Deportationen nach Auschwitz und Sobibor umfunktioniert hatten. Grete meldete sich für den Nachtdienst. Auf einer grünen Remington-Schreibmaschine tippte sie nachts die letzten Briefe der Gefangenen.
Sie ist erstaunt, dass alle das Gleiche schreiben, holländische, deutsche, polnische Juden und Jüdinnen, Universitätsprofessoren und Gemüsehändler:
Immer ist da außer der Bitte um vergessene Dinge noch der Auftrag, wen man verständigen soll, von wem man Hilfe erwartet. Keiner schreibt ein Wort der Liebe oder der Freundschaft, keiner ein Wort der Trauer. Ebenso irritiert es mich, dass niemand weint. Warum? Ist es kein Grund zum Weinen, wenn man aus seiner Wohnung geholt und ins gräulich Ungewisse geschickt wird? Sind alle so tapfer oder alle so stumpf? Ich weiß es nicht. Sie stehen Schlange vor meinem Schreibtisch mit der grünen Maschine.4
Die Flucht und das Schrank-Versteck
Der 29. September 1943 ist ein weiterer Schicksalstag für Grete Weil. Eine unangekündigte Großrazzia sollte die verbliebenen Mitarbeitenden in der Schouwburg liquidieren. In den Morgenstunden gelang Grete die Flucht über den Gepäckgang des Gebäudes. Sie tauchte auf dem Nieuwezijds Vorburgwal 365 im ersten Stock in der Wohnung bei Herbert Meyer-Ricard unter. Hier lebt sie versteckt mit ihm und seiner Freundin Vera Olga Haymann anderthalb Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
Sie schläft in einem von Herbert genial konstruierten Schrank-Versteck: einem Hohlraum hinter einer Bücherwand, deren untere Fächer mit einem Griff herausnehmbar waren und der bei Gefahr ihr sowie Vera Zuflucht bot. Herbert war als sogenannter «Mischling» weniger gefährdet.


Die Widerstandsgruppe «Hollandgruppe Freies Deutschland»
Die Wohnung wurde eine Keimzelle des organisierten Widerstands: Im Herbst 1943 gründete Grete Weil mit Meyer-Ricard, Haymann und dem Pazifisten Ulrich Rehorst die illegale «Hollandgruppe Freies Deutschland». Innerhalb dieser Gruppe kämpften deutsche und niederländische Sozialist*innen parallel zur niederländischen Widerstandsbewegung und eng verknüpft mit ihr. Das antifaschistische Netzwerk zählte schließlich rund 180 Personen – wobei der Kreis etwa zur Hälfte aus deutschen Flüchtlingen und zur Hälfte aus Niederländern bestand. Zudem waren rund 60 desertierte deutsche Soldaten mit der Organisation verbunden.
Obwohl sich die Mitglieder der Gruppe aus verschiedenen politischen und konfessionellen Lagern rekrutieren, waren sie sich in einer Sache einig: Sie alle teilten eine aus der entschiedenen Gegnerschaft zum Faschismus entstandene sozialistische Position. Ulrich Rehorst lieferte Waffen an die niederländische Illegalität, Papiere wurden gefälscht, Flugblätter gedruckt. Am Verfassen der anonymen Schriften war Grete federführend beteiligt.
Anfangs tippte die Gruppe Flugblätter mit Kohlepapier ab (Auflagen von 10–30 Stück). Ab Ende 1944 vervielfältigte Fritz Kief von der linkssozialistischen Widerstandsgruppe «de vonk/de vlam» die Schriften im Stencil-Verfahren. Dadurch wurden höhere Auflagen von 150 bis 200 Exemplaren möglich, um auch Wehrmachtsangehörige antifaschistisch aufzuklären.

Das Gefesselte Theater und die «Weihnachtslegende 1943»
Neben dem gedruckten Wort nutzte Grete Weil das Theater als Waffe des geistigen Widerstandes. Für Meyer-Ricards Marionettenbühne schrieb sie unter ihrem Pseudonym «B. van Osten» allein sowie mit ihm gegen die Nazis gerichtete hochpolitische Stücke. Am 24. Dezember 1943 wurde die Bühne mit Gretes Stück «Weihnachtslegende 1943» im Atelier programmatisch von ihr eröffnet:
Wir Puppen treten heut’ zum ersten Male
vor diesen Vorhang und vor Eure Blicke.
Ringsum herrscht Dunkel, Dumpfheit, Krieg und Macht,
Nur weniges bewahrt uns vor Versagen!
Nur wenig ist es, doch vermag es soviel;
Wir Puppen wollen dabei Helfer sein.
Wir wollen lindern Eure Not und Pein,
Besinnung bringen durch bescheidenes Spiel!
So nehmt uns hin und öffnet eure Herzen
zum Puppenspiel inmitten Kriegsgefahr.
Doch möcht ich den Namen noch verkünden,
worunter diese Bühne wird betrieben!
Ich taufe dich: G e f e s s e l t e s Theater!
Bring’ trotz der Fesseln Freude an Versteckte,
Wer jemals Wahrheit, Wissen, Schönheit schmeckte,
Der findet hier den Tröster und Berater!
Wenn diese schlimmen Zeiten sich gewandelt
und wenn die letzte Fessel endlich fällt,
Dann zieht dies Spiel von Puppen in die Welt,
die eine Mörderbande heut’ verschandelt!
Dieses erste Stück hatte sie aus der Schouwburg kommend mit heißem Herzen geschrieben. «Weihnachtslegende 1943» ist ein gegen Hitler gerichtetes expressionistisches Experimentalspiel. Schauplatz an Heiligabend 1943 ist ein Dachboden, auf dem eine versteckte Jüdin, die vom Widerstand aus der Schouwburg geschmuggelt wurde, einen Sohn gebiert. Ihr Ehemann musste im Theater zurückbleiben, damit ihre Flucht unentdeckt bleibt. Die Dachbodenszenen wechseln mit einem absurden, satirischen Kabarett im Deportationstheater ab, das die Grausamkeit der Nazis vor Augen führt. Am Ende stirbt die Frau, ihr Baby wird bei einem Bauern versteckt.
Das Puppenspiel war für die Gruppe ein Mittel des geistigen Widerstands, ein Ausdruck des unbezwingbaren Willens zur Freiheit außerhalb des gleichgeschalteten NS-Geisteslebens. Das Repertoire umfasste neun Stücke, darunter eine Satire auf die BBC-Figur Adolf Hirnschal.5 Vorführungen aller folgenden Puppenspiele war stets das Atelier von Meyer-Ricard auf dem Nieuwezijds Voorburgwal. Das Publikum bestand aus Mitarbeitenden der manuellen Spielzeugfabrikation von Meyer-Ricard und aus dem Kreis und Mitgliedern der wenig später an die Öffentlichkeit tretenden «Hollandgruppe».
Nach der Befreiung 1945 erschien das Theaterstück mit einem weiteren sowie der von der «Hollandgruppe Freies Deutschland» herausgegeben Broschüre «Das gefesselte Theater» in Amsterdam als Privatdruck – es war Grete Weils erste literarische Publikation. In ihrer späteren Autobiografie (1999), in der sie das Stück ein zweites Mal veröffentlichte, schrieb sie, dass ihr beim Lesen jedes Mal die Tränen kämen.

Schreiben auf der Speichertreppe
Doch Grete Weils bedeutendste geistige Arbeit entstand im Hungerwinter 1944/45. Ohne Strom und Heizung zersägte sie mit Herbert und Vera eine hölzerne Speichertreppe, um Zuckerrüben kochen zu können. Währenddessen kommt ihr der Gedanke, dass die Speichertreppe der einzige Ort ist, wo es oben hell genug ist, wo sie allein sein und schreiben könnte. In ihren späteren Lebenserinnerungen berichtet sie:
So sitze ich viele Stunden auf der Treppe, ein Heft auf den Knien und schreibe. Schreibe eine Liebesgeschichte, schreibe Edgars und meine Geschichte, die ich verfremdet und aus der Atmosphäre des Autobiografischen gehoben habe.6
Tatsächlich geht Grete Weils erster Roman, den sie dem 1941 im KZ Mauthausen ermordeten Edgar Weil widmet, weit über eine «Liebesgeschichte» hinaus.
Am 26. August 1945 bat sie aus Amsterdam den in die USA emigrierten Schriftsteller Bruno Frank per Brief um Hilfe bei der Veröffentlichung ihres Buches.
Ich habe in den eineinhalb Jahren, die ich in einem Zimmer saß, ein Buch geschrieben; es liegt mir viel, es liegt mir unendlich viel daran und eigentlich ist es das Einzige, was mich am Leben erhalten hat und noch erhält. Sie wissen, lieber Bruno Frank, wie gern man seine Kinder am Leben sehen möchte. Die paar Menschen, die das Manuskript kennen mögen es gern und finden es gut. Ich weiß die Schwierigkeiten sehr genau, die heute bei einem Buch bestehen, das in deutscher Sprache geschrieben ist und zwischen 1923 – 34 in Deutschland spielt. Darf ich es Ihnen schicken? Sobald ich Ihre genaue Adresse habe, werde ich schon jemand finden, dem ich es mitgeben kann.7
Der Brief erreichte Bruno Frank nicht mehr. Vier Wochen zuvor war er verstorben.
Grete Weils Roman «Der Weg zu Grenze» steht in der deutschen Literatur einzigartig dar. Tatschlich weist er zahlreiche Alleinstellungsmerkmale auf. Außergewöhnlich sind allein schon die Umstände, unter denen Grete Weil ihren ersten Roman geschrieben hat. Ihre (Schreib-)Situation in Amsterdam erinnert an die von Anne Frank: Im Exil, während der Zweite Weltkrieg tobt, geplagt von Hungerfantasien, Kälte und Stromausfall, schreibt Grete Weil mitten in der Altstadt von Amsterdam in dem Haus, in dem sie seit Herbst 1943 untergetaucht und versteckt im Widerstand tätig ist, im Winter 1944 hoch oben auf einer Speichertreppe – weil sie nur hier allein sein kann und weil es nur hier hell genug ist – einen Roman.
Dieser Roman präsentiert nicht nur ihre persönliche Liebesgeschichte: Vielmehr findet ihr gesamtes bisheriges Leben darin Eingang, und sie verarbeitet auch ihre Erfahrungen und Erlebnisse seit ihrer Ankunft in Amsterdam und im Widerstand. Dass ein unter solch widrigen Umständen verfasster Roman in den Kriegswirren nicht verloren gegangen ist: auch das grenzt an ein Wunder.

Grete Weils Roman «Der Weg zur Grenze» – ein Werk des Widerstands
Weils Roman «Der Weg zur Grenze» entstand auch, um sich der eigenen Identität und ihrer Widerstandskraft zu vergewissern, während sie mit der Ungewissheit ihrer Existenz in ihrem Versteck konfrontiert war. Tatsächlich schreibt sie erstmals gezielt gegen das Vergessen an, gibt den persönlich erfahrenen Traumata, ihren Erfahrungen und Erlebnissen in der Weimarer Republik und der NS-Zeit eine Form. Weils Bestreben war es, eine bloß dokumentarische Zeugenaussage zu transzendieren und auch Intellektuellenkritik zu formulieren.
Die Rahmenerzählung spielt 1936 und folgt Monika Merton, einer jüdischen Frau auf der Flucht. Im Zug trifft sie den unpolitischen Lyriker Andreas von Cornides. Er begreift ihre Identität erst am Zielort vor dem Schild «Juden ungewünscht». Monika versucht, ihn aus seinem Elfenbeinturm zu holen:
Ich werde dich aus deiner Ruhe reißen, dachte Monika, dass dir Hören und Sehen vergeht. Du bildest dir ein, die Welt zu kennen, weil du sie mit deinen Künstlernerven fühlst, aber, mein Lieber, das reicht nicht aus, das ist zu wenig, das ist ein tödlicher Luxus, dem auch ich früher ergeben war … Denkst du, wenn du von Frühverstorbenen schreibst, an die Gequälten, die Ermordeten in den Konzentrationslagern? Hast du schon einmal von Dachau gehört? Das ist gar nicht sehr weit von hier, aber du bist ja taub gegen die Schmerzensschreie, ebenso taub wie die andern alle. Sag nicht, dass du sie hörst. Denn, wenn du um dies alles wüsstest und es hinnehmen würdest, ohne zur Waffe zu greifen, dann, Andreas ist es nicht weit her mit deiner Menschlichkeit, auf die du wahrscheinlich so stolz bist wie jeder Schaffende.8
Andreas begreift die Bedrohung erst, als ihm Monika in einer Berghütte ihre Geschichte erzählt. Er scheitert jedoch jäh: Seine literarische Selbstüberformung führt an der Grenze zu einem fast absurden Tod durch eine SA-Patrouille – eine scharfe Kritik Weils an einem unpolitischen Denken. Parallel demaskiert der Roman die Wirtschaft, die sich aus Angst vor den Radikalen opportunistisch auf die Seite der Nazis schlägt, weil Faschismus als Wirtschaftsförderung funktioniert.
Stilistisch vom Expressionismus beeinflusst, nutzt Weil dessen literarische Techniken und die Abruptheit im Satzbau als ernüchterte Wiederaufnahme im Untergrund, inklusive eines integrierten Klabund-Zitats.
Vergib mir.
Ich tat,
Was Gott allein zu tun geziemt:
Nahm deine Hand für meine Hand,
Dein Herz
für meines.9
Auch das Motiv der «Grenze» ist vieldeutig: Es meint den realen Weg, transzendiert diesen aber als Metapher für die eigenen psychologischen Grenzen. Weil führt vor, wie gefährlich es ist, sich aus der Politik herauszuhalten:
Ein Mensch ohne Politik ist wie ein Schlafwandler – über kurz oder lang wird er von seinem Dach herunterfallen.10

Rückkehr nach Deutschland – Schreiben gegen das Vergessen
Nach Kriegsende stand Grete Weils Entschluss fest: Sie musste auf Deutsch gegen das Vergessen anschreiben. Für jüdische Bildungsbürger*innen bedeutete die Rückkehr eine Ausnahme. Viele blieben für immer fern. Grete Weil jedoch, die 1947 in Amsterdam als Widerstandskämpferin anerkannt wurde, kehrte ganz gezielt zurück, um die Deutschen in einen öffentlichen Dialog zu zwingen. Ihr Werk zeichnet sich dadurch aus, dass sie aus der eigenen Verfolgungserfahrung schrieb und dokumentarische Berichte durch raffiniert konstruierte, halbautobiografische Erzählungen transzendierte.
In der Nachkriegszeit stieß sie im Westen größtenteils auf Schweigen. Ihre Werke wie «Ans Ende der Welt» (1949) oder «Tramhalte Beethovenstraat» (1963) wurden zunächst ignoriert. Erst ab den 1980er-Jahren fand sie in Deutschland Gehör. Ihr autobiografischer Roman «Meine Schwester Antigone» (1980) erschien in der Schweiz und brachte der 74-Jährigen auch in Deutschland den Durchbruch. Es folgten späte Ehren und zahlreiche Preise, darunter 1988 der Geschwister-Scholl-Preis.
Grete Weil starb am 14. Mai 1999 und fand in Rottach-Egern ihre letzte Ruhe – zurück in der Heimat, für deren geistige Freiheit sie auf der Amsterdamer Speichertreppe so unerschütterlich gekämpft hatte.
Vergessen, wiederentdeckt, übersetzt
Ingvild Richardsen über ihre Forschung zu Grete Weil
2020 habe ich ihren ersten Roman «Der Weg zur Grenze» (1944/1945) während Forschungsarbeiten im Archiv der Monacensia wiederentdeckt. In ihrem Nachlass fand ich das unveröffentlichte originale Typoskript. 2022 gab ich den Roman, zusammen mit meinen Forschungen, im Verlag C.H. Beck heraus. Damals konnte ich auch noch vergessene und unbekannte Theaterstücke von Grete Weil in einem Archiv in Amsterdam ausfindig machen. Die internationale Resonanz folgte prompt: 2023 erschien der Roman auf Niederländisch bei J.M. Meulenhoff in Amsterdam, 2025 auf Französisch bei Gallimard in Paris. Grete Weils Nachlass liegt in der Monacensia – und hat noch mehr zu erzählen.
Was macht den Roman «Der Weg zur Grenze» literarisch bedeutsam?
Grete Weil schreibt nicht einfach Zeugnis – sie gestaltet. Sie verbindet persönliche Verfolgungserfahrung mit scharfer Kritik an all jenen, die wegschauten, und arbeitet dabei mit expressionistischen Mitteln. Entstanden im Versteck, während der Krieg noch tobte, geht der Roman weit über das Dokumentarische hinaus.
Wo befindet sich Grete Weils Nachlass?
Im Literaturarchiv der Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Straße 23 in München. Manuskripte, Briefe und Fotografien sind dort für die Forschung zugänglich.
Weiterlesen:
- Ingvild Richardsen (Hg.): Grete Weil: Der Weg zur Grenze. C.H. Beck, München 2022.
- Grete Weil: Meine Schwester Antigone. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 1980.
- Grete Weil: Tramhalte Beethovenstraat. Roman. S. Fischer, Frankfurt 1963.
Weiterlesen im MON Mag:
- Irmela von der Lühe: «Erzählen gegen das Vergessen: Grete Weil (1906–1999)»
Veranstaltungstipps zu Grete Weil:
- Do 16. Juli, ab 12 Uhr: «Grete Weil – Zeugin des Schmerzes» – Instagram-Live-Führung durch die Ausstellung «Literatur & Haltung», mit Sylvia Schütz.
- Im Herbst: Grete Weils Texte und biografische Zeugnisse kommen auf die Bühne – in einer Kooperation mit den Münchner Kammerspielen. Tickets für die szenische Lesung «Oft wollte ich weglaufen. Nie habe ich es getan» sind ab dem 15. Juli erhältlich.
- Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben? (1999). ↩︎
- Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben? (1999). ↩︎
- In dem Nachlass von Grete Weil sind mehrere Dokumente überliefert, in denen bestätigt wird, dass sie für Widerstandsgruppen gearbeitet hat bzw. im Widerstand tätig war. Darunter eine ausweisartige Bestätigung mit Passfoto der Legitimation Vrije Groepen Amsterdam (V.G.A), dass Grete Weil seit 1942 im Widerstand tätig, der V.G. A angeschlossen war und illegale Arbeit verrichtet hat. Desweiteren findet sich auch eine kurze Bestätigung von A. I., Keizer vom 21. Februar 1946, dass Grete Weil im Widerstand tätig war. (Monacensia, GW D2 und GW D 13) ↩︎
- Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben? (1999). ↩︎
- Wie Grete Weil in ihren Lebenserinnerungen berichtet machte von den Theaterstücken der Marionettenbühne eines, nämlich «Der Weihnachtsbrief des Gefreiten Adolf Hirnschal an seine Frau Amalia», eine von der BBC im Dezember 1940 geschaffene fiktive Person, Adolf Hirnschal (eine Art «Schweijk» des zweiten Weltkrieges) zum Gegenstand. Ziel dieser BBC Sendereihe, die in Deutschland ein vielfältiges Publikum gefunden und bis Mai 1945 kontinuierlich fortgesetzt wurde, sei es gewesen, für deutsche Hörer das innere Wesen des Nationalsozialismus zu entlarven und zugleich unterhaltsam zu sein. ↩︎
- Wie Grete Weil in ihren Lebenserinnerungen berichtet machte von den Theaterstücken der Marionettenbühne eines, nämlich «Der Weihnachtsbrief des Gefreiten Adolf Hirnschal an seine Frau Amalia», eine von der BBC im Dezember 1940 geschaffene fiktive Person, Adolf Hirnschal (eine Art «Schweijk» des zweiten Weltkrieges) zum Gegenstand. Ziel dieser BBC Sendereihe, die in Deutschland ein vielfältiges Publikum gefunden und bis Mai 1945 kontinuierlich fortgesetzt wurde, sei es gewesen, für deutsche Hörer das innere Wesen des Nationalsozialismus zu entlarven und zugleich unterhaltsam zu sein. ↩︎
- Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben? (1999). ↩︎
- Grete Weil: Der Weg zur Grenze, Beck Verlag 2022. ↩︎
- Möglicherweise kannte Grete Weil den Dichter Klabund aus ihrer beider Münchner Zeit. Das Gedicht findet sich in seinem Lyrikband «Das heiße Herz» (1922). Möglicherweise hat sie diese Passage damals in Amsterdam aus der Erinnerung zitiert, denn es gibt ein paar kleine Abweichungen von Klabunds Gedicht, möglicherweise hat sie absichtsvoll reduziert. Tatsächlich ist dieses Gedicht Teil eines Zyklus, der den Titel «Der Barbar» trägt. Es hat keine eigene Überschrift, trägt nur die Nummer 9. ↩︎
- Grete Weil: Der Weg zur Grenze, Beck Verlag 2022. ↩︎
Zitierempfehlung:
Ingvild Richardsen: «Grete Weil – Schreiben und Widerstand in Amsterdam», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 8.7.2026, https:// mon-mag.de/grete-weil-amsterdamer-widerstand/. ISSN 2944-3776.



