«Der große Geist der Liebe, der tausend Formen hat» – Christa Winsloe und die «Mädchen in Uniform»

Frau lehnt auf Tisch, hält Galagos in der Hand, daneben Pflanzen: Christa Winsloe.

«Mädchen in Uniform» machte Christa Winsloe berühmt. Doch ihr künstlerischer Weg begann mit Ton und Meißel. Wie wurde aus der Bildhauerin eine Schriftstellerin, die die Liebe zwischen Frauen auf die Bühne brachte? Ein Porträt führt in die Münchner Boheme und zurück in ein strenges Mädcheninternat.

Dieser Beitrag von Doris Hermanns ist einer von drei Artikeln der Autorin zum Kulturerbeprojekt #FemaleHeritage der Monacensia.

Der Filmklassiker «Mädchen in Uniform» wurde 2026 zum vierten Mal verfilmt. Die Urfassung von 1931 gilt als der erste Film im deutschen Kino, der von einer lesbischen Liebe erzählt. Es ist die Geschichte der Manuela von Meinhardis. Sie kommt 1914 nach dem Tod ihrer Mutter in ein strenges Mädchenpensionat. Dort verliebt sie sich in ihre Lehrerin Fräulein von Bernburg. Ursprünglich von Christa Winsloe 1930 als Theaterstück geschrieben, wurde es bereits ein Jahr später verfilmt. Es ist eine Geschichte, die bis heute zu begeistern weiß.

Christa Winsloe: Die frühen Jahre einer Künstlerin

Christa Winsloe wurde am 23. Dezember 1888 in Darmstadt geboren. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wurde sie 1903 als 14-Jährige in das Potsdamer Kaiserin-Augusta-Stift geschickt. Sie ahnte damals nicht, dass die literarische Verarbeitung ihrer dortigen Erlebnisse Jahre später für ihren Weltruhm sorgen würden.

In der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt machte sie bei dem Bildhauer Heinrich Jobst ihre ersten eigenen bildhauerischen Erfahrungen.

Christa Winsloe als junge Frau gegen Wand lehnend mit kurzen Haaren und Schlips, Hände in den Rocktaschen, lächelt.
Christa Winsloe. © Nachlass Christa Winsloe

München: Ausbildung zur Bildhauerin

Im September 1909 zog Christa Winsloe gegen den Willen ihrer Familie nach München, um an der Königlichen Kunstgewerbeschule die Bildhauerei zu erlernen. Welch einen Aufruhr diese Entscheidung in ihrer Familie verursachte, beschrieb Winsloe ihrer Freundin, der Schriftstellerin Hertha von Gebhardt, später in einem Brief:

Wollte nicht ein plötzlich dahergereister Onkel meine Seele retten, weil ich in einer Kunstschule Aktmodelle zeichnete? Und DER Skandal, wie ich nach München zog als ‹Malweib› (…) Nur weil ich was lernen wollte.1

Paris und Budapest: Ehe und Tierbildhauerei

1913 heiratete Christa Winsloe den ungarischen Schriftsteller, Mäzen und Baron Lajos Hatvany in Budapest. Dieser hatte in Deutschland studiert und war unter anderem mit Thomas Mann befreundet. Mit ihrem Ehemann ging sie nach Paris, wo sie die Kunstschule besuchen wollte. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges musste das Paar die Stadt jedoch überstürzt wieder verlassen. Die nächsten Jahre verbrachte Winsloe in Ungarn auf Schloss Hatvan, wo sie ein eigenes Atelier hatte, und in Budapest.

Über ihren Mann hatte Winsloe Kontakt mit allen ungarischen literarischen Größen dieser Zeit. Hier lernte sie auch bereits die US-amerikanische Auslandsjournalistin Dorothy Thompson kennen. Eine enge Freundschaft verband Winsloe mit Hatvanys Schwester Irén. Ihr sollte sie später ihren Roman «Das Mädchen Manuela. Der Roman zum Film ‹Mädchen in Uniform›»2 widmen.

Zu dieser Zeit spezialisierte sie sich auf die Tierbildhauerei, schuf aber auch andere große Werke. Dabei entwickelte sie ihren eigenen Stil, der sich zum Beispiel an ihrem lebensgroßen Schwein in Marmor zeigt. Dieses präsentierte sie 1918 in Budapest in einer gemeinsamen Ausstellung mit ihrem Schwager, dem Maler Ferenc Hatvany.

Frau hinter einem skulptierten Schwein, Hände auf den Kopf des Schweines aufgestütz: Christa Winsloe.
Christa Winsloe mit Schwein. © Nachlass Christa Winsloe

Nach Ende des Ersten Weltkriegs zerbrach die ungarisch-österreichische Monarchie, und Lajos Hatvany wurde demokratischer Abgeordneter der ungarischen Räterepublik. Als diese 1919 gestürzt wurde, floh das Paar über Berlin nach Wien, wo sich die beiden trennten.

Berlin und München: Künstlerischer Neuanfang und Schwabinger Boheme

Als Christa Winsloe im Herbst 1922 nach Berlin zog, hatte sie große Pläne: Erst war sie noch durch ihren früheren Ehemann finanziell abgesichert. So konnte sie sich ein Zimmer im renommierten Hotel Esplanade leisten. Außerdem mietete sie ein Studio. Für das Frühjahr 1923 plante sie eine Ausstellung ihrer Arbeiten. Aber es sollte anders kommen: Durch die Inflation wurde ihr Geld wertlos. In der Not fing sie an, Zeichnungen an eine Illustrierte zu verkaufen, und letztendlich musste sie auf einer Matratze in ihrem Studio schlafen.

Nach Ende der Inflation und nach ihrer Scheidung zog Winsloe 1924 zurück nach München, wo sie sich in der Kunigundenstraße im Künstlerviertel Schwabing ein eigenes Haus mit Atelier einrichtete. Dort lebte sie mit zahlreichen teilweise recht exotischen Tieren. Schon bald gehörte sie zur Münchener Boheme. So war sie befreundet mit Therese Giehse, Erika und Klaus Mann. Zu ihrem Bekanntenkreis zählten aber auch der Verleger Kurt Wolff, der Autor Erich Mühsam und dessen Frau Zensl sowie die Schauspielerin Kerstin Strindberg. Winsloe war Mitglied der Münchener Künstler-Genossenschaft und an mehreren Ausstellungen beteiligt.

Christa Winsloe: Von der Bildhauerei zum Schreiben

Neben ihrer Arbeit als Bildhauerin begann Christa Winsloe kleinere Feuilleton-Texte über ihre Arbeit als Bildhauerin zu schreiben. Veröffentlicht wurden diese zum Beispiel in der Kulturzeitschrift «Der Querschnitt». Auf humoristische Weise beschreibt sie darin unter anderem

  • ihre ersten Erfahrungen im Atelier von Jobst,
  • die Schwierigkeiten beim Modellieren eines schwangeren Meerschweinchens und anderer Skulpturen sowie
  • das Zusammenleben mit ihren zahlreichen Tieren.

Später wandte sie sich allgemeineren Themen und vor allem dem Theater zu.

«Mädchen in Uniform» und «Das Mädchen Manuela»: Theater und Film

Ihr erstes Theaterstück «Ritter Nérestan» basiert auf ihren Erlebnissen im Kaiserin-Augusta-Stift und wurde 1930 in Leipzig uraufgeführt. Ein Jahr später lief es unter dem Titel «Gestern und heute» in Berlin. Leontine Sagan3 führte sowohl bei der Berliner Aufführung als auch bei der Verfilmung im gleichen Jahr unter dem Titel «Mädchen in Uniform» Regie. Christa Winsloe arbeitete am Drehbuch mit. Es war einer der ersten Tonfilme und der erste Film mit einer rein weiblichen Besetzung. Unter anderem wirkten Hertha Thiele, Dorothea Wieck und Erika Mann daran mit. Er gilt als bester Film der Weltproduktion des Jahres 1931.

Buchcover – Erstausgabe: Christa Winsloe "Mädchen in Uniform", Albert de Lange Verlag, Amsterdam.
Die Erstausgabe: Mädchen in Uniform. Der Roman von Mädchen in Uniform. © Doris Hermanns.

Italien und USA: Liebe zu Dorothy Thompson und literarische Arbeit

Ende 1932 traf Christa Winsloe die Journalistin Dorothy Thompson wieder, die als eine der Ersten vor Hitler gewarnt hatte. Die beiden begannen eine leidenschaftliche Affäre und fuhren gemeinsam in die USA. Dort versuchten sie, mit Vortragsreisen auf die politische Situation in Deutschland aufmerksam zu machen. Winsloes Roman «Das Mädchen Manuela. Der Roman zum Film ‹Mädchen in Uniform›» erschien währenddessen durch Vermittlung ihrer englischen Agentur 1933 in Amsterdam. Das Theaterstück wurde am Broadway aufgeführt, und Winsloe konnte Artikel in Zeitungen unterbringen sowie Radiostücke verfassen.

Auf Dauer gelang es Winsloe jedoch nicht, wie erhofft, in Hollywood Fuß zu fassen. Zudem gab es immer mehr Spannungen mit Dorothy Thompson. Resigniert kehrte Winsloe 1935 nach München zurück. Als sie versuchte, einen Roman bei einem deutschen Verlag unterzubringen, erfuhr sie, dass sie in Deutschland Publikationsverbot hatte. Grund war, dass ihr Roman «Das Mädchen Manuela» 1933 im niederländischen Verlag Allert de Lange erschienen war, in dem auch zahlreiche ExilantInnen veröffentlicht hatten. Somit blieben ihr nur noch sehr begrenzte Möglichkeiten, im Ausland zu publizieren.

Durch ihre Ehe hatte Winsloe die ungarische Nationalität erhalten. Dadurch konnte sie ungehindert in Europa reisen. So war sie in der Lage, Verfolgten über die Grenze zu helfen und Nachrichten zu überbringen.

Frankreich: Drehbucharbeit und letzte Lebensjahre

1938 ging Winsloe nach Paris, um für den Regisseur G. W. Pabst das Drehbuch für den Film «Jeunes filles en détresse» zu schreiben. Wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs lief der Film in den Kinos an.

Sie zog sich nach Cagnes-sur-Mer an der französischen Côte d’Azur zurück. Dort lernte sie die Schweizer Pianistin Simone Gentet kennen. Mit ihr verbrachte sie die letzten Jahre ihres Lebens. Völlig verarmt baute sie Gemüse an, um zu überleben. Nebenher schrieb sie immer weiter – ohne wirkliche Aussicht auf Veröffentlichung.

Als die Bevölkerung evakuiert wurde, siedelten die beiden Frauen 1944 nach Cluny im Burgund um. Von dort aus plante Gentet zurück in die Schweiz zu gehen und Winsloe nach Ungarn zu reisen. Nachdem Winsloe jedoch die langersehnte Durchreisegenehmigung durch Deutschland erhalten hatte, wurden die beiden Frauen von Kriminellen erschossen, die sie für Spioninnen hielten.

«Mädchen in Uniform»: Neuverfilmungen und die verschiedenen Enden

Auch lange nach Christa Winsloes Tod lebt die Geschichte der «Mädchen in Uniform» weiter. So gab es immer wieder Neuauflagen des Romans, und das Theaterstück wird seit Jahren wieder aufgeführt. Nach der ersten Verfilmung von 1931 folgte in Deutschland 1958 ein Remake mit Romy Schneider und Lili Palmer in den Hauptrollen sowie Therese Giehse in einer Nebenrolle.

Der wesentliche Unterschied zwischen den verschiedenen Fassungen ist das Ende. Überlebt Manuela oder nicht? Wird die Zerstörung der Liebe, «die tausend Formen hat», deutlich? Zwischen diesen beiden deutschen Verfilmungen gab es 1950 noch eine dritte in Mexiko: «Muchachas de uniforme». Und nun dürfen wir auf die vierte Verfilmung unter der Regie von Justina Jürgensen gespannt sein. Angekündigt ist sie als «zeitgemäße Perspektive» mit Derya Akyol in der Hauptrolle.

Frau lehnt auf Tisch, hält Galagos in der Hand, daneben Pflanzen: Christa Winsloe.
Christa Winlsoe mit einer ihrer Galagos. © Nachlass Christa Winsloe

Lesetipps:

  • Doris Hermanns: «Wie soll man solche Gefühle nennen, wenn nicht Liebe?». Christa Winsloe (1888-1944) und Dorothy Thompson (1893-1961). In: Joey Horsley und Luise F. Pusch (Hg.): Frauengeschichten. Berühmte Frauen und ihre Freundinnen. Göttingen, Wallstein, 2010, S. 205-235.
  • Doris Hermanns: Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe. Berlin, AvivA, 2012.
  • Doris Hermanns: «Ich lebe vom Heimweh». Die Schriftstellerin und Bildhauerin Christa Winsloe. In: Exil. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse. Nr. 1, 2013, S. 62-71.
  • Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela. Der Roman zum Film «Mädchen in Uniform». Hg. und mit einem Nachwort versehen von Doris Hermanns. Berlin, Krug und Schadenberg, 2012, S. 273-293.
  • Christa Winsloe: Auto-Biographie und andere Feuilletons. Hg. und mit einem Nachwort versehen von Doris Hermanns. Berlin, AvivA, 2016.

Christa Winsloe: Kunst, lesbische Liebe und Exil

Christa Winsloe (1888–1944) war Schriftstellerin und Tierbildhauerin. Bekannt wurde sie durch «Mädchen in Uniform» – eine Geschichte, die sie zunächst als Theaterstück und später im Roman «Das Mädchen Manuela» erzählte. Doris Hermanns’ Porträt zeigt auch die weniger bekannte Künstlerin: ihre Tierplastiken, ihre Zugehörigkeit zur Münchner Boheme, ihre Liebesbeziehungen und ihr Leben unter Publikationsverbot und im Exil.

Die Reihe wird mit einem Beitrag über Christa Reinigs Beschäftigung mit Christa Winsloe fortgesetzt. 2027 folgt ein weiterer über Winsloes Freundschaft mit Klaus und Erika Mann.

Veranstaltungstipp – Christa Winsloe und die Münchner Kammerspiele

  • Freitag, den 6. November um 19:30 Uhr: «Christa Winsloe – Gestern und Heute» Ein zeitenübergreifendes und interdimensionales Treffen zwischen Christa Winsloe – verkörpert von Annette Paulmann – und der Filmregisseurin Justina Jürgensen, moderiert von Paula Lochte, Habibi Kiosk.

Lesetipps im MON Mag

  • Mehr von Christa Winsloe entdecken: «Marmorschwein gesucht!» führt zu ihren humorvollen Feuilletons und zur Wiederentdeckung vergessener Autorinnen durch den AvivA Verlag.
  • Lesbische Liebe und Leerstellen im Gedächtnis: «Lücken im Gedächtnis: Homosexualität in der Weimarer Republik» fragt anhand von Erika Mann, wie sich Schweigen und gesellschaftlicher Druck bis heute in der Erinnerung fortsetzen.
  • Erika Mann und Therese Giehse neu lesen: «Lasst uns über Gender reden!» hinterfragt Geschlechterbilder und Zuschreibungen von Weiblichkeit bei zwei Künstlerinnen aus Winsloes Freundeskreis.
  • Die Münchner Boheme näher kennenlernen: Das Ausstellungsdossier «Thomas Mann und das literarische München» erschließt das literarische Umfeld zwischen künstlerischem Aufbruch, Weimarer Republik und NS-Zeit.
  1. Brief an Hertha von Gebhardt vom 20.5.1944. Zitiert nach Doris Hermanns: Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe. Berlin, AvivA Verlag, 2012, S. 49f. ↩︎
  2. Christa Winsloe: Das Mädchen Manuela. Der Roman zum Film «Mädchen in Uniform». Amsterdam, Allert de Lange, 1933. ↩︎
  3. In ihren Memoiren schreibt Leontine Sagan auch über die Verfilmung des Theaterstücks: Licht und Schatten. Schauspielerin und Regisseurin auf vier Kontinenten. Berlin, Hentrich & Hentrich, 2010. ↩︎

Zitierempfehlung:
Doris Hermanns: «Der große Geist der Liebe, der tausend Formen hat» – Christa Winsloe und die «Mädchen in Uniform». In: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 14.10.2026, URL: https://mon-mag.de/christa-winsloe-maedchen-in-uniform/, ISSN 2944-3776.

Autor*innen-Info

Profilbild Doris Hermanns

Dies ist ein Gastbeitrag von Doris Hermanns

Doris Hermanns, deutsch-niederländische Autorin und Übersetzerin. 2012 veröffentlichte sie die Biografie «Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela. Die Schriftstellerin und Tierbildhauerin Christa Winsloe». Im gleichen Jahr gab sie eine Neuauflage des Romans «Das Mädchen Manuela. Der Roman zum Film ‹Mädchen in Uniform›» heraus, zu dem sie das Nachwort über die verschiedenen Fassungen schrieb. Sie ist seit dem Jahr 2000 in der Redaktion der Virginia Frauenbuchkritik und verfasst auch Rezensionen für das Online-Magazin AVIVA-Berlin. Zahlreiche Porträts von ihr erschienen auf dem Online-Portal www.fembio.org. Ausgezeichnet als BücherFrau des Jahres 2021. Neueste Buchveröffentlichung: «Sand im patriarchalen Getriebe. Zur Geschichte der Frauen-Buch-Bewegung» (AvivA Verlag 2025). Foto: Britta Jürgs

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