Wer ist wer? Personenregister zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv»

Booklet Personenregister zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv».

90 Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst, Wissenschaft und Politik sind im Personenregister zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» versammelt. In kurzen Biografien wird ein intellektuelles Netzwerk sichtbar, das Rachel Salamander mit ihrer Literaturhandlung über Jahrzehnte aufgebaut und geprägt hat – von langjährigen Wegbegleiter*innen bis zu Autor*innen und Mitwirkenden ihrer Veranstaltungen.

Persönlichkeiten der Ausstellung im Überblick

Viele der aufgeführten Autor*innen, Denker*innen und Künstler*innen waren in der Münchner Literaturhandlung präsent oder nahmen an von Rachel Salamander initiierten Veranstaltungen teil. Die Jahreszahlen bei den Einträgen verweisen auf diese Begegnungen und machen das Netzwerk auch zeitlich nachvollziehbar. Das Personenregister1 liegt in der Ausstellung als kostenloses Booklet aus und steht hier zusätzlich als PDF zum Download bereit.

Personenregister von A bis Z

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B

Jurek Becker (1937–1997)
Geboren in Łódź, wurde nach einer Kindheit im Ghetto in die KZ Ravensbrück und Sachsenhausen deportiert. Nach 1945 lebte er in Ostberlin und studierte Philosophie. Als er die Humboldt-Universität 1960 aus politischen Gründen verlassen musste, ging er an die Filmhochschule Babelsberg. Er schrieb Drehbücher und wurde 1969 mit seinem Debütroman weltbekannt: »Jakob der Lügner« erzählt vom (Über-)Leben im nationalsozialistischen Ghetto. 1977 ging Becker mit Genehmigung des DDR-Regimes in den Westen, er starb in Sieseby in Schleswig-Holstein. 1992

Louis Begley (*1933)
Geboren im polnischen Stryj (heute Ukraine), überlebte den Holocaust mit seiner Mutter dank gefälschter Papiere. 1946 emigrierte er über Paris in die USA. Er studierte Englische Literatur in Harvard, war als US-Soldat in Deutschland stationiert, nahm dann ein Jurastudium auf und praktizierte bis 2004 als Anwalt in Paris und New York. Sein 1991 erschienener Debütroman »Wartime Lies« (»Lügen in Zeiten des Krieges«, 1994) basierte auf eigenen Erlebnissen. Es habe »für die Erforschung des Holocaust Maßstäbe gesetzt«, schrieb Thomas Sparr in der Jüdischen Allgemeinen. 1995, 2007, 2009, 2013

Schalom Ben-Chorin (1913–1999)
Geboren als Fritz Rosenthal in eine assimilierte jüdische Münchner Kaufmannsfamilie, gestorben in Jerusalem, wohin er 1935 emigriert war. Bereits 1931 hatte er den hebräischen Namen Ben-Chorin (»Sohn der Freiheit«) angenommen, später ergänzt um Schalom (»Friede«). Als Rabbiner und Journalist setzte er sich für den jüdisch-christlichen Dialog ein. In erster Linie verstand er sich als Autor und engagierte sich für deutschsprachige Literatur zum Judentum. 1936 gründete er in Jerusalem die Buchhandlung Heatid (»Die Zukunft«), einige Jahre leitete er einen deutschsprachigen Verlag. 1983, 1885, 1986, 1990, 1991, 1993

Ulla Berkéwicz (*1948)
Geboren in Gießen, nahm einen vom Namen ihrer jüdischen Großmutter abgeleiteten (Künstlerinnen-)Namen an und war bis 1982 an verschiedenen Bühnen als Schauspielerin tätig. Seitdem ist sie freie Schriftstellerin und Übersetzerin von Theaterstücken. Nach dem Tod ihres Ehemanns Siegfried Unseld war sie von 2002 bis 2015 Verlegerin der Verlage Suhrkamp und Insel, danach bis 2024 Vorstandsvorsitzende des Aufsichtsrats der Suhrkamp Verlag AG. Sie lebt in Berlin. 1985, 1992, 2008, 2019

Maxim Biller (*1960)
1970 emigrierte die russisch-jüdische Familie von Prag nach Hamburg. Dort sowie in München studierte Maxim Biller Literaturwissenschaften und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Anfang der 1990er-Jahre profilierte er sich mit der Kolumne »100 Zeilen Hass« in der Zeitschrift Tempo als meinungsstarke und streitbare Person. Sein literarisches Schaffen umfasst Romane, Novellen, Essays, Lyrics, Memoirs, Hörspiele, Theaterstücke. Biller lebt in Berlin und bezieht regelmäßig öffentlich Position zu politischen und kulturellen Themen. 1990, 1991, 1994, 1996, 2000, 2001, 2003, 2012, 2014, 2016, 2018, 2023

W. Michael (Mike) Blumenthal (*1926)
Geboren in Oranienburg, floh 1939 als Kind mit der Familie nach Shanghai. 1947 ging Mike Blumenthal in die USA und bekleidete unter anderem von 1977 bis 1979 das Amt des US-Finanzministers. 1997 reiste der Wirtschaftsprofessor, Manager und Autor nach Berlin, um zur Eröffnung des Jüdischen Museums beizutragen – und blieb als Gründungsdirektor bis 2014. Die 2012 eröffnete Akademie des Jüdischen Museums wurde zu seinen Ehren 2016 in W. Michael Blumenthal Akademie umbenannt. Heute lebt Blumenthal teils in den USA, teils in Berlin. 1999

Christophe Boltanski (*1962)
Geboren in Paris, war für die Pariser Tageszeitung Libération unter anderem als Kriegsberichterstatter sowie als Korrespondent in Jerusalem tätig. Er verfasst Sachbücher über jüdische Themen und beschäftigt sich in seinen Romanen mit (jüdischer) Identität. Für »Das Versteck« über (s)eine Familiengeschichte im P nationalsozialistisch besetzten Paris erhielt er 2015 den Prix Femina. 2018

Luc Bondy (1948–2015)
Geboren in Zürich in eine jüdische Theater- und Literatenfamilie. Er absolvierte in Paris eine Ausbildung an der Pantomime-Schule von Jacques Lecoq, war als Theater- und Opernregisseur und Intendant an vielen verschiedenen internationalen Bühnenhäusern sowie als Autor tätig. 1997, 2005, 2009

Michael Brenner (*1964)
Geboren in Weiden als Sohn zweier Holocaust-Überlebender, studierte an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, an der Hebräischen Universität Jerusalem und an der Columbia University in New York, wo er über die Jüdische Kultur in der Weimarer Republik promovierte. Er hat den Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der Münchner LMU inne und ist Direktor des Center of Israel Studies an der American University in Washington. 2000, 2006, 2012, 2016, 2019, 2023

Porträt von Michael Brenner
Michael Brenner © Stephan Rumpf

MON-Mag-Artikel des Autors:

Lily Brett (*1946)
Geboren 1946 in Feldafing im DP-Lager. Ihre Eltern hatten im Ghetto von Łódź geheiratet, das KZ Auschwitz getrennt voneinander überlebt und sich danach wiedergefunden. 1948 emigrierte die Familie nach Australien. Lily Brett begann mit neunzehn Jahren für die Musikzeitschrift Go-Set zu schreiben. 1989 zog sie nach New York und lebt dort bis heute. Drei Jahre zuvor war ihr Debüt »Auschwitz Poems« erschienen. Wie in all ihren folgenden Romanen und Erzählungen setzt sie sich darin mit den Themen und Traumata der Holocaust-Überlebenden der zweiten Generation auseinander. 2001, 2006

Eine mittelalte Frau sitzt vor einem Mikrofon, rechte Hand gestikuliert, freundlich in einer Rede: Lily Brett.
Lily Brett bei einer Lesung im Jüdischen Museum Berlin in Kooperation mit der Literaturhandlung Berlin, 31. Oktober 2006. © Jüdisches Museum Berlin, Sönke Tollkühn.

Henryk M. Broder (*1946)
Geboren im polnischen Katowice als Sohn zweier Holocaust-Überlebender, mit denen er 1958 in die BRD einreiste. Er arbeitet schon als Jugendlicher für eine Schülerzeitung und machte sich später als streitbarer Journalist und Autor einen Namen. Ab 1981 lebte er zehn Jahre in Israel – aus Protest gegen antisemitische Tendenzen in der deutschen Presse. Heute lebt er in Berlin, schreibt und bezieht regelmäßig öffentlich Position zu Israel, Antisemitismus und Antizionismus. 1985, 1986, 1987, 1988, 1989, 1991, 1993, 1994, 1995, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006,2007, 2008, 2010, 2012, 2016

Weißhaariger, älterer Mann mit Brille sitzt vor einem Mikrofon, schaut nach links und hält ein Buch hoch: Henryk M. Broder. Literaturhandlung Berlin.
Henryk M. Broder bei einer Lesung im Jüdischen Museum Berlin, Literaturhandlung, 14. April 2008. © Jüdisches Museum Berlin, Sönke Tollkühn.

Micha Brumlik (1947–2025)
Geboren in Davos als Sohn zweier Holocaust-Überlebender, mit denen er 1957 nach Frankfurt am Main übersiedelte. Nach dem Studium der Pädagogik, Philosophie und Soziologie war er unter anderem von 2000 bis 2013 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität. Zudem leitete er von 2000 bis 2005 das Fritz-Bauer-Institut. In seinen Publikationen beschäftigte er sich mit jüdischen Themen und war nach seiner Emeritierung unter anderem Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. 1985, 1991, 1995, 2007, 2012, 2014, 2017

Ignatz Bubis (1927–1999)
Floh 1935 als Kind mit seiner Familie aus Breslau ins polnische Dęblin, wo sie ab 1941 im Ghetto lebten. Sein Vater und zwei Geschwister wurden deportiert und ermordet, er selbst überlebte das Zwangsarbeitslager Tschenstochau. Bubis war Unternehmer und FDP-Politiker, ab 1989 stellvertretender, von 1992 bis 1999 Vorsitzender des Zentralrats der Juden. Er setzte sich für den deutsch-jüdischen Dialog ein und wurde 1993 für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen. Bubis starb in Frankfurt am Main, begraben wurde er auf eigenen Wunsch in Tel Aviv. 1995

Hubert Burda (*1940)
Geboren in Heidelberg, ist ein Verleger, promovierter Kunsthistoriker und Mäzen. Er studierte in München Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Soziologie. 1987 übernahm er den familieneigenen Verlag in Offenbach und baute diesen zu dem international agierenden deutschen Medienkonzern Hubert Burda Media um. Mit der Hubert Burda Stiftung fördert er auch Kunst und Kultur und setzt sich für den deutsch-jüdischen Dialog ein. So subventionierte er unter anderem das 2006 eröffnete Jüdische Zentrum in München, wo er seit vielen Jahren lebt.

C

Frank Castorf (*1951)
Geboren in Ostberlin, zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Regisseuren. Vor 1989 war er an verschiedenen Theatern in der DDR tätig und hat auch in Westdeutschland inszeniert. Von 1992 bis 2017 war er Intendant der Berliner Volksbühne und wirkte zudem als Gastregisseur in internationalen Theatern und Opernhäusern. Seine eigenwilligen Inszenierungen basieren oftmals auf Romanen der Weltliteratur.

D

Janina David (1930–2023)
Floh 1939 als Kind mit ihren Eltern aus dem polnischen Kalisz nach Warschau, wo sie im Ghetto leben mussten. Von den Eltern aus diesem geschmuggelt, überlebte Janina David dank hilfreicher Menschen mit gefälschten Papieren in einem Kloster. Ihre Eltern sah sie nie wieder. Nach Kriegsende lebte sie in Paris, Australien und schließlich in London, wo sie als Autorin und Übersetzerin tätig war. In ihren autobiografischen Romanen, darunter »Ein Stück Himmel«, erzählte sie von ihren (Kindheits-)Erlebnissen. 1983, 2000

Dan Diner (*1946)
Geboren in München als Sohn polnisch-litauischer Eltern, die in einem DP-Camp lebten. 1949 wanderten sie nach Israel aus, 1954 gingen sie zurück in die BRD. Diner studierte an der Goethe-Universität Frankfurt Rechts- und Sozialwissenschaften und promovierte über das Völkerrecht. Er lehrte an verschiedenen Universitäten und ist Professor Emeritus für Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Gedächtnisgeschichte des Holocaust, für den er den Begriff »Zivilisationsbruch« prägte. 1987, 1990, 1999, 2001, 2002, 2003, 2006, 2010, 2012, 2015, 2018, 2021

Irene Dische (*1952)
Geboren in einem deutsch-jüdischen Emigrantenviertel in New York City als Tochter eines galizischen Vaters und einer deutschen Mutter. Sie studierte in Harvard und schrieb für US-Magazine. Seit den 1970er-Jahren lebt sie vorwiegend in Berlin und in Rhinebeck, USA. Entdeckt und gefördert von Hans Magnus Enzensberger, veröffentlichte sie 1989 mit dem Erzählungsband »Fromme Lügen« ihr literarisches Debüt. In »Großmama packt aus« (2005) erzählt sie von ihrer katholischen Großmutter und ihrem jüdischen Großvater zur Zeit des Nationalsozialismus. 1991, 1993, 2007, 2008, 2009

Hilde Domin (1909–2006)
Geboren in eine assimilierte Kölner Familie, studierte Jura, Philosophie, politische Wissenschaften und ging im Herbst 1932 mit ihrem Mann zum Auslandsstudium nach Italien, wo sie nach der Machtübernahme 1933 blieben. 1940 flohen sie in die Dominikanische Republik. 1951 begann Hilde Domin, Gedichte zu schreiben. Mit dem eigenen Jüdischsein beschäftigte sie sich erst spät – veranlasst durch ihre Erfahrungen der Verfolgung, des Exils und vor allem wegen des fortlebenden Antisemitismus nach 1945. Ihr Judentum begriff sie als Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft. 1998, 2000, 2003

Jessica Durlacher (*1961)
Geboren in Amsterdam als Tochter des Soziologen und Autors Gerhard Leopold Durlacher. Dieser war mit seinen Eltern von Baden-Baden nach Holland geflohen, wurde mit ihnen nach Auschwitz deportiert und überlebte als Einziger. Jessica Durlacher studierte niederländische Literatur und mitbegründete eine Literaturzeitschrift. Sie übersetzte den Comic »Maus I & II« von Art Spiegelman ins Niederländische. Fürs eigene Schreiben entschied sie sich auch durch die Begegnung mit ihrem Ehemann Leon de Winter. Die Geschichte der Kinder von Holocaust-Opfern ist eines der zentralen Themen in ihren Romanen. 2006, 2012

E

Paul Chaim Eisenberg (*1950)
Geboren in Wien in eine Rabbinerfamilie, absolvierte nach zwei Semestern Mathematik und Statistik an der Universität Wien ein Rabbinatsstudium in Jerusalem. Von 1983 bis 2016 hatte er das von seinem Vater übernommene Amt des Oberrabbiners der Israelitischen Kultusgemeinde Wien inne, zudem war er langjähriger Oberrabbiner des Bundesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden Österreichs. Eisenberg veröffentlichte einige Bücher, darunter 2006 seine Autobiografie »Erlebnisse eines Rabbiners: Geschichte und Geschichten«. Zudem tritt er als Sänger und Musiker auf. 1995, 2001, 2006, 2014, 2018

Hans Magnus Enzensberger (1929–2022)
Geboren in Kaufbeuren, wurde als Sohn eines Beamten zur Mitgliedschaft bei der Hitlerjugend verpflichtet und nach eigenen Angaben wegen unangemessenen Verhaltens wieder ausgeschlossen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wurde er zum »Volkssturm« eingezogen. Nach dem Krieg studierte er Literaturwissenschaft und Philosophie. Hans Magnus Enzensberger war als Lyriker, Essayist, Biograf, Herausgeber und Übersetzer tätig und gilt als einer der einflussreichsten und international bekanntesten deutschen Intellektuellen seiner Zeit.

F

Rainer Werner Fassbinder (1945–1982)
Geboren in Bad Wörishofen, ging zum Schauspielunterricht nach München und war als Schauspieler, Regisseur, Filmautor, Produzent und Theaterleiter tätig. In seinem Filmen und Theaterstücken beschäftigte er sich oftmals mit der NS-Vergangenheit und dem Nachkriegsdeutschland. Rainer Werner Fassbinder war der wichtigste Vertreter des Neuen Deutschen Films, der produktivste und erfolgreichste Regisseur seiner Zeit. Dabei polarisierte er und wurde auch bezichtigt, antisemitische Klischees zu reproduzieren (siehe auch Peter Zadek).

Jutta Fleckenstein (*1971)
Die in Aschaffenburg geborene Historikerin ist seit 2005 stellvertretende Direktorin am Jüdischen Museum München und Kuratorin der Dauerausstellung »Stimmen_Orte_Zeiten«. Gemeinsam mit Rachel Salamander gab sie 2021 das Buch »Kurt Landauer. Der Präsident des FC Bayern« heraus.

Lea Fleischmann (*1947)
Geboren in einem DP-Lager bei Ulm als Kind zweier Holocaust-Überlebender und aufgewachsen im DP-Lager Föhrenwald in Wolfratshausen. Sie studierte Pädagogik und Psychologie in Frankfurt am Main, unterrichtete an einer Berufsschule und wanderte 1979 nach Israel aus. Dort entdeckte sie das Judentum für sich. 1980 erklärte sie in ihrer ersten Buchveröffentlichung »Dies ist nicht mein Land«, warum Juden und Jüdinnen nach dem Holocaust nicht mehr in Deutschland leben können. Mit ihren Bildungsprojekten engagiert sie sich unter dem Motto »Judentum Schülern verständlich gemacht« gegen Antisemitismus und für Völkerverständigung. 1983

Saul Friedländer (*1932)
Geboren in Prag in eine assimilierte deutschsprachige Familie, die 1939 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich floh. Den Eltern gelang es, den Sohn in einem katholischen Internat zu verstecken, wo er getauft wurde. Die Eltern überlebten den Holocaust nicht. Nach dem Krieg besann sich Saul Friedländer auf seine jüdischen Wurzeln und wanderte 1948 mit 15 Jahren alleine nach Israel aus. Als promovierter Historiker und Publizist beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg. Im Januar 2019 sprach er am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag über die letzte Begegnung mit seinen Eltern. 1984, 1998, 2006, 2011, 2012, 2016

Michel Friedman (*1956)
Geboren in Paris in eine polnisch-jüdische Familie. Die Eltern und die Großmutter entgingen der Deportation aus dem Krakauer Ghetto dank dem Unternehmer Oskar Schindler, die gesamte Verwandtschaft wurde ermordet. 1965 siedelte die Familie in die BRD über, Michel Friedmann absolvierte ein Jurastudium, er war und ist als Anwalt, Politiker, Moderator und Publizist tätig. Von 2000 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, von 2001 bis 2003 Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses. Friedmann setzt sich gegen Rechtsradikalismus und für Integration Geflüchteter ein. 1995

G

Hans-Georg Gadamer (1900–2002)
Geboren in Marburg, wuchs in Breslau auf und studierte dort, in Marburg sowie München Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Philosophie und Pädagogik. Er trat nie der NSDAP bei, distanzierte sich aber auch nicht vollends. In der Nachkriegszeit galt er als politisch unbelastet. Mit seinem 1960 veröffentlichten Hauptwerk »Wahrheit und Methode« wurde er zum Begründer der philosophischen Hermeneutik und damit zu einem der wichtigsten Philosophen der Nachkriegszeit. 1996

Ruth Gay (1922–2006)
Wohnte die meiste Zeit ihres Lebens in ihrer Geburtsstadt New York. Als Archivarin und Bibliothekarin, vor allem aber als Historikerin, Autorin und Journalistin beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit jüdischem Leben. 1984 lebte sie drei Monate in Westberlin, wo sie das Archiv der dortigen Jüdischen Gemeinde neu strukturierte und ordnete. 1992 legte sie mit der »The Jews of Germany: A Historical Portrait« (»Geschichte der Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zum Zweiten Weltkrieg«, 1993) ein umfassendes Werk vor. 2001

Schwarz-weiß-Foto einer Veranstaltung in einer Buchhandlung, eine ältere Frau mit Brille steht vor einem Mikrofon, vor ihr sitzen Menschen und lauschen, darunter neben Ruth Gay sitzt Rachel Salamander.
Rachel Salamander mit der amerikanischen Historikerin Ruth Gay in der Literaturhandlung Berlin; vom Mikrophon tlw. verdeckt Barbara Picht. © Monacensia, RSA F 4.

Ralph Giordano (1923–2014)
Tauchte 1945 mit den Eltern und dem Bruder in seiner Heimatstadt Hamburg unter, um die Deportation der jüdischen Mutter zu verhindern. Sie überlebten auch dank der Hilfe anderer. Nach dem Krieg absolvierte er eine journalistische Ausbildung, schrieb unter anderem für die Jüdische Allgemeine und beobachtete im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland die NS-Prozesse. Als Schriftsteller bekannt wurde Ralph Giordano 1982 mit dem autofiktionalen Roman »Die Bertinis« über eine Hamburger Familie während der NS-Zeit. Seit 1998 zeichnet der nach dem Roman benannte Bertini-Preis junge Menschen in Hamburg mit Zivilcourage und Projekte gegen Ausgrenzung oder Gewalt aus. 1987, 1989, 1991, 1993, 2007, 2009

Daniel Jonah Goldhagen (*1959)
Geboren in Boston, Massachusetts, als Sohn des polnischen Historikers und Holocaust-Überlebenden Erich Goldhagen, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA emigrierte. Daniel Jonah Goldhagen studierte an der Harvard-Universität Soziologe und Politik und löste 1996 vor allem in Deutschland eine öffentliche Debatte aus: In seinem Buch »Hitler’s Willing Executioners – Ordinary Germans and the Holocaust« (»Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust«) attestierte er den Deutschen einen gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus. 1996, 2002, 2009

Eduard Goldstücker (1913–2000)
Geboren im slowakischen Podbiel in eine jüdische Familie, studierte in Prag Germanistik und Romanistik und trat der Kommunistischen Partei (KSČ) bei. 1939 floh er nach Großbritannien, promovierte in Germanistik und arbeitete für die Tschechoslowakische Exilregierung. Nach dem Krieg war er an mehreren Orten politisch für sein Heimatland tätig, darunter 1950/51 als erster tschechoslowakischer Botschafter in Israel. 1953 wurde er in der Tschechoslowakei in der Folge des Slánský-Prozesses als Mittäter einer »trotzkistisch-zionistischen Verschwörung« verurteilt, 1955 rehabilitiert. Er schlug eine akademische Laufbahn ein und engagierte sich besonders für Kafka und die deutschsprachige Prager Literatur. 1990

Lena Gorelik (*1981)
Geboren in Sankt Petersburg, kam 1992 mit ihrer russisch-jüdischen Familie als sogenannter Kontingentflüchtling nach Deutschland. Sie studierte an der Deutschen Journalistenschule in München und absolvierte den Elitestudiengang Osteuropastudien. Seit sie 2004 mit dem Roman »Meine weißen Nächte« debütierte, veröffentlicht Lena Gorelik Romane für Erwachsene und Jugendliche, Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher, Essays, Reportagen sowie Sachbücher. Dabei setzt sie sich intensiv mit gesellschaftlich-politischen Themen sowie mit dem Judentum auseinander. 2007, 2008, 2011, 2016, 2024

Lena Gorelik © Charlotte Troll
Lena Gorelik © Charlotte Troll

MON-Mag-Artikel der Autorin:

David Grossman (*1954)
Lebt in einem Vorort seiner Geburtsstadt Jerusalem und ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der israelischen Gegenwartsliteratur sowie eine wichtige politische Stimme. Für sein großes Engagement für den Frieden im Nahen Osten erhielt er unter anderem 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie 2021 das Große Verdienstkreuz der BRD. Im November 2023 hielt er in Tel Aviv die Trauerrede für die Terroropfer des 7. Oktober. 2026 verleiht ihm die Hansestadt Lübeck und die Bayerische Akademie der Schönen Künste, München den Thomas Mann-Preis: «für sein erzählerisches und essayistisches Werk, das in Zeiten politischer Weltunordnung Räume für Verständigung und Versöhnung öffnet.» 1988, 1991, 1994, 1999, 2003, 2004, 2006, 2009, 2013, 2016

Batya Gur (1947–2005)
Geboren in Jerusalem und gestorben in Tel Aviv, machte sich als erste Israelin international einen Namen als Krimiautorin. Ihre Eltern wanderten von Polen nach Israel aus, einige Verwandte wurden in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet. Sie studierte Literaturwissenschaften in Jerusalem, arbeitete als Dozentin für Literatur sowie als Literaturkritikerin für die israelische Tageszeitung Ha’aretz. Neben sechs Krimis veröffentlichte sie zwei erfolgreiche systemkritische Romane. 1997, 1999, 2003

H

Jürgen Habermas (1929–2026)
Geboren in Düsseldorf, sein Vater war seit 1933 NSDAP-Mitglied und wurde nach der amerikanischen Kriegsgefangenschaft als »Mitläufer« eingestuft. Jürgen Habermas war Mitglied im Jungvolk, konnte aber der Hitlerjugend sowie dem Einzug zur Wehrmacht im Februar 1945 entrinnen. Er studierte Philosophie, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie und war zuletzt Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main. Er gilt als bekanntester Vertreter der aus der Frankfurter Schule entstandenen Kritischen Theorie sowie als einer der weltweit wichtigsten Philosophen und Soziologen des 20. und 21. Jahrhunderts.

André Heller (*1947)
Geboren in Wien in eine jüdische Familie, sein Vater war Miteigentümer einer Schokoladenfabrik. André Heller absolvierte eine Schauspielausbildung und entdeckte die verschiedensten Künste für sich. Heute ist er ein international erfolgreicher Multimedia-Künstler, Regisseur von Shows, Theaterstücken, Zirkussen, Filmen und Operninszenierungen, Singer-Songwriter und Autor, unter anderem von der autobiografisch inspirierten Erzählung »Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein«. 1991, 2004, 2008

Adolf von Hildebrand (1847–1921)
Geboren in Marburg als Sohn des Nationalökonomen Bruno Hildebrand und der aus einer jüdischen Familie stammenden Clementine Guttentag. Er war einer der wichtigsten Bildhauer seiner Zeit. Mit dem Wittelsbacher Brunnen und dem Hubertusbrunnen stehen heute seine beiden Hauptwerke in München. Nach einigen Jahren in Florenz zog er 1898 in die von ihm selbst entworfene Künstlervilla in Bogenhausen, das heutige Hildebrandhaus.

Nahaufnahme von Adolf von Hildebrand
Adolf von Hildebrand im Treppenhaus der Monacensia. Bildquelle: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, JR Album 3

Weiterlesen:

Barbara Honigmann (*1949)
Geboren in Ostberlin, wohin ihre Eltern aus dem britischen Exil zurückgekehrt waren. Sie arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin, seit 1975 ist sie freie Autorin und zudem als bildende Künstlerin tätig. 1984 emigrierte sie mit ihrer Familie nach Straßburg, wo sie bis heute lebt. 1986 erschien ihr Debüt »Roman von einem Kinde«. 2021 veröffentlichte sie den Band »Unverschämt jüdisch« mit Texten über Literatur, das Leben und jüdische Identität. 2026 erschien »Mischka« mit literarischen Porträts über Freunde ihrer Eltern, die den NS-Lagern und dem sowjetischen Gulag entkamen. 1987, 1994, 1996, 1999, 2003, 2004, 2007, 2015, 2019, 2021

J

Helmut Jahn (1940–2021)
Geboren in Zirndorf bei Nürnberg, gestorben bei einem Fahrradunfall in Campton Hills, Illinois, war ein deutsch-US-amerikanischer Architekt. Mit seinen großen Hightech-Gebäuden prägte er als »Turmvater Jahn« einen neuen Baustil in der Nachkriegszeit. Nach dem Architekturstudium an der TU München ging er 1966 nach Chicago. Zu seinen hierzulande bekanntesten Bauprojekten gehören der Frankfurter Messeturm, das München Airport Center, das Center am Potsdamer Platz in Berlin und der Skyline Tower in München. 1994

Ron C. Jakubowicz (*1947)
Der in seiner Geburtsstadt München praktizierende Rechtsanwalt hat seinen Tätigkeitsschwerpunkt im internationalen und deutschen Handels- und Gesellschaftsrecht sowie in Mergers & Acquisitions. Er ist unter anderem Präsidiumsmitglied der Deutsch-Israelischen Wirtschaftsvereinigung e. V. und Mitglied des Board of Governors der Hebräischen Universität Jerusalem. Gemeinsam mit Rachel Salamander gründete er 2013 den Verein Synagoge Reichenbachstraße e. V. und arbeitete über all die Jahre intensiv an der Restaurierung ebendieser Synagoge mit.

Hans Jonas (1903–1993)
Geboren in Mönchengladbach als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten und der Tochter des Krefelder Oberrabbiners Jakob Horowitz. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, emigrierte 1933 nach London, 1934 nach Jerusalem und kämpfte 1948/49 als Soldat der Israelischen Armee. Ab 1955 lebte er in New York, wo er eine Professur an der New School for Social Research innehatte. Als Philosoph beschäftigte er sich mit (Umwelt-)Ethik. Zu seinen Hauptwerken zählt »Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation« von 1979. 1984, 1986, 1992

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Lore Jonas (1916–2012)
Geboren als Eleonore Weiner in Karlsruhe und aufgewachsen in Regensburg. 1933 emigrierte die Familie nach Palästina. Da sie ihre Schulausbildung unterbrechen musste, arbeitete Lore Weiner zunächst als Reinigungskraft und später in der Kinderbetreuung. 1943 heiratete sie Hans Jonas und ging mit ihm – mit Zwischenstation in Kanada – 1955 nach New York. Dort findet sich im Leo Baeck Institut mit der Hans und Eleonore Jonas-Sammlung der digitalisierte private und berufliche Nachlass des Paares. 2008

K

Imre Kertész (1929–2016)
Geboren und gestorben in Budapest, überlebte als Kind die KZ Auschwitz und Buchenwald. Er arbeitete unter anderem als Journalist und in der Presseabteilung des ungarischen Wirtschaftsministeriums, bevor er 1953 seine Kindheitserlebnisse als freier Autor literarisch zu bewältigen versuchte. Das Debüt »Sorstalanság« 1975 (1990 »Mensch ohne Schicksal«, ab 1996 »Roman eines Schicksallosen«) bildete den Auftakt seiner »Tetralogie der Schicksallosigkeit« und zählt zu den wichtigsten Büchern über den Holocaust. 2002 erhielt Imre Kertész den Literaturnobelpreis. 1996, 1999, 2003, 2006

Henry Kissinger (1923–2023)
Geboren in Fürth in eine deutsch-jüdische Familie, die 1938 in die USA auswanderte, genauer: in den deutsch-jüdisch geprägten New Yorker Stadtteil Washington Heights. Viele seiner Verwandten wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Nach seiner Einbürgerung 1943 wurde Henry Kissinger zur US-Army eingezogen. Später prägte er als studierter Politikwissenschaftler die US-Politik entscheidend mit. Er war Nationaler Sicherheitsberater sowie US-Außenminister und erhielt 1973 den Friedensnobelpreis für seine Vermittlertätigkeit im Vietnamkrieg. 1992

Ernst Klee (1942–2013)
Geboren in Frankfurt am Main, beschäftigte sich in den 1970er-Jahren als Sozialarbeiter und Journalist mit gesellschaftlich ausgegrenzten und stigmatisierten Gruppen. 1983 untersuchte er in seinem Buch »›Euthanasie‹ im NS-Staat. Die ›Vernichtung lebensunwerten Lebens‹« ein bis dato von der NS-Forschung kaum beachtetes Thema. In der Folge wurde er zum profilierten Forscher und Publizisten im Bereich der Aufklärung ebendieser NS-Verbrechen sowie der Verfolgung von Täterkarrieren vor und nach 1945. Ernst Klees wissenschaftlich erschlossener Nachlass befindet sich in der Gedenkstätte Hadamar. 1989

Ruth Klüger (1931–2020)
Geboren in Wien, überlebte als Kind zusammen mit ihrer Mutter die KZ Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt. 1947 emigrierte sie in die USA, studierte Germanistik und Bibliothekswissenschaften und wurde eine renommierte Germanistin und engagierte Feministin. Erst 1992 veröffentlichte sie ihre Autobiografie »weiter leben. Eine Jugend«. Im Januar 2016 sprach Ruth Klüger am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag über ihre Erlebnisse im KZ. Ruth Klüger starb in Irvine, Kalifornien. 1993, 1997, 1998, 1999, 2000, 2002, 2003, 2004, 2006, 2008, 2010, 2012, 2013

Nicole Krauss (*1974)
Lebt als Autorin in ihrer Geburtsstadt New York. Ihren jüdischen Großeltern gelang es rechtzeitig, dem NS-Regime in Europa zu entfliehen. Nicole Krauss studierte Englische Literatur und Kunstgeschichte und wurde 2005/06 mit ihrem zweiten Roman international bekannt: »Die Geschichte der Liebe« erzählt von dem Holocaust-Überlebenden und nach New York emigrierten polnischen Juden Leo Gursky. 2011, 2018

L

Claude Lanzmann (1925–2018)
Geboren in Bois-Colombes als Sohn einer ukrainisch-jüdischen Mutter und eines Vaters lettischer und weißrussischer Herkunft. 1942 R organisierte er die Résistance seines Gymnasiums. Er war Journalist und Filmemacher und arbeitete über zehn Jahre an seinem Hauptwerk: Für seinen 566-minütigen Dokumentarfilm »Shoah« von 1985 befragte er Zeitzeug*innen zum Holocaust. Seit 2023 zählen Lanzmanns Archiv und sein Film zum UNESCO-Weltkulturerbe. 2025 machte das Jüdische Museum Berlin das Audio-Archiv erstmals öffentlich zugänglich. 1987

Hanne Lenz (1915–2010)
Geboren in München als Johanna Trautwein, Enkelin des Hamburger Zionisten Gustav Gabriel Cohen. Während ihres kunsthistorischen Studiums lernte sie ihren späteren Mann Hermann Lenz kennen. Ihr gelang die Promotion vor dem Verbot durch das NS-Regime, ab September 1944 leistete sie Zwangsarbeit in München. Nach Kriegsende finanzierte sie als Lektorin das Schreiben ihres Ehemanns. Als Autorin trat sie nach dessen Tod 1998 in Erscheinung. Sie schrieb über ihren Großvater und gab dessen Schriften heraus. Ihr Grabstein auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München trägt neben dem lateinischen Namenszug den Vornamen »Channa« in hebräischer Schrift.

M

Max Mannheimer (1920–2016)
Geboren im tschechoslowakischen Neutitschein in eine deutsch-jüdische Kaufmannsfamilie. 1943 wurden er, seine Eltern, vier Geschwister und seine junge Ehefrau Eva Bock über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Nur er und sein jüngster Bruder überlebten diese und weitere KZ. 1946 entschied er sich für ein Leben in Deutschland. Max Mannheimer engagierte sich in jüdischen Hilfsorganisationen sowie ab den 1980er-Jahren für Erinnerungskultur und gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Er war Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees und galt mit seinem unermüdlichen Einsatz als großer Versöhner. Als außerschulische Bildungseinrichtung setzt das Max Mannheimer Studienzentrum in Dachau diese Arbeit in seinem Sinne fort. 1997, 2012

Sunnyi Melles (*1958)
Geboren in Luxemburg als Tochter des ungarischen Musikprofessors und Dirigenten Carl Melles und der ungarisch-jüdischen Schauspielerin Judith Melles, geb. Judit Rohonczy. Nach ihrer Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule gehörte sie unter anderem zum Ensemble der Münchner Kammerspiele, des Bayerischen Staatsschauspiels und des Wiener Burgtheaters. Für ihre Rolle als Mutter einer jüdischen Großfamilie in der Miniserie »Die Zweiflers« erhielt sie den Deutschen Schauspielpreis 2025 in der Kategorie Komödiantische Rolle. 2000, 2011, 2018

N

Péter Nádas (*1942)
Geboren in eine jüdische Familie in Budapest, lebt als Autor und Fotograf teils in seiner Geburtsstadt, teils in dem ungarischen Dorf Gombosszeg. Seine Eltern überlebten den Holocaust im Untergrund und waren im kommunistischen Widerstand gegen das autoritäre Horthy-Regime. Ihre jüdische Herkunft thematisierten sie kaum. Péter Nádas debütierte 1997 mit »Ende eines Familienromans«. In seinem genresprengenden Roman »Parallelgeschichten« von 2012 erzählt er unter anderem von der Deportation ungarischer Juden in den Jahren 1944/45. 1999, 2002, 2017, 2018

O

Marian Offman (*1948)
Geboren in München als Sohn zweier Holocaust-Überlebender ist Kommunalpolitiker, Autor, Unternehmer sowie seit 2021 Beauftragter Münchens »für den interkulturellen Dialog«. Von 2004 bis 2012 war er Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Bis 2021 und damit 30 Jahre lang gehörte er dem Vorstand der Gemeinde an. Ab 2002 saß er für die CSU im Münchner Stadtrat, 2019 wechselte er zur SPD, für die er seit 2023 wieder im Stadtrat sitzt. Mit »Mandelbaum« veröffentlichte er 2022 seinen autofiktionalen Debütroman.

MON-Mag-Interview des Autors:

Amos Oz (1939–2018)
Geboren in Jerusalem, gestorben in Petach Tikwa bei Tel Aviv, war einer der wichtigsten israelischen Schriftsteller, politischer Journalist und Friedensaktivist. Seine aus osteuropäischen Familien stammenden Eltern hatten sich im britischen Mandatsgebiet kennengelernt. 1954 trat er dem Kibbuz Chulda bei und änderte seinen Namen: Oz bedeutet Kraft und Stärke auf Hebräisch. In seinem autobiografisch inspirierten Roman »Eine Geschichte von Liebe und Finsternis« erzählt er unter anderem von der Gründung Israels. Oz mitbegründete die Friedensbewegung Schalom Achschaw (Peace Now) und befürwortete eine Zwei-Staaten-Lösung. 1991, 1992, 1995, 2002, 2004, 2009, 2013, 2015, 2018

P

Sarah Pelikan (*1947)
Geboren in Immenstadt im Allgäu, absolvierte eine Lehre als Glas- und Porzellanmalerin und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München, wo sie heute als freie Künstlerin lebt. Sie entwarf das Logo und die Typografie der Literaturhandlung und hat in den Folgejahren stets einen Blick auf deren Erscheinungsbild geworfen.

Dmitri Alexandrowitsch Prigow (1940–2007)
Geboren in Moskau, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der russischen Konzeptkunst. Schon während seines Studiums der Bildhauerei in den 1960er-Jahren hinterfragte er die sowjetische Kunstdoktrin. Später unterlief er den sowjetischen Kunstkanon mittels subtiler Andeutungen. Prigow stellte Literatur, bildende und darstellende Kunst gleichberechtigt nebeneinander. Sein Gesamtwerk umfasst Lyrik, Prosa, dramatische Werke, visuelle Poesie, Essays, Zeichnungen, Objektkunst, Installationen, Performance und Videokunst. 1995

R

Lea Rabin (1928–2000)
Geboren als Lea Schloßberg in Königberg in eine jüdisch-russische Familie, die 1933 nach Palästina emigrierte. 1948, inmitten des Unabhängigkeitskrieges des Staates Israel, heiratete sie den späteren General und israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin. Sie studierte Pädagogik, arbeitete kurze Zeit als Lehrerin und unterstützte dann die Karriere ihres Mannes, als dessen Beraterin sie sich verstand. Nach dessen Ermordung 1995 engagierte sie sich für die Fortsetzung seiner Politik und insbesondere für den Frieden zwischen Israel und den Nachbarländern. 1996, 1997

Fritz J. Raddatz (1931–2015)
Geboren in Berlin als Sohn einer französischen Mutter. 1950 siedelte er nach Ostberlin über studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und war stellvertretender Cheflektor des Verlags Volk und Welt. 1958 floh er zurück in die BRD, war stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags und Feuilletonchef der Zeit. Als Literaturkritiker und Publizist prägte er das westdeutsche Feuilleton. 2003 veröffentlichte er den schonungslosen Erinnerungsband »Unruhestifter«, der auf seinen Tagebüchern seit 1982 basierte. 2003

Marcel Reich-Ranicki (1920–2013)
Geboren im polnischen Włocławek, war Autor und wichtigster Literaturkritiker seiner Zeit. Er wuchs in Berlin auf, wurde 1938 nach Warschau deportiert und lebte dort von 1940 bis 1943 im Ghetto, wo er Teofila (Tosia) Langnas heiratete und mit ihr in den Untergrund floh. In der Nachkriegszeit arbeitete er unter anderem für den polnischen Geheimdienst. Schließlich machte er die große Leidenschaft seines Lebens zum Beruf: die deutsche Literatur. 1958 ließ sich das Ehepaar in Frankfurt am Main nieder. Marcel Reich-Ranicki leitete viele Jahre den Literaturteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und wurde ab 1988 durch die Fernsehsendung Das Literarische Quartett der breiten Öffentlichkeit bekannt. 1988, 1989, 1990, 1994, 1995, 1999, 2002, 2003, 2004

Teofila (Tosia) Reich-Ranicki (1920–2011)
Geboren in Łódź als Teofila Langnas in eine jüdische Kaufmannsfamilie. 1939 floh sie nach dem Einmarsch der deutschen Truppen mit ihren Eltern nach Warschau, wo sie das Ghetto überlebte – zusammen mit Marcel Reich (später Reich-Ranicki), den sie dort geheiratet hatte. Nach der gemeinsamen Übersiedlung nach Deutschland 1958 arbeitete sie als Grafikerin und Illustratorin, als Journalistin und Übersetzerin aus dem Polnischen ins Deutsche. 2000 erschien »Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke«, ein Faksimile mit 56 Gedichten, die sie für ihren späteren Ehemann 1941 im Warschauer Ghetto abgeschrieben und illustriert hatte. 2000

Patricia Reimann (1955)
Geboren in Ulm, ist eine deutsche Lektorin, Übersetzerin und Herausgeberin. Sie studierte Philosophie und Germanistik in München, war Lektorin für fremdsprachige Literatur beim Piper Verlag, wo sie auch die Gedichtbände des israelischen Lyrikers Jehuda Amichai betreute. Über zehn Jahre war sie Programmleiterin Literatur beim Deutschen Taschenbuchverlag und begründete dort das »Israelische Programm«. Sie brachte junge israelische Autor*innen auf den deutschen Buchmarkt und gab beispielsweise »Israel: ein Lesebuch« (1998) sowie den Erzählband »Nicht ganz koscher: Storys für die Feiertage« (2011) heraus.

Lenka Reinerová (1916–2008)
Geboren in eine assimilierte jüdische Familie, gilt als letzte Autorin der deutschsprachigen Literatur ihrer Heimatstadt Prag. Sie überlebte den Holocaust als Einzige ihrer Familie, da sie im März 1939 einen Aufenthalt in Bukarest zur Flucht nutzte. Nach Einzelhaft und Frauenlager in Frankreich erreichte sie über Marokko Mexiko. 1948 kehrte sie zurück nach Prag, wurde 1952 im Zuge des stalinistischen Terrors kurzzeitig inhaftiert. Mittlerweile schreibend tätig, erhielt sie bis 1956 Publikationsverbot. In ihren Erzählungen und Erinnerungsbüchern setzte sie sich intensiv mit dem Holocaust auseinander. 2000, 2006, 2007

Ilja Richter (*1952)
Geboren in Ostberlin. Seine jüdische Mutter hatte die NS-Zeit mit gefälschter Identität überlebt und sein Vater als kommunistischer Widerstandskämpfer Gefängnis und KZ. 1953 zog die Familie nach Westberlin. Ilja Richter wirkte schon als Kinderdarsteller und -sprecher, in den 1970er-Jahren moderierte er die ZDF-Show disco. Er selbst versteht sich heute als Chansonier und schreibender Schauspieler. 1989 veröffentlichte er mit seiner Mutter Eva Richter den satirischen Band »Der deutsche Jude«, 2024 setzte er sich in »Lieber Gott als nochmal Jesus« mit seiner religiösen Identität »zwischen Kreuz und Davidstern« auseinander. 2001

Lew Rubinstein (1947–2024)
Geboren in Moskau in eine jüdische Familie, gilt als Mitbegründer und Hauptvertreter des Moskauer Konzeptualismus. Nach seinem Philologiestudium arbeitete er als Bibliothekar und Bibliograf. Bei seiner Arbeit mit Katalogkarten, den »kartotschki«, entwickelte er sein eigenes Genre: Gedanken und Poesie, verdichtet auf kleinstem Raum. In den 1970er- und 1980er-Jahren gehörte er der Untergrundliteraturszene an. Obwohl er die sowjetische, später die russische Politik und den Angriffskrieg auf die Ukraine scharf kritisierte, blieb er zeitlebens in seiner Heimat. Im Januar 2024 wurde Rubinstein beim Überqueren eines Zebrastreifens von einem Auto überfahren und getötet. 1995

S

Beno Salamander (*1944)
Geboren in Turkmenistan als Sohn zweier Holocaust-Überlebender, verbrachte seine Kindheit von 1946 bis 1956 in verschiedenen DP-Lagern in Bayern. Er studierte Medizin, arbeitete zunächst als Internist im Städtischen Krankenhaus München-Schwabing, dann bis 2025 in seiner eigenen Münchner Praxis. 2011 veröffentlichte er mit »Kinderjahre im Displaced-Persons-Lager Föhrenwald« seine Erinnerungen an das am längsten bestehende Camp für jüdische Überlebende aus Osteuropa. Beno Salamander ist der Bruder von Rachel Salamander. 2012

Miriam Salamander (*1991)
Lebt und arbeitet in ihrer Geburtsstadt München als bildende Künstlerin und dabei primär mit dem Medium Papier. Sie studierte unter anderem an der University of Brighton, England sowie an der Memorial University in Neufundland, Kanada. Seit 2021 ist sie in der Bildhauerei-Klasse von Florian Pumhösl an der Akademie der Bildenden Künste München. Miriam Salamander ist die Tochter von Beno Salamander.

Porträt einer jungen Frau sitzend in einem Atelier: Miriam Salamander.
Miriam Salamander. © Wanying Xie.

Rachel Salamander (*1949)
Geboren im DP-Lager Deggendorf und aufgewachsen im DP-Lager Föhrenwald, studierte in München Germanistik, Romanistik und Philosophie. Nach ihrer Promotion gründete sie 1982 mit der Literaturhandlung die erste Fachbuchhandlung für Literatur zum Judentum nach 1945. Von 2001 bis 2013 verantwortete sie als Herausgeberin die Literarische Welt in Die Welt. Von 2013 bis 2014 leitete sie die Frankfurter Anthologie in der FAZ und gründete das FAZ-Literaturforum. Ihr 2022 an die Monacensia übergebenes Archiv wird in der Ausstellung »Literatur & Haltung« erstmals öffentlich gezeigt.

Rachel Salamander. Foto: Stephan Rumpf
Rachel Salamander. Foto: Stephan Rumpf

MON-Mag-Artikel der Autorin:

Stephan Sattler (*1947)
Geboren im oberbayerischen Taching am See als Sohn von Dietrich Sattler, Enkel des Bildhauers Adolf von Hildebrand, und dessen Frau Maria-Clara. Er studierte in München Philosophie und Politische Wissenschaft, arbeitete unter anderem als Lektor im Carl Hanser Verlag, als Journalist im Verlag Hubert Burda Media, als Ressortleiter Kultur im Nachrichtenmagazin Focus sowie als »Editor at Large« und Berater von Hubert Burda. Seit 1990 ist er mit Rachel Salamander verheiratet.

MON-Mag-Artikel des Autors:

Robert Schindel (*1944)
Geboren im oberösterreichischen Bad Hall als Sohn jüdischer Eltern, die im Widerstand aktiv waren. Nach deren Verhaftung überlebte er den Nationalsozialismus in Wien. Sein Vater wurde im KZ Dachau ermordet, die Mutter überlebte das KZ Auschwitz. Als aktives Mitglied der KPÖ mitbegründete er während seines (abgebrochenen) Philosophiestudiums die Studentenbewegung in Wien. Er schrieb für Film, Fernsehen und Rundfunk. Seit 1986 widmet er sich ganz dem literarischen Schreiben, in dem der Holocaust und dessen Folgen eine zentrale Rolle spielen. 1988, 1989, 1992, 2002, 2003, 2004, 2008, 2012, 2013

Meir Shalev (1948–2023)
Geboren im Moschaw Nahalal in der Jesre’el-Ebene in Israel als Sohn des Lyrikers und Literaten Yitzchak Shalev. Er studierte Psychologie, arbeitete als Journalist, Radio- und Fernsehmoderator und veröffentlichte mit vierzig Jahren sein Debüt »Ein Russischer Roman«. Mit seinen Folgeromanen wurde er zu einem der international bekanntesten und beliebtesten israelischen Autoren. Anlässlich seines Todes sagte seine deutsche Übersetzerin Ruth Achlama, dass der Romancier als politischer Kolumnist auch »den schlimmsten Sachen eine komische Seite« abgewinnen konnte. Meir Shalev war der Cousin von Zeruya Shalev. 1994, 1998, 2004, 2010, 2011, 2014

Zeruya Shalev (*1959)
Geboren im Kibbuz Kinneret am See Genezareth in Galiläa, wurde 2004 in ihrem langjährigen Wohnort Jerusalem bei einem Selbstmordattentat schwer verletzt und zog daraufhin nach Haifa, wo sie heute lebt. Sie studierte Bibelwissenschaften. Ab 1991 begann sie, parallel zu ihrer Arbeit als Verlagslektorin selbst zu schreiben. Hierzulande bekannt wurde sie 2000 mit »Liebesleben«, das 2007 von Maria Schrader verfilmt wurde. Zeruya Shalev zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Erzählerinnen, ihre im heutigen Israel angesiedelten Romane werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2000, 2001, 2005, 2012, 2015, 2021, 2023, 2024

Susan Sontag (1933–2004)
Geboren in New York, wo sie – mit Unterbrechungen in der Kindheit und als Erwachsene – den Großteil ihres Lebens verbrachte. Mit zwölf Jahren nahm sie den Namen ihres Stiefvaters Nathan Sontag an, da sie sich wegen ihres jüdischen Geburtsnamens oft belästigt fühlte. Schon als Jugendliche las sie deutsche Literatur und sah europäische Filme, später wurde sie zur wichtig(st)en Intellektuellen ihrer Zeit. In ihren Essays und Kulturkritiken analysierte sie aktuelle Phänomene und hinterfragte die Trennung von Hoch- und Populärkultur. Sie publizierte in Literaturmagazinen und Zeitschriften, verfasste Short Storys und Romane. 1993

Wladimir Sorokin (*1955)
Geboren in Moskau, ist Vertreter der russischen Postmoderne und gilt als wichtigster russischer Gegenwartsautor. Bevor er der Öffentlichkeit bekannt wurde, machte er eine Ingenieursausbildung, schrieb journalistisch, beschäftigte sich mit Grafik, Malerei und Konzeptkunst. In den 1980er-Jahren gehörte er der Untergrundliteraturszene an, mittlerweile sind seine Bücher in über 20 Sprachen übersetzt. Sorokin kritisiert die russische Politik scharf, er lebt in Berlin im Exil und meidet sein Heimatland seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine. 1995

Art Spiegelman (*1948)
Geboren in Stockholm als Sohn zweier polnischer Holocaust-Überlebender, die 1951 mit ihm in die USA emigrierten. Sie ließen sich in New York nieder, wo er auch heute lebt. Schon als Kind begeisterte er sich für Comics und machte das Zeichnen und Schreiben zum Beruf. Weltbekannt wurde er mit dem zweibändigen Comic »Maus. Die Geschichte eines Überlebenden« über die Erinnerungen seines Vaters. Darin werden die Menschen als Tiere gezeigt: Jüdinnen und Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen, US-Amerikaner als Hunde etc. 1992 erhielt Art Spiegelman dafür den Pulitzer-Preis, 2022 wurde das Werk im US-Bundesstaat Tennessee vom Lehrplan entfernt. 1992

Hilde Spiel (1911–1990)
Geboren in Wien in eine assimilierte jüdische Familie, studierte Philosophie und Völkerpsychologie und promovierte 1936. Mit 22 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Kati auf der Brücke«. Sie war Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei und emigrierte 1936 nach London, wo sie den Publizisten Peter de Mendelssohn heiratete und auch selbst intensiv weiterschrieb – journalistische Essays, Romane, Erzählungen. 1963 kehrte sie als FAZ-Kulturkorrespondentin zurück nach Wien. In ihrem Zweitwohnsitz im Haus der Familie am Wolfgangsee führte sie einen literarischen QJ Salon. Sie war unter anderem Förderin von Thomas Bernhard und gilt als Grande Dame der österreichischen Literatur. 1988

Gerty Spies (1897–1997)
Geboren in Trier in eine jüdische Kaufmannsfamilie, lebte ab 1927 mit ihrer Tochter Ruth in München. 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Als eine von etwa 160 Münchner Juden und Jüdinnen kehrte Gerty Spies im Juni 1945 aus dem KZ zurück – und blieb. 1947 veröffentlichte sie den Gedichtband »Theresienstadt«, basierend auf ihren dort entstandenen Notizen. Ihre direkt folgenden autobiografischen Erinnerungen »Drei Jahre Theresienstadt« und ihr Roman »Bittere Jugend« wurden erst Jahrzehnte später verlegt. Gerty Spies kümmerte sich direkt nach dem Krieg im Bayerischen Hilfswerk um andere Überlebende, 1984 wurde sie Ehrenvorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. 1984, 1985, 1987, 1991, 1992, 2007

Porträt einer alten Dame mit Haarreif, Kinn aufgestützter Hand mit Ring, blickt lächelnd in die Kamera: Gerty Spies.
Gerty Spies, 1997. © Catherina Hess, Ausschnitt.

Weiterlesen:

Arnold Stadler (*1954)
Geboren in Meßkirch, studierte katholische Theologie in München, Rom und Freiburg sowie Literaturwissenschaft in Freiburg, Bonn und Köln. In den 1980er-Jahren machte er das Schreiben zum Beruf, heute lebt und arbeitet er als Autor und Übersetzer in Berlin.

Hajo Steinert (*1952)
Geboren in Goslar, studierte Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften und arbeitet seit seiner Promotion als Schriftsteller, Rundfunkjournalist und Literaturkritiker. 1990 gründete er das Studio LCB, eine bis heute im Literarischen Colloquium Berlin stattfindende und im Deutschlandfunk ausgestrahlte Veranstaltungsreihe. Im März 1991 waren dort Rachel Salamander, Robert Schindel und Eduard Goldstücker zu Gast (nachzuhören unter www.dichterlesen.net).

Natan Sznaider (*1954)
Geboren in Mannheim als Sohn zweier staatenloser, aus Polen stammender Holocaust-Überlebender. Mit 20 ging er nach Israel und studierte Soziologie, Psychologie, Geschichte. Heute Professor Emeritus für Soziologie an der Akademischen Hochschule in Tel Aviv, lehrte und forschte er zudem an der Columbia Universität, an der Hebräischen Universität in Jerusalem und an der LMU München. Zu seinen zentralen Arbeitsthemen gehören Erinnerung, Shoah, Antisemitismus, Hannah Arendt und Politische Theorie. 2025 wurde er zum Schiedsrichter an die Schiedsgerichtsbarkeit NS-Raubgut der Bundesregierung berufen. 2000, 2001, 2004, 2008, 2014, 2016, 2018, 2019

U

Christian Ude (*1947)
Der gebürtige Münchner war von 1993 bis 2014 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt. Damit hält er den Rekord der längsten Amtszeit in der Geschichte Münchens. Bereits als Schüler trat er 1966 der SPD bei. Er verfolgte eine journalistische Karriere, praktizierte nach einem Jurastudium von 1979 bis 1990 als Rechtsanwalt und veröffentlichte einige Bücher. 1997, 2007

V

Hans-Jochen Vogel (1926–2020)
Geboren in Göttingen, gehörte als Schüler der Hitlerjugend und später der Wehrmacht an. Nach Kriegsgefangenschaft bei der US-Armee setzte er sein 1943 in München begonnenes Jurastudium in Marburg fort. 1950 trat er der SPD bei. 1960 wurde er als Oberbürgermeister von München zum bis dato jüngsten OB einer europäischen Millionenstadt gewählt. Zwölf Jahre hatte er das Amt inne, später gehörte er unter anderem dem Deutschen Bundestag an und bekleidete Ministerposten. In dieser Zeit setzte er sich auch für den deutsch-jüdischen Dialog ein. 2001 erhielt er den Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland. 1995

W

Keto von Waberer (*1942)
Geboren in Augsburg, wuchs in einem Tiroler Dorf auf und studierte Kunst und Architektur in München und Mexiko-Stadt. Nach mehreren Jahren in Mexiko kehrte sie zurück nach Deutschland, arbeitete als Architektin, Galeristin, Übersetzerin und Journalistin. 1983 veröffentlichte sie ihr Debüt »Der Mann aus dem See« und lebt heute als freie Schriftstellerin in München. 2026 übergab sie der Monacensia ihren literarischen Vorlass.

Derek Walcott (1930–2017)
Geboren in Castries, der Hauptstadt des karibischen Inselstaats St. Lucia. Als 19-Jähriger verteilte er »25 Poems« auf der Straße – drucken ließ er seinen ersten Lyrikband mit geliehenen 200 Dollar. Der Durchbruch gelang ihm 1962 mit »In a Green Night: Poems 1948–1960« über die Folgen des Kolonialismus in der Karibik. Der von ihm gegründete Trinidad Theatre Workshop brachte unter anderem Walcotts eigene Dramen auf die Bühne. Von 1981 bis 2007 lehrte er Literatur und Schreiben an der Boston University. Sprache, Macht und Orte waren seine Themen. 1992 erhielt Derek Walcott den Literaturnobelpreis. 1993

Najem Wali (1956)
Geboren im irakischen Basra, studierte in Bagdad deutsche Literatur und wurde nach seinem Abschluss 1978 zum Militär eingezogen. Dort wurde er als »politisch Andersdenkender« und Kriegsgegner inhaftiert und gefoltert. Nach Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs 1980 floh er nach Deutschland, heute lebt er als freier Autor und Journalist in Berlin. Er war Kulturkorrespondent der arabischen Tageszeitung Al-Hayat und schreibt für deutschsprachige Zeitungen. In seinem literarischen Werk beschäftigt er sich autobiografisch/autofiktional mit der Geschichte seines Landes. 2007 reiste Wali nach Israel, um zur Verständigung zwischen Israelis und Araber*innen beizutragen – und erzählte davon in dem Buch »Reise in das Herz des Feindes«. Er ist Vizepräsident des PEN Deutschland. 2009, 2015

Martin Walser (1927–2023)
Geboren in Wasserburg am Bodensee, war einer der wichtigsten Autoren im Nachkriegsdeutschland. Er wurde als Flakhelfer eingezogen und leistete von 1944 bis 1945 Wehrdienst. Ab April 1944 war er NSDAP-Mitglied, bestritt aber, einen entsprechenden Antrag gestellt zu haben. 1998 kritisierte er in der Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels die »Instrumentalisierung« von Auschwitz, woraufhin ihn Ignatz Bubis der »geistigen Brandstiftung« bezichtigte. In »Tod eines Kritikers« von 2002 zeichnete er seine Hauptfigur mit offensichtlichen Ähnlichkeiten zu Marcel Reich-Ranicki und sah sich mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert.

Edgar Weil (1908–1941)
Geboren in Frankfurt am Main in eine jüdische Apothekerfamilie, promovierte in Literatur und war in der Spielzeit 1932/33 Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er verhaftet und emigrierte über Frankfurt nach Amsterdam. Als er im Juni 1941 sein Visum A für Kuba abholte – seine Frau Grete Weil besaß ihres schon –, wurde er abends auf der Straße verhaftet, in ein Internierungslager in den Dünen von Schoorl und von dort ins österreichische KZ Mauthausen verschleppt. Dort wurde Edgar Weil am 17. September 1941 von der SS ermordet.

Grete Weil (1906–1999)
Geboren als Grete Dispeker in Rottach-Egern in eine jüdische Rechtsanwaltsfamilie, folgte ihrem Mann Edgar Weil 1935 ins Amsterdamer Exil. Nach dessen Deportation schloss sie sich dem niederländischen Widerstand an. Um ihre Mutter zu retten, arbeitete sie zugleich beim »Jüdischen Rat«, der mit der deutschen Besatzungsmacht zusammenarbeiten musste. Der eigenen Deportation konnte sie sich entziehen: Etwa anderthalb Jahre lebte sie in einem Amsterdamer Haus hinter Regalen auf einer Matratze. Dort führte sie ihr früheres Schreiben fort. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 1947 beschloss sie, »gegen das Vergessen anzuschreiben«. Ihren literarischen Durchbruch erreichte sie mit 74 Jahren. 2022 wurde ihr 1944 entstandener Roman »Der Weg zur Grenze« veröffentlicht, der in der Monacensia (wieder) entdeckt wurde. 1985

Grete Weil: "Ohne Erinnerung kein Schreiben" aus Generationen. Blogparade #femaleheritage und Gedächtnis mit Schlagseite. Foto: Monacensia / Münchner Stadtbibliothek
Grete Weil: «Ohne Erinnerung kein Schreiben» aus Generationen. Blogparade #femaleheritage und Gedächtnis mit Schlagseite. Foto: Monacensia / Münchner Stadtbibliothek

Weiterlesen:

Leon de Winter (*1954)
Geboren in ’s-Hertogenbosch in eine niederländische jüdische Familie. Der Großteil seiner Verwandten wurde im Holocaust ermordet, seine Eltern überlebten mithilfe von katholischen Priestern und Nonnen in Verstecken. Leon de Winter absolvierte eine Ausbildung an der Akademie der Bavaria Film in München und veröffentlichte mit 24 Jahren seinen ersten Roman. Neben Prosa verfasste er Drehbücher, die er teils selbst realisierte. 2006 erhielt er die Buber-Rosenzweig-Medaille für seinen Kampf gegen Antisemitismus. 2025 zog die Jüdische Gemeinde Osnabrück seine Einladung zum Jüdischen Kulturfestival wegen einer Kolumne mit migrationskritischen Aussagen wieder zurück. 1994, 1996, 2001, 2003, 2004, 2009, 2013, 2016, 2017

Z

Peter Zadek (1926–2009)
Geboren in Berlin in eine jüdische Familie, die 1933 nach London und von dort nach Oxford emigrierte. Statt wie geplant Lehrer zu werden, begann er inspiriert vom Theater eine Regieausbildung. 1958 war Zadek erstmals nach dem Krieg wieder in Deutschland. Später wirkte er als Intendant am Schauspielhaus Bochum und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und inszenierte an vielen weiteren Theatern. »Zadek ist ein Regisseur, der Widersprüche in sich vereint, die sich fruchtbar auflösen«, schrieb die Jüdische Allgemeine. Er scheute keinen Konflikt: Gerade weil er ein Stück von Rainer Werner Fassbinder für zutiefst antisemitisch hielt, forderte er dessen Aufführung. 1990

Hinweis zur Leseführung und Vertiefung

Fett gesetzte Namen verweisen auf Einträge im Personenregister und im Glossar.
Zentrale Begriffe werden im Glossar «Was ist was?» zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» erläutert.

Vertiefende Inhalte bietet das Dossier «Literatur & Haltung» im MON Mag.
Zur Einstimmung empfiehlt sich zudem das digitale Angebot «Literatur & Haltung digital» der Monacensia (ab 19. Mai).

*Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.

  1. Idee & Konzept: Anke Buettner, Patrick Geiger, Sylvia Schütz
    Text & Redaktion: Tina Rausch
    Fachkorrektur: Dr. Ivonne Meybohm, Leibniz-Gemeinschaft
    Stand der Biografien: April 2026
     
     
    Quellen:
    www.deutsche-biographie.de
    www.fembio.org
    www.hdg.de
    www.juedische-allgemeine.de
    www.jmberlin.de
    www.munzinger.de
    www.nsdoku.de
    de.wikipedia.org
     
    Sowie die Websites einiger Autor*innen und weiterer Institutionen. ↩︎

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