1985 interviewte der 24-jährige Maxim Biller den Kritiker Marcel Reich-Ranicki für das Pop-Magazin «Elaste» und fragte ihn nach Essenszeiten und Hemden. Fünf Jahre später druckte sein Verlag Reich-Ranickis Absage auf den Rückdeckel von Billers Debüt: Er wolle sich zu dieser Literatur lieber nicht äußern. Zufall oder Kalkül? Warum die Hemden-Fragen mehr waren als Provokation und was sie über sein Schreiben verraten, zeigt der Blick auf Billers Anfänge im Popjournalismus.
Dieser Beitrag von Erika Thomalla ist Teil des Ausstellungsdossiers «Literatur & Haltung» der Monacensia.
Biller und Reich-Ranickis: Zwischen Bewunderung und Konkurrenz
Auf dem Rückdeckel von Maxim Billers erstem Erzählband «Wenn ich einmal reich und tot bin» aus dem Jahr 1990 steht ein ungewöhnlicher Satz, der nicht gerade nach einer Empfehlung klingt:
Ich möchte mich zu dieser Art von Literatur lieber nicht äußern.
Der unfreiwillige Blurb stammt von Marcel Reich-Ranicki, dem damals bekanntesten Literaturkritiker der Bundesrepublik. Dass Billers Verlag die demonstrative Verweigerung Reich-Ranickis auf den Umschlag einer Debütpublikation druckte, war ein kalkulierter Affront – und eine beredte Auskunft über den Autor sowie dessen literarisches Programm.
Die Pointe wird erst vollständig, wenn man weiß, dass es zwischen Biller und Reich-Ranicki zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vorgeschichte gab. Als das zum Werbespruch zweckentfremdete Verdikt 1990 erschien, lag die erste Begegnung der beiden mehrere Jahre zurück. Sie hatte 1984 in der Redaktion der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» stattgefunden, wo der damals vierundzwanzigjährige Biller dem Kritiker ein Interview vorschlug – für eine Zeitschrift, die Reich-Ranicki vollkommen unbekannt war. Sie hieß «Elaste».
Biller schilderte die Episode später in seinem Selbstporträt «Der gebrauchte Jude» (2009), in dem das schwierige, von Bewunderung und Konkurrenz geprägte Verhältnis zu Reich-Ranicki ein wiederkehrendes Thema bildet. Das Gespräch selbst aber, das aus der Begegnung hervorging, lohnt eine genauere Betrachtung – denn es verrät mehr über Billers Poetik als der berühmte Umschlagsatz.

«Elaste»: Das Pop-Magazin der frühen 1980er-Jahre
«Elaste», 1980 in Hannover von Thomas Elsner, Michael Reinboth und Christian Wegner gegründet und später nach München überführt, gilt als eines der ersten Pop-Magazine der Bundesrepublik: im Eigenverlag produziert, nach dem Vorbild von Andy Warhols «Interview» großformatig gestaltet, verband die Zeitschrift Pop-Avantgarde, hedonistische Subversion und Stilbewusstsein. «Elaste» agierte an der Schnittstelle von Musik, Mode und Gesellschaft. Sie brachte Beiträge über
- Andy Warhol,
- Jon Savage,
- die Rolling Stones oder
- Kraftwerk,
aber auch über deutsche Pop-Autoren wie
- Diedrich Diederichsen,
- Andreas Banaski alias Kid P.
oder über
- die Fotografin Ellen von Unwerth.
«Elaste» war eher ein Lifestyle-Magazin als eine Musik- oder Diskurszeitschrift – anders als die theorieaffinen Musikzeitschriften «Sounds» und «Spex», mit denen es die affirmative Haltung der New-Wave-Generation und einen neuen, popjournalistischen Schreibstil teilte. Bis 1986 erschienen sechzehn Ausgaben, dann wurde das chronisch unterfinanzierte Projekt eingestellt. In gewisser Weise nahm «Elaste» vorweg, was kurz darauf die kommerziell erfolgreichen, sogenannten «Zeitgeist»-Magazine wie «Tempo» in größerem Maßstab umsetzten – jene Zeitschrift, für die auch Biller wenig später als Kolumnist schrieb.

Das «Elaste»-Interview von 1985: «Wann essen Sie?»
In der elften Ausgabe von «Elaste» also, deren Pop-Affinität von Reich-Ranickis Welt kaum weiter hätte entfernt sein können, veröffentlichte Biller 1985 ein skandalträchtiges Interview mit dem Kritiker. Der Affront des Gesprächs bestand nicht in aggressiven Fragen, sondern in einer hartnäckigen Verschiebung des Gegenstands: Biller verpflichtete den prominenten Kritiker konsequent darauf, sich zu Dingen zu äußern, die diesem offenkundig oberflächlich und banal erschienen – zu Essen, Kleidung, Gewohnheiten, Lebensrhythmen. Und das gedruckte Gespräch dokumentiert die Unwilligkeit des Befragten in aller Ausführlichkeit:
«Etwas ganz anderes», sage ich. «Wann essen Sie?» – «Morgens um neun, mittags gegen zwei Uhr, abends zwischen sechs und sieben. Was ist denn nun daran interessant?» – «Was war das beste Restaurant, in dem Sie gegessen haben? Können Sie sich erinnern?» – «Nein!» explodiert er. – «Wo es Ihnen am besten geschmeckt hat …» – «Nein … Weil ich dem Essen eine solche Bedeutung nicht beimesse.»
«Wo kaufen Sie Ihre Hemden, Hosen, Schuhe? Lassen Sie sie maßanfertigen?» – «Gott, ist das langweilig. Wen geht das was an?! Also gut: Ich kaufe wie jeder Mensch in Läden, in unterschiedlichen Läden.»

Mehr als Provokation: Was Billers Fragen verhandeln
Thomas Elsner, einer der «Elaste»-Gründer, erkennt in diesem Gespräch rückblickend vor allem eine angelesene Haltung, die der Provokation diente: Biller habe sich den «popkulturellen Blick», also die Fokussierung auf Ästhetik und Habitus, über «Elaste» «intellektuell angeeignet», er habe Popkultur aber nicht wirklich «gelebt oder verstanden».1

So plausibel diese Erinnerung erscheinen mag, wenn man an Billers Distanz zur sogenannten Popliteratur Christian Krachts oder Moritz von Uslars denkt, so sehr unterschätzt sie, was in dem Interview tatsächlich verhandelt wird. Denn Billers Fragen nach Hemden und Restaurants sind nicht nur formales Spiel oder Provokation. Sie haben eine inhaltliche Funktion.
Reich-Ranickis Missverständnis der Situation besteht in der Erwartung, ausschließlich über seine Urteile zur Literatur befragt zu werden. Biller dagegen rückt notorisch den Lebensstil in den Fokus und verknüpft damit, was der Kritiker getrennt wissen will: die Wahl der Hemden und die der Bücher. Indirekt ringen die beiden Gesprächspartner darum, wo die Grenze zwischen Hoch- und Alltagskultur verläuft – und wo die öffentliche Person des Kritikers anfängt und die private aufhört.
Der Kritiker und sein Geschmack interessieren Biller im Ganzen, gerade weil sich Geschmack nicht auf das Feld der «hohen» Ästhetik begrenzen lässt. Der Bruch mit den Gepflogenheiten des Interviews – die Umkehrung der Hierarchie zwischen Fragendem und Befragtem, das demonstrative Übergewicht des Kommentars über die Antwort – war für «Elaste» und andere Szene-Magazine der Zeit typisch. Bei Biller aber steht dahinter zugleich eine Frage, die er kurz darauf bei «Tempo» zum impliziten Programm ausbauen sollte: «Wer spricht?»
Die Frage zielt darauf, wie stark die Akzeptanz, Wirkung und Deutung einer Aussage davon abhängen, wer sich von welchem Standort aus äußert. Das popjournalistische Schreiben, das Biller bei «Elaste» eingeübt und bei «Tempo» perfektioniert hat, resultierte aus einem Misstrauen gegen die Vorstellung, Kritik lasse sich aus einer frei schwebenden, neutralen Position formulieren.
Wer Reich-Ranicki nach seinen Hemden fragt, erinnert ihn daran, dass auch der Kritiker einen Körper, einen Geschmack, eine Herkunft und eine soziale Position hat – und dass sein Urteil von alldem nicht zu trennen ist. Das ist keine angelesene Pose, sondern eine Haltung, die auch Billers eigene Kolumnen prägte.
Gegen Elsners Lesart lässt sich deshalb einwenden, dass die «Elaste»-Texte kein bloßer Modereflex waren, sondern bereits eine Strategie erkennen lassen, der Biller treu geblieben ist: nicht die naheliegenden Gegner anzugreifen, sondern das Vertraute, und Sprecherrollen gegen die Erwartung zu besetzen.

Billers Standort: ein deutsch-jüdischer Autor der zweiten Generation
Dass ausgerechnet Biller diese Aufmerksamkeit für den Standort des Sprechens entwickelte, ist kein Zufall. Er gehört zu jener Generation deutsch-jüdischer Autoren der zweiten Generation, die nach dem Krieg geboren wurde und die NS-Verfolgung nicht mehr selbst erlebt hat. 1960 in Prag als Sohn russisch-jüdischer Eltern geboren, kam er 1970 nach Hamburg, später nach München – und blieb sich seiner besonderen Rolle stets bewusst:
Jemand wie ich war in Deutschland nicht vorgesehen.
So formuliert es der autofiktionale Erzähler in «Der gebrauchte Jude» und erwähnt dabei auch, dass die Selbstbezeichnung als Jude gerade bei Deutschen oftmals eine Mischung aus Irritation und Verlegenheit ausgelöst habe.
Billers schriftstellerische und journalistische Selbstfindung fällt in jene Umbruchsjahre um 1989/90, in denen das lange tabuisierte deutsch-jüdische Verhältnis in eine neue, konfrontativere Phase eintrat, auf jüdischer Seite andere Formen der Auseinandersetzung und auch eine neue Literatur hervorbrachte.
Reich-Ranicki, der das Warschauer Ghetto überlebt hatte, verkörperte demgegenüber ein anderes, älteres Modell: den Juden, der sich die deutsche Kultur zu eigen machte und «zu der lästigen Judensache», wie Biller es in seinem literarischen Selbstporträt formulierte, lieber nichts sagen wollte. Das Interview von 1985 liest sich aus dieser Perspektive nicht nur als Generationskonflikt zwischen einem Vierundzwanzigjährigen und dem übermächtigen Kritiker, sondern als Begegnung zweier Varianten, in Deutschland jüdisch und Autor bzw. Kritiker zu sein.
Billers spätere Tempo-Kolumne «100 Zeilen Hass» und Erzählungen wie «Harlem Holocaust» treiben dieselbe Logik weiter: Sie weigern sich, die dem Autor zugedachte Opferrolle einzunehmen, und besetzen stattdessen die Sprecherposition, die für große Irritation und Verstörung, aber auch Bewunderung sorgte. Schon das «Elaste»-Gespräch ist ein erster Probelauf dieser Haltung.
Vom Interview zum Umschlagsatz: Billers Haltung als Programm
So gesehen ist der Umschlagsatz von 1990 alles andere als ein Zufallsfund der Werbeabteilung. Der Satz fasst vielmehr genau jene Konstellation zusammen, die das Interview fünf Jahre zuvor vorgeführt hatte: Auf der einen Seite spricht eine Autorität, die sich der Auseinandersetzung mit dem Neuen, dem Populären, dem scheinbar Banalen verweigert, und die sich über den eigenen Bezug zum Judentum nicht äußern will; auf der anderen Seite ein Autor, der genau aus dieser Verweigerung eine eigene Position entwickelt.
Wer Billers Anfänge in «Elaste» ernst nimmt, wird ihm die popkulturelle Haltung deshalb nicht als bloße Anleihe abkaufen wollen. Eher umgekehrt: Das popjournalistische Schreiben der frühen 1980er-Jahre lieferte ihm ein Instrument, mit dem er die Frage nach dem Standort des Sprechens zu seiner Sache machen konnte – eine Frage, die ihn vom Interviewer Reich-Ranickis zum wohl streitbarsten deutsch-jüdischen Autor seiner Generation werden ließ. Dass dieselbe Geste, mit der er den Kritiker einst nach seinen Hemden fragte, ihn Jahrzehnte später selbst auf den Stuhl des «Literarischen Quartetts» führen sollte, gehört zu den Ironien einer Karriere, die in einer Zeitgeist-Zeitschrift begann.
Literatur
- Biller, Maxim: Marcel Reich-Ranicki [Interview]. In: «Elaste» Nr. 11, Januar/Februar/März 1985, S. 16–17.
- Biller, Maxim: «Wenn ich einmal reich und tot bin. Erzählungen». Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1990.
- Biller, Maxim: «Der gebrauchte Jude. Selbstporträt». Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009.
- Hessing, Jakob: Aufbrüche. Zur deutsch-jüdischen Literatur seit 1989. In: «Handbuch der deutsch-jüdischen Literatur», hg. v. Hans Otto Horch. Berlin/Boston: De Gruyter, 2016, S. 244–269.
- Thomalla, Erika: «Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus», Frankfurt am Main: Schöffling 2025.
Das «Elaste»-Interview von 1985 im Überblick
Maxim Biller führte 1985 für das Pop-Magazin «Elaste» (Nr. 11) ein Interview mit Marcel Reich-Ranicki, in dem er Geschmack und Gewohnheiten des Kritikers mit dessen literarischen Urteilen verknüpfte. Damit machte er den Standort des Sprechenden zum Thema und stellte die Frage «Wer spricht?».
Wirkung auf Billers Werk: Die Frage prägt seine «Tempo»-Kolumne «100 Zeilen Hass» und Erzählungen wie «Harlem Holocaust».
Einordnung: Biller gehört zur zweiten Generation deutsch-jüdischer Autoren. Reich-Ranicki, Überlebender des Warschauer Ghettos, stand für ein älteres Modell. Reich-Ranickis Absage auf dem Rückdeckel von Billers Debüt «Wenn ich einmal reich und tot bin» (1990) zeigt die unterschiedlichen literarischen Positionen.
Das Magazin: «Elaste» erschien von 1980 bis 1986 mit sechzehn Ausgaben und war auch Teil der Ausstellung «POP PUNK POLITIK. Die 1980er Jahre in München» der Monacensia, im Plateau «Gegen die Mächtigen».
Dieser Beitrag von Erika Thomalla ist Teil des Ausstellungsdossiers «Literatur & Haltung» der Monacensia.
Ausstellung «Literatur & Haltung» besuchen: Öffnungszeiten und Führungen
Öffnungszeiten und Eintritt: Die Sonderausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» ist bis zum 31. März 2028 im Hildebrandhaus der Monacensia (Maria-Theresia-Straße 23, 81675 München) zu sehen. Sie ist Mo–Mi und Fr 9.30–17.30 Uhr, Do 12–19 Uhr sowie Sa und So 11–18 Uhr geöffnet. Der Besuch ist kostenfrei.
Online: Die Ausstellung lässt sich auch digital erkunden: «Literatur & Haltung digital», die erste digitale Ausstellung der Monacensia.
Führungen: Zur Ausstellung gibt es Kurator*innen-Führungen, Führungen der Münchner Volkshochschule und englischsprachige Führungen. Aktuelle Termine und Anmeldung stehen im Programm der Monacensia für November und Dezember 2026.
Zitierempfehlung:
Erika Thomalla, «‹Ich möchte mich zu dieser Art von Literatur lieber nicht äußern› – Wie Maxim Biller Marcel Reich-Ranicki nach seinen Hemden befragte», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 4.11.2026, URL: https://mon-mag.de/maxim-biller-reich-ranicki-elaste-interview/, ISSN 2944-3776.
- Das Zitat von Elsner stammt aus Erika Thomalla: Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus. Frankfurt am Main: Schöffling 2025, S. 54. ↩︎



