Pamela Wedekind (1906–1986) – Schauspielerin, Sängerin, Übersetzerin

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie im Sommer 1924. Drei Personen sitzend lächelnd in die Kamera blickend: Erika Mann, Pamela Wedekind und Klaus Mann.

Mit Erika und Klaus Mann gehörte Pamela Wedekind in den 1920er-Jahren zu den viel beachteten «Dichterkindern». Nach 1933 gingen ihre Lebenswege auseinander: Die Geschwister Mann verließen Deutschland, Pamela blieb. Anatol Regnier erzählt von ihrem Weg als Schauspielerin und Sängerin, von der lebenslangen Bindung an ihren Vater Frank Wedekind und von einem Wirken, dessen Umfang erst nach ihrem Tod sichtbar wurde.

Dieser Beitrag erscheint im MON-Mag-Dossier «Thomas Mann und das literarische München» und ist Teil 2 von Anatol Regniers dreiteiliger Reihe über die Frauen im Leben von Frank Wedekind. Teil 1: «Tilly Wedekind – Eine kurze Biografie».

Pamela Wedekinds Kindheit und der Tod ihres Vaters Frank Wedekind

Als Frank Wedekind 1918 in München starb, war Pamela elf Jahre alt. Es war der Schock ihres Lebens. Im Dezember 1906 in Berlin geboren, war sie ganz auf ihren Vater fixiert. Er hatte ihr erste Gitarrengriffe beigebracht, hatte mit ihr musiziert, ihr seine Lieder vorgesungen, ihr Geschichten erzählt. Sie nannte ihn ein «pädagogisches Genie», fühlte sich durch seine Aufmerksamkeit geehrt, betrachtete es als ein Wunder, einen solchen Mann zum Vater zu haben. «Erschütternd» sei ihr Schmerz gewesen, schrieb ihre Mutter Tilly, als Pamela im Krankenhaus nach ihm fragte und erfuhr, dass sie ihn nie mehr sehen würde.

Tilly und Frank Wedekind gehen mit Regenschirm auf der Straße. Herbst 2025 - Ausstellung "Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann", Monacensia
Tilly und Frank Wedekind auf dem Weg zur Probe in den Münchner Kammerspielen. Ausstellung «Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann» – Herbst 2025. © Monacensia, Signatur: Mon FW VI 9

Noch Monate nach dem Tod des Vaters saß Pamela Wedekind allein an seinem Schreibtisch, sang seine Lieder, spielte auf seiner Laute, wollte niemand anderen sehen. Seine glasklare, überdeutliche Aussprache wurde auch ihr Markenzeichen, sein Ordnungssinn ihr Gebot, sein Realismus, sein Mut, aber auch sein Pessimismus ihr Credo. Die Abgründe seines Wesens bekam sie als Kind nicht mit und wollte sie auch später nicht wahrhaben.

Frank Wedekind, in der Schweiz aufgewachsen und sozialisiert, bedeutete für sie Sicherheit, Ordnung und Rationalität; die österreichische, von Schwermut geplagte Mutter Unsicherheit und Gefühlschaos. Entsprechend angespannt war das Verhältnis, fast so, als müsse die Tochter den toten Vater gegen die Mutter verteidigen. Verehrer, gar Liebhaber der Mutter erregten ihre schärfste Missbilligung. «Wenn du noch einmal heiratest, schaue ich dich nicht mehr an», schleuderte sie ihr entgegen.

Porträtaufnahme von einer Mutter, die sitzt und ihrer kleinen Tochter, die auf ihrem Schoß sitzt und sie umarmt: Tilly und Pamela Wedekind.
Tilly Wedekind mit ihrer Tochter Pamela Wededkind. © Becker & Maass Berlin, Monacensia, FW-F-24.

Tilly, die sich überwältigt fühlte, gab sie in die progressive Odenwaldschule, auch dort wurde man ihrer nicht Herr. Zahlreich sind die Berichte über Pamela, die kindlich und todernst die schlüpfrigen Lieder ihres Vaters sang, deren Doppelbödigkeit sie noch gar nicht verstand, ein berührender und zugleich tragischer Eindruck, dem man sich schwer entziehen konnte.

«Dichterkinder»: Pamela Wedekind, Erika und Klaus Mann

Mit dem Kennenlernen von Erika und Klaus Mann im Jahr 1923 begann eine neue Phase, bedeutsam für alle drei. Klaus, der eigentlich nur Knaben liebte, fand Pamela «das wunderbarste Mädchen» und verlobte sich mit ihr. Erika, die vor allem Klaus liebte, verfiel Pamela in verzehrender Leidenschaft, nannte sie «bezaubernde Hexe» und «geliebte Hurenbraut», Pamela fand Halt in einer intakten Familie, auch wenn Vater Thomas die «weiblich reduzierte Form Wedekinds» eher irritiert aufnahm, wie sich Klaus erinnerte:

Pamelas grelle Maniriertheiten waren nicht nach seinem Geschmack.

Alle drei glaubten an einen Bund fürs Leben und genossen das Interesse, das ihnen als «Dichterkinder» zuteilwurde. In Klaus Manns Drama-Erstling «Anja und Esther» standen sie in Hamburg gemeinsam auf der Bühne, Regie führte Gustaf Gründgens. Es gab einen kleinen Skandal, das Presseecho war enorm, die drei schafften es auf die Titelseite der «Berliner Illustrierten». Gustaf Gründgens, damals noch Lokalgröße, ließ man weg.

v. r. n. l.: Gustaf Gründgens, Erika Mann, Pamela Wedekind & Klaus Mann. Pressefoto zu «Anja und Esther». Monacensia, © John Thiele, Hofphotograph.
v. r. n. l.: Gustaf Gründgens, Erika Mann, Pamela Wedekind & Klaus Mann. Pressefoto zu «Anja und Esther». Monacensia, Signatur: P a 1468. © John Thiele, Hofphotograph.

Mit Klaus Manns zweitem Werk «Revue zu Vieren» begann der Bund zu bröckeln. Gustaf Gründgens zog sich zurück, heiratete aber wenig später Erika Mann. Pamela wandte sich dem achtundzwanzig Jahre älteren Dramatiker Carl Sternheim zu, für Erika und Klaus ein Verrat an der gemeinsamen Sache, für sie wahrscheinlich eine Art Ersatz für den toten Vater. Gustaf Gründgens und Erika Mann ließen sich scheiden, Klaus und Erika gingen als «Literary Mann Twins» auf Weltreise, Pamela heiratete den kranken Sternheim und lebte mit ihm in Brüssel. Die Republik ächzte, der Boden schwankte, die Ratlosigkeit war groß.

Pamela Wedekind nach 1933: Gründgens, Charles Regnier und München

1933 kam der endgültige Bruch. Klaus und Erika verließen Deutschland, Pamela trennte sich von Sternheim. Sie suchte Unterkommen bei Gustaf Gründgens, der inzwischen Intendant des Preußischen Staatstheaters in Berlin geworden war, eingesetzt vom «Reichsmarschall» Hermann Göring und auf dessen Wohlwollen angewiesen – was nun, ein paar Etagen tiefer, auch auf Pamela zutraf. Sie sah es pragmatisch und zögerte nicht, dessen Gattin Emmy Göring, eine Kollegin aus früheren Theatertagen, um Hilfe anzugehen, wenn eine persönliche Angelegenheit zu regeln war oder bedrängten Kolleginnen oder Kollegen geholfen werden sollte.

Vier Personen auf Schwarz-Weiß-Fotografie der End 1920er-Jahre. 2 Frauen sitzend, daneben 2 Männer stehend: Erika und Klaus Mann mit Pamela Wedekind und Gustaf Gründgens.
Pamela Wedekind mit Erika und Klaus Mann und Gustaf Gründgens. © Monacensia, KM-F-169.

Politisch betätigte Pamela sich nicht, weder für noch gegen das Regime. Was sie darüber dachte und fühlte, behielt sie für sich und hat auch nachher nie darüber gesprochen. Ihre Freundin Erika Mann warnte derweilen mit ihrem Kabarett «Die Pfeffermühle» die Menschen vieler Länder vor den Gefahren des Nationalsozialismus. Ihr Ex-Verlobter Klaus Mann betrieb in Amsterdam seine Exil-Zeitschrift «Die Sammlung» und schrieb 1936 seinen Roman «Mephisto», in dem Gustaf Gründgens und Pamela wesentliche Rollen spielen.

Um 1939 lernte sie den acht Jahre jüngeren Charles Regnier kennen, Schauspieler am Stadttheater in Greifswald. Sie vermittelte ihm ein Engagement an den Münchner Kammerspielen, heiratete ihn 1942 und lebte mit ihm in München und in Sankt Heinrich am Starnberger See. Drei Kinder wurden geboren, Carola, Anatol und Adriana.

1949 nahm sich Klaus Mann in Cannes das Leben, 1953 sah Pamela nach achtzehn Jahren ihre Freundin Erika Mann wieder. Ein tiefer Graben trennte sie, besonders wenn es um Gustaf Gründgens ging, Erikas Ex-Ehemann und jetzigen Todfeind. «Ach geh! Als ob Du den Guten nicht kenntest!», schrieb Erika.

Es wäre mir lieber gewesen, Du hättest nicht aufgedeckt, was an Unvereinbarem zwischen uns liegt. Es ist spät, wir können’s nicht ändern und werden einander nicht lehren, mit fremden Augen zu sehen.

Pamela widersprach:

Die moralische Haltung des Einzelnen muss gleich hoch bewertet werden, auch wenn er politisch auf der falschen Seite steht. Wenn ein Individuum sich unter einer Diktatur moralisch benimmt, ist das niemals kostenlos, sondern immer höchst unbequem und lebensgefährlich.

Ein brüchiger Friede war wiederhergestellt.

Zwei junge Frauen auf historischem Foto, Ende 1920er-Jahre: Erika Mann und Pamela Wedekind.
Erika Mann mit Pamela Wedekind, 1927. © Erich Sogalla, Monacensia, EM-F-142.

Pamela veranstaltete Liederabende, spielte Theater, wo sich die Möglichkeit bot, gestaltete Programme mit dem Journalisten Walther Kiaulehn und regte den Münchner Komponisten Ludwig Kusche zu Vertonungen von Kästner- und Ringelnatz-Gedichten an. Tillys Memoiren «Lulu – die Rolle meines Lebens» sah sie kritisch. Die Idealgestalt des Vaters schien ihr darin zu negativ dargestellt.

Mit ihrer Schwester Kadidja kam es zu einem Streit, der nicht mehr beigelegt wurde – auch als Pamela zu Kadidjas Gunsten auf ihren Anteil an den Tantiemen aus Wedekinds Werk verzichtete und für sie eine Rente erstritt. Pamela war auch sonst großzügig und half, wo sie konnte. Ihr feuriges Temperament und ihr diplomatisches Geschick ließen sie Hindernisse überwinden. Erst nach ihrem Tod sah man, was sie alles getan und bewegt hatte.

Pamela Wedekinds spätere Jahre: Freundschaft, Krankheit und Abschied

Mit Erika Mann stellte sich nach und nach eine neue Form der Vertrautheit her, auch wenn der Bruch ihrer Biografien bestehen blieb. Die Schuld für die Trennung nahm Pamela auf sich:

In meiner vermessenen Naivität hatte ich geglaubt, das Schicksal würde uns, ebenso wie es uns getrennt hatte, auch wieder zusammenführen und mir, vom Wahn der Vollkommenheit geheilt, erlauben, einen kleinen Teil früherer Verheißung mit mehr Verständnis und Dankbarkeit in die Tat umzusetzen. Jedenfalls war die höchste Auszeichnung, die mir im Leben zuteilwurde, Deine Freundschaft – sie ist durch nichts und niemanden ersetzt worden.

1969 wurde bei Erika Mann ein Gehirntumor festgestellt. Pamela besuchte sie in Zürich, brachte ihre Gitarre mit, sang für sie Wedekinds Lieder «Der Taler» und «Der blinde Knabe», «Tränen stehen mir in den Augen bei diesen beiden», hatte Erika geschrieben. Am 27. August 1969 starb Erika Mann.

Kurz darauf wurde auch Pamela krank. Langsam, dann immer stärker, machte sich die Parkinsonkrankheit bemerkbar. Sie lebte ganzjährig in Ambach am Starnberger See, übersetzte Bücher aus dem Französischen, machte lange Spaziergänge solang es noch ging, war für Kinder und Enkelkinder da und für Charles Regnier, ihren Mann, der von Engagement zu Engagement eilte und sie immer noch als ultimative künstlerische Autorität betrachtete.

Pamela freute sich über die Wiederentdeckung Klaus Manns als Schriftsteller und korrespondierte mit der französischen Regisseurin Ariane Mnouchkine, die ein großes Theaterprojekt über den Roman «Mephisto» vorbereitete. Ihr Jugendfreund Peter de Mendelssohn kam zu Besuch, und als er 1982 starb, suchte seine Lebensgefährtin Anita Naef, einst Sekretärin bei Erika Mann, Trost bei Pamela:

Es scheint mir immer mehr, als hätte Erika selbst mich unter Ihren Schutz gestellt.

Aber die Parkinsonkrankheit schritt unaufhaltsam voran. Pamelas schöne Handschrift verblasste, die glasklare Aussprache wurde undeutlich und versiegte am Ende ganz. Am 9. April 1986 starb sie in ihrer Ambacher Wohnung und wurde auf dem Friedhof in Holzhausen beerdigt. Vier Männer aus der Nachbarschaft trugen den Sarg. Am Ende der Zeremonie rutschte einer von ihnen aus und stand bis zum Hals im Grab. Beim Leichenschmaus beugte er sich zu Charles und sagte:

Beinahe hätte sie uns mitgerissen.

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie im Sommer 1924. Drei Personen sitzend lächelnd in die Kamera blickend: Erika Mann, Pamela Wedekind und Klaus Mann.
Erika Mann, Pamela Wedekind und Klaus Mann im Sommer 1924. © Monacensia, EM-F-183.

Pamela Wedekind: Künstlerin und Vermittlerin

Pamela Wedekind war Teil eines außergewöhnlichen künstlerischen Netzwerks. Mit Erika und Klaus Mann spielte sie in «Anja und Esther» und der «Revue zu Vieren», Regie führte Gustaf Gründgens. Später wurden Gründgens und Pamela zu wichtigen Bezugspunkten in Klaus Manns Roman «Mephisto».

Nach ihrer Ehe mit dem Dramatiker Carl Sternheim heiratete sie den Schauspieler Charles Regnier und lebte mit ihrer Familie in München und am Starnberger See. Pamela Wedekind gab Liederabende, spielte Theater und übersetzte Bücher aus dem Französischen. Zugleich setzte sie sich für bedrängte Kolleginnen und Kollegen ein und unterstützte Menschen in ihrem Umfeld – vieles davon wurde erst nach ihrem Tod bekannt.

Ihre Verbindung zu Erika Mann war von großer Nähe, einem tiefen Bruch und einer vorsichtigen Annäherung geprägt. In der Beurteilung Gustaf Gründgens’ blieben beide uneins. Als Erika schwer erkrankte, besuchte Pamela sie in Zürich und sang für sie jene Lieder Frank Wedekinds, die Pamela seit ihrer Kindheit begleiteten.

Weiterlesen im MON Mag

Anatol Regniers Reihe über die Wedekind-Frauen

Von Anatol Regnier:

Über Pamela und die Familie Wedekind


Zitierempfehlung:
Anatol Regnier: «Pamela Wedekind (1906–1986) – Schauspielerin, Sängerin, Übersetzerin», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 28.10.2026, https://mon-mag.de/mon-mag.de/pamela-wedekind-biografie/, ISSN 2944-3776.

Autor*innen-Info

Profilbild Anatol Regnier

Dies ist ein Gastbeitrag von Anatol Regnier

Anatol Regnier, geboren 1945, begann als klassischer Gitarrist, wurde später Autor. Erschienen von ihm sind u. a. die Titel «Damals in Bolechów – eine jüdische Odyssee», «Du auf deinem höchsten Dach – Tilly Wedekind und ihre Töchte»“, «Frank Wedekind – eine Männertragödie», «Jeder schreibt für sich allein – Schriftsteller im Nationalsozialismus», «Erinnerungen eines Taugenichts». © Mirco Talierco.

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