Zwölf Stimmen, ein Ort, viele Geschichten: Das Lesebuch «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» begleitet die Ausstellung in der Monacensia und lädt ein zum Entdecken und (Wieder-)Lesen, zum (Weiter-)Denken und Darüberreden. Es versammelt Texte von jüdischen Autor*innen, die über Jahrzehnte bei Rachel Salamander zu Gast waren – und durch sie oft ihren Platz im deutschen Literaturleben fanden.
Der Artikel1 von Anke Buettner und Tina Rausch ist Teil unseres Dossiers zur Ausstellung «Literatur & Haltung», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.

Die Literaturhandlung von Rachel Salamander: Treffpunkt und Heimat
For Rachel, a fellow traveller in many senses2
Das schreibt Lily Brett nach einer Lesung bei Rachel Salamander in eines der Gästebücher der Literaturhandlung. Mit wenigen Strichen skizziert sie auf der Seite eine weibliche Figur dazu. Lily Brett lebt seit vielen Jahren in New York. Geboren ist sie 1946 im oberbayerischen Feldafing, genauer: im dortigen Lager für Displaced Persons (DP). Knapp 190 Kilometer entfernt, im DP-Lager in Föhrenwald, kam drei Jahre später Rachel Salamander zur Welt.
Für Rachel, die Einzige, bei der mir Lesungen wirklich Spaß machen.
Das notiert Maxim Biller in eines der Gästebücher. Als Stammgast verewigt sich der Autor dort mehrfach und wünscht Rachel Salamander öffentlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ebendiesen erhielt Amos Oz im Jahre 1992. Der israelische Autor spricht Rachel Salamander im Gästebuch direkt an:
We have been friends since 1982, and each time I come back to Munich, you make me feel less estranged here.3
Und Ruth Klüger bedankt sich im Gästebuch sozusagen halböffentlich bei ihrer Freundin Rachel Salamander:
Vielen Dank für die Ermutigung zum Weiterschreiben, -leben und -wurschteln. Ruth K.
Die feministische Literaturwissenschaftlerin wurde 1931 in Wien geboren und überlebte als Kind die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt. Ihre Autobiografie »weiter leben. Eine Jugend« veröffentlichte Ruth Klüger erst 1992 im Wallstein Verlag – nachdem mehrere Verlage diese abgelehnt hatten.
Lily Brett, Maxim Biller, Amos Oz, Ruth Klüger: Sie alle sind zentrale Protagonistinnen im großen Netzwerk, das Rachel Salamander in über 40 Jahren in, mit und dank ihrer Literaturhandlung aufbaute und in über 1000 Veranstaltungen pflegte.
Alles, was in Schrift und Wort vom einstigen Reichtum jüdischen Lebens wie dem heutigen Judentum Auskunft gibt, ist, so betont Rachel Salamander vielfach, in der Literaturhandlung versammelt. Und all jene, die von den Nazis vertrieben und ermordet worden waren, sollten hier wieder eingebürgert werden und eine Heimat finden.

Die Autoren und Autorinnen im Lesebuch «Literatur & Haltung»
Die vier oben zitierten Autorinnen fanden in der Literaturhandlung ebendiese intellektuelle Heimat. Sie sind Teil der Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» in der Monacensia. Und sie sind mit literarischen Texten im beim Verbrecher Verlag erschienenen gleichnamigen Lesebuch vertreten, zusammen mit:
- Louis Begley
- David Grossman
- Batya Gur
- Barbara Honigmann
- Imre Kertész
- David Rokeah
- Robert Schindel
- Zeruya Shalev
Neben Ruth Klüger finden sich mit Louis Begley, Imre Kertész und Robert Schindel Überlebende der Shoah darunter. Ebenfalls zu Wort kommen Kinder von Überlebenden: Zur zweiten Generation gehören Lily Brett sowie die in der DDR aufgewachsene und heute in Frankreich lebende Barbara Honigmann. Andere Autorinnen stammen aus unterschiedlichen Generationen und lebten im britischen Mandatsgebiet, in Palästina oder später in Israel: der Lyriker David Rokeah, die Friedensaktivisten Amos Oz und David Grossman, die literarischen Dokumentarinnen Batya Gur und Zeruya Shalev.
Und schließlich Maxim Biller, in Prag geboren und als Kind mit seinen Eltern nach Hamburg gekommen. Nach vielen Jahren in München lebt er heute in Berlin – und denkt bei seiner Dankesrede zum Tukan-Preis der Stadt München über Heimat(losigkeit) nach:
Für einen Juden aber, der mit dem Bewusstsein lebt, an keinen Ort der Welt wirklich gebunden zu sein – und zwar aus Not genauso wie aus Spaß –, ist die Geschichte seiner Leute die einzige feste Heimat, die er hat. Und das heißt, dass man als jüdischer Autor nicht nur ununterbrochen auf der Suche nach sich selbst durch diese Geschichte flaniert und stolpert und hetzt, sondern dass man sich zugleich die Heimat durch das Schildern dieser Suche immer wieder von Neuem zu erschreiben versucht.4

Die Suche nach Heimat zieht sich als zentrales Thema durch mehrere Buchbeiträge. So schreibt David Rokeah im zweiten Kapitel seines Gedichts »Nacht in Jerusalem«:
Ich wandle Einsamkeit um in Worte
auf Papier das verbrannt wird von einem Funken
durch Zufall. Die Nacht in Jerusalem
Grund eines mondsüchtigen Meeres. Mein Lied
kommt von einem anderen Planeten5
Vom Gedicht bis zum Roman: Die Textformen in «Literatur & Haltung»
David Rokeah gestaltete am 18. November 1982 die Eröffnungslesung in der Literaturhandlung – und bildet nun mit dem oben zitierten Gedicht den Prolog fürs Lesebuch «Literatur & Haltung». Dazu kommen abgeschlossene Erzählungen und Essays von Barbara Honigmann und Ruth Klüger, ein öffentlicher Brief und Reden von Maxim Biller und Imre Kertész sowie Auszüge unterschiedlicher Länge aus folgenden Romanen:
- »Stichwort Liebe« von David Grossman
- »Gebürtig« von Robert Schindel
- »Eine Geschichte von Liebe und Finsternis« von Amos Oz
- »Lügen in Zeiten des Krieges« von Louis Begley
- »Stein für Stein« von Batya Gur
- »Nicht ich« von Zeruya Shalev
- »Zu viele Männer« von Lily Brett
Das Buch möchte dazu einladen, jüdische Autorinnen und ihre Literatur wieder- oder auch ganz neu zu lesen; in die verschiedenen Texte einzutauchen und sich dabei mit Geschichte und mit Familiengeschichte(n) gleichermaßen zu befassen.
Daher sind die Romanauszüge wie für Lesungen bearbeitet. Das heißt: Statt in für sich stehenden einzelnen Kapiteln heben meist quer durch den Roman verdichtete Handlungsstränge wesentliche Themen plastisch hervor. Besonders gilt das für Louis Begley: In »Lügen in Zeiten des Krieges« schildert er die lange Flucht, Verfolgung und das Morden in Polen aus der Sicht eines heranwachsenden Jungen. Dieser muss, um zu überleben, ständig seinen Namen und seine Geschichte ändern. Das Misstrauen und der Reflex zum Verstecken hinter einem vermeintlich sicheren Namen werden ihn sein Leben lang begleiten:
Heißt Maciek denn jetzt wieder Maciek? Trägt er wieder seinen jüdischen Namen, der nie erwähnt werden durfte? Keineswegs. Das Visier wurde in Kielce nicht aufgeklappt, also bleibt es auch in Krakau geschlossen. […]
Und wo ist Maciek jetzt? Er wurde allmählich lästig und ist langsam gestorben. An seine Stelle ist nun ein Mann getreten, der einen der Namen trägt, die Maciek gebraucht hat. Ist noch etwas von Maciek in dem Mann? Nein, nichts: Maciek war ein Kind, und unser Mann hat eine Kindheit, die zu erinnern er nicht ertragen kann; er hatte sich eine Kindheit erfinden müssen.6
In Lily Bretts »Zu viele Männer« reist die 43-jährige Wahl-New-Yorkerin Ruth Rothwax mit ihrem Vater Edek nach Polen, um auf einer so skurrilen wie tragischen Reise nach ihren europäischen Wurzeln zu suchen.
Es war Ruths dritte Reise nach Polen. Sie wusste nicht genau, warum sie gekommen war. Und sie wusste nicht, warum sie wollte, dass ihr Vater nachkam. Ihre erste Reise nach Polen hatte sie gemacht, um sich zu vergewissern, dass ihre Eltern von irgendwoher stammten. Um ihre Vergangenheit als etwas anderes als ein abstraktes Gebilde nicht abreißenden Entsetzens zu sehen. […] Die zweite Reise war ein Versuch, weniger überwältigt zu sein als beim ersten Mal. Der Versuch, nicht Tag und Nacht zu weinen. Und sie hatte beim zweiten Besuch weniger geweint. Jetzt war sie gekommen, um mit ihrem Vater auf diesem Flecken Erde zu stehen.7

Ruth Rothwax ist eine Art Alter Ego der Autorin: Genau wie ihre Romanfigur ging Lily Brett mit ihrem Vater in dessen ehemaliger Heimat Polen auf Spurensuche.
Robert Schindel lenkt in dem Roman »Gebürtig« den Blick wiederum auf einen Tätersohn: Sein Antiheld Konrad Sachs begibt sich mit einem befreundeten Juden ebenfalls auf Reisen – und strandet bei einem Verkehrsunfall ausgerechnet im Schwarzwald.
Der Wagen fuhr gut. Links der Schwarzwald, es ging dahin. Konrad Sachs schien sich ganz wohlzufühlen, fest hatte er das Lenkrad zwischen seinen Tatzen, zugleich hielt er mir mit seiner angenehmen Stimme einen Vortrag über Kitsch und Tod. Er sprach über Leni Riefenstahl, während ich hinter seinem kräftigen Nacken den Schwarzwald betrachtete und an das kalte Herz dachte.8

«Literatur & Haltung»: Entdecken und (Wieder-)Lesen
Die Reihenfolge der Texte im Lesebuch folgt dem Datum der ersten Einladung ihrer Autorinnen bei Rachel Salamander – eine kleine historische Spurensuche für Leserinnen. Eingeleitet werden sie jeweils mit einem Zitat von Rachel Salamander zu Autorin und/oder Roman. Im Anhang verzeichnet ein »Tourplan« sämtliche Lesungen und Orte der versammelten Autorinnen. Dazu gibt es deren Kurzbiografien sowie Hintergrundinfos zu Rachel Salamander und ihrem Archiv.
In der Gesamtschau zeigt «Literatur & Haltung», welche Themen die Autorinnen prägten und prägen – zu verschiedenen Zeiten und aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Texte machen sichtbar, wie ihre jüdische Lebenswirklichkeit für sie in Geschichte und Gegenwart verankert ist. Sie zeigen das Spannungsverhältnis zwischen deutscher Umwelt und jüdischer Existenz, das Aufwachsen in fremder Gesellschaft, aus der das Jüdische fast ganz verdrängt wurde.
Vor allem aber versteht sich das Lesebuch «Literatur & Haltung» als Einladung: zum Entdecken und (Wieder-)Lesen renommierter internationaler Autor*innen, zum (Weiter-)Denken und Darüberreden.
Mein Mann schaut mich ungläubig an. ›Du hast recht‹, sagt er.
›Siehst du nicht, dass ich weine?‹
›Aber du machst dich über mich lustig‹, beharrt er, ›genau das wollte ich sieben Jahre und sieben Monate von dir, und du hast mich verhöhnt und mich überfahren, hast mich erniedrigt. Und jetzt willst du die ganze Zeit mit uns zusammen sein? Nicht mal eine Stunde am Tag hältst du das aus! […] Wie kann es denn sein, dass du plötzlich all das tun kannst, was ich brauche?‹
›Du hast mich gefragt, was ich will‹, erinnere ich ihn, ›du hast nicht gefragt, was ich kann.‹9

Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv
278 S., 26,00 Euro
Verbrecher Verlag
ISBN 9783957326409
Mit literarischen Texten von Louis Begley, Maxim Biller, Lily Brett, David Grossman, Batya Gur, Barbara Honigmann, Imre Kertész, Ruth Klüger, Amos Oz, David Rokeah, Robert Schindel, Zeruya Shalev.

Lesebuch «Literatur & Haltung» entdecken
Das Lesebuch «Literatur & Haltung» versammelt Texte von Autor*innen, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder bei Rachel Salamander zu Gast waren – und macht ein Netzwerk sichtbar, das Literatur zum Judentum in Deutschland geprägt hat. Die Ausstellung «Literatur & Haltung» ist ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen. Sie basiert auf Rachel Salamanders Archiv, das aus der Arbeit ihrer Literaturhandlung hervorgegangen ist, und macht diese Spuren sichtbar.
Weitere Beiträge im MON Mag-Dossier vertiefen zentrale Themen der Ausstellung und eröffnen zusätzliche Perspektiven auf Literatur zum Judentum.

*Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.
- Bei diesem Beitrag handelt sich um das eigens fürs MON Mag bearbeitete Vorwort der Herausgeberinnen Anke Buettner und Tina Rausch im Lesebuch «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv». ↩︎
- «Für Rachel, eine Weggefährtin in mehrerlei Hinsicht» [Übers. T.R] ↩︎
- «Wir sind seit 1982 befreundet, und jedes einzelne Mal, wenn ich nach München zurückkomme, gibst du mir das Gefühl, hier weniger fremd zu sein.» [Übers. T. R.] ↩︎
- Maxim Biller, »Geschichte schreiben«, in: ders., Wer nichts glaubt, schreibt. Essays über Deutschland und die Literatur, Ditzingen 2020, S. 75f. © Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Ditzingen. Alle Rechte vorbehalten. ↩︎
- David Rokeah, »Nacht in Jerusalem«, a. d. Hebräischen v. Erich Fried, in: ders., Jerusalem. Gedichte, München/ Wien 1981, S. 30. © Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München. ↩︎
- Louis Begley, Lügen in Zeiten des Krieges, a. d. Amerikanischen v. Christa Krüger, Frankfurt a. M. 1994, S. 216, 223. © Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin. Alle Rechte vorbehalten. ↩︎
- Lily Brett, Zu viele Männer, a. d. Amerikanischen v. Melanie Walz, Berlin 2024, S. 12 f. © Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin. Alle Rechte vorbehalten. ↩︎
- Robert Schindel, Gebürtig, Frankfurt a. M. 1992, S. 324. © Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin. Alle Rechte vorbehalten. ↩︎
- Shalev, Zeruya, Nicht ich, a. d. Hebräischen v. Anne Birkenhauer, Berlin/ München 2024, S. 54. © Piper Verlag GmbH, München. Alle Rechte vorbehalten. ↩︎



