Im Juni 1950 begegnet Thomas Mann im Zürcher Hotel Dolder dem 19-jährigen Ober Franz Westermeier vom Tegernsee. In seinen Tagebüchern hält der Schriftsteller fest, wie sehr ihn der junge Mann fasziniert, und reiht ihn unter seine «großen Lieben» ein. Jahrzehnte später wird diese Episode öffentlich. Was bedeutete sie für Franz Westermeier und seine Familie?
Ein Interview von Oliver Fischer mit Sebastian Westermeier, dem Neffen von Franz Westermeier – und ein Beitrag zur digitalen Ausstellung «Thomas Mann und das literarische München».
Thomas Manns Schwärmerei in den Tagebüchern
Herr Westermeier, im Juni 1991 ist im «Stern» ein Artikel erschienen, der sich mit kurz zuvor veröffentlichten Tagebüchern Thomas Manns beschäftigt. Sehr offen schreibt der Schriftsteller darin über sein gleichgeschlechtliches Begehren. Und nennt dabei auch den Namen eines jungen Mannes, der es ihm angetan hatte: Franz Westermeier, ein 19-jähriger Kellner vom Tegernsee – und Ihr Onkel. Wann haben Sie von diesem Bericht erfahren?
Ich habe damals in Wien eine Ausbildung zum Restaurator im Kunsthistorischen Museum und an der damaligen Hochschule für angewandte Kunst gemacht. Wenn ich abends über die Mariahilfer Straße heim bin, habe ich mich oft ins Café Ritter gesetzt, das ist ein traditionsreiches Kaffeehaus. Dort habe ich stundenlang in Zeitungen gelesen, das war mein üblicher Zeitvertreib.
An einem Donnerstag kommt ein neuer «Stern» heraus. Ich blättere das Heft durch – und lese etwas über neue Veröffentlichungen aus Thomas Manns Tagebüchern. Beim Stichwort Thomas Mann war ich sofort hellhörig und habe diesen Artikel durchgelesen. Da geht es um meinen Onkel Franz Westermeier, den älteren Bruder meines Vaters!
Sofort geh ich heim in meine Bude – und melde ein R-Gespräch nach New York an. Dort hat mein Onkel zu dieser Zeit mit seiner zweiten Frau gelebt. Nach New York zu telefonieren, war damals sehr teuer. Er meldet sich sofort zurück, und ich beschwichtige ihn. Es ist alles okay, sage ich. Aber hast du einen Stuhl in der Nähe? Dann setz dich hin … und darauf habe ich ihm erzählt, was im «Stern» stand.
Wussten Sie in diesem Sommer in Wien schon, dass Ihr Onkel vierzig Jahre zuvor Kontakt zu Thomas Mann hatte?
Ja, das war mir bekannt. Ich wusste, dass mein Onkel Thomas Mann im Hotel Dolder in Zürich bedient hatte – das war ein sehr vornehmes Haus. Der Kontakt zum Hotel kam vermutlich über den Stiefbruder meiner Großmutter zustande. Allerdings wusste ich nichts darüber, was alles in diesen Tagebüchern steht.
Die Begegnung im Hotel Dolder 1950
Sie haben in den Aufzeichnungen Thomas Manns dann lesen können, wie der Schriftsteller sich im Hotel Dolder in den Kellner Franz Westermeier verliebt hat. Er war offenbar sehr begeistert von dem Jungen – und schwärmt im Tagebuch:
Noch einmal also dies, noch einmal die Liebe, das Ergriffensein von einem Menschen[…].1

Der Nobelpreisträger schläft «ein im Gedanken an den Liebling, wie ich im Gedanken an ihn erwache»2, träumt «von seinem unvergleichlich liebe[n] Gesicht»3.
Mich interessiert, wie Ihr Onkel mit diesem unerwarteten und zwiespältigen Ruhm umgegangen ist. Bis zur Öffnung der Tagebücher war die Homosexualität Thomas Manns noch nicht allgemein bekannt. War Franz Westermeier eher unangenehm berührt – oder auch ein bisschen erfreut über die plötzliche Prominenz?
Mein Onkel war sicher nicht unangenehm berührt … eher ein bisschen erfreut.
Und dass es hier um Thomas Manns erotisches Begehren ging, war für Ihre Familie …
… nie ein Problem. Ich wusste ja, dass mein Onkel damals nichts wusste. Onkel Franz ist in den Hotels und Restaurants, in denen er gearbeitet hat, oft homosexuellen Menschen begegnet – das war für ihn kein großes Thema.
Als Thomas Mann im Sommer 1950 im Hotel Dolder eincheckte – war Ihrem Onkel sofort klar, wen er vor sich hatte? Wusste er, wie bedeutend Thomas Mann war?
Ich gehe davon aus, dass mein Onkel es wusste. Ich bezweifle zwar, dass er bis zu seinem 19. Lebensjahr je ein Buch von Thomas Mann gelesen hat. Und ich weiß auch nicht, ob er später eins gelesen hat. Aber er wusste schon, dass er es mit einem Prominenten zu tun hatte. Und wohl auch, dass er einen Nobelpreisträger vor sich hat.
Ihr Onkel ist inzwischen leider verstorben. Wie darf ich ihn mir vorstellen? Was für eine Art Mensch war er?
Mein Onkel war eine besondere Type. Er konnte gut mit den Leuten, war ein begeisternder Erzähler. Meine Eltern haben manchmal Angst gehabt, dass wenn der Onkel da ist, es fast zu hoch hergeht.
Schon als Bub war Onkel Franz sehr selbstbewusst. Sein Lieblingssatz war:
Das brauch’i, das möcht’i, das muss’i haben.
Der hat sich nichts ausreden lassen, der hat einfach das gemacht, was er wollte – schon als Kind. Und er hat auch Leute, ich sag mal, mit seinem Charme um den Finger wickeln können, so wie es der Felix Krull in Thomas Manns Buch macht.
Eine interessante Parallele, denn der Hochstapler Felix Krull war auch Kellner … Und wir wissen, dass Thomas Mann bei der Arbeit am Krull-Roman auch auf die Erlebnisse mit Ihrem Onkel zurückgegriffen hat (der selbstverständlich kein Hochstapler war). Franz Westermeier vom Tegernsee ist damit zu einem Stück Literaturgeschichte geworden. Macht Sie das stolz?
Ein bisschen schon.
Was hat Franz Westermeier geprägt in seiner Kindheit und Jugend?
Unsere Familie stammt aus dem Osten Münchens, aus Aschheim. Mein Opa hieß auch Franz Westermeier. Er war Metzgermeister, hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und dabei seine Hand verloren. Danach hat er einen Gasthof am Tegernsee zur Pacht bekommen und bewirtschaftet.
Mein Onkel Franz kam im April 1931 in München zur Welt, mein Vater vier Jahre später. Die beiden haben die Volksschule in Rottach-Egern besucht, und dann haben meine Großeltern bestimmt, wer was zu werden hat: Du, Franz, wirst Kellner, und du, Robert, wirst Koch. So war das damals. Die Kinder mussten schon früh mitarbeiten, etwa im Gemüsegarten.

Hätten Menschen wie Ihr Vater oder Onkel überhaupt eine Chance gehabt, etwas anderes zu machen?
Wohl kaum … aber mein Onkel wollte das auch. Er hat, wie mein Vater, für seinen Beruf gebrannt. Ich denke, das war genau die richtige Entscheidung! Mein Onkel hätte nichts Besseres tun können, als Kellner zu werden und Karriere zu machen. Und mein Vater hätte nichts Besseres machen können, als Koch zu werden. Mein Onkel hat zunächst in einem Hotel am Tegernsee gelernt, danach ging es vermutlich gleich zum Hotel Dolder in Zürich.
Im Dolder kam es dann rasch zu ersten Begegnungen zwischen Kellner und Nobelpreisträger:
Immer grüßt der kleine Tegernseer mich strahlend … sagt auch ‹Herrlicher Abend› u. dergl. Welche hübschen Augen und Zähne! Welche charmierende Stimme!4
Erkennen Sie Ihren Onkel in dieser Beschreibung wieder?
Auf alle Fälle – er hatte ein sehr gewandtes, selbstsicheres Auftreten.
Thomas Mann hat drei Wochen lang, vom 24. Juni bis 14. Juli 1950, im Dolder logiert, zusammen mit seiner Frau Katia und seiner ältesten Tochter. Was hat es mit Ihnen, mit Ihrer Familie gemacht, wenn Thomas Mann über Franz Westermeier schreibt:
Sagte übrigens zu Erika, das Wohlgefallen an einem schönen Pudel sei nichts sehr Verschiedenes. Viel sexueller sei das auch nicht.5
Oder am folgenden Tag:
Nachdenken über meine Gefühle für den Kleinen, die wirklich viel von Liebe zur Creatur haben.6
Das ist doch sehr abfällig! Empört Sie das nicht?
Nein, überhaupt nicht. Ich sehe das aus einer anderen Perspektive: Thomas Mann wollte die Bedeutung, die mein Onkel für ihn hatte, vor seiner Familie herunterspielen.
An einer anderen Stelle beschreibt Thomas Mann, dass die ständigen Begegnungen mit dem attraktiven Kellner ihn sexuell stimuliert haben:
Nachts, nach kurzem Schlaf, gewaltige Ermächtigung und Auslösung. Sei es darum, Dir zu Ehren, Tor!7

Der Umgang mit intimen Tagebuchstellen
Vielen Familien wäre es sicher peinlich, von solch intimen Vorgängen in der Presse zu lesen. Was denken Sie darüber?
Ja, in dem Artikel im «Stern» stand, dass Thomas Mann feuchte Träume hatte, weil er von meinem Onkel geträumt hat. Das ist menschlich.
Hat Ihr Onkel bereits vor der Publikation der Tagebücher über seine Bekanntschaft mit Thomas Mann gesprochen? Hat er mit Ihrem Vater oder Ihnen am Esstisch mal drüber geredet? Immerhin lernen die meisten Menschen nie persönlich einen Nobelpreisträger kennen.
Ja, das war schon manchmal Thema. Es gab wohl einen Briefverkehr zwischen Franz und Thomas Mann. Aber die Briefe, die Thomas Mann an meinen Onkel schrieb, existieren leider nicht mehr.
Wie lange war Ihr Onkel im Hotel Dolder angestellt? Hat er weiterhin als Kellner gearbeitet?
Onkel Franz war vermutlich sein gesamtes 19. Lebensjahr lang in der Schweiz. Thomas Mann hat meinem Onkel dann sogar angeboten, ihm mit einem Empfehlungsscheiben an ein Hotel in Genf zu helfen. Denn Onkel Franz wollte noch ein Jahr länger in der Schweiz bleiben, um in Genf in der Küche zu arbeiten und Französisch zu lernen. Thomas Mann hat es sogar geschafft, ihm die gewünschte Stelle in Genf zu vermitteln. Aber wie sich herausstellte, hätte der Onkel dafür aus dem Dolder sofort raus und nach Genf gehen müssen. Da er einen Vertrag in Zürich hatte, war das damit hinfällig.

Hat sich Franz Westermeier jemals selbst zu Thomas Manns Tagebuchnotizen vom Sommer 1950 geäußert? War ihm klar, dass der Schriftsteller erotische Wünsche auf ihn projiziert hat?
Nein, davon wusste er nichts. Er hatte nicht mal den Hauch einer Ahnung. Sicherlich hat er gemerkt, dass Thomas Mann ihn sympathisch findet. Aber von Manns geheimen Wünschen hatte er keine Ahnung.
Thomas Mann schreibt allerdings im Tagebuch:
Das Gefallen, das ich an ihm finde, hat er gewiß längst schon bemerkt, – was natürlich meinen Wünschen entspräche […]8
Ist das nur eine Fantasie des Schriftstellers?
Ich denke ja.
Franz Westermeiers Lebensweg
Ihr Onkel hatte in den 1950er-Jahren den Plan, nach seiner Arbeit in der Schweiz nach Südamerika auszuwandern. Was ist daraus geworden?
Mein Onkel ist tatsächlich nach Südamerika gegangen. Schon ganz am Anfang der Eintragungen zu Franz Westermeier heißt es in Manns Aufzeichnungen, dass der Junge dorthin will. Das habe auch ich erst aus den Tagebüchern erfahren, dass mein Onkel das Thomas Mann erzählt hat. Er soll nach Brasilien gegangen sein, wohl nach São Paulo.
Franz Westermeier ist dann Mitte der 1950er-Jahre nach New York übergesiedelt. Haben Sie ihn danach noch häufiger getroffen – oder brach der Kontakt ab?
Nein, überhaupt nicht. Er kam fast jedes Jahr, weil er so hin- und hergerissen war zwischen Amerika und Deutschland. Als Kind habe ich ihn oft erlebt. Er nahm mich in den Schulferien mit, wenn er Freunde und Bekannte im Tegernseer Tal besucht hat. Da war ich vielleicht 14 oder 15. Da hat er zu mir gesagt: Sebastian, es gibt da einen typisch amerikanischen Spruch, den musst du dir merken: Never take no for an answer – finde dich niemals mit einem Nein ab. So war der gestrickt. Wenn jemand Nein sagt, dann bleibst du trotzdem dran.

… bis du das bekommst, was du willst.
Genau! Er hat dann in den USA eine Stewardess kennengelernt und geheiratet. Sigrid Pinsel hieß sie. Eine Berlinerin, die nie mehr nach Deutschland wollte, weil sie mit ihrer Schwester ansehen musste, wie Russen ihre Mutter vergewaltigt haben. Onkel Franz und Sigrid haben längere Zeit in New York gelebt, in Manhattan. Sie hatten eine Tochter, Petra, ein halbes Jahr älter als ich.
Onkel Franz hat als junger Mann gleich in den besten New Yorker Restaurants eine Stelle bekommen. Er hat sich hochgearbeitet, konnte ganze Bankette organisieren. Eine Zeitlang hat er im Waldorf Astoria gearbeitet – und durfte 1957 beim Staatsbesuch die junge Queen Elisabeth bedienen. Sicherheitskräfte haben vorher recherchiert, wer dieser Franz Westermeier überhaupt ist und ob er der Monarchin persönlich aufwarten darf.
Sigrid und meine Cousine Petra habe ich erst 1975 wiedergesehen, als ich das erste Mal in den USA war. Meine Cousine konnte zwar Deutsch, war aber durch und durch US-Bürgerin. Sie hat perfekt amerikanisches Englisch gesprochen.

Um 2000 begann Heinrich Breloer, den Film «Die Manns – Ein Jahrhundertroman» zu drehen. Zu den Dreharbeiten reiste Ihr Onkel aus New York an und betrat noch einmal das Hotel Dolder. Er sprach an der Bar des Hotels mit Thomas Manns Tochter Elisabeth und trat sogar in der Talkshow von Roger Willemsen auf. Haben Sie ihn danach noch einmal gesehen?
2009 waren wir mit unseren Kindern das erste Mal zu viert bei ihm. Von Sigrid war er zu dieser Zeit schon geschieden. Er lebte mit seiner zweiten Frau in Queens im noblen Viertel Forest Hills Gardens, besaß auch ein Sommerhaus in Hampton Bay. Wir haben ihn dort noch ein, zwei Mal besucht.
Sie hatten später kaum noch Kontakt zu ihm oder seiner zweiten Frau?
Ja, das ist richtig. Als wir ihn das letzte Mal trafen, sah er nicht gut aus, war stark vom Alter mitgenommen. Am 20. September 2022 ist er gestorben, in einem Altersheim. Das haben wir leider nur aus dem Internet erfahren. Seit der Zeit habe ich keinen Kontakt mehr zu seiner zweiten Frau.
Sie haben sich bereits 2025, im Rahmen des großen Thomas-Mann-Jubiläums, bei Veranstaltungen zu Wort gemeldet und von Ihrem Onkel erzählt. Werden Sie das weiterhin tun und so sein Andenken wahren?
Ja, denn mein Onkel hat mich sehr geprägt. Ich habe von ihm viel lernen können: Wie er sein Leben lang für seinen Beruf gebrannt hat. Die offene Art, mit der er auf Menschen zugegangen ist, unabhängig von Alter oder Herkunft. Wie er mit ihnen redete und sich so ein Netzwerk aufgebaut hat. Das alles hat mir sehr imponiert – ich habe ihm viel zu verdanken und werde ihn nie vergessen. Ein weiterer großer Dank geht an Kerstin Holzer, die den Kontakt zur Monacensia hergestellt hat.
Quellen:
- Thomas Mann: Tagebücher 1949–1950. Hrsg. von Inge Jens, S. Fischer 1991.
Zum Weiterlesen:
- Karl Werner Böhm: Zwischen Selbstzucht und Verlangen. Königshausen und Neumann 1991.
- Heinrich Detering: Das offene Geheimnis. Wallstein Verlag 2017.
- Reinhard Kiefer: Thomas Mann – Letzte Liebe. Rimbaud Verlag 2001.
Was sagen Thomas Manns Tagebücher über Franz Westermeier?
In seinen Tagebüchern von 1950 beschreibt Thomas Mann eine Schwärmerei für den 19-jährigen Ober Franz Westermeier, dem er im Zürcher Hotel Dolder begegnete. Die Einträge wurden 1991 erstmals veröffentlicht (hrsg. v. Inge Jens, S. Fischer Verlag) und gmachten öffentlich, wie offen Mann über gleichgeschlechtliches Begehren schrieb.
Hotel Dolder, Zürich, Sommer 1950
Während seines Aufenthalts vom 24. Juni bis 14. Juli 1950 hielt Thomas Mann seine Eindrücke von Franz Westermeier fest und schwärmte wiederholt von dem jungen Kellner. Das Interview mit Sebastian Westermeier zeigt, wie diese Einträge in der Familie aufgenommen wurden.
Digitale Ausstellung
Dieser Beitrag ist Teil der digitalen Ausstellung «Thomas Mann und das literarische München» der Monacensia im Hildebrandhaus
Weiterlesen im MON Mag zum #LiterarischenMünchen:
- «Kriminialisierte Liebe – Thomas Mann und der Paragraph 175» – Oliver Fischer
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