Es gibt in München eine ganz besondere Buchhandlung. Barbara Picht blickt zurück auf die frühen Jahre der Literaturhandlung, die auf Literatur zum Judentum spezialisiert ist. Sie beschreibt ihre fast 20-jährige Mitarbeit – von Katalogarbeit und Versand über Lesungen bis zur täglichen Arbeit im Münchner und Berliner Geschäft.
Dieser Text ist ein Beitrag zur Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv», die am 20. Mai eröffnet wird – Teil 1 eines zweiteiligen Rückblicks.
Was unterscheidet die Literaturhandlung von allen anderen Buchhandlungen?
Ich war 19, als ich das erste Mal, vom Oskar-von-Miller-Ring kommend, in die Fürstenstraße einbog, die Straße mit dem kleinen Knick. Man konnte die weiße Fassade des Buchladens schon sehen, über dem in großen schwarzen Buchstaben «Literaturhandlung» stand. Ich kam wegen eines Vorstellungsgesprächs für ein Praktikum und ahnte damals nicht, dass aus dieser ersten Begegnung mit Rachel Salamander im Frühjahr 1990 eine Zusammenarbeit von fast 20 Jahren werden sollte. Ich habe in dieser Zeit mein Studium in München absolviert, meine Magisterarbeit geschrieben, bin dann nach Berlin gegangen, um die dortige Filiale der Literaturhandlung zu leiten und zu promovieren. Es war eine Art Parallelaktion, denn Studium und Mitarbeit in der auf Literatur zum Judentum spezialisierten Buchhandlung waren gleichrangig und haben einander ergänzt. Eine prägende Zeit.
Unpersönlich kann dieser Bericht deshalb nicht werden, zu persönlich soll er auch nicht sein. Ich bewege mich auf dem schmalen Grat der Zeitzeugenschaft, denn worüber ich berichte, ist inzwischen historisch geworden. Den Laden in der Fürstenstraße 17 gibt es nicht mehr, die Literaturhandlung in Berlin wurde im Mai 2024 geschlossen. Natürlich und zum Glück existiert die Literaturhandlung weiterhin, im Jüdischen Museum München am St.-Jakobs-Platz, im Jüdischen Museum Frankfurt am Main und im KZ-Besucherzentrum Dachau. Auch Filialen in Wien, Fürth und Dorsten gab es.

Die Arbeiten der Literaturhandlung
Von solcher «Expansion» war die Literaturhandlung im Jahr 1990, als ich sie das erste Mal betrat, noch weit entfernt. Acht Jahre nach ihrer Gründung waren Rachel Salamander und ihr Laden in München schon zu einer festen Größe geworden. Trotzdem konnte ich noch etwas vom «Zauber des Anfangs» spüren. Inge Oberst, Rachels erste Mitarbeiterin, wies mich mit heiterer Gelassenheit in die Spielregeln des Buchhandels ein. Einen Computer gab es noch nicht. Bücherwünsche unserer Kundinnen und Kunden wurden in großen Katalogen nachgeschlagen, grün das mehrbändige «Verzeichnis lieferbarer Bücher», dunkelblau die Bände des Barsortimenters Koch, Neff & Oetinger – auch diese Verlagsauslieferung ist inzwischen Geschichte.
Als der erste PC bei uns Einzug hielt, wurde er einfach auf demselben weißen Metall-Stehpult platziert, das zuvor diese schweren Nachschlagewerke beherbergt hatte. Für die Katalogerstellung wurde noch mit Karteikarten gearbeitet. Es gab mehrere lange Karteikästen, darin, nach Alphabet geordnet, alle im Katalog «Literatur zum Judentum» enthaltenen Titel. Sämtliche Änderungen mussten auf diesen Karten eingetragen werden:
- ob ein Titel in neuer Auflage erschienen war,
- ob sich der Preis geändert hatte,
- ob es inzwischen eine Taschenbuchausgabe gab, das Hardcover aber vergriffen war etc.
Für jede Neuerscheinung wurde eine neue Karteikarte angelegt und diese wiederum, bei Änderungen, ergänzt oder korrigiert. Rachel übertrug alle Eintragungen dann in den PC. Mühsame Kleinarbeit.

Katalogbestellungen gingen aus ganz Deutschland und dem Ausland ein. Nicht nur, dass es keine andere Fachbuchhandlung wie diese gab, es gab auch noch kein Internet. Man fand also nur in diesen blauen Katalogen die Zusammenstellung aller deutschsprachigen lieferbaren Bücher zum Thema Judentum, nach Sachgebieten geordnet. Man fand aber noch viel mehr: Keine Broschüre eines Museums oder Archivs oder einer Gedenkstätte, kein Selbstverlag waren zu klein, um nicht aufgeführt zu werden. Hebräische und jiddische Titel waren verzeichnet, zum Teil vorrätig, sonst auf Wunsch bestellt aus Israel oder den USA. Dem Wesen einer Versandbuchhandlung entsprechend wurden zahllose Büchersendungen und Pakete gepackt und verschickt. Zum Glück lag das Postamt um die Ecke.
Auch die Ludwig-Maximilians-Universität war nur wenige Gehminuten entfernt, und so wechselte ich zwischen meinen Seminaren und Vorlesungen und dem ‹Kosmos› Literaturhandlung hin und her. Nach mehr oder minder erhellenden Seminardiskussionen über Texte wie Kants «Grundlegung zur Metaphysik der Sitten» oder Hegels «Phänomenologie des Geistes» waren das Pakete-Packen und der Gang zur Post mit einer vollgeladenen Sackkarre ein mir willkommener Ausgleich.
Der ‹Kosmos› Literaturhandlung lebte selbst von der produktiven Spannung zwischen den Mühen der Ebene und den Inhalten, um die es dort ging. Es lagen Bücher Benjamins und Scholems und Arendts in den Paketen, ihr Porto aber wurde allein nach Papiergewicht berechnet. Der materiale Teil des Handelns mit Büchern prägte die tägliche Arbeit mit.
Ich erinnere mich noch gut an einen heißen Sommertag, an dem Rachel und ich im Keller der Literaturhandlung die Kisten mit den Verlags- und Kundenrechnungen umschichteten, um Platz für neue zu schaffen. Das deutsche Steuerrecht verlangt, dass sie zehn Jahre aufbewahrt werden. In Staub und funzligem Kellerlicht plagten wir uns ab mit den sperrigen Kartons. Rachel meinte irgendwann motivierend:
Barbara, was wir hier machen, das nennt man Lagerlogistik.
Stimmt schon. Nur hatte es nichts mit hohen Metallregalen und leise surrenden Hebebühnen zu tun. Stattdessen wuchteten zwei Frauen in Sommerkleidern kiloweise Unterlagen in einem beengten Keller hin und her.

Literatur zum Judentum nach der Shoah
Jeden Tag musste das Angebot, das die Literaturhandlung der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft machte, angenommen werden, sollte der Laden weiter existieren. Es gab keine Subvention, keinen Etat, keine Finanziers. Hier wurde auch nicht erzogen, nicht zu überzeugen versucht, nichts aufgedrängt. Sondern die Möglichkeit geboten, Bücher zu erwerben, um sich mit dem Judentum in all seinen Facetten zu beschäftigen. Die Literatur, die die Buchhandlung im Titel trägt, war eine davon. Weitere waren:
- Religion,
- Geschichte,
- jiddische und hebräische Sprache,
- Kochbücher,
- Witze,
- Musik,
- Lebenserinnerungen und Biografien,
- die Abteilung zu Judenfeindschaft und Antisemitismus,
- zum Zionismus und Nahostkonflikt
- über jüdisches Leben nach 1945 sowie
- Kinder- und Jugendbücher.
Diesem Angebot lag kein pädagogisches Projekt zugrunde, und die Literaturhandlung war auch keine Institution mit einem bestimmten politischen Auftrag. Sondern es entstand hier ein Möglichkeitsraum für Wissensvermittlung, Gespräche und Debatten. Ob dieses Angebot angenommen wurde – das hing vom Zuspruch derjenigen ab, für die es bereitgestellt wurde. Man kann das natürlich von jeder Buchhandlung sagen, von jedem Einzelhandelsgeschäft. Doch dass der Bundesrepublik dieses Angebot der ersten (und bis heute einzigen) auf das Thema Judentum spezialisierten Fachbuchhandlung nach der Shoah gemacht wurde, ist so gar nicht selbstverständlich. Und darin unterscheidet sich diese Buchhandlung dann doch von allen anderen Buchhandlungen.
«Die jüdische Welt von gestern» hat Rachel Salamander den Bildband genannt, in dem sie zusammen mit dem Wiener Verleger Christian Brandstätter Text- und Bild-Zeugnisse jüdischen Lebens aus Mitteleuropa von 1860 bis 1938 zusammengetragen hat. Auch in der Literaturhandlung war die jüdische Welt von gestern zu Gast in Gestalt von Hilde Spiel, Grete Weil (leider habe ich sie beide nicht mehr erlebt), Gerty Spies, Hans Jonas oder Walter Grab. Kamen sie für Lesungen zu Rachel Salamander nach München, dann begegneten jene, die zu dieser Welt noch gehörten, die verfolgt und ins Exil vertrieben worden waren, ihr, die schon als Vertriebene – displaced – geboren wurde und der diese Welt noch vor ihrer Geburt genommen worden ist. Es war ein Sich-die-Hand-Reichen über einen Abgrund hinweg. Diese Begegnungen und die daraus entstandenen Freundschaften zählen zum Kostbarsten in der Geschichte der Literaturhandlung. Sie haben die Besonderheit der frühen Jahre mit ausgemacht und sind unwiederbringlich vorüber. Geblieben sind, auch hier, die Bücher.
Für mich hatte die Mitarbeit im ‹Kosmos› Literaturhandlung die Qualität eines dritten Studienfachs. Ich habe dort viel gelernt, was mir die Universität nie hätte beibringen können. Das lag am Charakter der Literaturhandlung als eines kleinen, aber auf Hochtouren laufenden Kulturbetriebs. Das lag an Begegnungen und Gesprächen mit unseren Kundinnen und Kunden, lag an den vielen Lesungen, Diskussionsrunden, Buchpremieren und den so unterschiedlichen Autorinnen und Autoren. Nicht zu vergessen die kaufmännische Seite des Handelns mit Büchern. Und es lag an Rachel Salamander selbst, ihrem Qualitätsanspruch, ihren klaren Vorstellungen davon, wofür dieser ‹Kosmos› stand und was er leisten sollte. Von ihr allerdings habe ich nicht nur viel gelernt. Sie und die Literaturhandlung waren in den Jahren in München mein Zuhause.
Beitrag zur Ausstellung «Literatur & Haltung»
Dieser Text erscheint im Kontext der Ausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv» in der Monacensia, die das besondere Konzept und Programm der Literaturhandlung sichtbar macht und ihre Bedeutung bis in die Gegenwart hinein befragt.
Ausblick auf Teil 2
Im zweiten Teil richtet Barbara Picht den Blick auf die 1992 gegründete Berliner Filiale der Literaturhandlung nach Berlin. Sie beschreibt, wie sich Aufbau, Publikum und Arbeitsalltag in der Hauptstadt von den Münchner Anfängen unterschieden – und was beide Orte miteinander verband.
Weiterlesen im MON Mag
Wie gestaltete sich jüdisches Leben nach 1945? Beiträge im MON Mag widmen sich den Erfahrungen von Displaced Persons, literarischen Neubeginnen und Orten jüdischen Alltags im Nachkriegsmünchen:
- Jüdische Displaced Persons in der Möhlstraße – Biografische Einblicke in ein jüdisches Leben im Übergang.
- Schejres Haplejte – Jiddisch schreiben nach der Befreiung – Literatur als Ausdruck von Erinnerung und Neubeginn.
- Die Möhlstraße nach 1945 – Zentrum jüdischen Lebens.
Diese Texte vertiefen den historischen Hintergrund, vor dem auch die Literaturhandlung entstand.



