Nach 1945 begann im besetzten Deutschland der Wiederaufbau jüdischer Kultur. Insbesondere Musik- und Theaterkünstler*innen knüpften dabei an osteuropäische Kleinkunst- und jiddische Theater-Traditionen der Zwischenkriegszeit an. Tamar Lewinsky zeichnet Traditionslinien und Auseinandersetzungen einer sich in München und Umgebung neu formierenden jüdischen Kultur-Szene nach – die sich mit der Gründung des Staates Israel aufzulösen begann. Der Beitrag ist der dritte Teil von Lewinskys Artikelserie.
Wiederaufbau jüdischer Kultur: Jüdisches Theater und Musik in München und Umgebung
Jüdisches Theater in Feldafing und München
In Feldafing, dem ersten rein jüdischen DP-Lager, probten die Gründungsmitglieder des Dramatischen Kreises «Amcho» zunächst in einem Kellerraum. Es entstand eine bunte Revue, in der erinnerte Dialoge, Liedzeilen und Geschichten in neuer Form zusammenflossen. Die Texte mussten aus dem Gedächtnis rekonstruiert werden. Es gab kaum geeignete Requisiten, und die Schauspieler*innen verfügten oftmals über genauso wenig Theatererfahrung wie das Publikum. Insofern gab es zu dieser Form oft loser Nummernfolgen kaum eine Alternative. Sie bot gleichzeitig ein entferntes Echo der jiddischen Kleinkunst. Mit diesem Genre, einer Art Cabaret mit Tanz und Liedern satirischen Sketchen und Nummern, hatte das jiddische Theater im Polen der Zwischenkriegszeit Erfolge gefeiert.
Viele der kleinen Laiengruppen – schätzungsweise sechzig Ensembles gab es in der westlichen Besatzungszone insgesamt – führten Szenen des gefeierten Schauspieler-Duos Dzigan und Schumacher1 und der Kleinkunstbühnen Ararat und Azazel auf. Sie griffen in eigenen Produktionen aber auch in satirischer Manier neue Themen auf, darunter die Lebensbedingungen in den DP-Lagern.2
Als professionelles Theater etablierte sich das Münchener Jüdische Theater. Gegründet in Niederschlesien von Schauspieler*innen aus der Schule des großen Schlomo Michoels, die in der Sowjetunion überlebt hatten, wurde es mitsamt einem Teil seiner Requisiten von der Fluchthilfeorganisation Bricha nach Deutschland transferiert. In München stießen weitere ausgebildete Schauspieler*innen zum Ensemble, das in den folgenden Jahren unter der künstlerischen Leitung von Israel Becker und Aleksander Bardini versuchte, sein Programm nicht zuletzt nach didaktischen Kriterien zusammenzustellen. Aufgeführt wurden sowohl Stücke aus dem klassischen jiddischen Repertoire als auch neue Produktionen. Da die DPs bisher kaum geübt im Besuchen von Theatern waren, wurden die Tourneen durch ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Diskussionsrunden und literarischen Veranstaltungen zu den Stücken begleitet. Sogar eine Theaterakademie mit eigenem Curriculum war geplant. Realisiert wurde diese Ausbildungsstätte für Laienschauspieler*innen jedoch nicht.3
Die Truppe in München führte 1947 die Holocaust-Tragödie «Ikh leb» (Ich lebe) von Moyshe Pintshevsky auf. Die Wahl war nicht ohne Grund auf ein Stück gefallen, das von den Vernichtungslagern handelte. Zu diesem Zeitpunkt stellten polnische Juden und Jüdinnen, die aus der Sowjetunion repatriiert worden waren, die Mehrheit der DPs in der Besatzungszone. Für sie, die oft erst nach ihrer Rückkehr das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen begannen, sollte dieses Stück aufklärend wirken. Lucy Schildkret (die später als Lucy Dawidowicz bekannt gewordene Historikerin) war damals für den JDC in Deutschland tätig. Sie berichtete in einem privaten Brief von einem Gespräch mit dem Regisseur und ihrem Theaterbesuch in München:
Sie wissen nicht, wie es in den Todeslagern zuging […] Daher wurde gerade dieses Stück aufgeführt. Es ging dabei gewissermaßen darum, ‹dass wir niemals vergessen mögen›. Das Theater selbst, ein recht ehrwürdiger deutscher Bau, war brechend voll. Ich würde schätzen, dass mindestens 1000 Menschen gekommen waren, vielleicht mehr. Es wurde die ganze Zeit viel geschluchzt und geweint.4
Jüdische Musik
Besonders in den Inszenierungen der Laienspielgruppen verband sich Theater mit Musik. Das jiddische Theater, egal ob in Polen, den USA oder Argentinien hatte immer in enger Verbindung zu musikalischen Traditionen gestanden. Als im DP-Lager Feldafing zeitgleich mit dem jiddischen Theater ein Laienchor seine Proben aufnahm, war es ganz selbstverständlich, dass dessen Mitglieder auch bei der ersten Bühnenproduktion mitwirken würden. Avrom Yoakhimovitsh, der als Conférencier durch den Abend führte, stellte die Sängerinnen und Sänger als «Ersten jiddischen Chor in Bayern» vor.5
Ausgebildete Musiker*innen gab es dagegen nur wenige. Umso bemerkenswerter ist deshalb die Geschichte des späteren Repräsentanz-Orchesters des Zentralkomitees, das mit einem Repertoire aus klassischer und jüdischer Musik sowie mit hebräischen und jiddischen Volksliedern durch die amerikanische Besatzungszone tourte – und 1948 sogar mit Leonard Bernstein auftreten konnte. Sein erstes Konzert gab dieses Ensemble nur wenige Wochen nach der Befreiung am 27. Mai 1945 in St. Ottilien. Ungefähr 800 Überlebende, die in St. Ottilien oder einem der unweit befreiten Konzentrationslager eingerichteten DP-Camps versorgt wurden, saßen im Publikum. Außerdem waren auch Vertreter der Militärregierung und Delegierte der UNRRA zugegen.
Der offizielle Teil des Abends wurde mit Griegs Triumphmarsch eröffnet. Es folgte eine bewegende und für die Entstehung der Selbstorganisation der befreiten Juden wegweisende Rede des Arztes und künftigen Vorsitzenden des Zentralkomitees der befreiten Juden Zalman Grinberg. Im weiteren Verlauf des Konzerts – es handelte sich um die erste kulturelle Veranstaltung für die DPs in Deutschland überhaupt – wurden neben zwei Sätzen von Bizet und Solveigs Lied von Grieg auch jüdische Volkslieder aufgeführt.6
Die Lieder intonierte die Sängerin Henia Durmaschkin, die auch in den folgenden Jahren als Solistin mit dem Orchester auftrat. Ihre Schwester, die Pianistin Fania Durmaschkin, gehörte ebenfalls dem kleinen Orchester an. Beide hatten wie einige weitere Mitglieder des Repräsentanz-Orchesters dem Orchester angehört, das ihr Bruder, der umgekommene Komponist Wolf Durmaschkin, im Ghetto Kaunas geleitet hatte. Zum Repertoire der Sängerin gehörten neben Volksliedern auch Lieder aus dem Ghetto. Zwei davon standen auch bei einem Konzert im Nürnberger Opernhaus, das für die Mitglieder des internationalen Militärtribunals und die Prozessbesucher veranstaltet wurde, auf dem Programm. Das Opernhaus war wiederholt zur Verbreitung nationalsozialistischer Propaganda genutzt worden, und die Musiker*innen inszenierten ihren dortigen Auftritt als öffentlichkeitswirksamen Appell an das Weltgewissen: Das Orchester trat in gestreiften Uniformen auf und kündigte sich als «Ex-Concentration-Camp-Orchestra» an.7
Die Auflösung jüdischer DP-Einrichtungen
Nach Gründung des Staates Israel 1948 konnten die DP-Lager nach und nach geschlossen werden. In dieser chaotischen Zeit der «Liquidierung», wie die DPs die Auflösung sämtlicher Einrichtungen nicht ohne Ironie bezeichneten, wurden die kulturellen Aktivitäten nur noch minimal weitergeführt.
1949 wurden die Berufsverbände aufgelöst und ihre Mitglieder nicht weiter finanziert. Natürlich hatten auch die Kunst- und Kulturschaffenden die Auflösung dieses Provisoriums ersehnt. Doch während das Archiv der Historischen Kommission nach Israel verschifft werden konnte, wurde mit einigem, was jüdische Kultur in Deutschland ausgemacht hatte, achtlos verfahren. So wurde das Inventar des Repräsentanztheaters in einem Innenhof an der Möhlstraße aufgehäuft. In einem Akt von Galgenhumor hatte jemand ein Werbeplakat für eine der erfolgreichsten Produktionen des Ensembles, «Di Hofenung» (Die Hoffnung), an den achtlos weggeworfenen Requisiten befestigt.8
Nach der Emigration erfüllte sich die Hoffnung der Kulturschaffenden, sich weiter ganz der künstlerischen Arbeit widmen zu können, nur zum Teil. In vielen Fällen verliert sich die Spur derjenigen, die es sich allen Umständen zum Trotz zur Aufgabe gemacht hatten, die Reste einer untergegangenen Kultur am Leben zu erhalten. Doch ist es ihnen zu verdanken, dass die Schicksals- und Erinnerungsgemeinschaft der jüdischen Displaced Persons vorübergehend ein Stück Normalität und kulturelle Autorität zurückerlangen konnten.

*Der gesamte Artikel wurde unter dem Titel: «Vom Wiederaufbau jüdischer Kultur in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands» in «Unser Mut. Juden in Europa 1945–48» hg. v. Kata Bohus, Atina Grossmann, Werner Hanak, Mirjam Wenzel. Frankfurt: De Gruyter, Jüdisches Museum Frankfurt 2021 erstpubliziert. Er wurde für die Veröffentlichung im MON Mag behutsam angepasst.
Mehr zu «Vom Wiederaufbau jüdischer Kultur nach 1945»:
- «Displaced Persons in München» – Teil 1
- «Auseinandersetzung mit der Shoah und die Rolle des Jiddischen» – Teil 2
Diese Artikelserie ist Teil des MON Mag-Dossiers «Schejres Haplejte».
Es widmet sich der frühen jiddischen Nachkriegsliteratur von Überlebenden der Shoah.
- Dzigan und Schumacher waren ein international bekanntes Komiker-Duo des jiddischen Theaters. Es wurde 1927 von den Schauspielern Shimen Dzigan und Israel Schumacher in Łódź gegründet und bestand bis 1960. ↩︎
- Avrom Yoakhomovitsh: «Vi azoy s’iz antshtanen der dram.-krayz ‹Amcho›. In: «Dram. kzayz ‹Amcho› baym yidishn arbeite-komitet in Feldafing» (Hg.). Feldafing: Ilustrirter yovl-zhurnal 1946, S. 16. ↩︎
- Norbert Horovits: «Yidish teater in der sheyres hapleyte. Fun noentn over Bd.1». New York: Congress for Jewish Culture 1955, S. 114–117; Jaqueline Giere: «Wir sind unterwegs. Aber nicht in der Wüste. Erziehung und Kultur in den jüdischen Displaced Persons-Lagern der Amerikanischen Zone im Nachkriegsdeutschland 1945–1949». Frankfurt/Main: Univ.-Diss. 1993, S. 198. ↩︎
- Lucy Schildkrecht: Brief vom 17.11.1946, American Jewish Historical Society P-675, box 55, folder 3. Siehe auch Tamar Lewinsky: «Displaced Poets. Jiddische Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland 1945–1951». Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, S. 166-167. ↩︎
- Shteynman: «Di antshteyung un tetikayt fun khor». In: Ilustrirter yovl-zhurnal, S.10; L. Fingerhut: «Nokhn khurbn» In: Ilustrirter yovl-zhurnal, S. 8. ↩︎
- Zeev W. Mankowitz: «Life between Memory and Hope. The Survivors of the Holocaust in Occupied Germabny». Cambridge: Cambridge University Press 2002, S. 30f.; Angelika Königseder, Juliane Wetzel: «Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland». Frankfurt/Main: Fischer 1994, S. 81-85; Yoysef Gar: «Bafrayte yidn. Fun noentn over Bd.3». New York: Congress for Jewish Culture 1957, S. 186f.; «Programme of the Liberation-concert Hospital for political ex-prisoners in Germany in St. Ottilien: www.dphospital-ottilien.org/concert (9.11.2018). ↩︎
- Bret Werb: «Vu ahin zol ikh geyen?» Music Culture of Jewish Displacced Persons». In: Tina Frühauf, Lily Hirsch (Hg.): «Dislocated Memories: Jews, Music, and Postwar German Culture». New York: Oxford University Press 2014, S. 87f.; Wolf Durmashkin Award: wdc-award.org/?page_id=2 (18.6.2018); Programmheft des Jewish Ex-Concnetration Camp Orchestra. Archiv des Jüdischen Museums Berlin, Inv.-Nr. 2015/367/1. ↩︎
- M. Volf: «A sheyres-hapleyte tog-bukh.». In: Naye yidishe tsaytung Nr. 5 vom 8.12.1950 [Seitenzahl konnte nicht verifiziert werden]. ↩︎



