Wer Helene Raff nur als Weggefährtin Henrik Ibsens sieht, übersieht ein selbstbestimmtes Leben. In München behauptete sie sich als Malerin, Schriftstellerin und Redakteurin – trotz verschlossener Kunstakademie und enger Grenzen für Frauen. Wie fand sie ihren eigenen Weg, und warum geriet sie dennoch fast in Vergessenheit?
Dieser Beitrag von Uwe Englert ist Teil der digitalen Ausstellung «Thomas Mann und das literarische München» der Monacensia. Zugleich setzt er die Literarischen Erkundungen* fort.
Henrik Ibsens Sommer 1889: Emilie Bardach und Helene Raff
Je mehr sich die Reputation des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen (1828–1906) in Europa festigte, desto stärker wuchs in ihm das Bedürfnis, sich von sozialem Leben fernzuhalten und sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Sein Alltag war allmählich von fast zeremonieller Routine geprägt, die nur selten von oberflächlichen Gesprächen und Begegnungen unterbrochen wurde. Der Sommer 1889 sollte alles ändern. Der inzwischen 61-jährige Autor suchte in seiner Sommerfrische Gossensass in Südtirol, die er von seiner Wahlheimat München aus ansteuerte, aktiv den Kontakt zu deutlich jüngeren Frauen.
Eine dieser Frauen brachte es später selbst zu gewissem Ruhm: die jüdische Kaufmannstochter Emilie Bardach (1862–1955) aus Wien. Ihr Gespür für Selbstvermarktung führte sogar dazu, dass Karl Kraus sie namentlich in «Die letzten Tage der Menschheit» erwähnt. Auch in der Ibsen-Forschung spielt Bardach eine Rolle. Sie wird unter anderem als Vorbild diskutiert für die Figuren
- Hedda Gabler (aus dem gleichnamigen Drama, 1890) und
- Hilde Wangel (aus «Baumeister Solness», 1892).
Die andere junge Frau, die Ibsen im Sommer 1889 kennenlernte, ist vergleichsweise in Vergessenheit geraten: Helene Raff (1865–1942). Dabei verdient sie viel mehr Aufmerksamkeit – nicht nur in Bezug auf Ibsen.

Helene Raffs frühe Jahre zwischen Musik, Kunst und München
Helene Raff wuchs in der mondänen Kurstadt Wiesbaden auf. Ihre Eltern, der damals sehr bekannte Komponist Joachim Raff (1822–1882) und die Schauspielerin Doris Genast (1826–1902), brachten mit familiären Verbindungen bis in das Weimar Goethes starke musische Elemente in den Alltag ein. Zu den Bekannten und Freundinnen der Eltern zählten
- Richard Wagner,
- Hans von Bülow,
- Franz Liszt,
- Johannes Brahms und
- Clara Schumann.
Mit all diesen Persönlichkeiten hatte Helene direkten Umgang. Als 13-Jährige trat sie als jüngste Schülerin in Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main ein, dem ihr Vater als Gründungsdirektor vorstand. Hier erhielt sie – für ein Mädchen damals ungewöhnlich – Unterricht in Poetik, Metrik, Italienisch, Französisch, Musiktheorie und Komposition; zudem nahm sie Zeichenunterricht und Klavierstunden. Mit ihrer Mutter unternahm sie Natur- und Bildungsreisen, die sie 1879 zum ersten Mal nach München brachten. Hier ging Helene, seit Kurzem 14 Jahre alt, «wie in einem Wonnenrausch» umher:
Die grüne Lebendigkeit des Isarstromes, die Transparenz der Luft, in der die ferne Alpenkette stand wie mit dem Silberstift gezeichnet, und zugleich die Schönheitsfülle der Museen versetzten mich in Entzücken.1
Künstlerin in München – Ausbildung ohne Kunstakademie
Der frühe und unerwartete Tod ihres Vaters sorgte 1882 für einen Bruch in ihrem Leben. Etwa gleichzeitig kam Helene zu der Einsicht, dass es ihr als Musikerin an Talent gebrach. Sie setzte nun ganz auf die Malerei und zog mit ihrer Mutter in die bayerische Residenzstadt. Zu ihrem Verdruss herrschte allerdings noch die Überzeugung vor, dass Frauen zur Kunst ungeeignet seien. Zur Akademie in München hatte sie deshalb keinen Zugang. Ein Studium war nur möglich, wenn sich mehrere junge Frauen zusammentaten, gemeinsam ein Atelier mieteten, Kosten für Heizung und «Modellgeld» teilten und sich zwei- bis dreimal wöchentlich von einem professionellen Künstler korrigieren ließen.
Zu Helene Raffs Kollektiv gehörten neben ihr selbst:
- Caroline Kempter,
- Sophie von Pühn,
- Michaela Pfaffinger,
- Marie Schwalb,
- Paula Thiersch und
- Emilie Wislicenus.
Als Lehrer konnten sie den Piloty-Schüler Heinrich Lossow (1843–1897) gewinnen, der nach Helene Raffs Beobachtung «durchaus dem Zauber des Rokoko verhaftet» war.2 Später wurde ein wichtiger Mentor Claus Meyer (1856–1919), der in der Tradition niederländischer Genremalerei arbeitete.
Helene Raff fand schnell Anschluss an intellektuelle Kreise in der Stadt. Sie war gern gesehene Gästin des freigebigen «Dichterfürsten» Paul Heyse (1830–1914), der in seiner Villa unweit der Propyläen auf dem Königsplatz Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Musiker*innen um sich scharte. In diesem Milieu wollte Helene Raff ihren eigenen Beitrag leisten. Ihr ehrgeiziges Ziel war es, mit einem Gemälde auf der Ausstellung im Glaspalast am Alten Botanischen Garten vertreten zu sein, die zunächst nur alle vier Jahre stattfand. Sie arbeitete Ende der 1880er-Jahre an einem Bild aus dem Motivkomplex des Palmsonntags.

Helene Raff und Henrik Ibsen: Begegnung in Gossensass
Die erste Begegnung Helene Raffs mit Henrik Ibsen fiel in den Spätsommer 1889: Die Künstlerin kehrte in Begleitung ihrer Mutter von einer Venedig-Reise heim und machte in Gossensass unterhalb des Brenners Station. Zu diesem Zeitpunkt war die 24-Jährige bereits eine Kennerin der Dramen Ibsens, die sie teils selbst gelesen («Die Kronprätendenten»; «Brand») und teils im Theater («Stützen der Gesellschaft»; «Nora») erlebt hatte.
Ibsen verkehrte in demselben Hotel wie die Damen Raff. Er bemerkte, dass Helene eine Staffelei mit sich führte, und sprach sie an. Mit der Malerei war auch schnell ein Gesprächsthema gefunden, denn Ibsen hatte in seinen frühen Jahren selbst an einer Karriere als bildender Künstler gearbeitet, sich dann aber fürs Theater entschieden. In Gossensass zeigte er sich fasziniert von Helene Raffs unkonventionellem Bildungsweg – außerhalb von öffentlichen Schulen, unterrichtet nur vom Vater und später von Kollegen am Konservatorium. Diesem Modell, so Ibsen, gehöre die Zukunft.
Auf gemeinsamen Spaziergängen sprechen Helene Raff und Henrik Ibsen über ihren gemeinsamen Freund Hans von Bülow, über Hypnose, Magnetismus, Zwangsneurosen – und natürlich auch über Kunst. Helene Raff lernt – neben Sohn Sigurd – auch Ibsens Frau Suzannah kennen, von der sie beeindruckt ist: Sie falle «aus dem noch gültigen Frauentypus völlig heraus», verkörpere «die weibliche Eigenpersönlichkeit».3
Ein waches Auge hat Helene aber auch für die junge Wienerin Emilie Bardach, die ebenfalls ihre Ferien in Gossensass verbringt und offensiv die Gegenwart Ibsens sucht. Helene Raffs Tagebucheinträge aus dieser Zeit verraten Spuren von Eifersucht: «Die B. mit I. ganz toll», notiert sie etwa am 21. September 1889.4
Zwischen Nähe und Distanz in München
Da Helene Raff und Henrik Ibsen beide in München lebten, stand einer Fortsetzung ihrer Bekanntschaft nach dem Sommerurlaub wenig im Wege. Ihre Wohnungen lagen recht nah beieinander. Während Ibsen im Hemmeterhaus in der Maximilianstraße 32 residierte, wohnten Helene Raff und ihre Mutter in der Brienner Straße 33. Ein merkwürdiger und schwierig zu deutender Pas de deux entwickelte sich zwischen den beiden. Ihrem Tagebuch ist zu entnehmen, dass sie mehrmals versuchte, Ibsen «zufällig» auf der Maximilianstraße zu treffen. Ab und zu gelang es auch. Manchmal zeigte er sich – ihrem Eindruck nach – zuvorkommend, dann wieder kühl. Helene Raff suchte die Ibsens auch in deren Wohnung auf, wo sie bei einer Gelegenheit meinte, «ein sonderbares Verhältnis» zwischen den Eheleuten wahrzunehmen.5
Am 6. Oktober 1889 verpasst Helene Raff den Dramatiker in seiner Wohnung, begegnet ihm aber – wieder einmal – auf der Maximilianstraße. Sie spazieren eine Stunde lang durch die Stadt, und Ibsen begleitet die Künstlerin schließlich heim in die Brienner Straße. Helene Raff findet die Situation «hochinteressant, aber etwas aufregend». Im Hof des Hauses kommt es zu einer wilden «Küsserei».6
Im Laufe der nächsten Wochen und Monate zeigt Ibsen jedoch zunehmend Distanz – sehr zum Bedauern von Helene Raff. Zu seinem 62. Geburtstag verehrt sie ihm dennoch ein Mädchenbildnis – ein Detail aus ihrer großen Palmsonntag-Arbeit. Ibsen erinnert die Frau mit weißem Kopftuch an die Figur Solveig aus seinem Drama «Peer Gynt» (1867) und nennt sie deshalb «Klein Solveig».
Als im Januar 1891 Ibsens Drama «Hedda Gabler» am Residenztheater seine Welturaufführung feiert, sitzt Helena Raff mit ihrer Mutter im Publikum, obwohl sie das Stück ausgesprochen «grässlich» findet. Sie erlebt den Tumult, den die Aufführung auslöst, die Proteste, aber auch die Jubelrufe, und gratuliert Ibsen am nächsten Tag persönlich in seiner Wohnung. Der Dramatiker ist – wie so häufig – nicht an einer Unterhaltung über seine eigene Produktion interessiert und mag auch die Premierenvorstellung nicht kommentieren.7
Im Sommer 1891 verlässt Ibsen München und zieht in seine norwegische Heimat zurück. Das Verhältnis zwischen Raff und Ibsen kühlt ab. Das zeigt sich schon darin, dass Helene Raff Norwegisch lernt, um Ibsens Werk im Original lesen zu können. Die Korrespondenz mit ihm erfolgt allmählich auch auf Norwegisch.

Erfolge als Malerin, Neuanfang als Schriftstellerin
Helene Raff versuchte sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Aus eigenen Mitteln finanzierte sie 1891 eine Reise nach Paris, um über einen Zeitraum von mehreren Monaten beim bekannten Genre- und Historienmaler Gustave Courtois (1852–1923) zu lernen. Schon 1890 war es ihr erstmals gelungen, im Münchner Glaspalast auszustellen – mit positiver Resonanz. In der Folgezeit war sie regelmäßig auf der nunmehr jährlich stattfindenden Kunstausstellung im Glaspalast vertreten. 1892 hoben die «Münchner Neuesten Nachrichten» (MNN) ein Porträt ihrer Mutter «als besonders gediegene und reife Arbeit»8 hervor. Ähnlich viel Lob erhielt ein Bildnis Heyses 1893.
Erfolgreiche Ausstellungen in anderen Städten schlossen sich an, doch bald meldete sich wieder Selbstkritik. So wie Helene Raff schon als Musikerin ihre Grenzen wahrnahm, war sie nun nicht mehr davon überzeugt, als Malerin wirklich Großes leisten zu können. Wohl auf Anraten von Paul Heyse wandte sie sich der Literatur zu. Ihre erste Arbeit «Modellgeschichten» (1902), bestehend aus acht kürzeren Prosatexten, hatte «das merkwürdige Volk der Modelle» zum Gegenstand, «jenes Volk, das fast ausschließlich aus mehr oder weniger schweren Schiffbrüchen des Lebens sich in solchen Beruf gerettet hat»9, wie die MNN schrieben.
Mit diesem Thema war Helene Raff wohlvertraut, denn im Atelier standen ihr im Laufe der Jahre die unterschiedlichsten Charaktere Modell. Ihr wurde «eine außerordentlich scharfe Beobachtung und große Sicherheit in der Charakterisierung»10 attestiert. Helene Raffs zweite Veröffentlichung «Die Braven und die Schlimmen» (1904) war dem «Freunde und Meister Paul Heyse dankbar zugeeignet».
Insgesamt publizierte Helene Raff
- acht Bände mit Erzählungen,
- zwei Romane aus dem Künstlermilieu,
- sechs Jugendwerke (mit zum Teil historischen Stoffen),
- drei Biografien (über Heyse, ihren Vater Joachim Raff und ihr eigenes Leben) sowie
- mehrere Sammlungen mit Sagen und Legenden aus Bayern und Tirol.11
Nach Einschätzung von Zita Wagner, die 1938 in Wien über Helene Raff promovierte, lag deren Hauptbegabung «auf dem Gebiet der kleinen Erzählung»12. Ihre Literatur habe dabei immer eine «wirklichkeitsnahe Grundlage».13
Sie war unvermeidlich, die kleine Alte, eine unentbehrliche Staffel im Entwicklungsgange aller Jünger und Jüngerinnen der Kunst; man mußte sie einmal gemalt haben. So wie jeder Mensch einmal die Masern oder eine sonstige Kinderkrankheit zu kriegen pflegt. Ihr höchster Stolz war es, die «schöne Wabi» zu heißen, und gleich beim Anfang jeder neuen Malerbekanntschaft betonte sie, daß sie seit ihrer ersten Jugend, und zwar von allen längst heimgegangenen Größen, nicht anders genannt worden sei. Auch jetzt noch thaten es Viele, da man dem schmalen Gesichtchen mit der feinen scharfen Nase und den kluglebendigen Eidechsenäuglein die Spuren der einstigen Schönheit wohl ansah; aber nur in der Anrede erhielt sie ihren Lieblingsnamen – hinterrücks nannte man sie allgemein die «närrische» oder die «Lügen-Wabi».
Den Vorwurf, der in der letzten Bezeichnung lag, würde Wabi freilich jederzeit mit Entrüstung zurückgewiesen haben; dennoch war es so: sie hatte, wie einer ihrer wohlwollendsten Kunden sich in schonender Weise ausdrückte, «eine zu große Vorliebe für umgemodelte Wahrheiten».
Auszug aus «Die Lügen-Wabi». In: Helene Raff, «Modellgeschichten», Berlin 1902.
Helene Raff: Frauenbewegung und journalistische Arbeit in München
Bereits um 1894 herum besuchte Helene Raff die «Höheren Unterrichtskurse für Frauen und Mädchen», die der Münchner Volksbildungsverein ins Leben gerufen hatte. Hier geriet sie in den Dunstkreis der bürgerlichen Frauenbewegung, die sich in diesen Jahren etablierte. Sie besuchte regelmäßig die Zusammenkünfte der «bewegten Frauen» im Hause der Schriftstellerin Emma Merk (1854–1925) in der Schönfeldstraße. Bei einer dieser Gelegenheiten lernte sie Gabriele Reuter (1859–1941) kennen, deren 1895 erschienener Roman «Aus guter Familie» sie in ganz Deutschland berühmt machte. Kurz darauf fertigte Helene Raff ein Porträt ihrer neuen Freundin an. 1899 trat sie dem «Verein für Fraueninteressen» bei, 1913 dem von der inzwischen verheirateten Emma Haushofer-Merk und Carry Brachvogel (1864–1942) initiierten «Münchner Schriftstellerinnen-Verein».
Die Ibsen-Forscherin Astrid Sæther führt das Engagement Raffs für die Frauenbewegung direkt auf ihre Bekanntschaft mit dem norwegischen Dramatiker zurück.14 Ibsen dürfte allerdings nicht die einzige Inspirationsquelle gewesen sein: Raffs in Weimar ansässige Tante Emilie Merian-Genast (1833–1905) hatte dort den «Verein für weibliche Kunstindustrie» gegründet und ihrer Nichte Umgang unter anderem mit der Autorin und Frauenrechtlerin Natalie von Milde (1850–1906) ermöglicht.
Von 1923 bis 1933 war Helene Raff Redakteurin der Frauenbeilage der «Münchner Neuesten Nachrichten». Es war «ihr keine Mühe zu viel, die soziale Lage der Frau klarzustellen» und sich für die Bildung der Mädchen einzusetzen. Konkret forderte sie etwa die Schaffung eines Heimes für Studentinnen.15 Als allzu kämpferisch darf man sich Helene Raffs Tätigkeit für die MNN dennoch nicht vorstellen. Sie schrieb in plauderndem Ton auch über Mode, interviewte Schauspielerinnen und gab ihren Leserinnen Anregungen, wie diese Heim und Familienfeste schöner gestalten konnten. Vor jeder Form von Radikalität wich sie zurück. In den Frauenvereinen, in denen sie wirkte, ärgerte sie sich, wenn eine Rednerin (oder ein Redner) «der gesamten Staats- und Weltordnung den Fehdehandschuh» hinwarf.16

Künstlerische Haltung und eigenständiges Vermächtnis
Auch in ihrer Dichtung folgte Helene Raff keiner fortschrittlichen Ästhetik. Konfrontiert mit zwei sehr unterschiedlichen Mentoren – Paul Heyse und Henrik Ibsen –, fühlte sie sich künstlerisch stärker zu Ersterem hingezogen, der den Naturalismus und generell die «Mistgabelkunst» der Moderne schroff ablehnte. Raff scheute die Provokation, zu der Ibsen beispielsweise in «Hedda Gabler» ohne Weiteres in der Lage war. Bezeichnenderweise stand sie Ibsens innovativsten Dramen verständnislos gegenüber. Ihr Erzähltalent war von der «schönen Gottesgabe des Humors getragen»,17 während ihr Interesse für die Kultur des Alpenraumes sie in die Nähe der konservativen Heimatliteratur führte.
Diese ästhetische Positionierung beruhte auf einer eigenen und durchaus selbstbewussten Wahl. Wie nur wenige Frauen ihrer Zeit führte Helene Raff ein frei bestimmtes Leben nach eigenen Voraussetzungen. Sie hatte das von Virginia Woolf geforderte «Zimmer für sich allein», verfügte über eine hervorragende Ausbildung als Musikerin und Malerin, war belesen, sprachkompetent und konnte von ihrer Arbeit als Künstlerin, Autorin und Redakteurin leben.18 In ihrer 1938 erschienenen Autobiografie «Blätter vom Lebensbaum», einem Werk von 300 Seiten, das 1918 abbricht, nimmt die Begegnung mit Ibsen magere 14 Seiten ein. Helene Raff war sich darüber im Klaren, dass sie weitaus mehr war als «Ibsen-Muse».
Helene Raff: Biografie und Bedeutung
Helene Raff (1865–1942) war eine deutsche Malerin, Schriftstellerin und Redakteurin. Die Tochter des Komponisten Joachim Raff und der Schauspielerin Doris Genast lebte und arbeitete seit 1882 in München. Da Frauen nicht an der Münchner Kunstakademie studieren durften, ließ sie sich privat zur Malerin ausbilden und stellte ab 1890 im Münchner Glaspalast aus. Später veröffentlichte sie Erzählungen, Romane und Biografien.
Raff engagierte sich in der bürgerlichen Frauenbewegung und war von 1923 bis 1933 Redakteurin der Frauenbeilage der »Münchner Neuesten Nachrichten«. Henrik Ibsen lernte sie 1889 in Gossensass kennen. Nach seiner Rückkehr nach Norwegen blieben beide in Kontakt und korrespondierten auch auf Norwegisch.
Der Artikel ist Teil der digitalen Ausstellung «Thomas Mann und das literarische München» der Monacensia.
*Die Literarischen Erkundungen entstehen in Kooperation der Monacensia im Hildebrandhaus mit dem Literaturportal Bayern. Nach Katrin Diehl, Fabienne Imlinger und Volha Hapeyeva führt Uwe Englert die Reihe fort. Es erscheint noch ein Supplement zu diesem Artikel im Literaturportal Bayern.
- Helene Raff: «Blätter vom Lebensbaum», München 1938, S. 42. ↩︎
- Ebd., S. 104. ↩︎
- Ebd., S. 166. ↩︎
- Tagebucheintrag am 21. September 1889. – Raffiana IV, 1a, Bayerische Staatsbibliothek. ↩︎
- Tagebucheintrag am 9. November 1889. – Raffiana IV, 1a, Bayerische Staatsbibliothek. ↩︎
- Tagebucheintrag am 6. Oktober 1889. – Raffiana IV, 1a, Bayerische Staatsbibliothek. ↩︎
- Vgl. Astrid Sæther: «I skyggen av Ibsen», Oslo 2022, S. 110 f. ↩︎
- «Münchner Neueste Nachrichten», 30. Oktober 1892. ↩︎
- Rezension aus den «Münchner Neuesten Nachrichten», Datum unbekannt. Nachlass Helene Raff 11, Bayerisches Hauptstaatsarchiv. ↩︎
- Rezension, Zeitung unbekannt, Datum unbekannt [1902]. Nachlass Helene Raff 11, Bayerisches Hauptstaatsarchiv. ↩︎
- Zita Wagner: «Das literarische Schaffen Helene Raffs», Diss. Wien 1938, S. 20 f. ↩︎
- Ebd., S. 22. ↩︎
- Ebd., S. 24. ↩︎
- Astrid Sæther 2022, S. 122. ↩︎
- Zita Wagner 1938, S. 9 f. ↩︎
- Helene Raff 1938, S. 215. ↩︎
- Rezension, Zeitung unbekannt, Datum unbekannt [1902]. Nachlass Helene Raff 11, Bayerisches Hauptstaatsarchiv ↩︎
- Vgl. Astrid Sæther 2022, S. 117 f. ↩︎
Zitierempfehlung:
Uwe Englert, «Helene Raff: Ein selbstbestimmtes Leben für Kunst und Literatur», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 26.8.2026, URL: https://mon-mag.de/helene-raff-kuenstlerin-ibsen/, ISSN 2944-3776.



