Was bleibt von Herkunft, wenn Sprache und Land gewechselt haben – und die eigene Geschichte lange nur zögernd erzählt wurde? Die junge jüdische Literatur im deutschsprachigen Raum rekonstruiert Familiengeschichten und nähert sich der Lebenswelt der Eltern an. Das Schreiben selbst wird zum Versuch, dem Schweigen über jüdische Erfahrung zu entkommen.
Irmela von der Lühe widmet sich diesen Entwicklungen in ihrem Beitrag zur Sonderausstellung «Literatur & Haltung»*, die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.
Eine neue Generation jüdischer Literatur
Viele Namen, viele Texte, viele Titel sind zu nennen, wenn von einer jungen jüdischen Literatur im deutschsprachigen Raum die Rede sein soll. Nach Herkunft und Lebensweg, schriftstellerischem Selbstverständnis und literarischem Profil unterscheiden sie sich naturgemäß sehr, und doch lassen sich existenziell und thematisch durchaus Gemeinsamkeiten feststellen.
Unter dem bewusst provokativen Titel «Wir schon wieder» erschien im September 2024 eine Anthologie mit «16 jüdische(n) Erzählungen».1 Mehr als die Hälfte der Autorinnen und Autoren wurde in den 1980er- und 1990er-Jahren geboren, unter ihnen Yevgeniy Breyger (geb. 1989), Lena Gorelik (geb. 1981), Dmitrij Kapitelman (geb. 1986), Marina Frenk (geb. 1986) und Slata Roschal (geb. 1992). Sie gehören der dritten Generation jüdischer Autorinnen und Autoren an. Seit den 1990er-Jahren in Deutschland aufgewachsen, ist ihr Schreiben von familiärer Spurensuche und der Frage nach jüdischer Identität geprägt.

Als Kinder sogenannter jüdischer Kontingentflüchtlinge waren sie seit Anfang der 1990er-Jahre ins wiedervereinigte Deutschland gekommen. Ihre sowie die Texte von Autorinnen wie Olga Grjasnowa (geb. 1984) oder Sasha Marianna Salzmann (geb. 1985) sind bestimmt
- von den Erinnerungen und Erlebnissen nach der Ausreise aus Russland oder anderen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS);
- von Erfahrungen mit deutscher Bürokratie nach der Ankunft, mit einem Leben auf engstem Raum in Aussiedler- und Flüchtlingsheimen;
- vom Empfinden der Hilflosigkeit und Anpassungsbereitschaft angesichts der beruflichen und sozialen Deklassierung der Eltern, die nicht selten als Ingenieure oder (Hoch-)Schullehrerinnen in Russland, Aserbeidschan oder Moldawien tätig gewesen waren und sich nun in Deutschland als Zeitarbeits- oder Reinigungskräfte wiederfanden;
- vom unbedingten Streben nach materiellem Auskommen und Erfolg für die Kinder;
- von ihrer unerschütterlichen Überzeugung, dass Bildung Garant für Anerkennung und Aufstieg sei.

Familiengeschichte als literarische Spurensuche
Abschiedsszenen und Kindheitserinnerungen durchziehen die Porträts von Eltern und Großeltern. Auf der Suche nach einer Sprache und einer Erzählform schildern die Erzähler und Erzählerinnen Väter und Mütter, die sich in der neuen Umgebung sprachlich und kulturell nur schwer zurechtfanden und ihre Kinder doch stets zu Leistungsbereitschaft und Zuversicht anspornten.
In skurrilen oder ernüchternden, absurden oder empörenden Episoden und Anekdoten erzählen Autorinnen wie Lena Gorelik («Wer wir sind», 2021) oder Dana von Suffrin («Otto», 2019), Marina Frenk («Ewig her und gar nicht wahr», 2020) und Autoren wie Dimitrij Kapitelman («Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters», 2016) von Vater-Tochter- bzw. Vater-Sohn-Konflikten; von Auseinandersetzungen zwischen Müttern und Schwiegertöchtern, von verschwiegenen und verdrängten Familiengeschichten.

«Unsere Familie war eher ein Klumpen Geschichten» heißt es nicht zufällig in Dana von Suffrins Roman «Otto». Geschichten von der eigenen Familie, von Tod und Überleben, Verfolgung und Rettung während der Hungerblockade Leningrads seit Herbst 1941, von Versteck, Flucht und gelungener Ausreise nach Palästina (Olga Grjasnowa: «Juli, August, September», 2024), vom Versuch, den eigenen Vater von Leipzig aus nach Israel und dort zum Erzählen von der Vergangenheit zu bringen (Dimitrij Kapitelman): Die Romane und Erzählungen dieser jungen Generation jüdischer Autorinnen und Autoren sind als biografische Spurensuche nach jüdischer Familien- und Lebensgeschichte angelegt; als späte Versuche einer Wiederannäherung an Charakter und Lebenswelt der Eltern.
Es verschränken sich Kindheitserlebnisse in Leningrad oder Kiew, Baku oder Charkiw mit Erinnerungen an erniedrigende Situationen im beruflichen Alltag der Eltern oder im schulischen Umfeld der Kinder in Deutschland. So richtete sich der Ehrgeiz der Ich-Erzählerin in Lena Goreliks «Wer wir sind» immer erneut darauf, ja nicht als «Streberin» in ihrer Klasse zu erscheinen. Die Eltern hingegen blickten voller Stolz auf die Erfolge der Tochter. Die wiederum ist irritiert und schockiert, als sie im Geschichtsunterricht von der Shoah erfährt. Im Elternhaus war davon niemals die Rede.
Fremdheit und jüdische Identität
Fremdheit und Vereinzelung prägen das Leben vieler Protagonisten und Protagonistinnen, zugleich manifeste antisemitische Gewalterfahrungen. Ebenso lakonisch wie anschaulich liest sich das bei Dmitrij Kapitelman, der seinen Vater mit folgendem Rat zitiert:
Wenn du keine Probleme haben willst, dann misch dich niemals in fremde Angelegenheiten ein. Wenn dich etwas nicht direkt betrifft, dann halt dich raus.2

Dem Einspruch des Sohnes, der Holocaust sei nicht zuletzt deswegen möglich geworden, «weil die Nichtjuden sich rausgehalten haben und keiner protestierte»,3 folgt eine erneute antisemitische Attacke durch einen jungen Nazi. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn bricht damit ab.
Auf literarisch sehr unterschiedliche Weise setzen sich die Texte dieser jungen jüdischen Literatur im deutschsprachigen Raum mit einer mindestens doppelten lebensgeschichtlichen Zäsur auseinander:
- dem Abschied von Sprache und Kultur des Herkunftslandes aufseiten der Eltern und
- dem Zwang zu Erfolg und Anerkennung aufseiten der Kinder in Deutschland.
Zugleich sind fast alle Texte als Frage nach der Bedeutung des Jüdischen, nach verlorenen Traditionen und vergessenen Ritualen, nach unbekannten Geschichten und wiedergewonnenen Erzählungen bestimmt. Immer wieder fragt sich der Ich-Erzähler in Dmitrij Kapitelmans autobiografischem Roman, welche Rolle das Judentum für seinen Vater spielt. Eine Antwort liefert auch die gemeinsame Reise nach Israel nicht, wohl aber eine innere und äußere Begegnung mit dem «unsichtbaren Vater», die es zuvor nicht gegeben hatte.

Dem Schweigen zwischen den Generationen zu entkommen, den Eltern Erzählungen über die Vergangenheit zu entlocken und eine Sprache für das zu finden, was im eingeübten Schweigen erstickt oder zur Phrase erstarrt ist: Mit vielerlei Mitteln versuchen die Protagonistinnen Lena Goreliks, Olga Grjasnowas, der Protagonist Dmitrij Kapitelmans und auch die Ich-Erzählerin in Dana Vowinckels «Gewässer im Ziplock» (2023) Familiengeschichte, Zeitgeschichte und persönliche Erfahrung zu vergegenwärtigen. Wenig überraschend entstehen auf diese Weise keine geschlossenen, linear und kontinuierlich erzählbaren Geschichten. In Episoden und Sprüngen, gegen die Chronologie und ausgelöst durch die Assoziationsketten des eigenen Schreibens folgt man den Erinnerungen und den Selbstverständigungsversuchen literarischer Figuren. Diese sind sich selbst ein Rätsel, und ihre Familiengeschichte wird von Leerstellen und Lücken beherrscht.
Die Ich-Figur in Lena Goreliks Roman «Wer wir sind» hat für die literarische Spurensuche nach familiärer und jüdischer Identität, nach einer Sprache jenseits von Betroffenheitsfloskeln und wohlfeiler Empathie ganz eigene Bilder und Worte gefunden. Sie können gleichwohl für das Anliegen vieler Autorinnen und Autoren dieser jungen jüdischen Literatur gelten:
Ich weiß nicht, wann ich damit beginne, mich hinauszuschreiben aus alldem, der Unsicherheit, dem Fremdsein. Ob ich, während ich mich hinausschrieb, wusste, dass es Worte sind, die mich hinaustragen werden.4
Erinnerungskultur und literarischer Einspruch
Ganz anders als in den Texten der zweiten Generation – also von Autorinnen wie Esther Dischereit (geb. 1952), Barbara Honigmann (geb. 1949), Eva Menasse (geb. 1970), Doron Rabinovici (geb. 1961), Autoren wie Maxim Biller (geb. 1960) und anderen – ist die Shoah, sind Verfolgung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden und Jüdinnen durch das nationalsozialistische Regime nicht der zentrale Bezugspunkt im Ringen um erzählerische Souveränität und Legitimität.
Die Gedichte und Essays, Romane und Erzählungen der dritten Generation stellen die Glaubwürdigkeit und Tragfähigkeit der viel gepriesenen deutschen Erinnerungskultur gerade infrage. Sie beziehen ihre literarische Dynamik nicht primär aus der skrupulös erörterten Frage, ob – und wenn ja wie – man nach Auschwitz noch ein Gedicht schreiben könne bzw. wie denn eine jüdische Literatur im wiedervereinigten Deutschland überhaupt möglich sei. Ihre ebenso innovative wie provokative Kraft beziehen die Texte einer jungen jüdischen Literatur aus der schonungslosen Infragestellung jener Versprechungen einer nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft, auf die die Elterngeneration noch vertraut hatten.

Mit großer publizistischer Resonanz hat Max Czollek (geb. 1987) denn auch ein «Versöhnungstheater» (2023) kritisiert, dem der Wunsch nach «Gegenwartsbewältigung» (2020) und «Wiedergutwerdung» der Deutschen zugrunde liege. Die Antwort auf seine kontrovers diskutierten Thesen hatte er in seinem Plädoyer «Desintegriert euch!» (2018) bereits vorweggenommen.
Auch die Romane und Erzählungen von Dana von Suffrin, Dana Vowinckel, Dmitrij Kapitelman oder Lena Gorelik sind vom Zweifel an der Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der deutschen Erinnerungskultur durchzogen. Zugleich sind sie vom Versuch jüdischer Selbstbesinnung geprägt und bekennen sich zur Notwendigkeit einer schreibenden, künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Judentum. Dies betrifft Herkunft und Geschichte, aber auch eine Gegenwart, die sich seit dem 7. Oktober 2023 radikal verändert hat, in der das stets vollmundig verkündete «Nie wieder» in sich zusammengefallen war.

Von ihren Hoffnungen und Erfahrungen, ihrem jeweils unterschiedlichen jüdischen Selbstverständnis, aber vor allem vom Schock und Entsetzen angesichts der Geschehnisse des 7. Oktober 2023 und der Reaktionen in Deutschland handeln auch viele Texte der erwähnten Anthologie «Wir schon wieder». Insbesondere für die Autoren und Autorinnen der jungen jüdischen Literatur ist es im deutschsprachigen Raum eng geworden. Ihre Texte bilanzieren nicht zufällig Familiengeschichten in wieder finster werdenden Zeiten. Zugleich sind sie – mit den Worten der Herausgeberin Dana von Suffrin – Beiträge zum Gespräch an einem imaginären Tisch in einem wiederum nur in der Fantasie existierenden «Hinterzimmer». Dort begegnen sich Autoren und Autorinnen, die «künstlerisch, politisch und auch oft genug politisch weit voneinander entfernt sind».
Gerade weil dieses Gespräch in der Wirklichkeit nicht stattfinden kann, weil es in ihr keinen realen Raum gibt, werden die Texte, die Bücher der Autorinnen und Autoren zur Gegenwelt, zu einem Raum des Erzählens und Erinnerns, der der Wirklichkeit widersteht.
Literatur
- Max Czollek: Desintegriert euch! München: Hanser 2018.
- Max Czollek: Gegenwartsbewältigung. München: Hanser 2020.
- Max Czollek: Versöhnungstheater. München: Hanser 2023.
- Marina Frenk: Ewig her und gar nicht wahr. Verlag Klaus Wagenbach: Berlin 2020.
- Lena Gorelik: Wer wir sind. Roman. Rowohlt: Berlin 2021.
- Olga Grjasnowa: Juli, August, September. Roman. Hanser: Berlin 2024.
- Dmitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters. Hanser: München 2016.
- Dana von Suffrin: Otto. Roman. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2019.
- Dana von Suffrin (Hg.): Wir schon wieder. 16 jüdische Erzählungen. Rowohlt: Hamburg 2024.
- Dana Vowinkel: Gewässer im Ziplock. Roman. Suhrkamp: Berlin 2023.
Jüdische Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum entsteht heute vielfach aus der Erfahrung postsowjetischer Migration seit den 1990er-Jahren. Autorinnen und Autoren der dritten Generation schreiben über Familiengeschichten, über das Schweigen der Eltern und über Erfahrungen von Fremdheit im vereinten Deutschland. Ihre Texte verbinden persönliche Erinnerung mit historischer Erfahrung und fragen neu nach jüdischer Identität in der Gegenwart. Literatur wird so zu einem Ort der Selbstverständigung – und zu einem Raum, in dem jüdische Erfahrung erzählbar bleibt.
Der Text ist Teil des Dossiers zur Sonderausstellung «Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.
Mehr lesen zu «Literatur & Haltung»:
- Rachel Salamander und die Literaturhandlung: Der Ort für Literatur zum Judentum und intellektuelle Debatten – (28.1.2026)
- Die Rezeption der hebräischen Literatur in Deutschland – (16.3.2026)
Autor*innen im MON Mag:
- «Das Leid der Anderen» – Lena Gorelik über Antisemitismus und gesellschaftliche Verantwortung – (15.1.2025)
- «Übers Schreiben: Dana von Suffrin – Keine Zeile, kein Wort» – (26.10.2022)
- Lena Gorelik: «Schreib doch mal, Lena» – ein Essay über jüdisches Leben in München – (27.7.2021)
* Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.



