Theodor Georgii (1883–1963) war ein deutscher Bildhauer der Münchner Schule und Schüler und Schwiegersohn Adolf von Hildebrands. Als Ehemann von Irene Georgii-Hildebrand, die ebenfalls Bildhauerin ist, arbeitet er über Jahre in Hildebrands Atelier und wächst eng in Werk und Familie seines Lehrers hinein. Nach dessen Tod trägt Georgii das künstlerische Vermächtnis Adolf von Hildebrands bis in die Nachkriegszeit weiter und entwickelt dabei eine eigene, bewegtere Handschrift.
Caroline Sternberg beleuchtet Leben und Werk Theodor Georgiis im Rahmen der Ausstellung «Maria Theresia 23».
Theodor Georgii: Schüler, Schwiegersohn und Bewahrer eines künstlerischen Erbes
Das Foto zeigt den Künstler Theodor Georgii in seinem Atelier. Er trägt einen weißen Kittel und ist sehr vertieft in seine Arbeit an einer Porträtbüste. In umliegenden Regalen sieht man eine Vielzahl von weiteren Büsten und kleineren Skulpturen. Angelehnt sind hier auch größere Reliefs. Mittig im Raum findet man mehrere Bildhauersockel mit einigen Entwürfen platziert. Von rechts durch ein Fenster sowie von oben durch ein Oberlicht fällt Licht in den Raum. Das fortgeschrittene Alter von Theodor Georgii weist auf eine Datierung des Fotos in die 1950er-Jahre hin. Seine Porträtarbeiten sind realitätsnah gearbeitet, sie wirken zeitlos und könnten auch im 19. Jahrhundert entstanden sein.
Wer ist dieser Bildhauer, und wie ist seine Geschichte?

Herkunft, Ausbildung und internationale Prägungen
Theodor Georgiis frühe Lebensjahre und Ausbildung sind von Ortswechseln und unterschiedlichen kulturellen Einflüssen geprägt. Er wird am 30. April 1883 in Russland im Dorf Shdany im heutigen Bezirk Nowgorod ca. 200 Kilometer von St. Petersburg geboren. Die Familie stammt aus der deutschen Stadt Esslingen, und der Vater leitet in Russland eine Tonröhrenfabrik. Als Junge formt Georgii schon früh erste plastische Werke aus dem in der Gegend abgebauten Ton. Bereits mit neun Jahren verbringt er zum ersten Mal längere Zeit bei den Großeltern in Esslingen. Sein Onkel mütterlicherseits ist Maler in Karlsruhe und gibt vermutlich den Impuls zum Kunststudium.
1902 bewirbt sich Theodor Georgii erfolgreich an der Stuttgarter Kunstakademie – gegen den Wunsch seiner Eltern, denen der Beruf des Bauingenieurs für ihn vorschwebt. Über zwei Semester durchläuft er eine Grundausbildung, er zeichnet viel und lernt anatomische Grundlagen. Auch schafft er erste Porträts, eine Gattung, die ihn lebenslang begleitet. 1903 wechselt der junge Bildhauer an die Kunstakademie in Brüssel. Dort fertigt er mit den Pferden der Quadriga am Triumphbogen auf dem Marché Triumphale erste Aufträge im öffentlichen Raum. Als ihm die Professoren bestätigen, dass sie ihm nichts mehr beibringen können, geht Georgii auch hier früher ab – und bewirbt sich als Gehilfe bei dem renommierten Bildhauer Adolf von Hildebrand.

Im Atelier von Adolf von Hildebrand: Zusammenarbeit und künstlerischer Austausch
Was nun folgt, verbindet künstlerische Ausbildung und private Lebensentscheidung auf ungewöhnliche Weise. Im Januar 1905 reist Georgii nach Florenz, um den Bildhauer Adolf von Hildebrand kennenzulernen. Er wird diesem dort vorgestellt und verliebt sich in dessen Tochter Irene. Im selben Jahr verloben sich die beiden. Georgii arbeitet ab diesem Zeitpunkt im Atelier von Adolf von Hildebrand. Im selben Jahr zieht er mit der Familie Hildebrand nach München. 1908 heiratet er Irene Hildebrand. Das Paar bekommt zwischen 1908 und 1920 fünf Kinder. Georgii hat zu Anfang sein Atelier in Schwabing und arbeitet gleichzeitig im Großbetrieb des Schwiegervaters mit. Schon 1910 bezieht er in der ersten Etage des Hildebrandhauses einen eigenen Arbeitsraum.
Adolf von Hildebrand bemerkt schon früh Georgiis Fähigkeiten als Tierbildhauer. Der Erinnerung Georgiis zufolge bestätigt Hildebrand dem jungen Bildhauer:
Du bist Tierbildhauer.1
Entsprechend arbeitet Georgii für Hildebrand an dem bereits bestehenden Entwurf des Pferdes für das Prinzregentendenkmal. Hierbei geraten die beiden in eine Diskussion: Georgii will das Pferd energetischer gestalten, indem er Kopf und Hals anhebt. Doch Hildebrand besteht auf dem klassischen, beruhigten Ideal. Georgii gestaltet den Körper des Pferdes entsprechend um. Die Diskussion markiert einen wichtigen Unterschied in der Werkauffassung der beiden, der immer wieder aufscheinen sollte: Georgii weicht in seiner eigenen Arbeit vom klassischen Ideal Hildebrands ab und bringt mehr Bewegung in seine Werke.
Der Austausch ist für beide zentral. Theodor Georgii beschreibt ihn folgendermaßen:
Und die Arbeit mit ihm im Atelier war so ungeheuer fördernd, daß meine Zeit in Brüssel dagegen blaß wurde (…) Hier war eine unerschöpfliche Quelle des Lernens. Bei einem so sachlichen Meister wie Hildebrand war, war natürlich der Schüler und Gehilfe gut aufgehoben.2

Nach 1921: Theodor Georgii übernimmt Verantwortung und Vermächtnis
Theodor Georgii taucht ein in das gesellschaftliche Leben der Familie Hildebrand und lernt das Münchner Großbürgertum kennen.
Der Kunstkritik Peter Breuer beschreibt Theodor Georgii als
einen Menschen von ausgesprochener Kultur des Geistes, der übers Bildhauen hinaus noch Muße zu dichterischer und musikalischer Hauskunst findet.3
Georgii profitiert von Hildebrands Position im Münchner Kunstleben. Nachdem er aus dem Soldatendienst im Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist, erhält er 1917 eine künstlerische Beraterstelle beim bayerischen Staat und kümmert sich um Ehrenfriedhöfe auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. 1918 wird ihm der Titel «Königlicher Professor» verliehen. Als Adolf von Hildebrand 1921 stirbt, übernimmt Georgii dessen Atelier im Hildebrandhaus.
Auch nach dem Tod Adolf von Hildebrands ist die Villa Ort philosophischer Runden. Anders als die Elterngeneration begeistert sich der Kreis nun für ein katholisches Weltbild. Nach seiner Ehefrau Irene konvertiert auch Theodor Georgii 1922 zum Katholizismus. Das beschert ihm zahlreiche kirchliche Aufträge. Er berät außerdem die staatliche Denkmalpflege, insbesondere die 1923 gebaute Staatliche Dombauhütte am Regensburger Dom sowie das Deutsche Museum. 1924 wird er künstlerischer Leiter des Theatiner-Verlags. Es geht hier um Bücher, aber auch um den Verkauf von Andachtsbildern und Plastiken.
Gleichzeitig ist Georgii weiterhin ein gefragter Bildhauer: Seine Tierskulpturen verkaufen sich gut. Besonders erfolgreich ist er als Porträtist. Viele Kontakte seines Schwiegervaters bleiben Georgii erhalten. Mehrmals porträtiert er beispielsweise den bayerischen Kronprinz Rupprecht, mit dessen Familie ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet.

Zwischen Krise und Anpassung: Die 1930er-Jahre
Zu Beginn der 1930er-Jahre gehen die Aufträge in der Weltwirtschaftskrise zurück. 1934 wird das Hildebrandhaus verkauft. Die Villa bleibt dennoch Lebensmittelpunkt seiner Familie, da Theodor Georgii dort Atelier und Wohnung mietet. 1935 nimmt er eine Professur an der Kunstgewerbeschule in Wien an, aus der er 1938 nach dem Einmarsch Deutschlands in Österreich entlassen wird. Theodor Georgii kämpft in dieser Zeit um Aufträge. Zwei Jahre in Folge stellt er auf den großen Deutschen Kunstausstellungen im Haus der Kunst aus:
- 1938 seinen «Speerwerfer» und
- 1939 eine Jünglingsbüste.

Nach 1945: Lehre, Akademie und Wiederaufbau
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs findet Theodor Georgii rasch wieder Anschluss an das öffentliche Kunst- und Lehrleben.
Die Jahre nach 1945 sind für ihn von Umbrüchen und Neuorientierung geprägt. Nach dem Krieg versucht die Familie vergeblich, das Hildebrandhaus zurückzubekommen. So mietet der Bildhauer ab 1948 Wohnung und Atelier im Hildebrandhaus von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche als neuer Eigentümerin.
Von der amerikanischen Militärregierung als «unbedenklich» eingestuft, kann Georgii nach 1945 gleich wieder arbeiten. Er erhält noch vor der offiziellen Wiedereröffnung der Münchner Kunstakademie im Juli 1946 einen Dreijahresvertrag für eine Lehrtätigkeit. Schnell baut er sich eine Bildhauerklasse auf. Da das Akademiegebäude schwer zerstört ist, mietet die Akademie auf seine Initiative ab April 1846 Räume im Hildebrandhaus an, und der Unterricht findet fortan in der Villa statt. Es entsteht ein Kreis engagierter Schüler, darunter der mit ihm lebenslang eng verbundene Bildhauer Martin Mayer. Als Georgii 1951 in Rente gehen soll, setzen sich seine Studierenden erfolgreich für eine Verlängerung um ein Jahr ein.
Die biografischen Stationen, künstlerischen Prägungen und institutionellen Aufgaben verdichten sich bei in der Künstlerpersönlichkeit Theodor Georgiis auf ganz besondere Weise Sein Werk steht beispielhaft für ein Festhalten an der figurativen Tradition in der Bildhauerei in einer Zeit, in der sich die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen immer wieder grundlegend verändern. Mit dem Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Wittelsbacher Brunnens übernimmt er nicht nur ein zentrales Werk Adolf von Hildebrands: Er stellt sich auch der Frage, wie künstlerisches Erbe unter veränderten historischen Bedingungen fortgeführt werden kann. Im Mittelpunkt dieses Projekts steht die Figur des sogenannten Steinwerfers.

Der Steinwerfer vom Wittelsbacher Brunnen als Lebenswerk
Der Wiederaufbau des Wittelsbacher Brunnens wird nach 1945 zum wichtigsten Projekt in Theodor Georgiis spätem Schaffen. Der monumentale Brunnen war ursprünglich von Adolf von Hildebrand ab 1888 anlässlich der Fertigstellung der Münchner Wasserleitung entworfen und 1895 vollendet worden. Ab 1946 ergreift Georgii gemeinsam mit einigen Münchner Bürger*innen aus eigener Initiative die Wiederaufbauarbeiten; die praktische Umsetzung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit seinen Studierenden. 1951 erhält er dafür den offiziellen Auftrag der Stadt München, 1952 ist der Brunnen wiederhergestellt.
Die Statue des Steinwerfers erneuert er vollständig. Die männliche Figur, die auf einem fischschwänzigen Pferd reitet, repräsentiert dabei die ungezügelte Wildheit der Gebirgsbäche des Mangfalltals, aus denen das Münchner Leitungswasser gewonnen wird. Unterstützt von seinen Studierenden, schlägt Georgii die kolossale Figur des Steinwerfers vor Ort aus dem Stein und beeindruckt damit sehr. Im Vergleich zum Vorbild Hildebrands ist die Figur bei Georgii kräftiger, der Gesichtsausdruck des jungen Mannes ist von größerer Entschlossenheit gekennzeichnet. Mit der Figur zeigt der Bildhauer seinen ihm eigenen künstlerischen Ausdruck.
Die Fertigstellung des Brunnens ist eine Sensation, über die die Zeitungen in vielen Artikeln berichten. So schrieb der «Münchner Merkur» am 30. Juni 1952:
Bald sprudelt der Wittelsbacher Brunnen wieder [Überschrift] Vor einigen Tagen wurde die fast fertige Figur des steinschleudernden Jünglings freigelegt. Die letzten Feinarbeiten will Prof. Georgii ohne die störenden Gerüste herausarbeiten.4
Im Oktober 1952 wird der Brunnen feierlich eröffnet. Der mittlerweile betagte Georgii erkrankt nach dieser Kraftübung und erholt sich nur langsam.
Wirkung und Einordnung: Theodor Georgii in der Münchner Bildhauerschule
1963 stirbt Theodor Georgii an einem Herzinfarkt. Der Bildhauer Martin Mayer übernimmt das Atelier im Hildebrandhaus.
Die Plastik des 20. Jahrhunderts wird in der Kunstgeschichte meist von einem avantgardistischen Standpunkt betrachtet. Besonders Entwicklungen der Abstraktion sind hier von Interesse. Die gegenständliche Münchner Schule in der Folge von Adolf von Hildebrand kommt hier nur selten vor. Theodor Georgii gehört zu einer Gruppe von Bildhauern der Münchner Schule, die auch nach 1945 die Traditionen der Schule Adolf von Hildebrands weitergeben. Entsprechend schrieb die «Süddeutsche Zeitung» zu seinem 70. Geburtstag 1953:
Sinn für Maß und Ordnung, Gefühl für das Kubische. Diese Grundsätze Hildebrands haben auch die Plastik Georgiis bestimmt.5
Mit dem Steinwerfer am Wittelsbacher Brunnen verdichtet sich Theodor Georgiis lebenslange Auseinandersetzung mit Form, Tradition und Verantwortung zu einem Werk, das sein Selbstverständnis als Bildhauer der Münchner Schule exemplarisch sichtbar macht.

Literatur:
- Regine Stefani: Der Bildhauer Theodor Georgii. 1883–1963. Biografie und Werkverzeichnis. München 2013.GDK Research – Bildbasierte Forschungsplattform zu den Großen Deutschen Kunstausstellungen 1937–1944 in München, URL: https//gdk-research.de [Zugriff: 13.09.2025].
- Sigrid Esche-Braunfels und Vincent Mayr: Der Wittelsbacher Brunnen in München von Adolf von Hildebrand. Die Wiederherstellung des Steinwerfers nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Schönere Heimat. Erbe und Auftrag. Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V. Jg. 92, 2003, Heft 3, S. 155–160.
Zwischen Werkstatt und Vermächtnis
Theodor Georgii (1883–1963) war Bildhauer der Münchner Schule und einer der zentralen Bewahrer des künstlerischen Erbes Adolf von Hildebrands im 20. Jahrhundert. Als Künstler und Lehrer wirkte er über dessen Tod hinaus prägend auf die figurative Bildhauerei in München.
Der Beitrag von Caroline Sternberg entstand im Rahmen der Ausstellung «Maria Theresia 23» der Monacensia.
Weitere Bildhauer*innen im Hildebrandhaus
Im MON Mag finden sich weitere Beiträge zu Künstlerinnen und Künstlern, die mit dem Hildebrandhaus verbunden sind. Dazu gehören ein Beitrag von Caroline Sternberg zur Bildhauerin Irene Georgii-Hildebrand ebenso wie Texte zu Adolf von Hildebrand, dem Begründer der Münchner Bildhauerschule, und zu Martin Mayer, einem langjährigen Schüler Theodor Georgiis.
- Regine Stefani: Der Bildhauer Theodor Georgii. 1883–1963. Biografie und Werkverzeichnis. München 2013, S. 39, dort zit. nach NL Th. Georgii: Erinnerungen, S. 21. ↩︎
- Ebd., S. 33 f., nach NL TH. Georgii: Erinnerungen, S. 17 f. ↩︎
- Ebd., S. 22, dort zit. nach Peter Breuer: Von Münchner Künstlern und ihrem Schaffen. Bei Theodor Gerogii. 64. Folge. In: Bayerische Staatszeitung und Bayerischer Staatsanzeiger Nr. 71, 27./ 28. März 1932. ↩︎
- Münchner Merkur, 30. Juni 1952, Nr. 156, AdBK München, Archiv, Personalakte Theodor Georgii. ↩︎
- Süddeutsche Zeitung, 30. Mai 1953, AdBK München, Archiv, Personalakte Theodor Georgii. ↩︎



