Max Mohr – Ein Leben in Briefen

Blick in Ausstellungsvitrine: Puppen aus Shanghai, Geschenk von Max Mohr an seine Tochter, dahinter ein Brief von ihm an die Tochter.

Unruhe, Traurigkeit, Hoffnung: Ausgewählte Briefe von Max Mohr geben Einblick in ein Leben zwischen Literatur und Umorientierung. Volha Hapeyeva nähert sich einem Schriftsteller zwischen Bindung, Zweifel und dem schrittweisen Abschied vom Schreiben.

Begegnungen mit Max Mohr: Briefe aus der Ferne

Meine Bekanntschaft mit Max Mohr begann mit den Briefen an seine Frau und seine Tochter aus dem Exil in Shanghai und seinem Briefwechsel mit dem britischen Schriftsteller D. H. Lawrence. Als dieser 1927 Mohr kennenlernte, bemerkte er dessen gewisse Verlorenheit und zugleich Unruhe und nennt ihn «unglücklich». Der englische Literat hatte keine sonderlich hohe Meinung von Mohrs Literatur, was die beiden nicht daran hinderte, Freunde zu werden. Max Mohr hatte den Plan, Lawrences Roman «Lady Chatterley’s Lover» ins Deutsche zu übersetzen. Gemeinsam suchten sie einen Verlag, der bereit war, das umstrittene Werk zu veröffentlichen – was sich als schwierig erwies. Schließlich wandte sich Mohr an den Fischer Verlag, doch auch dort stieß das Vorhaben auf Zurückhaltung. Der Hauptgrund war das Erscheinen einer Ausgabe in Paris, die der seinigen zu große Konkurrenz gemacht hätte. Heute versteht man nicht, wieso.

Der Verleger erklärt:

Das deutsche Leserpublikum solcher Bücher beherrscht auch die französische und englische Sprache und kauft sich natürlich das Buch in der Ausgabe, die am billigsten ist.1

24.10.1929

Man kann davon ausgehen, dass der Buchmarkt in Europa zu jener Zeit kleiner und einheitlicher war. Es ist auch bemerkenswert, dass das Publikum Bücher in drei Sprachen kaufte.2

Obwohl ich fast nichts über Mohrs Leben und seine Werke wusste, war ich von seinen langen Briefen an die Heimat fasziniert. Traurigkeit, aber auch Hoffnung, Müdigkeit, aber auch Wärme gingen von diesen Zeilen aus. Vor mir zeichnete sich das Bild eines fürsorglichen Vaters und liebevollen Ehemanns ab, der seine Frau mit «mein Einziges», «meine liebste Käthe-Frau» oder «mein liebstes Blauäuglein» begrüßte:

Lang dachte ich heute, was für eine wundervolle Frau Du mir immer warst3

ich lieb dich ganz furchtbar, meine schreckliche Sehnsucht muß ich nach Dir und Eva niederkämpfen4

Oft bin ich müde und traurig, dann haltet Ihr, Du und Eva, und die Poesie mich wieder fest, trotz aller Ferne5

Postkarte aus Shanghai von Max Mohr an seine Tochter. Chinesisches Kind in landestypischer Tracht.
Postkarte aus Shanghai von Max Mohr an seine Tochter. © Volha Hapeyeva. Literaturarchiv Monacensia, Signatur: KaM B 8

Eva Mohr war acht, als ihr Vater nach Shanghai reiste. Sie sah ihn nie wieder. Aber sie schrieb ihm süße Briefe mit Bildern und echten Blumen aus den Bergen. Und er sendete ihr Postkarten mit chinesischen Motiven, kleine Puppen, Briefmarken6 und Kindermagazine.

Ausschnitt Brief mit echter Blume, aufgeklebt von Eva Mohr an Max Mohr.
Fragment des Briefes von Eva Mohr an Max Mohr mit einer echten Blume. © Volha Hapeyeva. Literaturarchiv Monacensia, Signatur: KaM B 11

Wenn ich mit Archivdokumenten arbeite,7 Korrespondenzen lese und Umschläge in den Händen halte, die Hunderte oder sogar Tausende von Kilometern zurückgelegt haben, denke ich unwillkürlich über den Sinn des Lebens nach. Ich vergleiche Schicksale, stelle mir Fragen – und finde erstaunliche Parallelen zur Gegenwart: Was viele deutschsprachige Autor*innen im Nationalsozialismus erlebt haben, erleben heute auch belarussische Autor*innen.

Chinesischer Junge und Mädchen mit Ballons, Umschlag eines Kindermagazins aus China.
Umschlag eines Kindermagazins aus China, © Volha Hapeyeva. Literaturarchiv Monacensia, Signatur: KaM M 7.

Shanghai – Exil, Aufbruch und Zuflucht

1934 reiste Max Mohr nach Shanghai. Man kann fragen, warum dorthin. Es gab einige Gründe dafür. Shanghai war damals einer der ganz wenigen Orte weltweit, für den keine Einreisevisa erforderlich waren (bis August 1939), während das Warten auf ein Visum für die USA oder ein europäisches Land Monate oder Jahre gedauert hätte – oder gar nicht gelang. Außerdem arbeitete der Bruder von Max Mohrs Frau Käthe in China und hatte einige nützliche Kontakte.

Die Ehe der Mohrs war in einer schwierigen Phase. Vielleicht war Max Mohrs Auswanderung nach Shanghai ein Versuch, seiner Familie gegenüber Loyalität zu zeigen. Denn er entschloss sich damit auch, die Literatur aufzugeben und wieder als Arzt zu arbeiten, um für den Lebensunterhalt zu sorgen. Vielleicht wollte er aber auch den drohenden Schwierigkeiten entfliehen, seiner Abenteuerlust nachgeben und einen geheimnisvollen Ort wie Shanghai kennenlernen.

In den 1930er-Jahren war Shanghai eine schnell wachsende Stadt mit viel ökonomischer Freiheit. Sie war in drei Bereiche unterteilt, die jeweils nach ihren eigenen Gesetzen und Vorschriften verwaltet wurden:

  • die internationale Siedlung,
  • die französische Konzession und
  • die chinesische Stadt.

Bürger*innen vieler Länder wanderten nach Shanghai ein – nicht nur Menschen, die nach Reichtum oder einer Verbesserung ihrer finanziellen Lage strebten, sondern auch diejenigen, die nicht länger in ihrer Heimat bleiben konnten: Exilant*innen aus dem ehemaligen Russischen Reich, die von den Bolschewiken verfolgt wurden, Juden und Jüdinnen, die von den Nazis gejagt wurden.

Shanghai-Postkarte aus den 1930ern.
Shanghai-Postkarte aus den 1930ern.
Quelle: monovisions.com/shanghai-postcards-from-1930s

Max Mohrs Abenteuerlust zeigte sich schon in jungen Jahren. Er reiste in den Iran, nach Syrien und Nordafrika, studierte in Beirut, arbeitete als Zirkusreiter in Ägypten und hatte eine Liebesaffäre in Damaskus. Später, bereits mit Käthe verheiratet, unternahm er eine Klettertour, geriet in einen Schneesturm, wäre beinahe ums Leben gekommen und verlor infolge von Erfrierungen einige Zehen.8

Schreiben, Zweifel und Abkehr von der Literatur

Bereits 1914 begann Max Mohr seine literarische Karriere und erzielte 1922 mit einem Theaterstück den ersten Erfolg. Sein Debüt gab er jedoch mit Gedichten: 1917 erschien der Band «Sonette im Unterstand» in Berlin. Kurz darauf wandte sich der Autor Theaterstücken und Romanen zu und kehrte erst 1931/32 mit dem Zyklus «Die sieben Sonette vom neuen Noah» zur Poesie zurück. Dazwischen veröffentlichte er sechs Romane und Novellen. Sein letzter, 1934 beendeter Roman «Einhorn» wurde jedoch von keinem Verlag mehr angenommen.

Schon sein vorletzter Roman verkauft sich schlecht; seine Ehe mit Käthe steht vor dem Aus, sie hat genug von seinen leeren Versprechungen und Lügen; und als Literat mit jüdischen Wurzeln ist er im nationalsozialistischen Deutschland unerwünscht. Da beschließt er, die Literatur aufzugeben, wieder als Arzt zu arbeiten und das Land zu verlassen. Es ist unklar, ob Max Mohr wirklich daran glaubte, oder ob er doch noch die Hoffnung oder den Wunsch hegte weiterzuschreiben. Interessant sind in diesem Zusammenhang seine Zeilen aus einem Brief vom 8. Juni 1936, in dem er gesteht, dass der Roman «Das Einhorn» (an dem er damals wieder zu arbeiten begonnen hatte) seine einzige Rettung war.

Die armen, armen Menschen, die das nicht haben!9

Das klingt auch deshalb etwas widersprüchlich, weil er sich früher ziemlich kritisch über das literarische Handwerk geäußert hatte.

Die verdammte Literatur hat mich zum Tode gequält.10

Oder am 7. Dezember 1935:

Ich weiß, ich sollte vielen Leuten schreiben, aber ich kann einfach nicht. Ich weiß nichts zu schreiben. Es geht mit dem besten Willen nicht, Suhrkamp, Thomas Mann, einfach zu sinnlos.11

Mohrs Plan war, sich in Shanghai niederzulassen und dann die Familie nachzuholen. 1935 schrieb er an seine Frau:

Wenn ich bald so viel Geld hätte, um Euch im besten Stil eine Weile hier zu haben, wär’s für uns alle drei ein wunderbares Glück.12

Nach zwei Jahren ist die Stimmung anders:

Ach, im Grunde ist Shanghai doch eine sinnlose, haltlose Babylonstadt. Ihr solltet hierher nie kommen.13

Das neue Leben hatte Mohr in seinen Bann gezogen. Nun waren Käthe und Eva eher eine schöne Erinnerung geworden – ein romantisches Bild, das er mit schönen Worten in seinen Briefen aufrechterhielt. Ende 1936 war es schon undenkbar, dass seine Familie zu ihm kommen würde. Max Mohr hatte eine neue Geliebte, Agnes Siemssen, eine Krankenschwester, mit der er in der Öffentlichkeit auftrat und nach Japan in den Urlaub fuhr (als Zeichen seiner Verbundenheit schenkte er seiner Liebhaberin offenbar zu Weihnachten einen herzförmigen Ring). In den Briefen an Käthe erwähnte er Agnes mit keinem Wort.14

Max Mohr suchte in seiner Arbeit Bestätigung und Sicherheit. Er investierte zunehmend in seine ärztliche Praxis, kaufte sich sogar ein Auto und schloss eine Lebensversicherung ab. Gleichzeitig unterstützte er seine Familie finanziell nur begrenzt. Zwar überwies er auf Käthes Bitte Geld, doch war er darüber verärgert und fand, sie solle sich eher von Verwandten helfen lassen. Insgesamt zeigt sich, dass er mehr auf seine berufliche Entwicklung und Freiheit fokussiert war als auf die finanzielle Unterstützung seiner Familie.

Zeitungsausschnitte mit der Todesanzeige von Max Mohr.
Zeitungsausschnitte mit der Todesanzeige von Max Mohr. © Volha Hapeyeva. Literaturarchiv Monacensia. Signatur KaM M2.

Zwischen den Stühlen: Leben, Schreiben und Verantwortung

Im Laufe meiner Recherche gewann ich den Eindruck, dass Max Mohr versuchte, auf zwei Stühlen gleichzeitig zu sitzen, sei es im Privatleben oder im Beruf. Diese Unruhe oder Zwiespältigkeit fiel bereits Lawrence Ende der 1920er-Jahre auf, und er gab ihm als Freund folgenden Rat:

take your mind off the world, Berlin, publishers, Sodomites and everything — and live in a little world of your own.15

Am meisten beeindruckte mich jedoch, dass ich Parallelen zu Menschen aus meinem Umfeld erkannte. Immer noch gibt es die, die in andere Länder gehen und ihre Abwesenheit damit rechtfertigen, dass sie für sich oder ihre Familie sorgen müssen und daher zwischen literarischer Tätigkeit und Geldverdienen hin- und hergerissen sind. Wie früher ist es auch heute nahezu unmöglich, sich allein mit literarischen Werken zu finanzieren. Wie früher scheinen sich viele Männer (besonders Literaten) durch die Familie zu sehr in ihrer Freiheit eingeschränkt zu fühlen.

Max Mohrs Briefe sind spannend und berührend zu lesen, fast wie ein Roman, mit dem Unterschied, dass in diesem alles wirklich passiert ist. Es war ein reales Leben von realen Menschen, die litten, lachten, schrieben – und eines Tages zu(r) Geschichte wurden.

Blick in Ausstellungsvitrine: Puppen aus Shanghai, Geschenk von Max Mohr an seine Tochter, dahinter ein Brief von ihm an die Tochter.
Puppen aus Shanghai, die Max Mohr seiner Tochter sendete. Ehemals in der Ausstellung «Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann» der Monacensia. © Volha Hapeyeva.
Zur Einordnung
Der Beitrag folgt der Entwicklung des Schriftstellers Max Mohr anhand ausgewählter Briefe aus den 1930er-Jahren aus dem Max-Mohr-Nachlass im Literaturarchiv der Monacensia. Volha Hapeyeva liest diese Dokumente reflektierend und setzt sie in Beziehung zu seinem literarischen Schaffen. Dabei entsteht das Bild eines Autors, der zwischen Schreiben und Umorientierung, zwischen Bindung und Aufbruch steht.

Tipp – Tag der Archive am 7. März 2026

Zum Tag der Archive am 7. März 2026 rückt die Monacensia Exil und Diaspora in der Gegenwartsliteratur in den Mittelpunkt. Kurzvorträge und Führungen geben Einblick in Archivdokumente, die die Vielsprachigkeit des literarischen Arbeitens in München sichtbar machen.
 
Um 14.30 Uhr sprechen Volha Hapeyeva und Rania Mleihi, moderiert von Anke Buettner, über literarische Heimaten und die Bedeutung des Archivs.
Anschließend liest Volha Hapeyeva aus ihrem neuen Buch «Wörterbuch einer Nomadin» (Droschl Verlag).
=> Zum Programm am Tag der Archive

  1. Siehe Volha Hapeyeva, Die Schreibmaschine zwischen Kreativität und Entfremdung, Literaturportal Bayern (6.5.2025). ↩︎
  2. Michael W. Weithmann, Lawrence of Bavaria. The english writer D.H. Lawrence in Bavaria and beyond. Collected Essays. Reisen David Herbert Lawrences in Bayern und in die Alpenländer, Universität Passau, 2003,S. 213. ↩︎
  3. Brief vom 20.11.1934, Max Mohr, Das Einhorn. Romanfragment. Mit Briefen Max Mohrs aus Shanghai 1934–1937. Weidle Verlag, 1997, S. 135. ↩︎
  4. Brief vom 27.12.1934, ebd., S. 138. ↩︎
  5. Brief vom 29.9.1937, ebd., S. 176. ↩︎
  6. Über die Bedeutung von Briefmarken als Zeitkapsel aus Papier vgl. Volha Hapeyeva, Literarische Erkundungen (21) im Literaturportal Bayern (1.7.2025), hier auch Fotos mit Briefmarken aus dem Max-Mohr-Nachlass im Literaturarchiv der Monacensia. ↩︎
  7. Über Volha Hapeyevas Arbeit im Literaturarchiv siehe auch: «Die große Vorläuferin: Annette Kolb, Schriftstellerin zwischen Exil und Vergessen» (22.12.2025) ↩︎
  8. Hans-Peter Baum, Max Mohr, an Almost Forgotten Dramatist and Novelist of the 1920s, in Exil in Shanghai 1934–1937. In: Yearbook of German-American Studies 48, 2013, S. 35, 38. ↩︎
  9. Mohr, 1997, S. 161. ↩︎
  10. Brief vom 8.3.1935, ebd., S. 143. ↩︎
  11. Ebd., S. 154. ↩︎
  12. Brief vom 27.6.1935, ebd., S. 145. ↩︎
  13. Brief vom 7.3. 1937, ebd., S. 170. ↩︎
  14. Florian Steger, Max Mohr. Arzt und ratloser Literat, Verlag Friedrich Pustet, 2020, S. 124. ↩︎
  15. Oliver Taylor, An organism of words body language in the letters, diaries, and novels of D. H. Lawrence and Virginia Woolf, Doctoral theses, Durham University. Available at Durham, 2008, S. 84. Online abrufbar unter etheses.dur.ac.uk/2252 ↩︎

Autor*innen-Info

Profilbild Volha Hapeyeva

Dies ist ein Gastbeitrag von Volha Hapeyeva

Volha Hapeyeva, geboren in Minsk (Belarus), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ihre Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. Sie ist Autorin von 14 Büchern auf Belarusisch. Auf Deutsch erschienen der Lyrikband „Mutantengarten“ (Edition Thanhäuser, 2020) und der Roman „Camel Travel“ (Droschl Verlag, 2021), der Essay „Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils“ (Verbrecher Verlag, 2022). 2021/2022 ist sie Stipendiatin des PEN-Zentrums Deutschland, 2022 – DAAD Artists-in-Berlin Fellow. Sie wurde 2022 mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis ausgezeichnet. Foto: © Nina Tetri

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