Laura Marholm – Ein literarisches Leben zwischen Riga, Kopenhagen und München

Laura Marholm und Sohn Ola Hansson um 1892/1893. Quelle: Ola Hansson 1891 - 1893. Ein Schwede in Friedrichshagen. Erik Glossmann. 1999. Foto Copyright: Elena v. Schlieffen

Aus dem baltischen Riga in die literarischen Kreise von Kopenhagen, Berlin und München: Laura Marholm (1854–1928) suchte in Europa nicht nur eine Bühne, sondern eine eigene Haltung. Ihre Dramen, Novellen und Essays spiegeln persönliche Brüche ebenso wie die literarischen und gesellschaftlichen Debatten ihrer Zeit – nicht zuletzt ihr ambivalentes Verhältnis zur Frauenbewegung. Henrik Ibsen, Gabriele Reuter und weitere Schreibende finden in ihren Texten Resonanz. Ein Überblick über ein Werk, das mehr mit seiner Zeit spricht, als es lange schien. Elena von Schlieffen im zweiten Teil ihrer Serie zu den deutschbaltischen Autorinnen.

Laura Marholm: eine europäische Autorin zwischen Herkunft, Moderne und Frauenfrage

Laura Marholm wird 1854 in Riga als Laura Mohr geboren. Die Person Laura Marholm tritt unter verschiedenen Namen auf, wie

  • ihrem ersten Pseudonym Leonhard Marholm,
  • ihrem Mädchennamen Laura Mohr und
  • als verheiratete Frau Laura Hansson.

Bald nach ihrer Lehrerinnenausbildung widmet sie sich dem Schreiben. Später wird sie ebenfalls als Übersetzerin tätig. Zunächst schreibt sie bei der deutschsprachigen «Zeitung für Stadt und Land» – ab 1894 heißt diese «Rigasche Rundschau» –, einem führenden liberalen Blatt im damaligen Russischen Kaiserreich. Ihr erstes Theaterstück «Johann Reinhold Patkul. Tragödie in 2 Theilen» über den livländischen Staatsmann Patkul ist ein Erfolg und verschafft ihr weitere Aufträge bei diversen Zeitungen. Das Werk entsteht zwischen 1878 und 1880: der erste Teil trägt den Titel «Gertrud Lindenstern», der zweite Teil «Patkul’s Tod».

Das Verhältnis zu ihren Eltern ist schwierig. Dies geht aus Briefwechseln zwischen Laura Marholm und ihrem dänischen Vater Fredrik Mohr, Kapitän zur See, hervor. Die Tochter füllt zu Hause die Lücke des abwesenden Vaters und verbringt sockenstopfend belanglose Stunden mit ihrer Mutter. Auch nach dem Tod der Mutter 1897 ist der Vater kaum an einem Kontakt mit seiner Tochter und dem Schwiegersohn interessiert. Dieses elterliche Desinteresse verwendet Laura Marholm häufig als literarisches Prinzip in ihren Werken. So hatte sie vermutlich ihre Mutter in Gedanken, wenn die Figur in «Karla Bühring. Ein Frauendrama in vier Akten» spricht:

[…] hat sie dich nicht eingesperrt in die heiße, ungelüftete Stube, wenn draußen der Frühling lachte, bei dummen Hausarbeiten?

Das Drama erscheint trotz der angefertigten Übersetzungen nur auf Deutsch und wird letztlich nicht aufgeführt. Dies kann ein Grund dafür sein kann, dass es so wenig kritische Diskussion erfährt und keine Rezensionen erhält. In den Figuren des fiktiven Dramas «Karla Bühring» lassen sich reale Charaktere aus Laura Marholms Leben erkennen. Ihre Dramen «Johann Reinhold Patkul» und «Frau Marianne» werden zwischen 1880 und 1882 im Stadttheater Riga aufgeführt.

Im Austausch mit Brandes, Ibsen und Co: Laura Marholm im Netzwerk der Moderne

Laura Marholm bewundert den dänischen Schriftsteller, Kritiker und Philosophen Georg Brandes und dessen Werke bereits vor einem persönlichen Zusammentreffen in Kopenhagen. Ungefähr zur selben Zeit, um 1883, beginnt sie, den norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen zu lesen und sich für seine Arbeiten zu interessieren. Erst vier Jahre später wird ihr Ibsen in Kopenhagen persönlich von Jonas Lie vorgestellt. In Ibsens Werken findet sie Parallelen zur geistig begrenzten Umgebung der baltischen Gesellschaft:

Die Menschen und die Verhältnisse in seinen Gesellschaftsdramen, das war ja eben mein Kreis, meine Verhältnisse, meine ganz persönliche Umwelt. Ich sah alles, was mich band und unterdrückte, mit einer Deutlichkeit wie nie. Und ich sah, dass ich fort müsse. Ich hatte keine Ruhe mehr zu bleiben.  Fort muss ich, gleich! Ich hatte nirgendwo Verbindungen, ich ging ganz ins Ungewisse hinein im nothgedrungenen Vertrauen auf das Einzige, was ich hatte: mein bisschen Talent. Ohne Ibsen wäre ich nie hinausgekommen.

1895 geht Laura Marholm nach Kopenhagen und verlässt damit die engen Gesellschafts- und Familienverhältnisse in Riga. In Kopenhagen bewegt sie sich ein paar Jahre im Kreis um Georg Brandes. Sie freundet sich mit dessen Frau Gerda an. In ihrem Drama «Karla Bühring» entspricht Gerda Brandes der Figur der Hildegard. Sie macht unter anderem Bekanntschaft mit dem norwegischen Autor Arne Garborg und dem norwegischen Dichter, Literaturnobelpreisträger und Politiker Bjørnstjerne Bjørnson. Mit den Garborgs verbindet sie eine lebenslange Freundschaft, mit Bjørnson kommt es später zum Bruch.

Im Mai 1888 publiziert Laura Marholm eine Rezension der «Sensitiva Amorosa» des schwedischen Schriftstellers und Nietzsche-Verehrers Ola Hansson. Das Werk findet wie so viele andere seiner Werke keinen Anklang in Schweden. Gelobt wird es aber von Laura Marholm, für sie ist es ein «seltener Bissen für psychologische Feinschmecker». Die beiden lernen sich im Hause Brandes kennen und heiraten. Über ihre Rezension der «Sensitiva Amorosa» in der «Freien Presse» schreibt sie an ihren Freund und Unterstützer Jonas Lie:

Eins der erfolgreichsten Dinge, die ich in der Freien Presse geschrieben habe.

In Frankreich kommt 1890 der gemeinsame Sohn Ola Hansson jr. auf die Welt. Die Heirat bedeutet einen Neubeginn in Laura Marholms schriftstellerischen Leben, markiert aber auch den Beginn eines kontinuierlichen Zerfalls der Freundschaft mit Georg Brandes. Die Jahre 1890 bis 1893 verbringt die Familie größtenteils in Deutschland. Der «Friedrichshagener Kreis» in der Nähe von Berlin ist Treffpunkt für Literat*innen, Schriftsteller*innen und Bohemiens. In Friedrichshagen beherbergen sie den schwedischen Schriftsteller und Künstler Johan August Strindberg, die Freundschaft hält jedoch nicht. Strindberg nimmt Laura Marholms starke Persönlichkeit als Bedrohung und ihre ambitionierte Hilfe als Einmischung wahr.

Laura Marholm und Sohn Ola Hansson um 1892/1893. Quelle: Ola Hansson 1891 - 1893. Ein Schwede in Friedrichshagen. Erik Glossmann. 1999. Foto Copyright: Elena v. Schlieffen
Laura Marholm und Sohn Ola Hansson um 1892/1893.
Quelle: Ola Hansson 1891 – 1893. Ein Schwede in Friedrichshagen. Erik Glossmann. 1999. Foto Copyright: Elena v. Schlieffen

Fern der Frauenbewegung? Über Selbstbestimmung und kritische Distanz

Die deutsche Schriftstellerin Gabriele Reuter charakterisiert Laura Marholm in Friedrichshagen als

die merkwürdige Skandinavierin, die so hart gegen die […] Frauenbewegung ankämpfte, trotzdem sie sich in der eignen Bewegungsfreiheit […] weder von Gesetz noch Herkommen hätte kommandieren lassen.

Die Frauenbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts1 empfindet Laura Marholm als Frustration und Einschränkung. Ihre Heirat mit Ola Hansson dagegen ist für sie voll von Erfüllung und Freiheit. Eine Frauenrechtlerin wird sie nicht. Doch die Lektüre von Gabriele Reuters «Aus guter Familie» hat einen großen Einfluss auf sie und auf ihr Denken über unverheiratete Frauen. In dem Roman findet sie Parallelen zwischen der Heldin Agathe und sich selbst während ihrer Jugendzeit in Riga.

In der Friedrichshagener Zeit wird Laura Marholm als Literatur- und Theaterkritikerin bekannt und lernt vermutlich den Dramatiker und Schriftsteller Gerhart Hauptmann kennen. Hauptmann ist sichtlich beeindruckt von ihrem Konversationstalent:

Heut war Hansson und Frau [Marholm] bei uns. Sie spricht fließend und lebhaft. ‹Differenziert› und ‹nuanciert› waren ihre Lieblingsausdrücke. ‹Gleiten›. Brandes gleite, die skandinavischen Frauen ‹gleiten› […].

Vom Selbstmord ihrer Bekannten, der schwedischen Schriftstellerin Victoria Benedictsson, erfährt Laura Marholm 1888 in der Zeitung. Den Schock darüber und die Schuldgefühle, ihr nicht geholfen zu haben, verarbeitet sie in «Das Ungesprochene»in dem zweiteiligen Novellenband «Zwei Frauenerlebnisse». Er erscheint 1895 auf Norwegisch und Deutsch. Sie selbst nennt es eine Ergänzung zu ihrem «Buch der Frauen». «Das Ungesprochene»ist eine Überarbeitung von «Eine von ihnen», einer psychologischen Skizze Victoria Benedictssons. In «Das Ungesprochene» schlägt Laura Marholm sanftere und verständnisvollere Töne gegenüber ihrer verstorbenen Bekannten an als noch in «Eine von ihnen», da sie erkennt, dass Georg Brandes und nicht nur Victoria selbst (Mit-)Schuld an ihrem Freitod trägt. Victoria Benedictsson findet sich als Figur der Karla in dem Drama «Karla Bühring»wieder.

Aufgeschlagenes Buch: Laura Marholm, Das Buch der Frauen, Albert Langen Verlag 1895.
Laura Marholm, Das Buch der Frauen, Albert Langen Verlag 1895.

«Das Buch der Frauen» entsteht ebenso wie die Essaysammlung «Wir Frauen und unsere Dichter» während ihrer produktivsten schriftstellerischen Zeit am Schliersee in Bayern. Publiziert wird «Das Buch der Frauen» 1895 vom Albert Langen Verlag in München und wird in mehrere Sprachen übersetzt. Durch die Frauenbewegung erfährt das Werk erheblichen Gegenwind. Die schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin Ellen Key ist eine der prominenten Rezensent*innen, mit ihr steht Laura Marholm in einem inspirierenden Austausch. Allerdings verdrängt Ellen Keys Buch «Mißbrauchte Frauenkraft» das 1897 nicht mehr zeitgemäße «Buch der Frauen» und damit auch die Person Laura Marholm. «Sie hat keine Freunde», titelt zu dieser Zeit die «Allgemeine Zeitung».

Das Jahr 1900 bedeutet ein produktives Jahr für die Schriftstellerin. Im C. Duncker Verlag erscheinen:

  • der zweite Teil ihres Werks «Zur Psychologie der Frau II»,
  • die Novellen «Buch der Toten» und
  • «Der Weg nach Altötting und andere Novellen».

Eine Doppeledition «Zur Psychologie der Frau, I & II» erscheint 1903.

Auszug Zugangsbuch: 10372 Hansson, Laura; Grönberg, Schweden;
Auszug Zugangsbuch: 10372 Hansson, Laura; Grönberg, Schweden; Schriftstellersgattin, 45, Paranoia, Ausgeschieden ungeheilt 30.9.05. Mit freundlicher Genehmigung des Archivs Bezirk Oberbayern, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing Nr. 580. Quelle: Bachelorarbeit Elena von Schlieffen, 2022.

Krise und Rückzug – Ein Wendepunkt im Leben Laura Marholms

Paranoide Zustände und die konstante Ablehnung durch Verlage zermürben Laura Marholm und bringen das Ehepaar in eine finanziell prekäre Lage. 1905 verbringt sie ein paar Monate in der «Kreisirrenanstalt» in München. Diese Meldung wird von Zeitungen in ganz Deutschland verbreitet und erreicht Skandinavien. Die norwegische Schriftstellerin und Theaterregisseurin Hulda Garborg hält in ihrem Tagebuch fest:

Aus München kommt die Nachricht, dass Laura Marholm Hansson geisteskrank wurde. […] Das ist sehr traurig. […] Ich erinnere mich, wie heiter sie war, als sie zum ersten Mal in Kolbotten war, und dann, als ich sie später in Berlin traf. Nicht mehr so jung; aber durchgehend gesund und munter.

Laura «Mohrenfratz» Marholms Leben und Schaffen war zeitlebens von den Menschen um sie herum geprägt und inspiriert. Zahlreiche Briefwechsel und Zeitungsartikel bieten einen beträchtlichen Schatz an Informationen zu ihrem Leben. So widersprüchlich ihr Charakter manchen zu sein schien, so kämpferisch und kreativ ist ihr Wesen und so vielseitig sind ihre Werke.

Zur Serie: Deutschbaltische Autorinnen neu lesen

Anhand von Briefen, Dramen, Essays und zeitgenössischen Stimmen zeigt dieser Beitrag, wie Laura Marholm literarische Netzwerke nutzte, verließ und widersprach. Diese Serie im MON Mag folgt ihrem Schreiben und dem von Mia Holm als deutschbaltische Positionen im Spannungsfeld von Moderne und Frauenfrage um 1900. Der nächste Teil widmet sich Mia Holm.
=> Teil 1: «Deutschbaltische Autorinnen in Bayern: Laura Marholm und Mia Holm im literarischen Porträt» – (14.1.2026)

Literaturtipp:

  1. Zur Frauenbewegung im MON Mag vgl.: «Das ‹freie Leben›? Frauenbewegte Utopien in der Boheme» (20.09.2023); «Presse und Kongresse – Sexualität und Sittlichkeit als Thema der Frauenbewegung» (24.5.2023); «‹Fraueninteressen› in Stadt und Land. Frauenbewegung/en um 1900 in Bayern» (8.2.2023); «Die fast ‹allumfassende Frauenfrage› – Themen der organisierten Frauenbewegung um 1900» (19.10.2022). ↩︎

Autor*innen-Info

Profilbild Elena von Schlieffen

Dies ist ein Gastbeitrag von Elena von Schlieffen

Elena von Schlieffen wurde 1979 in München geboren. Nach einem Biologiestudium in Wien, das sie mit einer Promotion in Medizinischer Molekularbiologie abschloss, führten sie Forschungs- und Arbeitsaufenthalte nach Südamerika und zurück nach München. Im Studium Deutsch als Fremd- und Zweitsprache (DaF/DaZ) widmete sie sich an der Monacensia der literaturwissenschaftlichen Recherche und dem Verfassen literatur- und kulturhistorischer Texte. Ihre Forschung zu baltischen Autorinnen bündelte sie 2022 in der Bachelorarbeit «Schreiben als Emanzipation Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Betrachtung des literarischen Schaffens der deutschbaltischen Schriftstellerinnen Laura Marholm und Mia Holm». Bild KI-generiert.

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