Vom Wiederaufbau jüdischer Kultur nach 1945 – Teil 1: Displaced Persons in München

"Milchstrasse" von Chim (David Seymour) (c) Magnum Photos / OSTKREUZ Archiv

Nach 1945 befanden sich jüdische Überlebende aus ganz Europa im besetzten Deutschland in einer Transitzone zwischen einer zerstörten Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft. In dieser Übergangszeit begannen überlebende Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Journalist*innen mit dem Wiederaufbau jüdischer Kultur. Literatur und Presse gehörten zu den Medien der kulturellen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung und Selbstverständigung.

In ihrem ersten Artikel beleuchtet die Historikerin Tamar Lewinsky die Selbstorganisation jüdischer Überlebender und das Wiederaufleben jüdischer Kultur in der US-amerikanischen Besatzungszone – mit einem besonderen Blick auf München als zentralen Schauplatz.

«improvisiert, zionistisch orientiert und überwiegend jiddisch» – Jüdische Kultur im Nachkriegsdeutschland

Jiddische Kultur im Transit

1949 fing der renommierte Fotograf Chim (David Robert Seymour, 1911–1956) eine Straßenszene in München ein. Auf diesem Bild, aufgenommen an der Möhlstraße im ehemals großbürgerlichen Villenviertel im Stadtteil Bogenhausen, zwängt sich zwischen ein koscheres Lokal und einen einfachen Ladenflachbau ein Bretterverschlag, der einen Kiosk beherbergt. «Jude!», heißt es in jiddischer Sprache auf der Werbetafel über dem Verkaufsfenster:

Kauf deine Zeitung nur hier! Und unterstütze damit den Jüdischen Nationalfonds.

Auf den abnehmbaren Läden der Holzbude, unter Aufmachern und schlecht angekleisterten jiddischen Informationsplakaten sind drei Letter zu erkennen: KKL, die Abkürzung für Keren Kajemeth Le-Israel (Jüdischer Nationalfonds).

Die Fotografie offenbart mehr als nur ein dokumentarisches Interesse an der Möhlstraße mit ihrer jüdischen Infrastruktur. Chim erzählt von der Zerstörung einer ehemals blühenden Kultur. Es ist eines der wenigen explizit jüdischen Motive in Chims Werk, der umgeben von jiddischen und hebräischen Büchern als Sohn eines angesehenen jüdischen Verlegers in Warschau als David Szymin aufgewachsen war.1 Entstanden ist es wenige Monate, nachdem der Fotograf endlich Gewissheit über das Schicksal seiner Eltern – ihre Ermordung – erhalten hatte.2

Mit diesem Bretterverschlag verweist Chim nicht nur auf das Ausmaß der Vernichtung. Er schafft ein Bild, das all das charakterisiert, was jüdische Kultur in Deutschland ausmachte: Sie war

  • auf Zeit geschaffen,
  • zwangsläufig improvisiert,
  • zionistisch orientiert und
  • überwiegend jiddisch.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme war von dieser Kultur allerdings nur noch wenig übrig geblieben. Die meisten Displaced Persons (DPs) hatten die US-amerikanische Besatzungszone mit der Gründung des Staates Israel und der Lockerung der Einwanderungsbestimmungen in den USA im Vorjahr verlassen können. Dies galt auch für die kleine Gruppe von Journalisten, Historikern, Schriftstellern, Schauspielern, Musikern und Künstlern – und eine wesentlich größere Gruppe engagierter Laien. Ohne sie – unter ihnen auch einige wenige Frauen – wäre das kurzzeitige Aufleben jüdischer Kultur ausgerechnet in Deutschland kaum möglich gewesen.

Diese Kultur im Transit hatte vier Jahre zuvor ihre ersten Blüten gezeigt. Ihre Ursprünge reichten aber in die Jahre der Verfolgung zurück: Gerade einmal drei Wochen waren seit der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vergangen – der Krieg war noch nicht zu Ende –, als dort Anfang Mai 1945 eine jiddische Zeitung erschien. Ein Kollegium, dessen Mitglieder heimlich die inhaftierten Kinder unterrichtet hatten, zeichnete unter dem programmatischen Titel «Tkhies hameysim» (Die Wiederbelebung der Toten) für die Inhalte verantwortlich. Nach dem Willen der Redaktion sollte die Zeitung den Anfang einer sich neu entwickelnden Presse markieren, die gleichzeitig die Fahne der jüdischen Kultur weitertragen sollte.3

Lokale DP-Presse in der US-amerikanischen Besatzungszone

Zwei Monate später erschien «Nitsots» (Der Funke). Die hebräische Zeitschrift war im litauischen Kaunas von Mitgliedern einer zionistischen Jugendorganisation gegründet und zunächst unter sowjetischer Besatzung publiziert worden. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Sommer 1941 erschien die Zeitschrift im Ghetto. Schließlich wurden ihre Redakteure im September 1944 aus Litauen in den Süden Deutschlands deportiert. In einem Außenlager des Konzentrationslagers Dachau stellten sie bis Kriegsende unter schier unvorstellbaren Bedingungen weitere sieben Nummern zusammen. Erscheinungsort der ersten Ausgabe in Freiheit wurde das oberbayerische Benediktinerkloster St. Ottilien, das durch einen historischen Zufall von einem DP-Krankenhaus zur Keimzelle jüdischer Selbstorganisation in der amerikanischen Besatzungszone werden sollte.4

Überlebende des Konzentrationslagers Dachau waren es auch, die den Grundstein für eine reguläre jiddische Presse legten. Am 12. Oktober 1945 erschien in München die erste Nummer von «Unzer veg» (Unser Weg). Es war die offizielle Zeitung des wenige Monate zuvor gegründeten «Zentralkomitees der befreiten Juden» in der deutschen Diaspora. Abgesehen von einer längeren Unterbrechung sollte diese Zeitung bis Ende 1950 ein- bis zweimal wöchentlich mit Auflagen von bis zu 20 000 Exemplaren erscheinen.5

Aber nicht nur in München, der ehemaligen Hauptstadt der nationalsozialistischen Bewegung, sondern in vielen der über die gesamte Besatzungszone verstreuten DP-Camps entstanden Zeitungen unterschiedlichster Formate und Qualität. Ihre Herausgeber wurden von dem Bedürfnis angetrieben, den Hunger der in Deutschland gestrandeten Überlebenden nach Informationen und Lesematerial zumindest ein wenig zu stillen. Bis zur Auflösung der DP-Lager sollten weit über hundert Zeitungen und Zeitschriften erscheinen.6

Es ist bemerkenswert, unter welchen technischen Bedingungen diese ersten Zeitungen produziert wurden. Genau wie «Nitsots» und «Tkhies hameysim» mussten die meisten Lokalzeitungen in der amerikanischen Besatzungszone dabei sorgfältig von Hand geschrieben und vervielfältigt werden. Was für ein seltener Luxus war damals eine jiddische Schreibmaschine, wie sie den Gründern der jiddischen Zeitung «Undzer lebn» (Unser Leben) in Berlin zur Verfügung stand.

In dieser Zeit des Mangels und der zwangsläufigen Improvisation kam es daher zu einer einmaligen Episode in der jiddischen Publikationsgeschichte: Weil kaum hebräische Drucklettern aufzufinden waren (mit denen auch das Jiddische geschrieben wird), ging man vielerorts dazu über, die Zeitungen in lateinischen Buchstaben und gemäß polnischer Orthografie zu setzen.7

München, inoffizielle Hauptstadt der jüdischen DPs

Ab 1947 wurde die Lokalpresse mit wenigen Ausnahmen von der zionistischen Parteipresse abgelöst. Unter dem Einfluss von Emissären aus Palästina und der bereits vor ihrer Ankunft politisierten Flüchtlinge aus Polen, die besonders nach dem blutigen Pogrom in Kielce zu Zehntausenden in die amerikanische Besatzungszone strömten, hatte sich das politische Spektrum in der DP-Gemeinschaft erweitert.

An die Stelle einer zionistischen Einheitspartei, die sich zu Beginn der Selbstorganisation gebildet hatte, traten nun diverse zionistische Gruppen. Sie bildeten weitgehend das Parteiensystem im vorstaatlichen Palästina an und richteten sich mit ihren jeweiligen Parteiblättern an ihre Sympathisanten. Gedruckt wurden diese Zeitungen in München. Denn dort, vor allem in der Möhlstraße und ihrer unmittelbaren Umgebung, hatten sich neben den Besatzungsbehörden, den Hilfsorganisationen und der jüdischen Selbstverwaltung auch die zionistischen Parteien ihre Büros eingerichtet. Der Stadt an der Isar kam der Status einer inoffiziellen Hauptstadt der DPs zu. Ihr geschäftiges Zentrum in Bogenhausen wurde Anlaufpunkt für die Tausenden Juden und Jüdinnen in der Stadt und die DPs aus den Flüchtlingseinrichtungen im Großraum München – insgesamt schätzungsweise 75 000 Personen.8

Die inhaltliche Ausrichtung der Parteipresse orientierte sich weitgehend an den gleichnamigen hebräischen Schwesterorganen in Palästina. Viele Artikel wurden fast unverändert übernommen. Neben der politischen Berichterstattung zeichnete sich die Parteipresse in Deutschland in ihrem Profil aber auch dadurch aus, dass sie Geschichte, Kunst und Kultur einen zentralen Platz einräumte. Auf den Feuilletonseiten waren Artikel zu jüdischer Geschichte, Auszüge aus osteuropäisch-jiddischer Literatur wie auch Sachartikel, Kurzgeschichten und Memoiren zu finden.

Die Parteipresse setzte also fort, was bereits für die frühe Lokalpresse charakteristisch gewesen war: Durch eine enge Verknüpfung von journalistischen und didaktischen Zielen wollte sie einen Beitrag zum Bildungsprogramm leisten.9

"Milchstrasse" von Chim (David Seymour) (c) Magnum Photos / OSTKREUZ Archiv
«Milchstrasse» von Chim (David Seymour) © Magnum Photos / OSTKREUZ Archiv

*Der gesamte Artikel wurde unter dem Titel: «Vom Wiederaufbau jüdischer Kultur in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands» in «Unser Mut. Juden in Europa 1945–48» hg. v. Kata Bohus, Atina Grossmann, Werner Hanak, Mirjam Wenzel. Frankfurt: De Gruyter, Jüdisches Museum Frankfurt 2021 erstpubliziert. Er wurde für die Veröffentlichung im MON Mag behutsam angepasst.

Mehr zu «Vom Wiederaufbau jüdischer Kultur nach 1945»:

  • «Displaced Persons in München» – Teil 1
  • «Auseinandersetzung mit der Shoah und die Rolle des Jiddischen» – Teil 2 (in Kürze)
  • «Jüdisches Theater und Musik in München und Umgebung» – Teil 3 (in Kürze)

Diese Artikelserie ist Teil des MON Mag-Dossiers «Schejres Haplejte».
Es widmet sich der frühen jiddischen Nachkriegsliteratur von Überlebenden der Shoah.

  1. Den Künstlernamen Chim, abgeleitet von seinem Nachnamen, wählte Szymin Anfang der 1930er-Jahre in Paris. Seit 1939 lebte der Fotograf und Mitbegründer der Fotoagentur Magnum in New York. Er erhielt 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft und nahm offiziell den Namen David Robert Seymour an. ↩︎
  2. Cynthia Young (Hg.): «We Went Back. Photographs from Europe 1933–1956 by Chim». München: Prestel 2013, S. 46f.; Roger Cohen: Actual Responsibility. In: Young (Hg.): «We Went Back», S. 56–58. ↩︎
  3. Fun der redaktsye. Tkhies hameysim Nr. 1 vom 4.5.1945, S. 6; Yechiel Szeintuch: «Thkies hameysim – ha-iton ha-rischon schel sche’erit hap-pleta ve-orecho». Khulyot 10 (2006), S. 191–218. ↩︎
  4. Shlomo Shafir: «Ha-‹Nisots› sche-lo kava.» Kescher 9 (1991), S. 52–57; Ayin-Yud: «Mi-hektograf le-linotip». Nitsots 13 (80) (11 July 1947), A. 1–2; Zeev W. Mankowitz: «Life between Memory and Hope. The Survivors of the Holocaust in Occupied Germany». Camebridge: Camebridge Universtiy Press 2002, S. 30f. ↩︎
  5. Tsemach Mosche Tsamriyon: «Ha-itonut schel sche’erti ha-pleta be-Germania ke-bitui le-va’ajoteha». Tel Aviv: Irgun Sche’erit Hapleta 1970, S. 95. ↩︎
  6. Tamar Lewinsky: «Displaced Poets. Jiddische Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland 1945–1951». Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, S. 33f. ↩︎
  7. Ebd., S. 35f. ↩︎
  8. Ebd., S. 147–150; Anna Holian: »Die Möhlstraße und der Wiederaufbau jüdischen Wirtschaftslebens in Nachkriegsdeutschland». Münchner Beiträge zur Jüdischen Geschichte und Kultur 12.1 (2018), S. 23f. ↩︎
  9. Lewinsky: «Displaced Poets», 147–150. ↩︎

Autor*innen-Info

Profilbild Tamar Lewinsky

Dies ist ein Gastbeitrag von Tamar Lewinsky

Dr. Tamar Lewinsky ist seit 2015 Kuratorin im Jüdischen Museum Berlin. Zuvor war sie an der LMU München, an der HHU Düsseldorf und an der Universität Basel tätig. Die Geschichte und Kultur der jüdischen Displaced Persons gehört zu ihren Forschungsschwerpunkten. Foto: Jüdisches Museum Berlin.

Beitrag teilen

Facebook
WhatsApp
X
Pinterest
LinkedIn
Reddit
Email
Print
Facebook

Empfohlene Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Weitere Beiträge

Newsletter

Mit unserem monatlichen Newsletter seid ihr stets über die aktuellen Veranstaltungen, Themen und Artikel aus dem MON_Mag der Monacensia auf dem Laufenden.

Wir freuen uns auf euch!



Anmelden