In der Übergangszeit nach 1945 leisteten DP-Presse, historische Zeitschriften und literarische Texte einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der Shoah und zur kulturellen Bildungsarbeit. Tamar Lewinsky beleuchtet in ihrem zweiten Artikel, wie sich jüdische Displaced Persons in der US-amerikanischen Besatzungszone literarisch und journalistisch organisierten – und welche besondere Rolle die jiddische Sprache dabei für Bildung, Erinnerung und kulturellen Wiederaufbau spielte.
Auseinandersetzung mit der Shoah und die Bedeutung des Jiddischen in der Nachkriegszeit
Jiddisch als Sprache der Gegenwart
Dem Jiddischen kam in den unmittelbaren Nachkriegsjahren eine zentrale Funktion für die kulturelle und politische Bildungsarbeit zu. Es war der größte gemeinsame sprachliche Nenner innerhalb der heterogenen Flüchtlingsgemeinschaft. Zudem verortete es die entwurzelten Displaced Persons (DPs), denen in den Kriegsjahren oft nur eine rudimentäre Bildung zuteil geworden war, in einer kulturellen Tradition. Freilich hätten die zionistischen Parteien ihre kulturpolitischen Aktivitäten gern ausschließlich ins Hebräische verlagert. Doch die Unvereinbarkeit von Ideal und Wirklichkeit hatte sie, wie schon die sozialistischen Zionisten der Zwischenkriegszeit, eine pragmatische Haltung einnehmen lassen.
Offiziell orientierten sich die DPs deshalb an der Vorkriegsdefinition, nach welcher
- Jiddisch als die Sprache der Gegenwart und
- Hebräisch als die Sprache der Zukunft
verstanden wurde. Erst auf das Fundament einer grundlegenden Bildung sollte und konnte eine jüdisch-nationale und zionistisch ausgerichtete Erziehung aufbauen.1
Von Anfang an standen die Feuilletonseiten auch Schriftsteller*innen als Forum für ihre Texte zur Verfügung. Dass der Literatur – sei es der genuin von DPs geschaffenen, der klassisch jüdischen oder der Weltliteratur in Übersetzung – Platz eingeräumt wurde, ist sicherlich auch in der Tradition jiddischer Publikationsgeschichte zu lesen: Die jiddische Presse in Polen und Litauen wie auch jiddische Zeitungen in den USA machten literarische Texte zum Bestandteil jeder Nummer.
In Palästina wurden just in dieser Zeit radikale Attacken gegen das Jiddische und die jiddische Literatur geführt. Dass sich die zionistische Presse in Deutschland der dort geächteten Diasporasprache bediente und zugleich Geburtshilfe bei der Publikation neuer jiddischer Literatur leistete, mag da fast paradox anmuten.2
Ein Teil der Kurzgeschichten und Gedichte aus der DP-Presse wurden nach und nach auch in Buchform gedruckt. Insgesamt erschienen bis zur Auflösung der DP-Lager in der amerikanischen Besatzungszone rund dreißig Gedicht- und Prosabände. Nicht wenige davon kamen in den kleinen Parteiverlagen heraus, die eigentlich gegründet worden waren, um die DPs mit politischen Basistexten zu versorgen.3
DP-Literatur als Zeugenschaft
Einige der Schriftsteller und Schriftstellerinnen hatten bereits in den 1930er-Jahren erste Texte publiziert. Andere begannen erst nach Kriegsende mit dem Schreiben. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie sich während ihres Aufenthalts in Deutschland literarisch mit dem Holocaust, den Kriegsjahren und ihrer gegenwärtigen Situation auseinandersetzten. Sie schrieben, um ihren persönlichen Erfahrungen Ausdruck zu geben. Damit schufen sie eine Literatur, in der sich die Konsequenzen der Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums in ihrer weitesten geografischen Ausdehnung widerspiegelt: von Dachau bis Samarkand.
Zeitlich decken die Gedichte und Kurzgeschichten die Gesamtheit der Erfahrungen des osteuropäischen Judentums von der Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart ab. Man kann diese Werke durchaus als früheste Beispiele einer Holocaust-Literatur bezeichnen, wobei sie sich stets an der Grenze zwischen Kriegs- und Nachkriegsliteratur bewegen.
Lange vor Adornos berühmten Diktum, wonach es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, diskutieren die Mitglieder des «Schriftstellerverbandes der befreiten Juden» – einer von zahlreichen, neu entstandenen Berufsverbänden – durchaus kontrovers, wie man sich der gerade erst erlittenen Katastrophe literarisch zu nähern habe. Allerdings entzündete sich ihre Auseinandersetzung mit dieser Frage an rein ästhetischen und künstlerischen Fragen. Der späte Literaturprofessor Benjamin Harshav, der den Krieg im Ural überlebt hatte und als gerade einmal Neunzehnjähriger seinen ersten Gedichtband in München veröffentlichen konnte, kommentierte dies rückblickend so:
In der Behaglichkeit amerikanischer Universitäten konnten sich assimilierte deutsche Juden die Frage leisten: ‹Wie kann man nach Auschwitz Gedichte schreiben?› ‹Yidishe yidn› wussten, dass man das kann, immer gekonnt hat und auch muss.4
Ein titelloses Gedicht Shloyme Vorzogers, der wie viele seiner Kolleg*innen den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion überlebt hatte, mag als Beispiel dafür dienen, wie die jiddischen Schriftsteller*innen damit rangen, die adäquate Form zu finden:
Zu früh – um zu vergessen
Zu tief – um zu verheilen
Es fehlt die Sprache – um zu erzählen
Es fehlt das Maß – um zu messen
Es fehlt – ein Name
Jedes Wort – ist Lästerung
O, gib mir Kraft, Gott – um zu schweigen.5
Freilich führte das Bedürfnis zu schreiben auch dazu, dass sich die Grenzen zwischen Literatur und Zeitzeug*innenschaft verwischten. Genau diese Unterscheidung zwischen Fiktion und Erinnerung hatte für die DPs jedoch eine konkrete Dimension. Seit Herbst 1945 bemühten sich Historische Kommissionen in der amerikanischen Besatzungszone um eine möglichst akkurate und umfassende Dokumentation dessen, was man später Shoah oder Holocaust nennen sollte, vorerst aber auf Hebräisch als «Churban» und auf Jiddisch als «Khurbn» (Zerstörung) bezeichnet wurde.
Schon kurz nach der Gründung der Historischen Kommission in München wandte sich ihr Direktor Israel Kaplan, dem Imperativ des Sammelns und Dokumentierens folgend, erstmals mit einem Aufruf an die jüdische Öffentlichkeit. Er listete eine weite Spannbreite an Dokumenten auf, mit denen sich die DPs an der Beschreibung ihrer traumatischen Geschichte beteiligen sollten.6
Die historische Zeitschrift «Fun letstn khurbn» und die Arbeit der Historischen Kommissionen
Bereits in der ersten Nummer der historischen Zeitschrift «Fun letstn khurbn» (Von der letzten Zerstörung), erscheinen im August 1946, konnten Ergebnisse der bisherigen Arbeit vorgewiesen werden: Auf 36 Seiten präsentieren die Herausgeber
- Aufsätze über die praktische Arbeit und die Zielsetzung der Kommission,
- eine Bibliografie und einen Tätigkeitsbericht,
- den ersten Teil einer historischen Arbeit über das Ghetto in Wilna,
- eine Auswahl von Augenzeugenberichten,
- während des Holocaust verfasste Gedichte,
- sowie nationalsozialistische Dokumente und Fotografien.
Kaplan stellte auch eine erste Auswahl von Redensarten aus Ghetto und KZ – einer eigentlichen Geheimsprache – vor, die er später in Buchform unter dem Titel «Dos folks-moyl in natsi-klem» (Der Volksmund im Würgegriff der Nazis) veröffentlichte.7
Erklärtes Ziel der Zeitschrift war es, die DPs dazu anzuregen, sich mit ihren Erinnerungen, Dokumenten und musealen Objekten an der Dokumentation des Holocaust zu beteiligen. Denn welcher Ort war geeigneter für die Sammlung von Material als die DP-Camps? Israel Kaplan merkte 1947 auf der Konferenz der jüdischen Historischen Kommissionen in Deutschland an, dass Geschichte jedem DP auf der Zungenspitze liege:
Man braucht nur ein Ohr zu haben. Lasst uns sammeln – retten!8
In den DP-Lagern lebten die Überlebenden zusammen und konnten ihre Erinnerungen miteinander vergleichen. Nach der Auflösung dieser Schicksalsgemeinschaft konnte auf dieses Reservoir kollektiver Erfahrung nicht mehr so leicht zurückgegriffen werden.9
In der Realität erwies es sich jedoch nicht immer als einfach, die DPs zur Mitarbeit zu bewegen. Die Historische Kommissionen begannen daher, mit einer systematischen Kampagne an das moralische Gewissen der Überlebenden zu appellieren: Mit Sammelaufrufen in ihrer Zeitschrift sowie mit regelmäßigen Anzeigen in der Presse, durch Plakate und Flugblätter wurden die DPs zur Mitarbeit an diesem nationalen Dokumentationsprojekt aufgefordert. 1947 schrieb die Zentrale Historische Kommission in München sogar einen künstlerischen Wettbewerb für die Gestaltung eines Werbeplakats aus.10
Einer der beiden Gewinner war der junge Künstler Pinchas Schwarz (später hebraisierte er seinen Namen zu Shaar). Auf seinem Entwurf, der in Farbe gedruckt in den Räumlichkeiten der Kommission an der Möhlstraße und in verschiedenen DP-Lagern aufgehängt wurde, ist der Oberkörper eines Toten zu sehen. Auf der Pergamentrolle, die sich über seiner nackten Brust entrollt, sind die ersten Worte des biblischen Buches Esther zu lesen: «Und es begab sich in jenen Tagen …» Federkiel und Tinte stehen bereit, um die Geschichte von Verfolgung und Befreiung bis in die Gegenwart fortzuschreiben. «Helft mit, die Geschichte der jüngsten Zerstörung zu schreiben», wird in großen Buchstaben gefordert.
Bemerkenswert ist nicht nur die suggestive Kraft des Bildes, sondern auch die Motivgeschichte. Als Vorlage für den nackten Torso diente eine Fotografie des Łódźer Ghetto-Fotografen Mendel Grossman, die einen Hungertoten zeigt. Grossman und Schwarz waren enge Freunde gewesen und hatten kurz vor Kriegsausbruch an gemeinsamen Projekten zu arbeiten begonnen. Als ihre Deportation aus dem Ghetto bevorstand, versteckten sie Zehntausende Negative, einige hundert Abzüge und die Leica, mit der Grossman das Leben und Leiden im Ghetto dokumentiert hatte. Grossman selbst überlebte den Krieg nicht, doch Schwarz kehrte nach seiner Befreiung nach Łódź zurück, wo er einen Teil der noch erhaltenen Abzüge an sich nehmen konnte. Darunter war auch die Fotografie, nach der er das Plakat gestaltete.11
Jüdische Kleinkunst
Schwarz war zusammen mit zehn weiteren bildenden Künstler*innen in einer Gruppe organisiert, die sich als eigene Sektion dem Schriftstellerverband angeschlossen hatte. Der Mangel an Mal- und Zeichenmaterial erschwerte ihre Arbeit. Ungewöhnlicheres Arbeitsmaterial, etwa eine größere Menge Gips für die Herstellung einer Theodor-Herzl-Büste, war kaum zu beschaffen. Von langer Hand musste auch eine eigene Kunstaustellung in München geplant werden.
Im Herbst 1948 konnten schließlich eine Künstlerin und vier Künstler insgesamt 165 Werke unterschiedlichster Technik in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus präsentieren. Unter den ausgestellten Werken von Schwarz befanden sich auch Bühnenbildmodelle, die er für das jiddische Theater im DP-Camp Feldafing und das Münchener Jiddische Theater gestaltet hatte. Ein Rezensent hob Schwarz‘ Begabung hervor, kritisierte aber, dass sich dieser allzu vielseitig betätige. Doch war gerade das Engagement in unterschiedlichen Bereichen charakteristisch für die kleine Gruppe gesellschaftlich aktiver Kulturschaffender.12

*Der gesamte Artikel wurde unter dem Titel: «Vom Wiederaufbau jüdischer Kultur in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands» in «Unser Mut. Juden in Europa 1945–48» hg. v. Kata Bohus, Atina Grossmann, Werner Hanak, Mirjam Wenzel. Frankfurt: De Gruyter, Jüdisches Museum Frankfurt 2021 erstpubliziert. Er wurde für die Veröffentlichung im MON Mag behutsam angepasst.
Mehr zu «Vom Wiederaufbau jüdischer Kultur nach 1945»:
- «Displaced Persons in München» – Teil 1
- «Jüdisches Theater und Musik in München und Umgebung» – Teil 3 (in Kürze)
Diese Artikelserie ist Teil des MON Mag-Dossiers «Schejres Haplejte».
Es widmet sich der frühen jiddischen Nachkriegsliteratur von Überlebenden der Shoah.
- Ezra Mendelsohn: «On Modern Jewish Politics». New York: Oxford University Press 1993, S. 30, 57; Tamar Lewinsky: «Kultur im Transit. Osteuropäisch-jüdische Displaced Persons». Osteuropa 8–10 (2008), S. 268–270. ↩︎
- Tom Segev: «One Palestine Complete». New York: Metropolitan Books 2000, S. 263–269. ↩︎
- Tamar Lewinsky: «Displaced Poets. Jiddische Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland 1945–1951». Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, S. 68f. ↩︎
- Benjamin Harshav: Erinnerungsblasen. In: Tamar Lewinsky (Hg.): «Unterbrochenes Gedicht. Jiddische Literatur in Deutschland 1944–1950». München: Oldenbourg 2011, S. VIII. ↩︎
- Shloyme Vorzoger: «Zayn. Lider». München: Nayvelt 1948, S. 35. ↩︎
- Laura Jockusch: «Collect and Record. Jewish Holocaust Documentation in Early Postwar Europe». New York: Oxford University Press 2012, S. 218f.; Israel Kaplan: «Zamlen un farseykhenen». In: Unzer veg Nr. 12 vom 21.12.1945. ↩︎
- «Fun letsn khurbn 1» (1946) ↩︎
- Israel Kaplan «In der tog-teglekher historisher arbet. Fortrag gehaltn af dem tsuzamenfor fun di historishe komisyes». München: Tsentrale historishe komsiye 1947, S. 24. ↩︎
- Jokusch: «Collect and Record», S. 140. ↩︎
- Ebd., S. 141–145. ↩︎
- Pinchas Shaar: «Mendel Grossmann. Photographic Bard of the Lodz Ghetto». In: Robert Moses Shapiro (Hg.): «Holocaust Chronicles. Individualizing the Holocaust Through Diaries and Other Contemporaneous Personal Accounts». Hoboken, N.J.: KTAV 1999, S. 125–140, bes. S. 131f., S. 134. Die Negative und die Kamera brachte die Schwester des Verstorbenen nach Palästina, wo sie in den Wirren des Unabhängigkeitskrieges für immer verschwanden. Das Originalfoto befindet sich heute in Yad Vashem. ↩︎
- Künstlerverband an Philipp Auerbach, 28.1.1948, YIVO RG 294.2, Folder 1348; Korrespondenz der Künstlerabteilung mit dem Bayerischen Staatsministerium des Inneren, 11.3.1948, YIVO RG 294.2, Folder 1348; Protokollbuch des Schriftstellerverbandes, Protokolle vom 21.4.1947 und 29.5.1947, YIVO RG 294.2, Folder 1343; «Oysshtelung fun yidishe kinstler». München: Kulturamt beim ZK der befreiten Juden in der US-Zone 1948; Hans Eckstein: «Ausstellung jüdischer Künstler», Süddeutsche Zeitung Nr. 114 vom 11.12.1948, S. 2. ↩︎




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