Als junger jüdischer Wiener musste Walter Grab 1938 vor dem NS-Regime fliehen. Zwischen Wien, Palästina und Tel Aviv begann ein Leben im Exil, geprägt von Verlust, Neuorientierung und intellektueller Selbstbehauptung. Die Autorin Shelly Kupferberg nähert sich der Biografie ihres Großvaters über Briefe, Erinnerungen und familiären Überlieferungen; und zeichnet den Weg eines Mannes nach, der erst spät zu seiner wissenschaftlichen Berufung fand.
Dieser Text ist ein Beitrag zur Sonderausstellung «Literatur & Haltung», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.
Vom Fremdeln mit der Fremde zur geistigen Heimat
Ich, Walter Grab, wurde am 17.2.1919 in Wien geboren, besuchte dort die Mittelschule (humanistisches Gymnasium) und legte meine Abiturprüfungen 1937 ab. Hitlers Einmarsch in Wien im März 1938 zwang mich als Juden, mein begonnenes Universitätsstudium zu unterbrechen, ich wanderte nach Palästina aus. Die dortige schlechte Wirtschaftslage und die Tatsache, daß ich meine alten Eltern ernähren mußte, ermöglichten mir während jener Jahre keine Wiederaufnahme meines Studiums. Ich war kaufmännisch tätig und bildete mich in meinem Fach, Moderner Geschichte, autodidaktisch weiter. Die Eröffnung einer Universität in Tel Aviv, meinem Wohnort in Israel, ermöglichte mir die Erfüllung meines langgehegten Wunsches, mein Geschichtsstudium fortzusetzen.
So steht es in dem Lebenslauf, mit dem sich mein Großvater, Walter Grab, 1962 für ein Promotionsstudium am Europa-Kolleg Hamburg bewarb. Seine damalige Bewerbung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung um ein Stipendium war existenziell – ein Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Tel-Aviv war ihm bereits zugesichert, würde er eine Promotion vorlegen. Sie würde seinem Leben eine neue Wendung geben.
Hinter diesen schlichten Zeilen seiner damaligen Bewerbung verbergen sich so manch dramatische Geschichten. Das Leben eines Emigranten, eines Geflüchteten wird hier ersichtlich. Einem, dem die historischen Zeitläufte die biografischen Linien drastisch wiesen. Dabei hatte er gewiss großes Glück gehabt, überhaupt das Morden Hitlers überlebt zu haben und – auf den allerletzten Drücker – seine Eltern aus Wien nach Palästina im März 1939 geholt haben zu können.
Flucht aus Wien und Jahre im Exil
Das gutbürgerliche Leben in Wien war mit der Flucht nach Palästina vorbei. Die Mitnahme von Gütern und Kapital war zu diesem Zeitpunkt nur noch eingeschränkt und erschwert beziehungsweise gar nicht möglich. Man fing also bei null an. So bezeugen es viele der Briefe, die Walter Grab von Palästina aus schrieb: an viele seiner ehemaligen Wiener Freunde und Freundinnen, die im Laufe der Jahre nach dem nationalsozialistischen Einmarsch in der Welt verstreut versuchten, sich ein neues Leben aufzubauen.
Seine Korrespondenzen mit jüdischen Schulfreunden gehen von London über Brasilien bis nach Australien und die USA. Die Briefe kreisen auch und vor allem um zentrale Fragen:
Wer aus dem gemeinsamen Umfeld hat überlebt und es geschafft, sich zu retten?
- Was ist aus Person X oder Y geworden?
- Gibt es Nachricht von Verwandtschaft?
Und:
- Wie schafft man sich eine finanzielle Existenz?
- Wer arbeitet derzeit wie und wo?
- Gibt es berufliche Perspektiven vor Ort?
Sodann folgen Beobachtungen über Land und Leute, die neue Umgebung, das eigene Befinden und die Fremde, die politischen Zustände vor Ort und die über allem schwelende Angst vor Hitlers Expansion, die auch Palästina erreichen könnte.
Während dieser ersten Jahre in der Fremde ist Walter Grab Mitglied zahlreicher literarischer und politischer Kreise, in denen deutschsprachige Literatur vorgestellt und diskutiert wird. Seelennahrung, so scheint es, waren diese Zirkel für ihn, der die deutsche Sprache und Literatur über alles verehrte. Eine Art geistige Heimat, an die man sich klammerte, wo doch alles andere verloren schien. Mitte der 1950er-Jahre wurden viele dieser Kreise kleiner, berichtete Walter später. Manches Mitglied kam nicht wieder, und es stellte sich erst später heraus, dass sich diejenigen, die sich nicht verabschiedeten, nach Deutschland oder Österreich zurückgegangen waren.
Andere Mitglieder, solche, die vorhatten, nach Australien, England, in die USA oder in andere Teile der Welt auszuwandern, verabschiedeten sich bei allen und berichteten von ihrem Vorhaben, es woanders zu versuchen. Kleine Details, die viel aussagen – und in den Briefen und alten Interviews Walters zu finden sind. Die alte Heimat schien tabu. Zumindest aber galt es, eine solche Entscheidung zu rechtfertigen. Wer wollte schon diese Art von Konfrontation – nach allem?
Die ersten Jahre in Palästina waren harsch, geprägt vom Kampf des finanziellen Überlebens im Land der Rettung sowie von vielen politischen Unruhen und Unwägbarkeiten, die auch Walter persönlich betrafen: Er wurde ins Militär eingezogen und war unter anderem 1948 im Unabhängigkeitskrieg und 1955/1956 während des Sinai-Feldzuges dienstverpflichtet. Das Jahr 1956 markiert schließlich einen entscheidenden Einschnitt in seinem Leben. Mit 36 Jahren den eigenen Tod während eines militärischen Einsatzes im Schützengraben im Oktober 1955 vor Augen, erinnert er sich später in einem Interview:
… und ich wusste, ich bin im falschen Land und habe einen falschen Beruf.
Seine Sehnsucht nach Wien nahm fortan solch enorme Ausmaße an, dass er mit dem Gedanken spielte, dort, in der einstigen Heimat, einen weiteren Neuanfang zu versuchen. Er war inzwischen verheiratet und Vater zweier Kinder. Sein Wunsch stieß bei seiner Frau auf wenig Gegenliebe. Sie war Berlinerin und Zionistin. Ihre Eltern hatte sie als junge Frau am Berliner Anhalter Bahnhof das letzte Mal gesehen, bevor diese nach Lemberg gingen und in den folgenden Jahren – so ist es den Briefen zwischen ihr und den Eltern zu entnehmen – mehr und mehr den politischen Gegebenheiten und Einschränkungen ausgesetzt waren. 1941 brach der Briefverkehr ganz ab. Sie wurden einige Zeit später, wie so viele Jüdinnen und Juden, in einem nahegelegenen Wald erschossen. Im «Holocaust of bullets»1. Eine Wiederkehr nach Deutschland oder Österreich schien für meine Großmutter schier undenkbar. Schließlich einigte man sich darauf, dass Walter zunächst alleine fahren würde. Um die Situation und Lage zu überdenken und zu schauen, wie realistisch eine Rückkehr nach Österreich überhaupt wäre.
Die bekannte Fremde
Sein darauffolgender mehrwöchiger Aufenthalt in Wien ist bestens dokumentiert: In den drei Monaten seiner Reise schrieb er seiner Frau jeden zweiten Tag einen Brief nach Tel Aviv, die die Ambivalenzen seiner Gefühle und Gedanken bestens spiegeln und daher besonders anrühren. In meinem Buch «Isidor» rekonstruiere ich das Leben meines Urgroßonkels, dem Kommerzialrat Dr. Isidor Geller, Walters Onkel, und seinen rasanten Aufstieg aus ärmlichen orthodoxen Verhältnissen Galiziens bis zum erfolgreichen Juristen und Berater des österreichischen Staates sowie das Leben und die Schicksale weiterer Familienmitglieder. In diesem Rahmen schreibe ich ausführlich über Walters Wienbesuch im Jahr 1956 und zitiere aus einigen seiner Briefe. So schrieb er:
Wien macht auf mich einen sonderbaren und etwas zwiespältigen Eindruck. Einerseits war ich irgendwie erschüttert, dass sich so wenig geändert hat, dass die Häuser und Umgebung die gleichen geblieben sind wie vor all den welterschütternden Ereignissen – obwohl man das ja weiß, ist es doch etwas anderes, wenn man es greifbar vor sich sieht. Andererseits bin ich zweifellos nach 18 Jahren von allem etwas entfremdet – ein sonderbares Gefühl! Ich sitze jetzt im Café Bauernfeld am Bauernfeldplatz, wo ich 19 Jahre lang wohnte, irgendwie ist es eine gewisse Befriedigung, wieder da zu sein, wo man mich auf ewig zu vertreiben hoffte.
Im Laufe der Tage und Wochen fing er an, sich in alten gewohnten Gefilden zu akklimatisieren. Er traf ehemalige Schulkameraden und Freunde, diskutierte und debattierte mit diversen Menschen, rieb sich allenthalben an der Unverfrorenheit vieler, über die er in einem späteren Interview berichtete:
Die Juden waren weg, aber die Leute haben gelacht und getanzt und einfach weitergemacht.
Dennoch schien er an die gewohnten alten Bande anknüpfen zu wollen und zu können, jedenfalls in Teilen. Er besuchte exzessiv Theater- und Opernaufführungen, saugte die deutsche Sprache förmlich ein.
Gestern waren wir in der Volksoper und sahen eine ausgezeichnete Aufführung der Operette ‹Der Vogelhändler› von Carl Zeller. Die alten Schlager gingen ans Herz. Es war ein altes Stück Europa.
Doch es ist wohl eher die Sehnsucht nach dem, was nicht mehr ist, das nicht mehr war. Die gegenwärtige damalige Realität war eben inzwischen eine andere.
Die Stadt, die Erinnerungen – all das hat mich gepeinigt. Das ist nicht schön. Ich kann nicht in Wien leben. Und ich sage das mit Kummer.
Sein Besuch endete mit einer unschönen Episode, die wohl charakteristisch für die Wiederkehr so vieler Juden und Jüdinnen in ihre alten «Heimaten» sein dürfte: Walter suchte das Wohnhaus auf, in dem er mit seinen Eltern bis zur Flucht lebte. Als er feststellte, dass der Hauswart noch derselbe war wie damals, entschied er sich, zu klingeln. Diese Szene beschreibe ich ausführlich in meinem Buch:
Als er bei dem Ehepaar klingelt, öffnet die Hauswartsfrau die Wohnungstür und erkennt Walter sofort. Kreidebleich ruft sie in die Wohnung hinein: ‹Der Jud’ is wieda doa!› Worauf ihr Mann rüde antwortet: ‹Sag koa Wort!› In den wenigen Sekunden, ehe sie die Tür vor Walters Nase zuschlägt, kann er einige Möbel seiner Eltern und ehemaliger Nachbarn ausmachen.
Walters Wienbesuch ist beendet. Seine Entscheidung gefallen.
Eine angenommene Fremde
Walter wurde schlagartig klar: Er würde nicht das Land wechseln, in dem er leben würde, sondern den Beruf. Er kehrte im Juni 1956 «mit schlappen Flügeln» wie er immer wieder betonte, zurück zu seiner Familie nach Tel Aviv. Doch ohne Weiteres an das alte Leben anknüpfen, schien ihm nicht der richtige Weg. Es brauchte noch eine Weile, bis sich die Weichen für sein späteres Leben neu stellen würden.
1958 machte ihn ein Freund auf die neu gegründete Universität Tel Aviv aufmerksam. Damals befand sie sich im Aufbau und war in schlichten Baracken untergebracht. Nichts Universitäres fand sich hier – zumindest nicht das, was Walter aus seiner kurzen Zeit an der Wiener Universität gewohnt war. Keine prachtvollen Räumlichkeiten und großzügigen Hörsäle. Doch man war seinerzeit alles andere als wählerisch. Das Provisorium und die Improvisation gehörten zu den Aufbaujahren Israels und dem Emigrantendasein.
Walter Grab und die Universität Tel Aviv
Walters erster universitärer Versuch in Israel scheiterte allerdings: Zunächst wollte man ihn an der neu gegründeten akademischen Einrichtung nicht zulassen. Zu veraltet schien seine österreichische Matura, das Abitur, und das damals noch in Wien begonnene Studium. Es waren immerhin 20 Jahre seither vergangen. Hoch enttäuscht ließ sich Walter zunächst abwimmeln. Einige Monate später begleitete er einen Freund zu Vorlesungen, die allen Interessierten offenstanden. Eine Einschreibung war hierfür nicht nötig. Einer dieser Besuche sollte sein Leben komplett verändern. Er schildert in seinen Erinnerungen, wie er auf einem schwarzen Brett die Ankündigung «Donnerstag, 7-9 Uhr am Abend: Cicero» las.
An der 1957 gegründeten Tel Aviver Universität arbeiteten vorwiegend junge Wissenschaftler, die an der bereits seit 1925 bestehenden Hebräischen Universität in Jerusalem keine Lehrstellen erhalten hatten. In Tel Aviv studierten vorwiegend Männer und Frauen mittleren Alters, die in ihrer Jugend ihre Studien begonnen hatten. Infolge des Krieges, der Übersiedlung nach Palästina und wirtschaftlicher Schwierigkeiten hatten sie jedoch verschiedene Brotberufe ergriffen und wollten nun zur Wissenschaft, zu intellektuellen Tätigkeiten zurückkehren. Daher fand der Unterricht meist am späten Nachmittag oder Abend statt.
Walter war zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt und führte in Tel Aviv ein – nach schwierigen ersten Jahren – einigermaßen gut laufendes Geschäft für Taschen. Er entschied sich, seinen Laden für diese Vorlesung zwei Stunden früher als üblich zu schließen, um sich ein wenig intellektuelles Futter zu gönnen, seiner Leidenschaft für Geschichte nachzugehen. Später erinnert er sich an den damals etwa 35-jährigen Lehrer, der ein «erstklassiges, ein goldenes Hebräisch» sprach, Witze auf Jiddisch einstreute und Zitate auf Latein, Griechisch, Deutsch, Englisch und Französisch zum Besten gab. Dieser Dozent schien ein brillantes Wissen zu haben und auch über die Gabe zu verfügen, es interessant zu vermitteln. All das begeisterte Walter. Fortan beschloss er, sein Geschäft jeden Donnerstag etwas früher zu schließen, um sich eine Einheit Alte Geschichte zu gönnen.
Nach einigen Vorlesungen kam es zu einer Szene, die alles verändern würde: Walter erlaubte sich, nach der Sitzung zu dem Dozenten zu gehen und ihn vorsichtig auf einen Fehler hinzuweisen. Eine Petitesse nur, Seneca betreffend. Doch sie verdeutlicht Walters außergewöhnliches Jahreszahlen-Gedächtnis und sein historisches Wissen. Dies verdankte er
- einem soliden Geschichtsunterricht noch in Wien,
- seinem unstillbaren Wissensdurst und
- einer umfassenden Bibliothek, die er schon als Jugendlicher besaß.
Ebendiese Bibliothek hat er sich noch nach Palästina schicken lassen können. Er las sie wieder und wieder, darunter waren historische und geschichtsphilosophische Werke. Sie war eine Art geistige Nahrungsquelle und stillte ein wenig die Sehnsucht und das Heimweh. «Wo unterrichten Sie?», fragte dieser Dozent meinen Großvater daraufhin – und der antwortete: «Nirgends.»
Prompt wurde Walter an der Universität angenommen, der erwähnte Dozent beharrte darauf, den Ende Dreißigjährigen als Studenten einzuschreiben. Walters Leben als Akademiker begann – wenn auch vier Jahre lang in Form einer Doppelexistenz: als Kaufmann tagsüber, abends als Student. Es war ein bemerkenswerter, verzögerter, aber rasanter akademischer Werdegang, der ihn als späteren Professor und Gründer des Instituts für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv auch immer wieder in seine einstige Heimat Wien bringen würde. Dem Ort des Schmerzes, der Verluste und Verletzungen, «… wenngleich das eigenartige Gefühl zwischen Wehmut und Grauen noch nicht weichen will», so beschrieb er im Jahr 1956 seinen Gemütszustand. Dieser sollte ihn bis zu seinem Lebensende begleiten.
Kontext zum Beitrag und zur Ausstellung
Der Beitrag erzählt die Lebensgeschichte von Walter Grab zwischen Flucht, Exil und später wissenschaftlicher Neuorientierung. Er stützt sich auf Briefe, Erinnerungen und familiäre Überlieferungen und ordnet eine von Entwurzelung und Neubeginn geprägte Biografie ein.
Der Text ist Teil der Sonderausstellung «Literatur & Haltung», die ab 20. Mai 2026 in der Monacensia zu sehen ist.
Uraufführung «Isidor» am Burg-Theater Wien
Nach dem Buch von Shelly Kupferberg
Premiere: 28. Februar 2026
Regie: Philipp Stölzl
* Dieser Beitrag entsteht im Rahmen des Erschließungs- und Vermittlungsprojekts «Archiv Salamander», das umfassend von der Alfred Landecker Foundation gefördert wird.



