Sohrab Shahid Saless: Exil, München und das künstlerische Wirken eines iranischen Regisseurs im «Neuen Deutschen Film»

zwei Männer sitzende nach rechts blickend: Herbert Achternbusch und Sohrab Shahid Saless, 1979. © Bert Schmidt: Sohrab Shahid Saless – Film im Kopf, München 2023.

Vom gefeierten Hoffnungsträger des iranischen Kinos zum Exilanten in München: Sohrab Shahid Saless prägte den «Neuen Deutschen Film» mit radikal ruhiger Filmsprache – und scheiterte dennoch am System. Warum lobte ihn Herbert Achternbusch als «besten deutschen Regisseur»? Welche Rolle spielten München, Exil und Weggefährten wie SAID in seinem Werdegang?* Ein Blick auf ein Leben zwischen filmischer Präzision, Fremdheitserfahrung und Kompromisslosigkeit von Behrang Samsami.

«Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless» oder: Transnational leben und arbeiten

[E]r kam aus Persien, er kam aus Frankreich, er kam aus Deutschland, wo es ihm fast noch schwerer fällt als mir, Geld für seine Filme aufzutreiben, für seine strengen Filme, die so schön sind, da[ß] andere Filme als neckische Unterwäsche erscheinen. Wie ist es möglich, daß in Deutschland solche neckischen Filme gemacht werden?1

Eingestreut in die Kritik: ein Kompliment, von einem Kollegen öffentlich geäußert, darum eine Seltenheit – von dem in München geborenen Herbert Achternbusch. Das Kompliment kulminiert in dem Satz:

Der persische Regisseur, der die besten deutschen Filme macht, heißt Sohrab Shahid Saless.2

Porträt eines mittelalten Mannes mit Brille: Sohrab Shahid Saless.
Sohrab Shahid Saless, West-Berlin, ca. 1975. @ Archiv Behrang Samsami.

Diese Worte finden sich im Band «Es ist ein leichtes beim Gehen den Boden zu berühren», der 1980 erschien. Herbert Achternbusch (1938–2022) berichtet darin unter anderem von einem Aufenthalt 1979 mit Saless und anderen Filmemacher*innen in den USA. Damals reisen Regisseure, die dem «Neuen Deutschen Film» zugerechnet werden, auf Einladung des Goethe-Instituts nach Kalifornien. Sie präsentieren ihre Filme und geben Interviews, um so für den westdeutschen Film zu werben, der damals großen Erfolg hat:

  • «Die Ehe der Maria Braun» von Rainer Werner Fassbinder wird 1979 in viele Länder verkauft.
  • Volker Schlöndorffs «Die Blechtrommel», eine Verfilmung von Günter Grass’ Roman, erhält 1979 die Goldene Palme, ein Jahr später den Oscar.

Sohrab Shahid Saless ist im Herbst 1979 als einziger nichtdeutscher Regisseur Teil dieser Delegation. Damals feiert sein Dokumentarfilm «Die langen Ferien der Lotte H. Eisner» bei den Deutschen Filmtagen in Los Angeles auch seine Premiere. Darin porträtiert er die gleichnamige deutsch-jüdische Filmpublizistin, die 1933 nach der «Machtübernahme» Berlin verlässt und nach Paris flüchtet. Hier erlebt Eisner als Exilantin bittere Zeiten und überlebt die deutsche Besatzung. Ab 1945 arbeitet sie unter Henri Langlois als Chefkonservatorin der Cinémathèque française und publiziert Bücher, so etwa «L’Écran démoniaque» («Die dämonische Leinwand», 1952), «F. W. Murnau» (1964) und «Fritz Lang» (1976).

Porträt ältere Dame mit Brille, liest im aufgeschlagenen Buch, an Wand Spiegel und Engeldarstellungen.
Lotte H. Eisner, 1981; Foto: © Marion Kalter, Paris

Frühe Brüche, künstlerische Entwicklung und Bedeutung für das moderne iranische Kino

Die Würdigung Eisners reflektiert auch Saless’ eigenen Werdegang als «Weltenwanderer»: 1944 in Teheran in eine bürgerliche Familie geboren, geht er nach bestandenem Abitur nach Wien, lernt Deutsch, studiert Film – und sucht seine leibliche Mutter auf. Diese hatte Saless’ Familie verlassen, als er anderthalb Jahre zählte, und lebt nun mit ihrer zweiten Familie in Wien. Das Treffen fällt enttäuschend aus. Saless bleibt dennoch, jobbt, entdeckt den russischen Schriftsteller Anton Tschechow als Autor und Vorbild. Er hat wenig Geld, erkrankt an Tuberkulose und muss das Studium abbrechen. Ab 1966 setzt er es in Paris fort, wo er wegen eines Magendurchbruchs operiert wird und wegen seiner Tbc-Erkrankung längere Zeit im Krankenhaus bleiben muss.

Später, als Regisseur, verarbeitet er in seinen Langfilmen Themen und Erfahrungen aus jenen Jahren in verschiedenen Variationen:

  • Einsamkeit und Armut,
  • Krankheit und Fremdheit,
  • das Misslingen von Kommunikation und von Beziehungen.

1968 kehrt der 24-jährige Saless ohne Abschluss aus Frankreich in den Iran zurück. Dank eines einflussreichen Onkels kann er im Kulturministerium in Teheran arbeiten. Innerhalb von zwei Jahren stellt Saless zwanzig Dokumentarfilme für das Ministerium fertig. Nach zwei prämierten Kurzfilmen dreht er seinen ersten Spielfilm: «Yek ettefaghe sadeh» («Ein einfaches Ereignis», 1973) wird auf dem Zweiten Teheraner Internationalen Filmfestival für die beste Regie ausgezeichnet.

Der Film zeigt in langen, ruhigen Einstellungen den Alltag eines Zehnjährigen, der mit seiner Familie am Kaspischen Meer lebt. Mohammad hilft der kranken Mutter im Haushalt und dem trinkenden Vater beim illegalen Fischfang. Dem Jungen bleibt kaum Zeit für die Schule, wo er Fragen des Lehrers nicht beantworten kann und bei anderen abschreibt. Saless zeigt diese Form der ‹Gefangenschaft› in variierenden Wiederholungen. Sie erlauben, teilzuhaben am Leben der Figuren, die kaum sprechen, weil ihnen diese Gabe verloren gegangen ist.

«Yek ettefaghe sadeh» porträtiert Menschen, die nicht von den Petrodollars profitieren, die damals in den Iran fließen. Sie leben fern der prosperierenden Metropole Teheran, in der wirtschaftlich schwachen Peripherie. Der Film stellt eine Familie in den Mittelpunkt, die bildungsfern und zudem nicht persisch-, sondern turksprachig ist. Damit entsprechen diese Menschen nicht dem modernen Iran-Bild, das der Schah wünscht. Wirkt Saless’ Film fast dokumentarisch, erweist er sich, genauer betrachtet als fein austarierte Komposition, in der das Bild die Hauptrolle spielt. Das gilt für viele seiner Filme.

1974 stellt für Saless eine Zäsur dar: «Yek ettefaghe sadeh» und sein zweiter Spielfilm «Tabiate bijan» («Stillleben», 1974) erhalten bei der Berlinale sechs Preise, darunter den Silbernen Bären. Dieser Erfolg lässt die iranischen Behörden aufhorchen. Bei den Dreharbeiten zu seinem dritten Spielfilm «Qarantineh» («Quarantäne», 1974) über Kinder eines Waisenhauses in Teheran zeigt sich Saless gegenüber dem Direktor sehr selbstbewusst. Als er Vorschläge für den Dreh eines Interviews mit dem Direktor eher undiplomatisch ablehnt, beschwert sich dieser über ihn bei den Behörden. Die Arbeit am Film wird auf höheren Druck abgebrochen. Saless erleidet einen Nervenzusammenbruch und geht ins Krankenhaus. Als er erfährt, dass etwas gegen ihn geplant sei – eventuell seine Verhaftung durch den SAVAK, den Geheimdienst des Schahs –, flüchtet er nach West-Berlin. In sein Heimatland kehrt er nie zurück.

Im Iran bleibt eine Ehefrau, mit der Saless unglücklich verheiratet ist, sowie ein Œuvre, das zwei bedeutende Spielfilme umfasst, zurück. Durch die beiden Filme wird er zu einem der Impulsgeber der iranischen «Neuen Welle». Diese kommt Ende der 1960er-Jahre – stark beeinflusst unter anderem vom italienischen Neorealismus und der französischen Nouvelle Vague – im Land auf. Sie begründet das moderne iranische Kino mit sozialkritischen und auch künstlerisch anspruchsvollen Spielfilmen wie:

  • «Gav» («Die Kuh», 1969) und «Postchi» («Der Briefträger», 1971) von Dariush Mehrjui,
  • «Qeysar» (1969) und «Gavaznha» («Die Hirsche», 1974) von Masud Kimiai sowie
  • «Ragbar» («Platzregen», 1972) von Bahram Bayzai.

Saless’ große Bedeutung innerhalb dieser Entwicklung liegt darin, dass er das Kind als Hauptfigur in den iranischen Film einführt. Auf diese Weise erlaubt er, die Gesellschaft aus ebendieser Perspektive zu betrachten. Und es ist wieder Saless, der durch die präzise, entschleunigte Beobachtung des vermeintlich belanglosen Alltags das Verhalten seiner Figuren sozialpsychologisch untersucht und uns daran teilnehmen lässt.

Film und Politik in München – neue Netzwerke, neue Konflikte

Im Alter von 30 ist Saless Exilant: Zu Beginn wird seine Aufenthaltsgenehmigung lediglich um ein Jahr verlängert. Zudem darf er als Drehbuchautor und Regisseur, nicht aber als Produzent arbeiten. Andererseits kann Saless weiterdrehen, weil er Preisträger ist, Deutsch spricht und Produzenten kennt. Er bleibt seinem Stil und Interesse für Außenseiter und Randgruppen treu:

  • «In der Fremde» (1975) thematisiert das harte Leben sogenannter Gastarbeiter türkischer Herkunft.
  • «Reifezeit» (1976) schildert den freudlosen Alltag eines Schuljungen, dessen Mutter als Prostituierte arbeitet.
  • «Tagebuch eines Liebenden» (1977) porträtiert einen scheuen, unauffälligen Fleischer, der in die Psychiatrie kommt, weil er seine Freundin getötet hat.

Nach drei Jahren und drei Filmen in West-Berlin entscheidet Saless, 1977 in die Filmstadt München zu ziehen und weiterzuarbeiten, wo auch Kollegen wie Rainer Werner Fassbinder leben. Anfangs wohnt er bei dem Schriftsteller und Drehbuchautor Manfred Grunert (1934–2011), von dem beispielsweise die Szenarien für den Kinofilm «Lena Rais» (Regie: Christian Rischert, 1979) und den TV-Dreiteiler «Die Reventlow» (Regie: Rainer Wolffhardt, 1980) stammen.

Saless schreibt mit Grunert das Szenario zu seinem hierzulande bekanntesten Film «Utopia» (1983). Dieser handelt von einem Zuhälter, gespielt von Manfred Zapatka, der die Prostituierten in seinem Bordell in West-Berlin ausbeutet, zusammenschlägt und vergewaltigt, bis eines Tages die Stimmung kippt.3 Saless lernt auch den Münchner Herbert Achternbusch kennen, dem er den Film «Ordnung» (1980) widmet. In dem Film weckt ein arbeitsloser Bauingenieur seine Nachbarn sonntäglich durch laute Rufe («Aufstehen!»). Als ihn seine Ehefrau dazu bringt, in eine Klinik zu gehen, ruft er dort einmal «Auschwitz!», woraufhin er von Pflegern gepackt, zum Schweigen gebracht und – nach einer Behandlung mit Medikamenten – als geheilt entlassen wird. Wahrscheinlich ebenfalls in München begegnet Saless einem Journalisten, der sich sehr für ihn einsetzt: Thomas Thieringer (1939–2014) bespricht seit Mitte der 1970er-Jahre regelmäßig Saless’ Filme, vor allem in der «Süddeutschen Zeitung».4

Porträt Mann mit Schnauzer: Manfred Grunert
Manfred Grunert. © Petra Grunert
Porträt bärtiger Mann mit weißen Haaren: Thomas Thieringer (
Thomas Thieringer. © Christine Rönsch-Thieringer

In München, wo er bis 1979 eine eigene Wohnung hat, verkehrt Saless auch mit seinen Landsleuten: 1977 arbeitet er mit Homayoun Farazi zusammen. Letzterer wirkt als Produzent des partiell realisierten Projekts «Hochzeit im Exil» über den in München lebenden italienischen Wirt Rosario Liberatore (1944–2011), der damals und später auch als Schauspieler tätig ist.5

Bereits aus seiner Zeit in West-Berlin kennt Saless den iranischen Schriftsteller Bozorg Alavi (1904–1997). Dieser wohnt seit den 1950er-Jahren in Ost-Berlin, ist bis 1969 Professor der Iranistik an der Humboldt-Universität sowie – bis zu seinem Ausschluss 19776 – Mitglied der Tudeh, der Kommunistischen Partei Irans. Saless wird 1976/77 ebenfalls, aber heimlich Parteigenosse.

In München lernt er in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre über Alavis hier lebenden Sohn Mani einen Landsmann kennen, der ein enger Freund wird: Said Mirhadi (1947– 2021), der sich als auf Deutsch schreibender Dichter SAID nennt.

Saless und SAID verbindet:

  • die Erfahrung des frühen Mutterverlustes,
  • der Auszug in jungen Jahren aus ihrem Geburtsland,
  • die kritische Einstellung zum Schah und nach der Revolution 1979 auch zur Islamischen Republik sowie
  • ihr Leben im Exil: SAID lebt mit Ausnahme eines kurzen Aufenthaltes im Iran bis zu seinem Tod in München. Saless geht dahin, wo seine Produzent*innen arbeiten, Freund*innen und Partnerinnen wohnen: nach Wiesbaden, Frankfurt, Oldenburg, Bielefeld – in den 1980er-Jahren auch nach Bratislava und Poprad in der damaligen Tschechoslowakei.
Porträt von bärtigen Mann auf Sofa sitzend, blickt in Kamera: Porträt von SAID
Porträt von SAID [Ausschnitt]. © Wolfgang Gartmann, München

Exil oder Das Provisorische in Permanenz

Das Jahr 1979 bildet erneut eine Zäsur für Saless: Nach zwei Jahren ohne Aufträge der öffentlich-rechtlichen Sender als seine Arbeit- und Geldgeber kann er endlich wieder drehen. So entstehen unter anderem Literaturverfilmungen wie

  • «Grabbes letzter Sommer» (1980) nach Thomas Valentin,
  • «Der Weidenbaum» (1984) nach Anton Tschechow,
  • «Hans – Ein Junge in Deutschland» (1985) nach Hans Frick,
  • «Wechselbalg» (1987) nach Jürgen Breest.

Gerade die beiden letztgenannten Filme samt «Ordnung» (1980) und «Empfänger unbekannt» (1983) sind sehr genaue, kritische Porträts der Verhältnisse in Deutschland vor und nach 1945. In ihnen reflektiert Saless die Auswirkungen kapitalistischen Wirtschaftens, mechanisierter Arbeit, des Wohnens in Städten aus Beton, Stahl und Glas – und nicht zuletzt die Folgen des kaum oder nicht aufgearbeiteten Nationalsozialismus für das Leben der Menschen in der Bundesrepublik.

Saless will in jenen Jahren auch literarische Arbeiten exilierter iranischer Schriftsteller*innen aufgreifen. So trifft er 1985 Bozorg Alavi in den Bavaria Filmstudios in München, mit dem er einen Vertrag zu den Nutzungsrechten von Alavis Roman «Tschaschm-ha-yasch» («Ihre Augen», 1952) abschließt.7 Es bleibt bei dem Plan. Saless dreht letztlich keinen Film. Das gilt auch für den auf Deutsch geschriebenen autobiografischen Roman «Tufan. Brief an einen islamischen Bruder» (1983) der in Hamburg lebenden Torkan Daneschfar-Pätzoldt (1941–2019). In ihrem Perspol-Verlag, den sie mit ihrem Ehemann Björn Pätzoldt (1944–2023) führt, veröffentlicht SAID 1987 im Übrigen den Band «Ich und der Schah – Die Beichte des Ayatollah. Hörspiele».8

Porträt von älteren Mann mit Brille und Krawatte. Manfred Korytowski (ca. 1998/99);
Manfred Korytowski (ca. 1998/99). © Infafilm GmbH Manfred Korytowski, München

Zurück zu Saless: Die Hoffnung, in München einen Produzenten zu finden, erfüllt sich für ihn erst gegen 1986: Manfred Korytowski (1936–1999) ermöglicht Saless die Verfilmung von Ludwig Fels’ Roman «Ein Unding der Liebe» (1981).9 Als Saless Ende 1986 in der Tschechoslowakei jedoch an Darmkrebs erkrankt, übernimmt ein rumänischer Kollege, der ebenfalls im Jahr 1974 in die Bundesrepublik exiliert ist, die Regie: Radu Gabrea (1937–2017). Wenige Jahre später produziert schließlich Manfred Korytowski den Fernsehfilm, der Saless’ letzter werden soll: «Rosen für Afrika» (1991) nach Fels’ gleichnamigem, 1987 publiziertem Roman.

Diesen Film gestaltet Saless zu einem harten, schonungslosen Selbstporträt: Der aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende 30-jährige Paul Valla lernt die etwa gleichaltrige Karola aus wohlhabendem Hause kennen. Er zieht zu ihr. Sie wird schwanger. Beide heiraten. Doch da Valla sein Glück nicht erträgt, zerstört er es – und die Menschen um ihn herum gleich mit.

SAID widmet Saless, als dieser zu den Dreharbeiten in München und Umgebung weilt, ein Gedicht. Es datiert vom 10.3.1991, porträtiert den Regisseur und schildert seinen Werdegang:

Für Sohrab Shahid Sales[s]

Deinen Blick
hast du im Iran gelassen,
den Darm in Bratislava;
eine Lunge in Paris
und eine Tochter in Bochum.
Dazwischen die Filme,
die uns trösten
in der Sprache der Langsamkeit.
Und dann der sprühende Geist als Krücke,
um die Erde zu fühlen.
Zum Schluß noch die Hotelsuite –
nobel genug für den Selbstmord?10
Zwei Männer beim Filmdreh im Gespräch einander zugewandt im Herbst: Eberhard Scheu und Sohrab Shahid Saless, Anfang 1991 bei den Dreharbeiten zum Fernsehfilm Rosen für Afrika
Eberhard Scheu und Sohrab Shahid Saless, Anfang 1991 bei den Dreharbeiten zum Fernsehfilm Rosen für Afrika. © Akademie der Künste, Berlin, Ursula-Kaatsch-Sammlung, Kaatsch 1978, Ursula Kaatsch

In der Bundesrepublik und der Tschechoslowakei realisiert Saless zwischen 1974 und 1991 insgesamt 13 deutschsprachige Spiel- und Dokumentarfilme. Sie werden auf nationalen und internationalen Festivals wie London und Locarno, Cannes und Chicago, Montreal und Toronto gezeigt – und meist prämiert. Saless wird 1984 Mitglied der West-Berliner Akademie der Künste, in der Sektion Film- und Medienkunst. Sein Film «Utopia» (1983) erreicht 1984 im öffentlich-rechtlichen Fernsehen trotz später Sendezeit über vier Millionen Zuschauer.

Doch Saless ist auch als kompromissloser Filmemacher bekannt; seine Stoffe gelten als «schwierig», die Filme als zu lang. Als sich private Sender ab 1984 etablieren, begeben sich die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit RTL, Sat1 und Co. in einen Wettbewerb, wobei die Quote mehr und mehr zum entscheidenden Kriterium wird. Dadurch wird es für Saless noch komplizierter, seine Filmprojekte durchzusetzen.

1990 kehrt er nach dem Ende des Ostblocks aus der Tschechoslowakei zurück. Im wiedervereinigten Deutschland gibt es jedoch keinen Platz mehr für Autorenfilmer*innen11 wie ihn. Trotz Treatments und Drehbüchern, die er einreicht, und Auszeichnungen wie dem Telestar 1992 und dem Großen Preis der Frankfurter Autorenstiftung 1994 entsteht nach «Rosen für Afrika» (1991) kein weiterer Film. Saless trinkt in dieser Zeit viel, wird wieder krank und verlässt Deutschland Ende 1994 Richtung Kanada. Ein Jahr später geht er in die USA, auch in der Hoffnung, dort neue Filme zu machen. Es kommt nicht dazu. Im Sommer 1998 stirbt Saless allein in Chicago. Das Filmmuseum München widmet ihm im März und April 1999 eine Retrospektive. Zu diesem Anlass erscheint in der «Süddeutschen Zeitung» auch ein Nachruf von Herbert Achternbusch. Er endet mit folgenden Worten:

Saless ist letztes Jahr am 2. Juli um halb zwei (nach unserer Zeit) in Amerika gestorben. Halbzwei im Juli ist viel was Längeres als im Februar. Nur Saless hat es geschafft, daß Halbzwei seine Ewigkeit wurde. Wenn ihm im Schneider um halb zwei zwischen 2 Zigaretten gar nichts einfiel, sagte Saless: Bllbll. Bllbll, sagte er oft, auch in San Francisco, es gab nicht wenige Augenblicke, Gegebenheiten und Straßen, zu denen man nichts als Bllbll zu sagen brauchte. Ein Essen beim Mexikaner, wie das war? Bllbll. Das Mädchen, das vorbeiging und nicht einmal einen Arsch im Gesicht hatte, sondern nur halbzwei? Bllbll. Fünf Wochen vor seinem Tod rief er mich an. Weißer N, sagte er. Was? Weißt du nicht mehr? Weißer N hast du mich genannt. Ja – wie geht es deinen Kindern? Kannst du mir bestätigen, daß ich in Deutschland ein Künstler war? Ja, gib mir deine Faxnummer. Nichts. Er wollte sich nur mit mir unterhalten, hab’s nicht kapiert. Bllbll.12

Vom Vergessen zur Wiederentdeckung: Sohrab Shahid Saless und sein filmisches Erbe

Anders als in seinem Geburtsland Iran gerät in der Bundesrepublik Sohrab Shahid Saless nach seinem Tod beinahe in Vergessenheit. Einzelne seiner Filme werden zwar hier und da aufgeführt. Doch erst eine Retrospektive 2016 in Berlin markiert den Beginn seiner Wieder- beziehungsweise Neuentdeckung. Seitdem machen es Werkschauen und Hommagen etwa in München und Frankfurt, Hannover und Köln, aber auch in Brüssel und London möglich, sich mit den Filmen dieses transnational lebenden und arbeitenden Autorenfilmers zu befassen.
Hinzu kommt: Saless’ in der Bundesrepublik entstandenen Filme werden seit mehreren Jahren mit Mitteln der Filmförderungsanstalt (FFA) restauriert und digitalisiert. Damit wird die Zugänglichkeit dieser langen Jahre in verschiedenen Archiven gelagerten Filme erleichtert.

Schließlich liegen inzwischen auch mehrere Publikationen auf Englisch und Deutsch vor, die sich unter anderem wissenschaftlich mit diesem iranischen «Weltenwanderer» befassen. Zu ihnen zählt auch die Buchtrilogie «Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless. Annäherungen an ein Leben und Werk», auf deren Erkenntnissen dieser Beitrag beruht.

zwei Männer sitzende nach rechts blickend: Herbert Achternbusch und Sohrab Shahid Saless, 1979. © Bert Schmidt: Sohrab Shahid Saless – Film im Kopf, München 2023.
Herbert Achternbusch und Sohrab Shahid Saless, 1979. © Bert Schmidt: Sohrab Shahid Saless – Film im Kopf, München 2023.
Vita: Sohrab Shahid Saless (1944–1998)

1944
Geboren am 28. Juni in Teheran in eine bürgerliche Familie.

Anfang der 1960er-Jahre
Nach dem Abitur Übersiedlung nach Wien. Er sucht seine leibliche Mutter, die früh die Familie verlassen hatte. Trotz enttäuschender Begegnung bleibt er in der Stadt, lernt Deutsch und beginnt ein Filmstudium. Saless lebt in prekären Verhältnissen, jobbt und erkrankt an Tuberkulose.

Ab 1964
Intensive Auseinandersetzung mit Anton Tschechow, dessen Einfluss später in Saless’ Filmen deutlich wird.

1966–1968
Fortsetzung des Filmstudiums in Paris. Mehrere Krankenhausaufenthalte prägen diese Zeit.

1968
Rückkehr in den Iran ohne Studienabschluss. Anstellung im Kulturministerium in Teheran, wo er innerhalb von zwei Jahren zwanzig Dokumentarfilme realisiert.

1973
Erster Spielfilm «Yek ettefaghe sadeh» («Ein einfaches Ereignis»). Der Film wird in Teheran ausgezeichnet und markiert einen Meilenstein der iranischen «Neuen Welle».

1974
Zweiter Spielfilm «Tabiate bijan» («Stillleben»). Beide Filme erhalten bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin mehrere Preise, darunter den Silbernen Bären. Abbruch der Dreharbeiten zu «Qarantineh» («Quarantäne») auf Druck der Behörden. Nervenzusammenbruch und Flucht ins Exil nach West-Berlin.

1974–1976
Arbeit im Exil in West-Berlin mit seiner zeitweiligen Lebenspartnerin und Drehbuch-Coautorin Helga Houzer. Entstehung der Filme «In der Fremde» (1975), «Reifezeit» (1976) und «Tagebuch eines Liebenden» (1977), die soziale Randexistenzen thematisieren.

1977–1979
Übersiedlung nach München. Zusammenarbeit mit deutschen Autoren und Filmschaffenden, u. a. Manfred Grunert. Freundschaft mit Herbert Achternbusch und dem Dichter SAID. Teilnahme an der Delegationsreise des Goethe-Instituts in die USA (1979).

1980–1987
Realisierung zahlreicher Spiel- und Dokumentarfilme: «Ordnung» (1980), «Grabbes letzter Sommer» (1980), «Anton P. Čechov – Ein Leben» (1981), «Empfänger unbekannt» (1983), «Utopia» (1983), «Der Weidenbaum» (1984), «Hans – Ein Junge in Deutschland» (1985) und «Wechselbalg» (1987). 1984 Aufnahme in die Akademie der Künste (West-Berlin).

Ende der 1980er-Jahre
Arbeit in der Tschechoslowakei. Erkrankung an Darmkrebs während der Vorbereitungen zum TV-Zweiteiler «Ein Unding der Liebe» (1988), dessen Regie er abgeben muss.

1991
Letzter Film «Rosen für Afrika» nach dem Roman von Ludwig Fels – ein schonungsloses Selbstporträt des Exilanten.

1994–1995
Verlässt Deutschland aus gesundheitlichen und beruflichen Gründen. Aufenthalt zunächst in Kanada, anschließend in den USA.

1998
Tod am 2. Juli in Chicago. Saless stirbt allein im Exil.

1999
Retrospektive seines Werks im Filmmuseum München.

Seit 2016
Zunehmende Wiederentdeckung seines filmischen Œuvres durch Retrospektiven, Restaurierungen und Digitalisierungen sowie internationale Publikationen.

*Das neue Sammlungsprofil des Literaturarchivs der Monacensia mit «Voices of Exile» nimmt auch exilantische und migrantische Stimmen in München in den Blick. Die im Archiv bewahrten Nachlässe – etwa von SAID und Bozorg Alavi – verweisen auf Erfahrungen des Exils. Bestände wie jener von Herbert Achternbusch illustrieren zugleich Münchens Rolle als Ort künstlerischer Begegnung, an dem sich Film und Literatur produktiv berührten. Mehr dazu im neuen Sammlungsprofil.

Lesetipp – vertiefende Artikel zu im MON Mag

  1. Herbert Achternbusch: Es ist ein leichtes beim Gehen den Boden zu berühren. Frankfurt/M. 1980, S. 144. ↩︎
  2. Ebd., S. 146. ↩︎
  3. Vgl. auch Manfred Grunert: Sohrab S. Saless – der nahe, ferne Freund. Die Arbeit mit Saless an «Utopia». In: Farschid Ali Zahedi: Sohrab Shahid Saless. Bericht über ein abgekürztes Leben. Oldenburg 1999, S. 88–91. ↩︎
  4. Die erste, bisher nachweisbare Filmkritik von Thomas Thieringer zu Sohrab Shahid Saless ist: Thomas Thieringer: Über Menschen, die kapitulieren. Im «Kleinen Fernsehspiel: ‹Reifezeit› von Sohrab Shahid Saless». In: Süddeutsche Zeitung. 15.7.1976, S. 7. ↩︎
  5. Farazi selbst ist ebenfalls kein Unbekannter in der Stadt: 1967, als der Schah auch München zu besuchen beabsichtigte, forderte das Ausländeramt den damaligen Studenten auf, den Regierungsbezirk Oberbayern für drei Tage zu verlassen. Als Farazi dem nicht nachkam, wurde er ausgewiesen. Seine Kommilitonen protestierten lautstark. Farazi konnte bleiben. Vgl. gsi: Protest gegen Ausweisung Farazis. In: Süddeutsche Zeitung. 15.12.1967, S. 15. ↩︎
  6. Vgl. Roja Dehdarian: Selbstentwürfe in der Fremde. Der iranische Schriftsteller Bozorg Alavi im deutschen Exil. Bamberg 2018 (= Bamberger Orientstudien 11), S. 318. ↩︎
  7. Vgl. ebd., S. 197–198. ↩︎
  8. Vgl. auch Behrang Samsami: Sonne in «Kaltland». Björn Pätzoldt über die von ihm mitbegründete erste «Ausländerpartei» in Deutschland. In: Politik & Kultur. Zeitung des Deutschen Kulturrates. 3/2020, S. 8. ↩︎
  9. Korytowski musste wie Lotte H. Eisner NS-Deutschland mit seiner jüdischen Familie verlassen und produzierte später so unterschiedliche Filme wie «Meister Eder und sein Pumuckl» (Regie: Ulrich König, 1982) und «Die Wannseekonferenz» (Regie: Heinz Schirk, 1984). ↩︎
  10. SAID: Für Sohrab Shahid Sales[s]. In: Zahedi: Sohrab Shahid Saless. Bericht über ein abgekürztes Leben, S. 3. ↩︎
  11. Als «Autorenfilmer» bezeichnet man einen Regisseur, der nicht nur inszeniert, sondern auch maßgeblich Idee, Drehbuch und ästhetische Gestaltung des Films verantwortet. Das Werk trägt damit eine klar erkennbare persönliche Handschrift und gilt als Ausdruck seiner künstlerischen Haltung. ↩︎
  12. Herbert Achternbusch: Verzweifelt all die Tage bis zum Grabe. Wo ich mit Sohrab Shahid Saless nach dem vierten Bier landete. In: Süddeutsche Zeitung. 25.03.1999, S. 18. Hinweis: Das N-Wort, das Achternbusch in «Es ist ein leichtes beim Gehen den Boden zu berühren» (1980), S. 144, verwendet und das Saless laut Achternbusch bei ihrem Telefonat wenige Wochen vor Saless’ Tod aufgreift, ist eine abwertende Bezeichnung für People of Colour und wird darum hier nicht ausgeschrieben. ↩︎

Autor*innen-Info

Profilbild Behrang Samsami

Dies ist ein Gastbeitrag von Behrang Samsami

Behrang Samsami (*1981, Urmia/Iran) studierte Neuere deutsche Literatur und Geschichte an der Freien Universität Berlin. Seine Dissertation «Die Entzauberung des Ostens. Der Orient bei Hermann Hesse, Armin T. Wegner und Annemarie Schwarzenbach» erschien 2010. Er ist Mitherausgeber der zwei Bände umfassenden Publikation «Das riskante Projekt. Die Moderne und ihre Bewältigung» (2011/2015) und veröffentlichte zum deutschsprachigen «Orientalisten» Essad Bey alias Leo A. Nussimbaum.

Es folgte eine Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Samsamis Schwerpunkte umfassen Migration und (Exil-)Literatur, Transkulturalität und Film. 2023 veröffentlichte er mit «Die langen Ferien des Sohrab Shahid Saless. Annäherungen an ein Leben und Werk» eine Buchtrilogie über den gleichnamigen iranischen Drehbuchautor und Autorenfilmer. Für das Filmfest München kuratierte Samsami 2024 mit dem Filmemacher Daniel Asadi Faezi eine Hommage an den lange Jahre im deutschen Exil lebenden Regisseur. Foto © privat.

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