Wer war Mia Holm, die Dichterin zwischen Riga und München, deren Verse von tiefer Mutterliebe und schmerzhaftem Verlust erzählen? Ihre Gedichte fanden einst große Resonanz – und gerieten dennoch fast in Vergessenheit. Eine Spurensuche im deutschen Zeitungsportal, durch Lieder, Literaturkritik und eine zufällige Begegnung in München. Was verbirgt sich hinter Mia Holms «erfülltem Traum»?
Elena von Schlieffen im dritten Teil zu den deutschbaltischen Autorinnen.
Lyrik aus Liebe und Schmerz: Mia Holms poetisches Werk im Spiegel der Zeit
Während der Recherche zu deutschbaltischen Autorinnen des 19. Jahrhunderts stoße ich auf die 1845 in Riga geborene Dichterin Mia Holm. Im Nachlass ihres Sohnes, dem Münchner Verleger und Schriftsteller Korfiz Holm, finden sich nur einige Dokumente, die ihr Schaffen zeigen. Das deutsche Zeitungsportal eignet sich gut für eine Recherche nach Beiträgen der hier porträtierten Autorin und dient zugleich als Quelle für Rezensionen ihrer Werke.
«Kinderlieder» von Mia Holm: Frühe Poesie zwischen Fantasie und Fürsorge
Die «Nordische Rundschau» veröffentlicht 1885 Mia Holms «Kinderlieder». Für die Rubrik «Vom Büchertisch. Literarische Besprechungen» derselben Zeitung verfasst ihre Zeitgenossin Laura Marholm eine Rezension über Gottfried Kellers «Der grüne Heinrich». Ob sich die beiden Schriftstellerinnen je begegnet sind? Hier eines der sechs Gedichte aus den «Kinderliedern»:
Der schönste Raum
Das Kinderzimmer,
Da gleitet Lust
Wie Sonnenschimmer.
Die Nischen hier
Voll Wunder stecken
Und Engel steh'n
In allen Ecken.
Und Lüfte weh'n,
Die Schmerzen lindern
Hier bin ich Kind
Mit meinen Kindern.
Möglicherweise lebt die in deutscher Sprache schreibende Mia Holm zu dieser Zeit noch in Riga oder Russland. Sowohl die Publikation in einer norddeutschen Zeitung als auch die Ortsangabe hinter ihrem Nachnamen – Mia Holm in Riga – weisen darauf hin.
Mia Holm in der Literaturkritik: Rezensionen und Veröffentlichungen im 19. Jahrhundert
Im Dezember 1887 findet sich der Name Mia Holm in der Beilage zu Nr. 309 der «Karlsruher Zeitung» in der Rubrik «Literatur»:
Nach einigen inhaltreichen Worten des Herausgebers ‹An die Leser› […] folgt eine Novellette in Versen von Mia Holm, ‹Ein erfüllter Traum› benannt.
Anschließend wird Leonhard Marholm erwähnt, eines der Pseudonyme der deutschbaltischen Autorin Laura Marholm:
Leonhard Marholm zeichnet in anmuthigem Erzählungstone ‹Die Volkshochschulen in Dänemark›.
Die Nennung beider Autorinnen in demselben Artikel ist interessant und wird die weitere Recherche nach möglichen gemeinsamen Kreisen der beiden Autorinnen beeinflussen.
Ebenfalls im Dezember 1887 tauchen in der «Berliner Börsen-Zeitung» Nr. 604 unter der Rubrik «Büchertisch» Mia Holms «Ein erfüllter Traum» und der Name Leonhard Marholm in einer ähnlichen Formulierung auf.
[…] folgt eine Novellette in Versen von Mia Holm, ‹Ein erfüllter Traum› benannt, der poetische Niederschlag einer psychologischen Studie, wenn nicht etwa einer individuellen Erfahrung. Leonhard Marholm, dem wir sonst hier und da als Kritiker begegnet sind, zeichnet in anmuthigem Erzählungstone ‹Die Volkshochschulen in Dänemark› auf der Grundlage offenbar kundigster Einsicht in das Volksleben jenseits der Könisgsau und des kleinen Beltes.
Mit der individuellen Erfahrung ist womöglich der Tod des Kindes von Mia Holm gemeint; dieser beeinflusste das Werk der Dichterin – eine interessante Spur, die jeden Fall weiterverfolgt werden sollte. Die «Mutterlieder» sind gewidmet
Allen, die ein Kind geboren, Jeder, die ein Kind verloren.
«Mutterlieder» als Trauerlyrik: Verlust, Mutterschaft und dichterischer Ausdruck
In der Beilage zur «Norddeutschen Allgemeinen Zeitung» werden die «Mutterlieder» von Mia Holm 1902 unter der Rubrik «Die Seele des deutschen Weibes in seiner modernen Lyrik» besprochen:
In ihrem Gedichtbuch ‹Mutterlieder› hat Mia Holm uns eine Reihe Gedichte geschenkt, welche von echtestem, tiefstem Muttergefühl durchglüht sind. Zuweilen athmen diese Werke eine schöne Naivität, die an das Volkslied anklingt.
Es spricht dafür, dass Mia Holm ihre Trauer über den Verlust ihres Kindes in den «Mutterliedern» ausdrückt, hierzu ein weiterer Auszug aus dem Artikel:
Des Weibes Glück, des Weibes Schicksal hat Mia Holm in reicher Fülle erfahren. Mitten in den Sonnenschein der Weibes- und Mutterschaft trat der Tod; die Schatten dieses Ereignisses fallen in ihre Bücher […].
Trotz ihres Schicksalsschlags wird der Dichterin Klarheit ihrer Gefühle und goethesche Heiterkeit des Wesens attestiert. Das Trauergedicht «Die Nadel fliegt, die Wangen brennen», in dem es um das Nähen eines Totenkleides geht, spräche ebenfalls für den Ausdruck des Verlustes ihres Kindes.


Münchner Zufall, literarisches Glück: Mia Holm und der Weg zu Albert Langen
Nach einigen Aufenthalten in München zu Beginn der 1890er-Jahre macht die Dichterin 1895 länger Station in der Wahlheimat ihres Sohnes Korfiz Holm. Diesmal folgt die Publikation der «Mutterlieder». Allerdings finden diese eher zufällig ihren Weg zum Albert Langen Verlag. Korfiz Holm beschreibt die Begegnung zwischen Mia Holm und dem Verleger Albert Langen 1932 anekdotenhaft in seinem «ich kleingeschrieben: heitere Erlebnisse eines Verlegers» in dem Kapitel: «Wie ich zu Albert Langen kam und Björnstjerne Björnson kennen lernte».
Natürlich: Albert Langen! Ja, und Kaulbachstraße 51a, das stimmt. Er hat also im gleichen Haus wie Josef Albert sein Büro.› ‹Fui neein, wie dumm!› wehklagte meine Mutter, da sie ihren Irrtum nun begriff. ‹Dann jing ich also falsch. Nu hab ich mich schon so jefreeut, und nu is wieder nichts.› […] Am nächsten Tag ging sie zu Langen, der ihr hohes Lob für ihre Lieder spendete. Dann hatten sie in fünf Minuten alles festgemacht.
In den darauffolgenden Jahren publiziert der Langen Verlag nicht nur Mia Holms Beiträge in seinem «Simplicissimus», sondern veröffentlicht 1900 auch ihre Liebesgedichte «Verse».
Mia Holms zufällige und recht amüsante Begegnung mit Albert Langen in der Kaulbachstraße 51 in München wird in der «Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung» 1928 in der Rubrik «Der Weg des deutschen Buches» im Artikel über «Albert Langen» geschildert:
Wenn der Romandichter Holm sich gutgelaunt ‹den Sohn der Mutterlieder› nennt, weist er auf die […] begabte Mia Holm, seine Mutter. Als Korfiz den Platz, den er heute einnimmt, noch nicht einmal umwitterte, riet er ihr, ihre Gedichte einem Münchener Verleger Joseph Albert anzubieten. Im selben Hause wohnte auch Albert Langen. Die kurzsichtige Frau verfehlte die gesuchte Tür und geriet, durch ‹Albert› verleitet, in die des falschen Langen, der erst richtig werden sollte. Im Nebenzimmer hört er, eine Frau stelle die bescheidene Autorenfrage. Ihn plagt gerade die Verlegersorge des Anfängers. Er stürzt heraus, liest, nimmt und schlägt so die Brücke, über die dann auch der Sohn geht. Nicht nur Bücher, auch Verleger haben ihre Schicksale.
Die Breslauer Dichterschule: Literarische Netzwerke des 19. Jahrhunderts
Mia Holm ist als Mitglied der Breslauer Dichterschule in der Rubrik «Schriftsteller» aufgelistet. Der Verein nahm nur literarisch aktive Mitglieder auf und verfolgte das Ziel, das literarische Leben in Breslau zu fördern. Der anfangs regional orientierte Verein ließ später auch auswärtige Mitglieder zu. So las der junge Gerhart Hauptmann 1881 hier seine Gedichte vor. Wie aktiv Mia Holm in diesem Kreis war, ist bislang ungewiss. Hauptmann hatte später Kontakt zu dem Ehepaar Marholm-Hansson sowie zu anderen deutsch-skandinavischen Schriftstellerinnen, darunter die schwedische Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf. Das Ehepaar Marholm-Hansson sah Hauptmann als die vielversprechendste Gestalt der deutschen Literaturszene. Entstand über Hauptmann vielleicht ein Kontakt zwischen Mia Holm und Laura Marholm?
Dem Leben und Wirken der Dichterin Mia Holm bleibe ich weiterhin auf der Spur. Denn ich teile Ludwig Thomas Meinung über Mia Holm keineswegs: Der bayerische Schriftsteller bezeichnete ihre Prosabeiträge als «aufgestapelte Schundgeschichten» und «gerade noch geeignet für die Gartenlaube». Dafür ist der wunderbare Schatz ihrer Gedichte dann doch zu groß.
Literaturtipp und MON Mag-Artikel:
- Deutschbaltische Autorinnen in Bayern: Laura Marholm und Mia Holm im literarischen Porträt – (14.1.2026)
- Laura Marholm – Ein literarisches Leben zwischen Riga, Kopenhagen und München – (25.2.2026)
- Elena von Schlieffen: «Schreiben als Emanzipation Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Betrachtung des literarischen Schaffens der deutschbaltischen Schriftstellerinnen Laura Marholm und Mia Holm», Bachelorarbeit, Ludwig-Maximilians-Universität, München, 2022.
Zum Weiterlesen: Deutsch-baltische Autorinnen im Kontext von #FrauenDerBoheme – Teil 3
Dieser Beitrag schließt die dreiteilige Reihe zu deutsch-baltischen Autorinnen des 19. Jahrhunderts im MON Mag ab. Im Mittelpunkt stehen Mia Holm und Laura Marholm, deren literarische Netzwerke zwischen Riga, Berlin und München verlaufen und neue Perspektiven auf die literarische Kultur des 19. Jahrhunderts eröffnen. Der dritte Teil widmet sich insbesondere Mia Holms Lyrik – ihren «Mutterliedern» zwischen persönlichem Verlust und poetischem Ausdruck. Als Teil des Dossiers «Thomas Mann und das literarische München», der digitalen Ausstellung, fügt sich der Beitrag in diesen Kontext ein und denkt zugleich die Themen der Ausstellung «Frei leben! Die Frauen der Boheme» (#FrauenDerBoheme) über deren Rahmen hinaus weiter.



