Zwei deutschbaltische Autorinnen schreiben sich frei: Laura Marholm und Mia Holm verlassen das konventionelle Riga, knüpfen literarische Netzwerke zwischen München, Berlin und Skandinavien – und behaupten sich mit ihren Texten in einer männlich dominierten Literaturwelt. Zwischen Kritik, Erfolg und innerem Ringen entstehen ihre eigenen Stimmen.
Elena von Schlieffen erzählt in ihrer dreiteiligen Reihe im MON Mag davon. Teil 1 jetzt lesen.
Laura Marholm und Mia Holm: Deutschbaltische Autorinnen zwischen Riga und Bayern
Es war ungewöhnlich und für viele Zeitgenoss*innen um die Jahrhundertwende des 19. Jahrhunderts eine Sensation, wenn livländische Frauen aus ihrem vorgezeichneten Leben als Lehrerin und Hausfrau im gesellschaftlich starren und familiär beengten Riga ausbrachen.
Ein Wagnis in den Augen vieler, meist männlicher Autoren, und generell eine Besonderheit stellten schreibende Frauen wie Laura Marholm und Mia Holm dar. Zunächst unter Pseudonym verdienten sie ihren Lebensunterhalt als Autorinnen. Angesichts vernichtender Kritiken und mühsamer gesellschaftlicher und familiärer Gegebenheiten war der Beruf des Schreibens oftmals nur unter kräftezehrenden Umständen mach- und schaffbar.
Frühe Kritik, gesellschaftlicher Widerstand und literarischer Anspruch
Laura Marholm kritisierte zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere die engen Verhältnisse der Rigaer Gesellschaft und äußerte sich zudem politisch in den lokalen Zeitungen. Später brachten ihr ihre regelmäßigen Beiträge in der Berliner Literaturzeitschrift «Freie Bühne» den Ruf einer «modernistischen Kritikerin» ein. Zudem wurde sie wegen ihrer antimodernen Meinungsäußerungen und öffentlichen Stellungnahmen zur sogenannten Frauenfrage als ambivalente Feministin gesehen.
Laura Marholm und Mia Holm reisten jeweils zunächst ohne Begleitung durch Europa und knüpften für ihre schriftstellerische Selbstständigkeit wichtige Kontakte zu gleichgesinnten Schriftsteller*innen und Verlegern. Oftmals wechselten sie ihre Wohn- und Arbeitsorte und waren so im fortwährenden Austausch mit anderen Autor*innen, Intellektuellen und Verlegern.
Das Schreiben als Erwerbstätigkeit gestaltete sich als zäh. Dazu trugen hauptsächlich die geringe Akzeptanz einer berufstätigen, schreibenden Frau und die Abhängigkeit von der Gunst der Verleger bei. Ein Rechtsstreit der Marholm-Hanssons mit dem Albert Langen Verlag in München war demnach umso zehrender und das Leben der Familie ständig von finanziellen Sorgen geprägt.
Laura Marholms Konvertierung zum Katholizismus in Bayern und ihre daraus resultierende Weltsicht prägten auch ihre belletristischen Werke. Die Psyche der Frau, die «Frauenseele», wie sie sagte, beschäftigte sie zeitlebens. Am 9. August 1900 schrieb das «Düsseldorfer Volksblatt» über sie:
Selten wird man Stimmungen und Kämpfe der Frauenseele psychologisch überzeugender und gestaltungsmächtiger geschildet finden, teils umrahmt von Scenen voll intimen Naturreizes, teils von Scenen, die eines frischen Humors und feinen Satire nicht entbehren, Kabinettsstücke von hervorragender Gemütstiefe und warmer Innigkeit des Empfindens.
Einige Jahre später zieht Laura Marholm mit ihrem Mann Ola Hansson nach München, 1905 verbringt sie einige Monate in der «Kreisirrenanstalt» im Osten der Stadt.
Mia Holm: Späte Anerkennung für eine stille Stimme
Die Lyrikerin Mia Holm ist hauptsächlich durch den Namen ihres Sohnes ein Begriff: den Langen-Verleger Korfiz Holm. Sie lebte wie Laura Marholm um 1895 in München. Ihr Gedichtband «Mutterlieder» machte sie mit knapp 50 Jahren bekannt – dass dieser im Albert Langen Verlag erschien, war eher einem Zufall geschuldet. Vermutlich hatte sie bereits um 1878, im Alter von 33 Jahren, erstmals Gedichte veröffentlicht, die positiv rezensiert wurden. Im «Handbuch literarisch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825–1933» wird Mia Holm als Mitglied der Breslauer Dichterschule lediglich unter der Rubrik «Schriftsteller» als Fabrikbesitzer-Witwe aus Riga aufgelistet.
Der norwegische Dichter Bjørnstjerne Bjørnson rezensierte 1897 Mia Holms «Mutterlieder» im «Simplicissimus»:
Es ist ein schöner Zufall, daß eine junge Mutter mit feiner poetischer Begabung die Gefühle der Mutterschaft in naiven kurzen Versen, kleinen musikalischen Wundern, schildern konnte. Schon die ersten drei vierzeiligen Strophen sind Perlen, die ihre Komponisten schon finden werden.
Laura Marholm: Literarischer Widerhall und öffentliche Debatte
Laura Marholms «Das Buch der Frauen» wird 1895 vom Münchner Albert Langen Verlag publiziert und in mehrere Sprachen übersetzt. Es erreicht eine breite, wenn auch ambivalent rezipierende Leserschaft. Die Münchner «Skandalgräfin» Franziska zu Reventlow bezog sich 1898 in ihrem Essay «Das Männerphantom der Frau» auf Laura Marholms «Buch der Frauen»:
Laura Marholm hätte richtiger getan, wenn sie ihr Werk ‹Das Buch der hysterischen Frauen› betitelt hätte […].
Im selben Jahr erreicht auch die Essaysammlung «Wir Frauen und unsere Dichter» große Bekanntheit. Nach einer langen Schaffenspause widmet sich Laura Marholm ab 1915 erneut dem Schreiben. Sie schreibt über sozialistische Themen und die Arbeiterbewegung und vertritt ihre Ansichten über die Frauenfrage nicht mehr ganz so strikt wie noch 20 Jahre zuvor.
Der Austausch mit den Schriftsteller*innen Ellen Key, George Egerton und Lou Andreas-Salomé prägt ihre Haltung zur Frauenfrage, und die daraus resultierenden Veröffentlichungen führen in Laura Marholms Leben sowohl zu literarischen Erfolgen als auch zu kontroversen Diskussionen. Ihre öffentliche Meinung und auch ihre eigenen literarischen Werke waren stets geprägt von ihrer Haltung zur gesellschaftlichen Stellung der Frau und zur weiblichen Psyche. Sie plädierte dafür, dass die Frauen ihre «ganze Weibnatur» zurückerlangen sollten.

Literarische Spuren zwischen Riga, München und Europa
Durch das Reisen und den ständigen Wechsel ihrer Wohnorte und Wirkstätten in Europa verbanden die literarischen Stimmen von Mia Holm und Laura Marholm die skandinavischen Länder mit dem Norden und Süden Deutschlands und Europas. Ihre Stationen sind nicht mehr genau nachvollziehbar. Einzig die Tatsache, dass beide Schriftstellerinnen ihre Werke in deutscher Sprache verfassten und ihre Familien in Riga einer deutschsprachigen Minderheit angehörten, ermöglichte das Auffinden und den Zugang zu ihren Veröffentlichungen.
Die Veröffentlichungen beider Schriftstellerinnen spiegeln eine lebendige Literaturgeschichte und den gesellschaftlichen Wandel um 1900 wider, der geprägt war von Debatten der Frauenbewegung und sozialen Themen. Ihre Werke sind inhaltlich – und womöglich auch in ihrer Geisteshaltung – konträr, da sie von unterschiedlicher literarischer Natur sind. Dennoch lohnt es sich, diese beiden Frauen zu entdecken und (wieder) zu lesen.
Es findet sich ein wunderbar vielfältiges Portfolio geistreicher Ideen, kreativer Abhandlungen, kritisch-moderner Äußerungen und ein Einblick in intellektuelle, selbstbestimmte Lebensweisen.
Wie es weitergeht: Laura Marholm und Mia Holm
In Teil 2 steht Laura Marholm im Zentrum: ihr Schreiben, ihre Münchner Jahre und ihre widersprüchliche Haltung zur Frauenfrage.
Teil 3 widmet sich Mia Holm, ihrer späten Anerkennung, ihrer lyrischen Stimme und ihrer literarischen Verortung zwischen Riga und München.
Elena von Schlieffen erzählt weiter – demnächst im MON Mag.
Deutschbaltische Autorinnen neu entdecken
Zwischen Riga, München und den literarischen Zentren Europas machen Laura Marholm und Mia Holm sichtbar, wie vielschichtig weibliches Schreiben um 1900 war – und wie mühsam der Weg zu Anerkennung sein konnte. Ihre Texte erzählen von Aufbruch und Widerspruch, von Selbstbehauptung und literarischer Netzwerkarbeit jenseits nationaler Grenzen. Die dreiteilige Reihe im MON Mag lädt dazu ein, diese heute kaum gelesenen Stimmen neu zu entdecken und ihre Bedeutung für Literatur-, Frauen- und Kulturgeschichte zu würdigen. Teil 1 ist der Auftakt – die Porträts von Laura Marholm und Mia Holm werden fortgesetzt.
Literaturtipp
- Elena von Schlieffen: «Schreiben als Emanzipation Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Betrachtung des literarischen Schaffens der deutschbaltischen Schriftstellerinnen Laura Marholm und Mia Holm», Bachelorarbeit, Ludwig-Maximilians-Universität, München, 2022.
Bildnachweis: Artikelbild: KI-generierte Illustration.



