Der Komponist und Literaturwissenschaftler Fredric Kroll (1945–2026) widmete einen Großteil seines Lebens dem Werk von Klaus Mann. Mit der monumentalen «Klaus-Mann-Schriftenreihe» schuf er eines der umfassendsten Projekte zur Erforschung des Exilschriftstellers. Sein eigenes Leben verlief nicht minder kompromisslos – geprägt von künstlerischem Ehrgeiz, akribischer Forschung und existentiellen Erfahrungen. Ein Nachruf von Anatol Regnier.
Fredric Kroll: Herkunft, Musik und die Entdeckung von Klaus Mann
Zunächst die Eckdaten: Fredric Joseph Kroll, Komponist und Klaus-Mann-Forscher, wird am 7. Februar 1945 als Kind jüdischer Eltern in Brooklyn, New York geboren. Die Großeltern väterlicherseits sind 1905 aus Weißrussland eingewandert. Der Vater Alexander Kroll ist Klavierlehrer, die Mutter Sarah Anna Mahler, 1908 in Warschau geboren und als Zweijährige mit den Eltern in die USA gekommen, ist Grundschullehrerin.
Fredric ist ein eigenwilliger Knabe mit starkem Unabhängigkeitsdrang, der ihm nicht immer zum Vorteil gereicht. Er weigert sich, vom Vater Taschengeld anzunehmen, und kann sich deswegen weniger leisten als seine Spielkameraden. Er gibt seiner Großmutter das von ihr geschenkte Fahrrad zurück und lernt dadurch nie Radfahren. Er gelobt, nie wieder Klavier zu üben, weil eine Lehrerin ein von ihm gespieltes Stück zu lang findet, und verbaut sich damit eine mögliche Karriere als Korrepetitor oder Dirigent.
In der Schule langweilt er sich. Was ihn interessiert, weiß er schon; was ihn nicht interessiert, will er nicht wissen. In seiner Klasse lernt er als Einziger kein Hebräisch, seine Bar Mizwa ist für ihn eine Qual. Seine Liebe gilt der Musik. Verdi und Puccini sind seine Helden, Tschaikowski ist sein Gott. So wie sie will er komponieren, auch wenn er es damit schwer haben wird.
Als Fünfzehnjähriger entdeckt er Klaus Manns Tschaikowski-Roman «Symphonie Pathétique», 1935 im Amsterdamer Querido-Verlag auf Deutsch erschienen, 1948 von ihm ins Englische übertragen. Der Eindruck ist nachhaltig. Fredric Kroll erkennt sich selbst wieder. Er liest den «Wendepunkt», «Treffpunkt im Unendlichen» sowie «Die Heimsuchung des europäischen Geistes», Klaus Manns letzten Text, vollendet wenige Tage vor seinem Tod. «Es war und ist der Selbstmörder Klaus Mann, der mich am meisten interessiert», bekennt Fredric Kroll später.
Er kann nicht vergessen, dass sechs Monate nach seiner Geburt Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki fielen, abgeworfen von den Amerikanern, die soeben dabei sind, einen neuen Krieg in Vietnam zu beginnen. Damit will er nichts zu tun haben. Er verzichtet auf ein Musikstudium, studiert Germanistik an der University of Rochester und promoviert mit dem Thema «Klaus Mann und die Synthese von Moral und Schönheit», ob in deutscher oder englischer Sprache, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Perfektion, mit der er später Deutsch schreibt, ist Teil seines Phänomens.
Wann hat er Deutsch gelernt? Die Frage bleibt bis zu seinem Lebensende unbeantwortet. Er konnte es eben, mit einem an Goethe, Heinrich Heine und Thomas Mann geschulten Wortschatz. Vielleicht war es eine Verbeugung vor Klaus Mann, der nach spätem Anfang seinerseits ein nahezu perfektes Englisch schrieb.
1969 zieht Fredric Kroll nach Deutschland, sowohl um dem Vietnam-Krieg zu entgehen, als auch um Klaus Mann näherzukommen. Er kontaktiert den Herausgeber Martin Gregor-Dellin, interviewt Golo Mann, darf mit Katia Mann Tee trinken und ist, wie er selbst sagt, «wahrscheinlich zum einzigen Mal in seinem Leben» zur «rechten Zeit am rechten Ort». Vieles in Klaus Manns Nachlass ist noch unerschlossen und zudem auf Englisch. Hier kann Fredric Kroll helfen. Tagelang sitzt er über Papiere gebeugt in seinem Hotelzimmer, in direktem Kontakt mit seinem Idol, eine unglaubliche Erfahrung.
Die Klaus-Mann-Schriftenreihe: Ein Lebenswerk gegen das Vergessen
1970 lernt Fredric Kroll Klaus Blahak kennen. Der mittelständische Unternehmer aus Wiesbaden war schon als Abiturient von Klaus Mann fasziniert und genoss das Vertrauen der kürzlich gestorbenen Erika Mann. Gemeinsam beschließen sie, eine Schriftenreihe zu gestalten, die Leben und Werk Klaus Manns von Anfang bis zum Ende darstellen soll.
Ein gewagtes Unternehmen. Denn der Schriftsteller Klaus Mann ist im Nachkriegs-Deutschland fast gänzlich vergessen – der S. Fischer Verlag war 1952 nur nach energischer Aufforderung durch Thomas Mann bereit, den «Wendepunkt» herauszubringen. Das Verbot des «Mephisto»-Romans durch Gustaf Gründgens und seine Erben beschäftigt die Feuilletons, aber wer diesen kaufen will, muss in die DDR reisen. In bundesdeutschen Buchhandlungen ist Klaus Mann so gut wie nicht vorhanden.
Die Herausgeber geben sich unbeirrt. Klaus Mann müsse Gerechtigkeit widerfahren, sein Name dürfe nicht vergessen werden. Mit viel Idealismus und noch mehr gutem Glauben gehen sie zu Werk: Statt die Reihe mit einer schwungvollen Ouvertüre einzuleiten, die Leserinnen und Leser neugierig macht, tragen sie in einer «Bibliographie» alles zusammen, was Klaus Mann selbst verfasst hat und andere über ihn geschrieben haben, insgesamt 3097 Titel. Sie dokumentieren damit sowohl Klaus Manns erstaunliche Kreativität, als auch die Wirkung, die von ihm ausging. Breites Interesse erwecken kann ein solches Register nicht.
Die «Bibliographie», offiziell Band 1 der Reihe, erscheint 1976 in einfacher Ausstattung in einer aus Eigenmitteln extra dafür gegründeten «Edition Klaus Blahak». Das Echo ist enttäuschend.

Schier endlose Reise in Sachen Klaus Mann
Fredric Kroll, der eigentlich als Komponist reüssieren will, schiebt Ambitionen beiseite und begibt sich auf eine schier endlose Reise in Sachen Klaus Mann. Als Co-Autor kommt Klaus Täubert hinzu, Publizist und Literaturwissenschaftler, Hauptautor ist Kroll selbst. Nach und nach erscheinen die folgenden Bände:
- 1977 Band 2 «Unordnung und früher Ruhm 1906–1927»
- 1980 Band 3 «Vor der Sintflut 1927–1933»
- 1985 Band 5 «Traum Amerika 1937–1942»
- 1996 Band 6 «Tod in Cannes 1942–1949».
Die Qualität ist überragend. Klaus Manns Leben wird nicht nur geschildert, sondern eingebettet in sein Umfeld und seine Zeit, mit Querverweisen auf frühere und spätere Äußerungen, seine Freundschaften, seine Hoffnungen und Depressionen, seine Erfolge und Niederlagen, ein quasi dreidimensionales Bild einer einmaligen Persönlichkeit entsteht. Man kann nur staunen, mit welcher Mühe und Sorgfalt hier gearbeitet wurde.
Aber mittlerweile sind zwanzig Jahre vergangen, die Zeiten haben sich geändert. Der «Mephisto»-Film von István Szabó war ein Welterfolg, das «Mephisto»-Theaterprojekt von Ariane Mnouchkine ein europäisches Ereignis. Klaus Mann ist Kultfigur geworden, der Rowohlt Verlag bringt sein Gesamtwerk heraus. Fredric Krolls und Klaus Täuberts «Klaus-Mann-Schriftenreihe» dämmert derweilen im Abseits vor sich hin. Klaus Blahak ist 1990 gestorben, die «Klaus-Blahak-Edition» gibt es nicht mehr, die bisherigen Bände sind entweder vergriffen oder liegen irgendwo herum. Ein entscheidender 4. Band steht noch aus.
Was tun? Der Männerschwarm Verlag, damals mit Sitz in Hamburg, springt ein, im Dienst der guten Sache, aber mit erheblichem Bauchgrimmen: Wie soll man in den 2000er-Jahren ein Projekt zu Ende bringen, das in den 1970er-Jahren unter gänzlich anderen Voraussetzungen begonnen wurde? Wie soll es sich je rechnen? 2002 wird vereinbart, Restexemplare der «Klaus-Blahak-Edition» zu übernehmen und zu herabgesetzten Preisen zu verkaufen. Mit dem Erlös soll eine Neuausgabe des 1950 von Erika Mann initiierten Erinnerungsbuchs «Klaus Mann zum Gedächtnis» finanziert werden. Währenddessen soll Fredric Kroll Band 4 fertigstellen, und 2003 soll die Reihe als Ganzes neu erscheinen. Aber der Verkauf der Restexemplare deckt nicht einmal die Druckkosten des Erinnerungsbuchs, und Frido Mann gibt bisher unveröffentlichte Tagebücher seines Onkels frei, was den Forschungsstand verändert.
Fredric Kroll, der gegen Windmühlenflügel kämpfende Kulturpionier, setzt sich noch einmal mehrere Jahre an den Schreibtisch und vollendet das, was er angefangen hat. 2006 erscheint der Doppel-Band «Repräsentant des Exils 1933–1937» und «Im Zeichen der Volksfront – 1935–1937». Dreißig Jahre nach Beginn des Projekts ist die «Klaus-Mann-Schriftenreihe» komplett: 3000 Seiten dichtestes biografisches Material, literarisch anspruchsvoll, sprachlich makellos.
Die Literaturwissenschaftlerin Inge Jens schreibt:
Es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass man, wenn man – hilfesuchend – ein Buch aufschlägt, nicht nur findet, was man gesucht hat, sondern auch sehr vieles, was man nicht gesucht hat, was aber, wie man dann feststellt, zum umfassenden und weiterführenden Verständnis des Textes unentbehrlich ist. Man liest sich auf der Stelle fest, fasziniert von der sachlichen Kompetenz, der detaillierten Recherche, sowie von der Empathie des Autors für seinen ‹Helden›, für dessen Erfolge und Misserfolge, seine Triumphe, seine Lebensangst und Trauer.

Späte Jahre von Fredric Kroll: Musik, Erinnerungen und ein stilles Ende
Fredric Kroll wendet sich wieder der Musik zu, vermutlich in der Hoffnung, einen Durchbruch zu erleben wie Klaus Mann ihn hatte. Höhepunkt ist eine Aufführung seiner Oper «The Scarlet Letter» in Hamburg im Jahr 2014. Er hat sie noch als Schüler begonnen und sein Leben lang daran gearbeitet. Kleinere Aufführungen folgen, aber der Durchbruch bleibt aus. 2015, zu seinem 70. Geburtstag, gestaltet der Männerschwarm Verlag ein Buch für ihn mit Würdigungen von Kolleginnen und Kollegen, die seinen Weg begleitet haben. Materiell geht es ihm immer schlechter. Mit seiner Arbeit für Klaus Mann hat er kaum etwas verdient.
2021 beginnt er, die Geschichte seiner Kindheit und Jugend aufzuschreiben. Schonungslos, auch gegen sich selbst, schildert er die Zwänge seiner jüdischen Familie, seine Ausgrenzung in der Schule, seine Einsamkeit und Verlorenheit, seine sexuellen Nöte, in seinem Fall nicht homosexueller Art wie bei Tschaikowski und Klaus Mann, aber deswegen nicht weniger quälend – kein Wunder, dass ihm gerade diese beiden so nah sind.
Sein Hauptthema ist die Vergeblichkeit: „Es setzte sich bei mir die Überzeugung fest, dass ich Kostbares der Welt zu schenken hätte, aber die Welt würde es niemals haben wollen.“ Seine Aufzeichnungen beginnt er mit dem Sophokles-Zitat: „Nicht geboren zu werden, ist weitaus das Beste.“
Irgendwann hat Fredric Kroll keine Lust mehr – oder ist es ein Aufbäumen, eine Trotzhaltung wie zu Schulzeiten? Er schreibt einen Abschiedsbrief, unternimmt einen Suizidversuch, wie es Klaus Mann im Herbst 1948 getan hat – und überlebt wie er. Zu seinem 80. Geburtstag im Februar 2025 kommen Freundinnen und Freunde nach Freiburg, seine Musik wird gespielt, er macht einen glücklichen Eindruck. Im Dezember 2025 beschließt er seine Aufzeichnungen. Sie enden vor seiner Beschäftigung mit Klaus Mann. Danach liegt er nur noch im Bett und stirbt vollkommen verarmt, aber anscheinend zufrieden am 12. Februar 2026 in einem Freiburger Pflegeheim, aufrichtig betrauert von vielen Menschen, die ihn geschätzt und geliebt, aber auch nie ganz verstanden haben.
Die «Klaus-Mann-Schriftenreihe» bleibt ein verborgenes, im Buchhandel kaum präsentes Monumentalwerk. Golo Mann nennt sie:
Bei Weitem das Erschöpfendste, was je über diesen ‹human case› geschrieben wurde.
An den ‹human case› Fredric Kroll sei hiermit erinnert.
Kontext
Fredric Kroll (1945–2026) war Komponist und Literaturwissenschaftler. Bekannt wurde er vor allem durch die von ihm herausgegebene «Klaus-Mann-Schriftenreihe», die zwischen 1976 und 2006 entstand und zu den umfangreichsten Dokumentationen über Leben und Werk des Exilschriftstellers Klaus Mann zählt. Auf mehr als 3000 Seiten versammelt sie Materialien, Kommentare und biografische Rekonstruktionen und gilt in der Forschung bis heute als eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der deutschsprachigen Exilliteratur.
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Auch über Klaus Mann hat Anatol Regnier für das MON Mag geschrieben:
«Klaus Mann – Sohn und Künstler oder Künstler und Sohn?»



